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Lese-Tipp im Jänner 2022

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst.
S. Fischer 2020.

May I see your passport please?
Ich spreche Deutsch.
Achso. 

In mal präzise verdichteten, mal detailliert ausformulierten, mal augenfällig ambivalenten Dialogen verhandelt die deutsche Künstlerin Olivia Wenzel in ihrem Prosadebüt 1000 Serpentinen Angst schwierige Fragen der Zugehörigkeit und deren Verschränkungen mit den Bewegungen der Figuren im Raum und im Kopf. In jenen Dialogpassagen, die den Großteil des Romans speisen und die durchaus an den Charakter eines filmischen Drehbuchs erinnern, ist jedoch nicht immer klar, wer gerade mit wem spricht. Nur selten werden die Sprechenden explizit ausgewiesen oder gar namentlich bezeichnet – und auch der Realitätsgehalt des jeweiligen Gesprächs bleibt häufig offen: Als Leser*in kann man*frau sich nicht immer sicher sein, ob die wiedergegebene Unterhaltung (innerhalb der fiktionalen Realität) wirklich so stattgefunden hat, ob sie sich nur in der Gedankenwelt der Protagonistin abspielt oder ob sie eine Verschmelzung verschiedener, wiederholt erlebter Erfahrungen darstellt. 

Beständig müssen wir als Leser*innen daher den Text und uns selbst (be-)fragen: Handelt es sich bei der soeben gelesenen Passage um ein Einreiseverhör am Flughafen? Um ein Therapiegespräch zwischen Patientin und Psycholog*in? Um einen imaginierten Dialog der Protagonistin mit ihrem verstorbenen Zwillingsbruder? Oder doch um ein Zwie- bzw. Streitgespräch der Figur mit sich selbst bzw. ihrem Alter-Ego? Die Vielschichtigkeit, mit der Olivia Wenzel in 1000 Serpentinen Angst all diese Textformen ineinander zu verweben versteht, zeugt von ihrem großen Talent nicht nur als Dramaturgin, sondern auch als Erzählerin. 

Im Zentrum des Romans steht eine namenlose junge Schwarze Frau, die als Tochter einer deutschen Punkerin und eines angolanischen Gastarbeiters in der DDR aufwächst. Dort muss sie nicht nur mit dem latenten Rassismus ihrer Großmutter leben lernen, sondern kann sich auch im öffentlichen Raum nur eingeschränkt bewegen. Am Badesee versteckt sie sich als Jugendliche vor Neonazis, um nicht einer Gewalttat zum Opfer zu fallen; auf der Straße wird sie auf Englisch angesprochen, weil ihr Aussehen ihr Gegenüber zu der Annahme verleitet, sie könne natürlich nicht „von hier“ sein. 

Jene Zugehörigkeit, die ihr in Deutschland während ihrer Kindheit und Jugendzeit verwehrt wird, kann die Ich-Erzählerin erst als Erwachsene empfinden, als sie in die USA (wo paradoxerweise gerade Donald Trump zum Präsidenten gewählt wird) reist. Erstmals wird sie dort als Deutsche wahrgenommen – und nicht mehr auf ihre Hautfarbe als Marker ihrer vermeintlichen Andersheit reduziert. In einer Welt hingegen, in der Deutschsein immer noch weitgehend mit Weißsein assoziiert wird und in der diese Verbindung oft unhinterfragt bleibt und dadurch zur Norm(alität) wird, kann sie sich nie ganz von dem Gefühl des Fremdseins und von ihren Angstzuständen – die sie nicht erst seit dem Selbstmord ihres Bruders verfolgen – befreien. 

Es gibt jetzt Angst, zu jeder Zeit, der Psychiater kann sie mir nicht nehmen. Wie auch, sie ist ungreifbar.

Um jenes Trauma aufzuarbeiten, das familiärer, institutioneller und systemischer Rassismus in ihr hinterlassen haben, dafür wurden nicht einmal die Psychotherapeut*innen in Deutschland ausgebildet. Und so schlägt sich die Protagonistin zu weiten Strecken alleine durch ihren Alltag, denn auch ihre Eltern sind beide abwesend – der Kontakt zu ihrer Mutter ist so gut wie abgebrochen, der wohlhabende Vater schickt immerhin Geld aus Angola. Zum Glück gibt es da noch zwei Freund*innen, die ihr zur Seite stehen. 

WO BIST DU JETZT? 
Irgendwo im Flugzeug.
Excuse me, dürfte ich mal bitte Ihren Boardingpass sehen?
Ich habe mich umgesetzt, also ich sitze eigentlich da hinten, aber es war so eng.
Das ist leider nicht erlaubt.
Aber die ganze Reihe ist frei. Oder, ach so, weil hier der Notausstieg ist?
Der Sitzplatz XL kostet 83 Dollar extra. 
Weil hier mehr Platz ist? Aber die ganzen anderen Sitze sind viel zu klein für mich, ich kann da mit den Beinen nicht mal gerade sitzen.
Tut mir leid, Sie müssen jetzt bitte zurück an Ihren Platz gehen. 
Ja, okay.
WO IST DEIN PLATZ? 

WO IST DEIN PLATZ? 

HAST DU EINEN KOMPASS DABEI? 
Wozu? 
HAST DU DAS GEFÜHL, DEIN LEBEN HAT EIN ZENTRUM?
Vielleicht.
HAST DU DAS GEFÜHL, DEIN LEBEN NÄHERT SICH EINEM ZIEL?
Nein.
WER SIND DEINE NACHBARN?
Meine Nachbarn! 
WO BIST DU GEMELDET?
In Berlin.
WO KOMMST DU HER?
Ich komme –
WO KOMMST DU HER?
Ich komme –
WO KOMMST DU HER?
Ich komme –

Es ist die Auseinandersetzung der Protagonistin mit ihrer Positionierung sowie mit ihren Bewegungen im Raum bzw. in der Gesellschaft, ihre Auseinandersetzung mit ihren Begegnungen mit ihrer Umwelt und mit sich selbst, aus der sich das dialogische Gestaltungsprinzip Romans entfaltet: Mal speisen sich die Fragen, die das namenlose Ich an das namenlose Du stellt, aus Neugier, mal wirken sie provokant, manchmal sogar übergriffig. Geantwortet wird nicht immer gewissenhaft, sondern immer wieder ausweichend, mit Gegenfragen, oft drehen wir uns im Kreis. Unterbrochen werden die Dialogpassagen regelmäßig von fragmentarischen Erinnerungsstücken, in denen wir gemeinsam mit der Protagonistin an jenen Bahnsteig zurückkehren, an dem sich ihr Bruder das Leben genommen hat. 

Mein Herz ist ein Automat aus Blech. Dieser Automat steht an irgendeinem Bahnsteig, in irgendeiner Stadt. Ein vereinzelter, industrieller Klotz, trotzdem unscheinbar. Eine Maschine, ein rostfreier, glänzender, quadratischer Koloss. Warum steht er allein, wer hat ihn erfunden? 

Aber nicht nur (Grenz-)Orte des Reisens spielen in Olivia Wenzels Roman eine zentrale Rolle, auch die (durch kulturelle und nationale Zugehörigkeiten bestimmten) Bedingungen und Möglichkeiten des Reisens werden darin kritisch be- und hinterfragt. 

KANN ICH MICH AUSWEISEN?
Du kannst überall hin und andere Menschen nirgends, das ist für dich so selbstverständlich, wie ins Theater zu gehen.
MANCHMAL HALTE ICH DIESES PRIVILEG NICHT AUS. 
Und manchmal genießt du es bedenkenlos.
ICH WEISS.
In dieser Hinsicht bist du weiß.
DANKE FÜR DEN HINWEIS. 
Wegen deines Ausweises.
SCHON KLAR.

In ihrem Roman 1000 Serpentinen Angst entwirft Olivia Wenzel eine literarisch beeindruckende, bewegende und bewegte Textur, deren durchdachte Komposition eindringlich und bestimmt, humorvoll und poetisch mehr Fragen als Antworten aufwirft – und dennoch nie die Hoffnung aufgibt.



Claudia Sackl

 



1000 Serpentinen Angst
von Olivia Wenzel

 

 

 

 




 

 

 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 


 


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STUBE-Adventkalender

Mit einem wehmütigen und einem etwas getrösteten Auge blicken
wir auf den derzeitigen Ausfall von Live-Veranstaltungen: Denn auch dieses Jahr empfiehlt die STUBE – Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur von 1. bis 24. Dezember 2021 in ihrem Adventkalender jeden Tag (mindestens) ein Buch.

Ob auf der Suche nach bibliophilen Geschenken für Weihnachten, spannenden Lektüren für kalte Wintertage oder neuem Lesestoff für
die ganze Familie – in den 20 Buch- und Medienempfehlungen wird man sicher fündig. Jeden Tag wird auf der Homepage der STUBE unter www.stube.at/tagebuch/adventkalender_2021.html ein Video gepostet.

Und auch für die Adventsonntage hat sich das STUBE-Team natürlich wieder etwas ganz Besonderes und Exklusives einfallen lassen!

www.stube.at

 

STUBE-Adventkalender
1. bis 24. Dezember 2021

 

 



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