Hier finden Sie vom Team der Literarischen Kurse zusammengestellte Informationen und Hinweise rund um den aktuellen Fernkurs »klassikLESEN«:
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- ausgewählte Veranstaltungshinweise,
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Lese-Tipp im Jänner 2026
Christina Dalcher: "Vox". S. Fischer, 2018. Wissen Sie, wie viele Wörter Sie am Tag sprechen? Dr. Jean McClellan weiß es ganz genau, denn wenn ihr das 100. Wort an einem Tag über die Lippen gekommen ist, erhält sie für das 101. einen Stromschlag über den Wortzähler an ihrem Handgelenk, der sie in die Ohnmacht schickt. Mit dieser elektronischen Handfessel ist sie aber nicht alleine oder etwa aufgrund eines Verbrechens gestraft – nein, sie ist in der dystopischen Realität des Romans „Vox“ zur Realität geworden. Denn während in diesem nicht allzu weit entfernten Amerika die Bewegung der Reinen, einer pseudochristlichen Vereinigung extremer Nationalisten, an die Macht gekommen ist, bleibt für die Frauen der Reinen als angestammtes Habitat nur noch Haus und Herd. Da hierfür das Sprechen nicht förderlich – sondern ganz im Gegenteil – unerwünscht ist, wurden nach politischen Gegenerinnen nach und nach alle Frauen und Mädchen mit Wortzählern ausgestattet. Solcherart mundtot lebt Jeanne, vormalige Neurowissenschaftlerin, wütend und gefangen im Alltag einer Hausmutter, die vier Kinder und ihren Mann umsorgt und jede Kommunikation auf ein frustriertes Minimum herabgeschraubt hat. Bewegung kommt ins Spiel, als ihre Dienste und ihr Fachwissen zum Einsatz kommen sollen, nachdem der Bruder des Präsidenten bei einem Unfall verletzt wurde. Jean sieht die Chance, ihre Tochter freizuhandeln, und muss bald erkennen, dass die Indoktrinierung der Bewegung der Reinen schon konsequent in das Innerste ihrer Familie gedrungen ist. Was dieser Erkenntnis folgt, sind rund 400 Seiten zwischen Thriller, Dystopie und – ja, tatsächlich – Liebesgeschichte, schnell und nicht auf den Mund gefallen aus der Ich-Perspektive der Protagonistin erzählt. Wenn Ihnen nun Vergleiche mit Margaret Atwoods „Report der Magd“in den Sinn kommen oder auch die Klassiker wie Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ oder natürlich Georg Orwells „1984“, so sind Sie damit nicht alleine. Christina Dalchers Romandebüt „Vox“ erschien 2018, zwei Jahre nachdem Trump zum ersten Mal als Präsident der USA die Weltbühne verunsichert hatte. In diesem Klima der Rückkehr zu Tradwifes und Make America Great Again-Fatalisten entstand mit dem Roman eine verständliche Reaktion auf die zeitgeschichtlichen Regressionen – eine Reaktion, die weder sprachlich noch inhaltlich als glänzendes literarisches Beispiel die Bestenlisten toppen kann. Wieso aber bekommt sie nun den Sockelplatz des Lesetipps des Monats? Nun, der Roman ist, in all seinen überbordenden Handlungssträngen, mager ausgearbeiteten Nebenfiguren, aktionsgetriebenen Wendungen, stark konstruierten Zufallsmomenten und der durchaus voraussehbaren Handlung, kein Meisterinnenwerk, aber er ist dennoch höchst lesenswert. Denn was Christina Dalcher gelingt, ist es, ein (wenn auch nicht perfekt ausgearbeitetes) Setting zu schaffen, von dem ausgehend glänzend erzählt wird, wie sich eine Gesellschaft in nur wenigen Drehungen in eine Richtung entwickeln kann, die so rasch und konsequent neue Regeln und Strukturen etabliert, dass ein Zurück schon nach kurzer Zeit undenkbar ist. Eine Gesellschaft, die Persönlichkeitsverletzungen unter das Schlaglicht des Wohles für alle stellt, wie eine der machtvollen Nebenfiguren, Morgan LeBron der Protagonistin entgegenspuckt:
Wie Jeans eigener ältester Sohn mit den neuen Grundsätzen und Werten der Reinen konform geht und sie unreflektiert reproduziert, wie die kleine Tochter eifrig den ganzen Tag freiwillig schweigt, um im Wettbewerb um die Reinste ihrer Klasse eine Leckerei zu gewinnen, wie Fernsehprogramme öffentliche Demütigungen in das zensierte Programm spulen und dabei Anteilnahme täuschen – all das sind Details der Handlung, die Christina Dalchers Roman zu einer wirkungsvollen Warnung machen. Und die ist allemal stärker als die Schwächen eines Textes, der 2018 noch nicht vorausgesehen hat, dass mit dem Enden der ersten Amtsperiode des amerikanischen Präsidenten der Spuk noch nicht vorbei sein würde… Iris Gassenbauer
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