Literarische Kurse
Fernkurs-Tipps

Hier finden Sie vom Team der Literarischen Kurse zusammengestellte Informationen und Hinweise rund um den aktuellen Fernkurs >>> einLESEN:


Lese-Tipps

Barbara Frischmuth, Ruth Klüger, Marlene Streeruwitz: Lesen. Drei Annäherungen
Mit einem Nachwort von Gerhard Melzer.
Wien: Sonderzahl Verlag 2013.

Parallel zum Beginn unseres neuen >>> Fernkurs für Literatur tauchen wir auch mit unserem aktuellen Lese-Tipp anhand von Essays von Marlene Streeruwitz, Barbara Frischmuth und Ruth Klüger in die vielseitigen Aspekte und Funktionen jener Kulturtechnik ein, die auch im ersten Fernkurs-Modul im Zentrum steht. Im Rahmen des zehnjährigen Jubiläums des Literaturhaus Graz verfassten die österreichischen Autorinnen drei Essays über ihre persönlichen Leseerfahrungen, die in einem schmalen, aber quadratischen Büchlein Lesen. Drei Annäherungen 2013 mit einem Nachwort von Gerhard Melzer, dem damaligen Leiter des Literaturhauses, veröffentlicht wurden.

Wer hat noch nicht, wie vom Blitz getroffen, in ein Buch gestarrt – oder es in die Ecke geschleudert – und, vom Begreifen überfallen, nach Luft gerungen, weil eine Stelle, ein Satz, ja ein Wort in der ganz bestimmten Konfiguration des Textes etwas in ihr oder ihm getroffen hat.
(Marlene Streeruwitz, Tübinger Poetikvorlesungen, S. 9)

Ein solch intensives, fast schockhaftes Lektüreerlebnis beschreibt Marlene Streeruwitz auch in ihrem Essay „Leseerfahrungen“, in dem sie eine fiktive Leserin (oder ein literarischer Alter-Ego?) den gelesenen Schmerz als Erinnerung in sich selbst spüren (S. 12) lässt. Ganz unvermittelt trifft sie dieser Schmerz. In dem Schanigarten eines Cafés sitzend. Sich an jene Buchstelle erinnernd, die einen so tiefgreifenden Eindruck bei ihr hinterlassen hat: Da war es gewesen. In diesem Augenblick. […] In ihrer Vorstellung, die zunehmend austauschbar wird mit dem tatsächlich Gefühlten. Wenn Körperliches und Imaginiertes ineinander verschwimmen, die Grenzen zwischen dem Faktualen und dem Fiktionalen durchlässig werden, wenn jener intersubjektive Schmerz doch und zur gleichen Zeit […] in dem Buch gefangen und weggehalten. Weggesperrt. Ihr vorenthalten und ihr erlassen. Im Buch vibrierend und zur jederzeitigen Aufrufung (S. 13). Das bedeutsame Identifikationspotential von Literatur, die im besten Fall nicht nur Empathie herzustellen weiß, hebt auch Jana Sommeregger in ihrem >>> Horizonte-Heft zum Lesen hervor, das am Anfang unseres Fernkurses einLESEN steht.

Ebenso erwähnt sie Ruth Klüger, jene Autorin jüdischer Herkunft, für die (das Rezitieren und die klangvolle, gebundene Sprache von) Lyrik zur Überlebensstrategie wurde, die ihr half, sich von der immer bedruckender werdenden Umwelt zu distanzieren (S. 42). In ihren zwei Jahren in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt hat Ruth Klüger, so die passionierte Leserin wie Verfasserin von Gedichten in einem Gespräch mit Bettina Baumann (DW), nur deshalb ihren Verstand nicht verloren, weil es zum einen der Zufall wollte, und weil sie zum anderen Reime gemacht hat:

Man fragte sich, worin denn das Tröstliche an so einem Aufsagen von Gereimtem eigentlich besteht, schreibt sie in ihrem Essay „Lyrik lesen“. Mir scheint indessen, dass der Inhalt der Verse erst in zweiter Linie von Bedeutung war und dass uns in erster Linie die Form selbst, die gebundene Sprache, eine Stütze gab. Oder vielleicht ist auch diese schlichte Deutung schon zu hoch gegriffen, und man sollte zu allererst feststellen, dass Verse, indem sie die Zeit einteilen, im wörtlichen Sinne ein Zeitvertreib sind. (S. 43f.)

Von besonderer Bedeutung und „Brauchbarkeit“ erwiesen sich für Ruth Klüger Friedrich Schillers Balladen, die sie als Anfang ihrer literarischen Bildung bezeichnet: Es ist (oder war) etwas an diesen Versen, das es leicht machte, sich ihnen anzuvertrauen. (S. 42)

Vom Sich-Vertraut-Machen mit den befremdlichen Wörtern und Buchstaben, die auf abstrakte, ja willkürliche Weise unsere Laute verbildlichen, erzählt auch Barbara Frischmuth in ihrem Beitrag „Hänschen klein“.

Nein, ich gehörte nicht zu den Kindern, die schon im Vorschulalter – wie heißt es so schön – sinnerfassend lesen konnten. […] Ein Wort stach mir ins Auge, dessen Buchstaben mir vertraut waren, das aber keinen Sinn ergab: Hän/schen. Ich wusste, dass man s c h wie sch aussprach, was aber sollte Hän schen bedeuten? Und plötzlich traf es mich wie der Einschlag eines Meteoriten (S. 28)

Die Unbeständigkeit der Bedeutungen von Wörtern und Buchstabenkombinationen wie Hän/schen – die nicht nur in der unterschiedlichen Lesart liegen, sondern auch je nach außersprachlichem Kontext und sprachlichem Zusammenhang variieren – begriff die Schriftstellerin schon als Kind nicht als Entmutigung, sondern als Herausforderung, sich mit den ständig oszillierenden Wortbedeutungen auseinanderzusetzen und sie in ungewöhnliche Zusammenhänge zu stellen. In anderen Worten: Literatur zu lesen bzw. zu schreiben. In dieser fand sie sich – war die erste Erkenntnisschwelle der Differenz zwischen Hän/schen und Häns/chen erst einmal bewältigt – ohne große Mühsal zurecht:

Da die Welt in einem Buch viel schneller zu erfassen ist denn die Welt als Welt, lernte ich die Welt, von der in dem Buch die Rede war, rascher als eine der möglichen kennen, die jeweils aus dem bestanden, was ihnen zwischen zwei Buchdeckeln zugestanden wurde. […] Die Welt um mich herum veränderte sich schneller und nachdrücklicher als die, die ich im jeweiligen Buch vorfand, so dass mir die Welt in den Büchern verlässlicher und vertrauenswürdiger erschien als die wirkliche Welt. (S. 28f.)

Wie Marlene Streeruwitz in ihren Tübinger Poetikvorlesungen hervorhebt, ist das Produzieren und Rezipieren von literarischen Texten jedoch nicht nur das Eintauchen in andere Welten:

Literarisches Schreiben und Lesen sind, wie alle Prozesse von Sprachfindung, mögliche Formen des In-sich-Hineinblickens. Sind Schnitte in die sichtbare Oberfläche, um tiefere Schichten freizulegen. Sind Forschungsreisen ins Verborgene. Verhüllte. Mitteilungen über die Geheimnisse und das Verbotene. Sind Sprachen, die das Sprechen der Selbstbefragung möglich machen. Und sie so zur Erscheinung bringen. (S. 9)

 

Claudia Sackl

 

Lesen. Drei Annäherungen
von Barbara Frischmuth, Ruth Klüger und Marlene Streeruwitz.
Wien: Sonderzahl Verlag 2013.

 

 

 

 

 


Marlene Streeruwitz
Foto: Yvonne Ihmels

 

 

 

 

 


Ruth Klüger
Foto: Blaues Sofa

 

 

 

 

 

 


Barbara Frischmuth
Foto: Franz Johann Morgenbesser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurzentschlossene können sich noch zu dem neuen >>> Fernkurs für Literatur einLESEN (Oktober 2019 bis Mai 2020) anmelden, der am 15. Oktober startet.


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Veranstaltungs-Tipps

WIENREIHE mit Cornelius Hell und Milena Michiko Flašar

Die Stadt Wien Kultur stellt ihre Stipendiat_innen und Preisträger_innen vor:

Milena Michiko Flašar, *1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Sie lebt als Schriftstellerin in Wien und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache. Bisherige Buchveröffentlichungen: [Ich bin] (2008); Okaasan – Meine unbekannte Mutter. Roman(2010); Ich nannte ihn Krawatte. Roman(2012); Herr Katō spielt Familie. Roman (2018).

Cornelius Hell, *1956 in Salzburg, lebt seit 1993 als Autor, Übersetzer und Literaturkritiker in Wien. Publikationen u. a. über E. M. Cioran, Thomas Bernhard, Imre Kertész, Milo Dor und Peter Henisch; über 300 Sendung für den ORF und den Bayerischen Rundfunk; zahlreiche Übersetzungen aus dem Litauischen (Prosa, Lyrik und Drama), zuletzt: Undinė Radzevičiūtė: Das Blut ist blau. Roman (2019). Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum: Streifzüge durch die Literatur von Meister Eckhart bis Elfriede Gerstl (2019)

Redaktion und Moderation: Julia Danielczyk

Donnerstag, 10. Oktober 2019, 19 Uhr
Freier Eintritt

WIEN: Alte Schmiede
Schönlaterngasse 9
A-1010 Wien

www.alte-schmiede.at

 

 

Wienreihe mit Cornelius Hell und Milena Michiko Flašar
10. Oktober 2019

 

 

 

 

 


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