Hier finden Sie vom Team der Literarischen Kurse zusammengestellte Informationen und Hinweise rund um den aktuellen Fernkurs »frauenLESEN«:
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- ausgewählte Veranstaltungshinweise,
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Lese-Tipp im April 2026
Stefanie Sargnagel: Iowa. Ein Ausflug nach Amerika. Rowohlt 2024 Kennen Sie Grinnell? Grinnell, Iowa? Wahrscheinlich nicht – oder nur dann, wenn Sie in letzter Zeit Stefanie Sargnagel gelesen haben. Die Autorin und Illustratorin aus Wien besuchte den keine-10.000-Seelen-Ort im Zuge eines Lehraufenthaltes für kreatives Schreiben und tat, was von ihr nur zu erwarten gewesen wäre: Sie schrieb darüber. Heraus kam aber kein schnöder Reisebericht über die Freuden kreativer Gehirnarbeit, sondern vielmehr ein Sittenbild gegenwärtiger Make-America-Great-Kultur, das bis ins kleinste Detail eine Welt vermittelt, die arg zwischen Klischee und Beobachtungskunst pendelt. Ist es wirklich so, wie Stefanie Sargnagel von ihrem Trip erzählt? Besteht das Essen aus einer undefinierbaren Saucenschlacht, in der Fast-Food-Brötchen in ihrer Geschmacklosigkeit ertrinken? Tindern nur Männer in Flanellhemden mit Hirschtrophäen und Waffengürteln? Hängen in der fußgängigen Bar die Randgestalten wirklich biertrinkend und mitteilungsbedürftig ab? Verläuft man sich in den Reihen der Thrift-Stores, der Mega-Marts und der Langeweile täglicher Ereignisarmut? Und wecken Greyhound-Busfahrer*innen die Passagiere bei jeder Nachtstation, damit sie ihr Ziel nicht verpassen?
Die fantastischen Überblendungen, die immer wieder in die Erzählung tröpfeln, bringen den Reisebericht nicht ins Wanken, sondern erweitern ihn um den Filterblick einer Schreibenden, die die Übertreibung zu ihren Gunsten zu nutzen weiß. Die Lektüre von „Iowa“ fühlt sich an vielen Stellen mehr nach beobachtungsbegabtem Lebensbericht an denn als Abhandlung einer nur allzu einfachen Gesellschaftskritik im Zeichen allgegenwärtigen Trumpismus, auch wenn sie durch den gesamten Text hindurch spürbar ist:
Es sind aber auch die kleinen Beobachtungen, die Erzählungen über das Teilen eines neuen Alltags und die Absurditäten, die darin aufkommen. Spätestens als Stefanie Sargnagels Mutter zu Besuch angereist ist und auf einer Greyhound-Busfahrt aussteigt, um in aller Ruhe und müsliriegelessend einem Streit zuzusehen, der sich zwischen einigen Mitfahrerinnen am Gehsteig entsponnen hat, zeigt sich Sargnagels Talent zur Szenerie: Ich steige hektisch aus und rufe: „Geh sofort wieder rein.“ S. 271. Ende bleibt der Eindruck, selbst an Stefanie Sargnagels Seite durch die Einöde der Landschaft gestrichen und in der Bar mitgetrunken zu haben; Zeit, die Beine im Fernsehsessel des Collegehauses hochzulagern.
Iris Gassenbauer
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