Literarische Kurse
Fernkurs-Tipps

Hier finden Sie vom Team der Literarischen Kurse zusammengestellte Informationen und Hinweise rund um den aktuellen Fernkurs nachLESEN:


Lese-Tipp im September & Oktober 2022

Julya Rabinowich: Dazwischen: Wir.
München: Hanser 2022.

Julya Rabinowich ist Schriftstellerin, Dramatikerin, Malerin, Kolumnistin und Dolmetscherin. Von ihrer Geburtsstadt Leningrad (heute St. Petersburg) wurde sie 1977 nach Österreich „umgetopft“ – wie sie es selbst immer wieder formuliert –, wo die vielseitige Künstlerin seitdem nicht nur die Literaturszene maßgeblich geprägt hat. Ihr Studium der Malerei ergänzte Julya Rabinowich mit einem für Dolmetschen und Übersetzen; als Simultanübersetzerin aus dem Russischen war sie danach vor allem im Rahmen von Psychotherapien und Psychiatriesitzungen von Asylwerber*innen und Flüchtlingen tätig.

Seit 2007 veröffentlicht Julya Rabinowich Theatertexte und Literatur, für die sie vielfach ausgezeichnet wurde, und schreibt Kolumnen für die österreichische Tageszeitung Der Standard sowie regelmäßig für den Kurier und die Zeit. Ihr Roman Krötenliebe war Teil der Fernkurs-Lektüre im diesen Monat zu Ende gegangenen >>> Fernkurs für Literatur »hinausLESEN«, in dem wir Grenzgebiete der Literatur erkundet und die ausgewählten Romane bzw. Genres aus einem neuen, zunächst womöglich ungewöhnlich erscheinenden Blickwinkel betrachtet haben.



Als Crossover-Autorin, die Bücher für Leser*innen verschiedenen Alters bzw. unabhängig von deren Alter schreibt, erwies sich Julya Rabinowich zudem als ideale Gästin für unser Fernkurs-Fest, das am 10. September 2022 nicht nur dem Fernkurs der Literarischen Kurse, sondern auch dem >>> Fernkurs Kinder- und Jugendliteratur der STUBE einen krönenden Abschluss verlieh. Ganz in diesem Sinne sprach und las Julya Rabinowich nicht nur aus bzw. über
Krötenliebe
, sondern auch über ihren jüngst erschienenen Jugendroman Dazwischen: Wir (2022), der einen weiteren Beleg dafür liefert, dass sich (Kinder- und) Jugendliteratur nicht immer nur durch ihre Adressierung auszeichnen muss.

Erzählt aus der Perspektive der nunmehr 16-jährigen Madina, deren Sichtweise wir bereits in dem 2018 erschienenen Vorgängerband Dazwischen: Ich folgten, stellt Dazwischen: Wir einen Text dar, der keinesfalls nur für jugendliche Leser*innen interessant und relevant ist. Auch wenn das Buch als eigenständiges Werk gelesen werden kann, wäre es durchaus schade, sich die Lektüre von Dazwischen: Ich entgehen zu lassen, in dem wir Madina erstmals kennenlernen: Diese ist mit ihrer Familie aus einem Kriegsgebiet geflüchtet und nun in der deutschsprachigen Provinz angekommen; woher genau sie stammt, wird im Roman (und auch von der Autorin im Gespräch) nicht spezifiziert. Denn die kulturspezifische und nationale Offenheit des Romans hat Julya Rabinowich ganz bewusst gesetzt – und damit einer Tatsache Rechnung getragen, die nunmehr auch in Europa schmerzliche Aktualität erlangt hat:

Wo ich herkomme? Das ist egal. Es könnte überall sein. Es gibt Menschen, die in vielen Ländern das erleben, was ich erlebt habe. Ich komme von Überall. Ich komme von Nirgendwo. Hinter den sieben Bergen. Und noch viel weiter. Dort, wo Ali Babas Räuber nicht hätten leben wollen. Jetzt nicht mehr. Zu gefährlich.

Im Gespräch teilte Julya Rabinowich das traurige Dejavu, das sie mit der Publikation von Dazwischen: Wir erlebte: Während sie ihren ersten Band verfasst hatte, bevor sich 2015 und in den darauffolgenden Jahren unzählige Menschen aufgrund des Krieges in Syrien auf die Flucht begeben mussten, schrieb sie ihren zweiten Roman rund um Madina, bevor die darin verhandelten Ereignisse und Kriegsgeschehen in Europa abermals erschreckende Aktualität erhalten sollten.

Als Madina in Dazwischen: Ich begann, ihr Tagebuch zu schreiben, das beide der vorliegenden Romane speist, war sie 15 Jahre alt. Sie war gerade gemeinsam mit ihrer Familie (Vater, Mutter, kleiner Bruder, Tante) in jenem „hier“ angekommen, in dem sie und ihre Familie Fuß zu fassen versuchten: Sie lebten in einer schäbigen Unterkunft für Flüchtlinge, mussten sich mit schwer zu bewältigender Bürokratie, fremdenfeindlichen Vorurteilen und kriegsbedingten Traumata konfrontieren.

Nun, zu Beginn des zweiten Bandes, ist ein Jahr vergangen. Die – nach dem Ende des ersten Teils tragischerweise um ein Mitglied reduzierte – Familie hat ihre Asylbescheide nach vielen Monaten der Unsicherheit tatsächlich erhalten und lebt inzwischen in einer Wohnung, die ihnen die Mutter von Madinas bester Freundin Laura zur Verfügung gestellt hat. Allerdings sind damit keineswegs alle Schwierigkeiten überstanden. Die in Europa Übriggebliebenen straucheln mit ihrem (Nicht-von-)hier-Sein: Madinas Mutter kann sich kaum mehr zu etwas aufraffen und ihr Bruder Rami geht oft nicht rechtzeitig aufs Klo – wie die Kindergartenpädagogin Madina, die als einzige in der Familie gut Deutsch spricht, informiert.

Ihre ewige (Ver-)Mittlerinnenposition zwischen den Kulturen, den Erwachsenen und den Generationen will die Protagonistin jedoch endlich überwinden; nicht mehr die Übersetzerin und Ersatz-Verantwortliche spielen, endlich einfach nur Jugendliche sein. Langsam, Schritt für Schritt übt sich Madina im Widerstand gegen jene Rollen, die ihr aufgedrängt wurden; ebenso wie gegen jene Zuschreibungen, die ihr von unterschiedlichen Seiten übergestülpt werden. Es beginnt damit, dass sie nicht mehr „einfach nur“ übersetzt, was die Erwachsenen sagen, sondern auch in die Gespräche eingreift. Von der neutralen Über-mittlerin von Informationen wird sie so zunehmend zu einer aktiv beteiligten – ja, manchmal auch (fast) gleichberechtigten – Gesprächspartnerin.

Ihre eigene widerständige Stimme muss Madina insbesondere dann finden, als im Ort – und schließlich sogar auf der eigenen Hauswand – Schmierereien auftauchen, die xenophobe und rassistische Parolen artikulieren, und vermehrt Menschen auf die Straßen gehen, um gegen (die Aufnahme von) Migrant*innen und Flüchtlingen zu demonstrieren. Mehr noch als Dazwischen: Ich, das Julya Rabinowich als „Anti-Kriegs-Buch“ bezeichnet, setzt sich die Autorin im zweiten Teil nun mit der (sprachlichen ebenso wie physischen) Gewalt im Eigenen, in unserem Raum, auseinander. Dabei zeigt sie eindringlich, was es mit einem*einer machen kann, wenn man als Migrant*in zu einer – wie Madina es nennt – Schmutzzeitzeugin wird und dieserart verletzende, entmenschlichende Parolen im öffentlichen Raum lesen und hören muss. Parolen, die keine oder kaum Widerworte von offizieller Seite finden: Weder werden die immer wieder auftauchenden Schmierereien von der Polizei regelmäßig entfernt, noch schreitet die Schule ein, als Madina mit Fremdenfeindlichkeit und antimuslimischem Rassismus konfrontiert wird, sodass die Ich-Erzählerin in ihrer Vulnerabilität und Marginalisierung noch stärker benachteiligt wird.



Gegenüber dieses leider auch in der außerfiktionalen Welt allzu häufig auftretenden institutionellen Versagens war es Julya Rabinowich besonders wichtig, mit der bereits im ersten Band auftretenden – und dort durchaus ambivalent gezeichneten – Frau King im zweiten Teil nun eine positiv besetzte, konstruktiv agierende Lehrer*innenfigur zu schaffen, die Madina in mehrerlei Aspekten zur Seite steht und die – so Julya Rabinowich im Gespräch – unter den Erwachsenen im Roman die wahre Heldin darstellt. Nichtsdestotrotz bleibt Madina aber freilich im Zentrum des Textes. Madina, die anders als die meisten Erwachsenen, schon von Anfang ein Gespür dafür hat, dass die Anfeindungen, denen sie zunehmend ausgesetzt ist, über individuelle Ausgrenzung und Mobbing hinausgehen. Die strukturelle Dimension von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ebenso wie die Frage, was diese mit Madina und mit unserer Gesellschaft machen, wird im Roman besonders eindrücklich und anschaulich herausgearbeitet:

Die Lehrer sind auch nicht ganz eindeutig einzuschätzen: Der Obertrottel hat ein Ausländer-raus-Shirt unter seiner Lederjacke getragen und das unbehelligt den ganzen Vormittag. Bis ihn der Biolehrer in der vorletzten Stunde aus der Klasse warf. Nach Hause gehen, umziehen. Und eine Extraarbeit schreiben. Aber alle anderen davor haben nicht reagiert. Entweder, weil sie es übersehen haben. Oder eben nicht. Ich will mir gar nicht überlegen müssen, ob es jemandem ganz egal war. Oder sogar … nicht ganz egal. Hätte ich so was letztes Jahr gedacht? Nein. Klar, ein paar haben mich gehänselt, manche haben sich über meine Deutschfehler lustig gemacht. Über meine seltsame Kleidung aus der Wühlkiste. Aber das hier ist etwas anderes, Größeres, Dichteres, es geht weit über den Schulhof und ein paar Deppen hinaus, und ich fühle, wie diese Stimmung mich zu erschlagen beginnt, beginnt mich auszudünnen in meinem Selbstvertrauen, ich hätte einen Platz hier, ich wäre ein Teil von etwas. Hier geht es nicht um meine abgetretenen Schuhe oder meine zu großen Sportklamotten. Und: Es wird erschreckend schnell so … gewohnt.

Der Mehrfachbelastung und Mehrfachbenachteiligung migrantischer Jugendlicher, insbesondere Mädchen und Frauen, die in der Literatur und im (gesellschafts-)politischen Diskurs zu wenig Beachtung findet, eine Stimme zu geben, war Julya Rabinowich ein zentrales Anliegen. Und wie könnte dies unmittelbarer und konkreter geschehen als durch die Form eines fiktionalen Tagebuchs? In ihren eigenen Worten kann Madina darin ihrem Kampf, ihr eigenes Ich zu bewahren – bzw. jenes Ich, das sie gerne leben würde, überhaupt sein zu können –, Ausdruck verleihen. Dabei führt sie uns, jugendlichen wie erwachsenen Leser*innen, vor Augen, dass wir als Gesellschaft, aber auch wir als Individuen, an einer Wegscheide stehen, an der wir uns entscheiden müssen …

Dass diese Prozesse äußerst zäh sind und uns oft mehr Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen abverlangen, als uns lieb ist, hat nicht zuletzt die jüngst zu Ende gegangene Eintragungswoche für aktuelle Volksbegehren in Österreich gezeigt: Als einziges erlangte das >>> Black Voices Volksbegehren, das sich unter anderem für einen nationalen Aktionsplan gegen Rassismus einsetzt, nicht die nötigen 100.000 Stimmen, um im Parlament besprochen zu werden. Sich von dieser Tatsache nicht entmutigen zu lassen, ist auch eine Entscheidung. Sich mithilfe von starken, resilienten (weiblichen) Figuren wie Madina Mut anzulesen ebenso. Nur gut, dass der dritte (und laut Autorin voraussichtlich letzte) Teil der Dazwischen-Serie nicht mehr lange auf sich warten lässt.


Claudia Sackl

 




 

 


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Veranstaltungs-Tipps im Oktober 2022


Lesung von Semier Insayif und Katharina Tiwald

Das Wiener Café Central ist gerade wegen seiner historischen Rolle als Tummelplatz diverser Künstler*innen und Intellektueller ein Hotspot für kulturell interessierte Stadt-Besucher*innen – Arthur Schnitzler, Sigmund Freud und Stefan Zweig haben etwa regelmäßig im Café in der Herrengasse verkehrt, Peter Altenberg hat es sogar als seine Postadresse angegeben.

Seine literarische Vergangenheit möchte das Café Central gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in der neuen Veranstaltungsreihe Da Capo nun wieder aufleben lassen. Vierteljährlich soll Autor*innen aus Österreich hier eine Bühne geboten werden, um ihre aktuellen Texte zu präsentieren. Den Auftaktabend bespielen Semier Insayif (mit seinem neuen Gedichtband ungestillte blicke, 2022 bei Klever erschienen) und Katharina Tiwald (mit ihrem Roman Mit Elfriede durch die Hölle, 2021 bei Milena herausgegeben). Die Moderation übernimmt Manfred Müller.

Donnerstag, 3. Oktober 2022, 19 Uhr

Arkadenhof des Café Central

Herrengasse 14
1010 Wien
(Zugang über den Seiteneingang in der Herrengasse)

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie >>> hier

 

 





 

Porträt Sharon Dodua Otoo

Die Autorin, Publizistin und Aktivistin Sharon Dodua Otoo hat ihre literarische Karriere in London begonnen, konnte mit ihrer ersten auf Deutsch erschienenen Erzählung Herr Göttrup setzt sich hin 2016 aber gleich das Wettlesen beim Bachmann-Preis für sich entscheiden. Mit ihrem neuesten Text Adas Raum (Fischer 2021) ist ihr ein beeindruckender Debütroman gelungen, der die Geschichten vierer Frauen über Zeit- und Ortsgrenzen hinweg miteinander verknüpft und dabei das vielfältige Ineinanderwirken von Kolonialismus, Rassismus und Gender als Dimensionen mitdenkt. Die Schriftstellerin schafft so einen neuen Blick auf Geschichte – auch darum wird Adas Raum im neuen Fernkurs für Literatur, nachLESEN, zur Fernkurs-Lektüre gehören.

In seiner Theaterwerkstatt inszeniert das Landestheater Niederösterreich nun ein Porträt der Autorin. Schauspieler*innen des Hauses lesen aus den Texten Sharon Dodua Otoos, dazwischen kommt die Schriftstellerin selbst ins Gespräch mit der Dramaturgin Julia Engelmayer.

Freitag, 21. Oktober 2022, 19 Uhr

Theaterwerkstatt des Landestheaters Niederösterreich
Roßmarkt 22
3100 St. Pölten

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie >>> hier.


 





 

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