Literarische Kurse
Fernkurs-Tipps

Hier finden Sie vom Team der Literarischen Kurse zusammengestellte Informationen und Hinweise rund um den aktuellen Fernkurs nachLESEN:


Lese-Tipp im November 2022

Hanna Harms: Milch ohne Honig
Hamburg: Carsen 2022.

Schwirrende Flügel aus Glas. / Auf und ab.
[…]
Ein Höschen aus Staub. / In Farbe gekleidet tritt die Biene den Heimweg an.

In Text und Bild erkundet »Milch ohne Honig« das Leben der Bienen im Anthropozän, erzählt von dem Alltag einer Honigbiene, den Funktionsweisen eines Bienenstocks und den Mechanismen von Pflanzenbestäubung gleichermaßen wie von den Gefahren, denen sich die gestreiften Insekten durch Globalisierung, industrialisierte Landwirtschaft und Klimawandel gegenübersehen. Die Rolle des Menschen und unser aller Eingebettet-Sein in ein zwar widerstandsfähiges, aber durchaus nicht unzerstörbares Ökosystem wird dabei ebenso reflektiert wie mögliche Wege in eine gemeinsame, nachhaltigere Zukunft.

Geordnet durch Panelstrukturen, wie wir sie aus Comic und Graphic Novel kennen, entspinnt sich die zarte Symbiose zwischen Bild und Text vor dem Hintergrund der weißen Buchseiten in feingliedrigem Bleistiftstrich und warmen grüngelben Gouacheflächen, die mit zarten lachsrosa Akzenten durchsetzt sind. Sowohl Text als auch Bild bedienen sich einer Ästhetik des Reduzierten und Einfachen, in der gezielte kurze Textzeilen das Gezeigte vertiefen und ausschnitthafte, entleerte Bilddarstellungen das Erzählte einerseits konkretisieren und veranschaulichen, gleichzeitig aber auch den Raum für Imagination und Interpretation öffnen.

»Milch ohne Honig« ist das Werk einer jungen deutschen Zeichnerin. Für das Abschlussprojekt ihres Bachelorstudiums an der Münster School of Design hat Hanna Harms nicht nur einen renommierten Verlag für seine Veröffentlichung gefunden, sondern auch prompt eine Auszeichnung erhalten. 2020 wurde es mit dem Ginco-Award – und zwar in der Kategorie »Best Non Fiction Comic« – gewürdigt. Nicht-Fiktion also: Keine fiktive Geschichte wird hier erzählt, sondern – im Graphic Novel-Format – Wissen vermittelt. Ein Gebrauchstext also, mit dem man sich über die Bedeutung und Bedrohung der Bienen im Anthropozän informieren kann? Nun, ganz so einfach ist es nicht.

Nicht umsonst sprechen Rezensionen zu dem Buch immer wieder von der Verschränkung von Poetischem und Wissensvermittelndem. Da ist die Rede von klarer Poesie, die in einfachen Bildern und Worten eine faszinierende Tiefe entstehen lässt (Lena Hähnchen für den MDR). Von lyrischer Allegorie im Bildformat, die gleichermaßen als Sachliteratur gelesen werden kann (Alexandra Hofer für die STUBE). Denn »Milch ohne Honig« bewegt sich in jenem uneindeutigen und unvereindeutigbaren Übergangsbereich, in dem literarisches Erzählen beginnt. Wo und wie genau dies vonstattengeht, ist nicht immer so leicht und so eindeutig festlegbar, wurde und wird vielfach (und immer wieder auch mit erhitzten Gemütern) diskutiert. In unserem aktuellen Fernkurs für Literatur »nachLESEN« widmen wir daher gleich ein ganzes Modul dieser schwierigen Frage, die sich auch entlang von Hanna Harms’ »Milch ohne Honig« wunderbar erkunden lässt: Wo beginnt denn eigentlich das, was wir »Literatur« nennen?

Gebrauchstexte legen fest, Literatur öffnet – so legt es Brigitte Schwens-Harrant in ihrem Leseheft, das den Fernkurs eröffnet, dar. Mehrdeutigkeit und Mehrschichtigkeit seien in literarischen Texten nicht nur gewollt und gewünscht, sondern laden Leser*innen auch zur Mitarbeit im kreativen Prozess der Imagination ein. Ganz in diesem Sinne legen auch Bild und Text in »Milch ohne Honig« weniger Bedeutungen fest, als dass sie Bedeutungspotentiale anbieten und vielschichtige Deutungshorizonte eröffnen. Dies gelingt nicht zuletzt durch die bereits erwähnte besondere Ästhetik der Reduziertheit, aber auch durch den Einsatz abstrakter, stilisierter Bildgestaltung und metaphorischer, poetischer Sprachverwendung, die Raum lassen für die eigenen Assoziationen der Leser*innen.

Literatur eröffnet Hallräume – so formuliert es auch Brigitte Schwens-Harrant in ihrem Leseheft. Hallräume, in die sich die Leser*innen mit ihren eigenen Erfahrungen, Emotionen und Vorstellungen einschreiben können. Und so ist es auch nicht überraschend, wenn Lena Hähnchen in ihrer Rezension von »Milch ohne Honig« schlussfolgert:

Was bleibt ist ein Gefühl. Ein Gefühl der leichten Schwere.


Claudia Sackl

 




 

 


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Veranstaltungs-Tipp im Dezember 2022


Heil: Eine energetische Reinigung

Ein Theaterstück von Stefanie Sargnagel

Nach dem Erfolg von Stefanie Sargnagels erstem Bühnenstück für das Wiener Rabenhof-Theater (»JA, EH! – Beisl, Bier und Bachmannpreis« 2017) hat das Haus nun zum zweiten Mal einen Text der vielseitigen und umtriebigen Künstlerin inszeniert.

In »Heil: Eine energetische Reinigung« schaut die Autorin satirisch, lustvoll und kritisch auf die während der Covid-19-Pandemie in ihrem Einfluss erstarkte Esoterik-Szene und fragwürdige Auswüchse der Alternativ-Medizin – und erschafft ein dramatisches Panorama vom Granderwasser Gurgeln bis zum zu trauriger Bekanntheit gelangten Pferdeentwurmungsmittel, das sich mit der neuen (oder altbekannten?) Wissenschaftsfeindlichkeit in Österreich auseinandersetzt.

Regie geführt hat Christina Tscharyiski, musikalisch begleitet wird der Abend durch die Band Buntspecht (in ihrer Selbstbezeichnung »sechs betrunkene Seiltänzer aus Wien«).

Noch je drei Termine im Dezember 2022 und März 2023

Rabenhoftheater
Rabengasse 3
1030 Wien

Ticketpreis: 28€

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