Literarische Kurse
Fernkurs-Tipps

Hier finden Sie vom Team der Literarischen Kurse zusammengestellte Informationen und Hinweise rund um den aktuellen Fernkurs >>> einLESEN:


Lese-Tipps

Biedermeierliches Wien, Fake News aus der Zwischenkriegszeit und Paris der 1930er-Jahre:
Die Lese-Tipps im Jänner 2020 stammen diesmal vom Österreichischen Bibliothekswerk in Salzburg, das Kooperationspartner im >>> Fernkurs für Literatur ist. Zwischen Fakten und Fiktionen bewegen sich die drei empfohlenen Bücher, die historische Ereignisse in eine literarische Erzählung verpacken:

 

Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn
Wien: Deuticke 2019.

Berta Hüttler wächst im biedermeierlichen Wien in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater ist Taubenzüchter, die Mutter leidet an Schwindsucht. Der verzweifelte Vater verfällt dem in Wien grassierenden Lottofieber. Mit einem Gewinn könnte er seine Frau behandeln lassen und seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen. Doch das Glück ist ihm nicht hold, seine Frau stirbt und bald darauf segnet auch er das Zeitliche. Die Kinder werden zu Verwandten aufs Land geschickt. Berta kommt zu einer Tante nach Brünn, wo sie die Familientradition fortsetzt und Brieftauben züchtet. Als Wohltäter erweist sich ein Wiener Freund aus Kinderzeiten, der zu immensem Reichtum gekommen ist und sich nun Johann Karl von Sothen nennen darf. Er lädt Berta immer wieder ein und spielt dem Mädchen vor, in sie verliebt zu sein. Doch als sie ein Kind erwartet, heiratet er eine andere. Dennoch lässt er sie nicht ganz fallen und unterstützt sie weiterhin. Dahinter steht ein abgefeimter Plan.

Wenn in Brünn die Lottoziehung erfolgt ist, kann man in Wien noch so lange setzen, bis der Bote mit den Gewinnzahlen eintrifft. Also soll Berta mit einer Brieftaube, die ja schneller als der berittene Bote ist, die Zahlen nach Wien schicken. Berta weigert sich zunächst, doch Sothen droht, sie und ihren kleinen Sohn nicht mehr zu unterstützen. Also fügt sie sich und das Vermögen des Betrügers wächst ins Unermessliche. In der Gesellschaft gibt er sich als Wohltäter, in der Praxis beutet er seine Arbeiter gnadenlos aus. Doch er hat den Bogen überspannt. Man munkelt schon über sein sagenhaftes Glück im Lotto. Und Bertas Bruder Eduard weiß darüber hinaus, dass Sothen seinem im Sterben liegenden Vater einen Lottoschein stahl und mit dem Gewinn sein Vermögen begründete. Eduard ist nun zu allem entschlossen...

Der Roman handelt von dem historisch belegten Fall des Johann Karl von Sothen, der aus kleinsten Verhältnissen zu einem der reichsten, aber auch meistgehassten Männer Wiens aufstieg. Die Autorin hat aus ihren Recherchen keine Dokumentation, sondern einen ungemein stimmigen Roman geschaffen. Die Schilderung des biedermeierlichen Wien erscheint äußerst plausibel, ohne Kitsch und mit einer schonungslosen Beschreibung des himmelschreienden Elends der kleinen Leute, die auf Gedeih und Verderb ihren Brotgebern ausgeliefert waren. Doch auch von den schönen Dingen wird erzählt, von Hilfsbereitschaft, Geselligkeit, Freude an der Natur bei den Wanderungen im Wienerwald und, vor allem am Beispiel von Berta, die unbändige Lust auf Bildung. Ein Gustostückerl für sich sind die Gespräche, die sie mit einem Fossilien sammelnden Arzt führt, den sie bei seinen Ausflügen in den Sieveringer Steinbruch begleitet. Hier spürt man schon einen aufklärerischen Wind wehen. Mit Berta ist Bettina Balàka überhaupt eine wunderbare Figur gelungen. Das durch eine Hasenscharte entstellte Mädchen hat kaum Aussicht auf Heirat, hadert aber nicht mit ihrem Schicksal, sondern weiß die, wenn auch bescheidenen Chancen, die ihr das Leben bietet, zu nützen. Den reizvollen Roman, der auch ein Stück Kulturgeschichte bietet, kann man nur wärmstens empfehlen.

Ingrid Kainzner | bn

 

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman
Zürich: Diogenes 2019.

Zu Beginn des Jahres 1918 war es für die deutsche Heeresführung absehbar, dass der Krieg verloren ist. Das Außenamt in Berlin dachte an die Zukunft und forcierte ein Buchprojekt. Der in Großauflage geplante Roman sollte den italienischen und englischen Freimaurern die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs geben.
Man suchte einen Autor, der erstens bekannt war und zweitens als unabhängig erachtet wurde. So kam Gustav Meyrink ins Spiel: österreichischer Schriftsteller, Lebemensch, Bankrotteur, Theosoph und durch die Publikation von "Der Golem" ein Vorreiter der fantastischen Literatur. Meyrink lebte damals in einer Villa am Starnberger See und konnte schlecht ablehnen. Es war zwar ein lächerliches Unterfangen, das er nicht billigte, aber der Vorschuss war hoch und er in Geldnöten.

Christoph Poschenrieder, der bereits zwei Bücher über die Zeit des Ersten Weltkriegs veröffentlichte, verwandelt diese unglaubliche Episode in einen packenden Roman. Nachdem es nur wenige Quellen zu dieser wahren Begebenheit gibt, hält er sich an eine Aussage Meyrinks, dass bei zwei Versionen einer Geschichte nicht die wahre, sondern die interessante überlebt. Meyrink hatte bereits Mühe mit dem ersten Satz des propagandistischen Romans und hoffte, dass der Krieg endet, bevor er seinen Vertrag erfüllen kann. Er trifft Zeitgenossen, wie den Revolutionär Erich Mühsam und erlebt in München den Aufmarsch der Kriegsinvaliden, die nach dem Krieg sich selbst überlassen wurden. Der Autor dokumentiert immer wieder in kurzen Einschüben zwischen den Kapiteln Quellen und Ergebnisse von Recherchen.

Poschenrieder gelingt ein herrliches Buch, indem er ein lebendiges Bild jener Umsturzzeit zeichnet und die mögliche Entstehung einer politischen Lüge aufzeigt. Die Beschreibung der Personen und die Sprachmächtigkeit des Autors bereiten großes Lesevergnügen. Hiermit eine echte Empfehlung.

Josef Kunz | bn

 

Bettina Wohlfarth: Wagfalls Erbe
Hamburg: Osburg 2019.

Bettina Wohlfahrt lebt seit 1990 als freie Übersetzerin und Journalistin in Paris und berichtet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung regelmäßig über den Pariser Kunstmarkt. Derart vorbelastet gruppiert sich Wohlfahrts Debütroman um den Kunstfälscher Isidor Schweig, mit dem wir eingangs gemütlich durch das Paris des Jahres 1936 schlendern. Bald darauf treffen wir auf die im Hier und Jetzt lebende Karolin Wagfall, die auf dem Dachboden zwölf Hefte entdeckt, die nach und nach das geheime Doppelleben ihres 1914 geborenen und mittlerweile gestorbenen Vaters Viktor offenbaren: Der biedere Vater, den sie als leitenden Angestellten bei der Bahn gekannt hatte, war für kurze Zeit seines Lebens zugleich niemand anderer als jener Bohemien Isidor Schweig gewesen. Dieser erzählerische Rahmen bietet Wohlfahrt die Bühne, um über Vater-Tochter-Beziehungen, das Verhältnis von Frankreich zu Deutschland, von Original zu Fälschung, von Boheme und Biedermann zu reflektieren und nicht zuletzt das menschliche Handeln in Friedens- und Kriegszeiten zu hinterfragen. Denn es stellt sich heraus, dass Viktor nicht nur 1936, sondern auch während der deutschen Besatzungszeit in Paris war und dort als Oberinspektor der Reichsbahn am massenhaften Abtransport geraubter Kunst beteiligt war. So gelingt es Wohlfarth, quasi als übergreifendes Thema, ihr offenbar reichliches Hintergrundwissen über den Kunstraub der Nazis einzubringen. Dieses Wissen hätte vermutlich auch für ein tiefgründiges Sachbuch gereicht, uns aber um den Genuss einer mit den Fakten verwobenen und gleichermaßen berührenden wie eloquenten Fiktion gebracht.

Simone Klein | bn

 

 


www.biblio.at

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Bettina Balàkas Die Tauben von Brünn und andere Bücher diskutieren Brigitte Schwens-Harrant (DIE FURCHE), Alfred Pfoser (Falter u.a.) und Evelyne Polt-Heinzl (Die Presse u.a.) am Mittwoch, den 15. Jänner 2020 um 19 Uhr im RadioCafe im Wiener Funkhaus. Nachzuhören ist das Gespräch in den PASSAGEN am 3. Februar 2020 um 16.06 Uhr in Ö1.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Veranstaltungs-Tipps

LITERATURTAGE 2020: MIGRATION - LITERATUREN OHNE FESTEN WOHNSITZ

Luftwurzler, Kosmopoliten, Geflüchtete, Auswanderer, Sprachwechsler – Schreiben zwischen den Räumen

Globale Wanderbewegungen gab es schon immer, und sie werden in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Auch Autor*innen sind immer öfter unterwegs: dauerhaft oder temporär, freiwillig oder erzwungen. Wie wirken sich die Orts- und manchmal damit verbundenen Sprachwechsel auf ihre literarische Arbeit aus? Wie schlagen diese sich thematisch in den Werken nieder? Welche Bedeutung haben Begriffe wie »Heimat und »Herkunft«, die im Zuge des sich ausbreitenden Nationalismus auch missbräuchlich verwendet werden? Ist es wirklich einfach, Kosmopolit*in zu sein oder gar die einzig erstrebenswerte Daseinsform? Ist das Konzept von Nationalliteratur noch aktuell oder müssten wir längst von globaler Literatur sprechen? (Text: Litprom)

Mit: 
Carmen Aguirre: Chile / Kanada
Sharon Bala: Sri Langa / Dubau / Kanada
Youssouf Amine Elalamy: Marokko
Tomer Gardi: Israel / Deutschland
Rawi Hage: Libanon / Kanada
Eduardo Halfon: Guatemala / USA
Pedro Kadivar: Iran / Deutschland
Lesley Nneka Arimah: Nigeria / USA
Yoko Tawada: Japan / Deutschland 

Freitag, 25. Jänner bis Samstag, 26. Jänner 2020

Veranstalter:
Litprom e.V.
Braubachstr. 16
D-60311 Frankfurt

FRANKFURT: Literaturhaus Frankfurt
Schöne Aussicht 2
D-60311 Frankfurt

Weitere Informationen unter:
www.litprom.de

 

 


Migration - Literatur ohne festen Wohnsitz
25.-26. Jänner 2020

 

 


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Link-Sammlung

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