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Lese-Tipp im März 2026

Djaili Amadou Amal: Die ungeduldigen Frauen. Aus dem Französischen von Ela zum Winkel. Berlin: orlanda, 2022.

Geduld! heißt es in dem Roman der kamerunischen Autorin Djaili Amadou Amal, Munyal Geduld! Geduld, das wird den Bewohner*innen der fulbischen Familien des Nordkamerun mit den ersten an sie gerichteten Worten vermittelt, Geduld ist die erste Säule des patriarchalen Gesellschaftskodex und als allumfassende Selbstbeherrschung vor allem von den Frauen erwartet. Emotionen sollen reguliert und im Inneren bleiben, Zurückhaltung und Anstand das Leben bestimmen. Nur Geduld wird zur Zauberformel, die den Frauen gereicht wird, die es wagen, vor ihren Vertrauten zu klagen, und reich ist auch die Liste der Anweisungen und Ratschläge, die die Familie für die Halbschwestern Ramla und Hindou am Tag ihrer Zwangsheiraten hat:


„Munyal, meine Töchter!“, sagt mein Onkel Hayatou. Er macht eine kurze Pause, räuspert sich, dann zählt er auf: „Verrichtet eure fünf Gebete am Tag. Lest den Koran, und eure Familie wird gesegnet sein. Fürchtet euren Gott. Seid eurem Mann untertan. Hütet euren Geist vor Ablenkung. Seid eurem Mann eine Sklavin und er wird euch ein Gefangener sein. Seid ihm die Erde und er wird auch der Himmel sein. Seid ihm der Acker und er wird euch der Regen sein. Seid ihm ein Bett und er wird euch ein Heim sein. Seid nicht trotzig. Schätzt jedes Geschenk und weist nie eines zurück. Seid nicht jähzornig. Seid nicht geschwätzig. Seid nicht nachlässig. Bittet um nichts und verlangt nach nichts. Seid zurückhaltend. Seid dankbar. Seid geduldig. Seid unaufdringlich. Lobt euren Damm, damit er euch achtet. […]
S. 14f.   

Ramla, jung, gebildet und glücklich verlobt, wird mit einem älteren und reichen Mann verheiratet und zu dessen Zweitfrau, die Verlobung von der Familie aufgelöst. Hindou wird aus familienpolitischen Gründen dem trinkenden und geldverprassenden Cousin versprochen. Aus beiden Perspektiven erfahren wir vom Tag der Hochzeit und den darauffolgenden Wochen und Jahren, in denen jede Stunde des Tages an die Regeln des Haushaltes und des Kodexes angepasst ist. Für Ramla bedeutet dies, sich wortlos dem Ehemann unterzuordnen und die Feindseligkeiten der älteren Hauptfrau zu ertragen. Für Hindou aber folgt der Hochzeit das größte Martyrium häuslicher Gewalt, die immer wieder in Sphären eskaliert, die für uns Leser*innen kaum zu ertragen sind. Das Level an physischer und psychischer Brutalität, mit der Hindou von ihrem mit Aufputschmitteln und Viagra zugedröhnten Mann gequält wird, kostet ihr mehrfach beinahe das Leben. Als sie zu ihrer Familie flieht und sich der Tante anvertraut, erwartet sie aber weder Schutz noch Trost:

„Moubarak hat mich an diesem Abend halb totgeschlagen! Ich hatte solche Angst, aber ich wusste, wenn ich zu euch gekommen wäre, hättet ihr mich sofort wieder zu ihm zurückgebracht“, verteidigte ich mich. „Natürlich hätten wir dich zurückgeschickt!“, erwiderte Goggo Nenné streng. „Du bist weder die erste noch die letzte Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird! Edas ist noch lange kein Grund, einfach so zu verschwinden!“
S. 98

Hindou, die schließlich in Resignation verfällt und jegliche mentale Gesundheit verliert, wird damit diagnostiziert, von einem Dschinn besessen zu sein. Aussicht auf Erlösung aus der gewaltvollen Ehe besteht für die junge Frau nicht mehr.


Djaili Amadou Amal stellt den beiden Ich-Erzählungen im letzten Drittel des Buches auch noch die Perspektive der älteren Safira nach, der Erstfrau, in deren Haushalt Ramla (1. Teil) hineingeheiratet wird. Eifersüchtig auf die Jüngere setzt sie alles in Bewegung, die Rivalin wieder loszuwerden, während ihr Mann Gefallen an der jungen, gebildeten Frau hat und diese nach Paris und Dubai mitnimmt. Safira inszeniert ein dichtes Netz an Intrigen und Anschuldigungen gegen Ramla, das beide beinahe das Leben kostet, und erkennt erst spät, dass sie beide Opfer des polygamen und unterwerfenden Systems sind. Diese dritte Perspektive durchbricht jede Einseitigkeit und zeigt die wahren Abgründe der Umstände, die weiterhin in ruralen Landstrichen des Kamerun vorherrschen: Solidarität ist rar und durch die große Angst der Frauen, verstoßen zu werden, verstellt. Nur Munyal, Geduld, soll helfen, den eigenen Platz zu akzeptieren.
Djaili Amadou Amals Roman „Die ungeduldigen Frauen“ skizziert die Lebensumstände der Erzählerinnen in einer Unmittelbarkeit, die an vielen Stellen nur schwer zu verdauen ist. Gleichzeitig öffnet sie den Blick in eine Welt, die noch lange nicht überwunden ist und in der die Chancenungleichheit schon im Innerfamiliären verankert ist. Diesen Frauen ist kein selbstbestimmtes und freies Leben angedacht. Djaili Amadou Amal schockierte mit der Erzählung, die autobiografische Züge trägt, bei der Veröffentlichung, denn die Bilder, die sie schafft, sind gewaltvoll, unverdeckt und kaum zu ertragen. Der Autorin, die selbst einem nomadisierenden Hirtenvolk entstammt, gelang der Sprung in die Selbstbestimmung, nachdem sie selbst zweimal zwangsverheiratet worden war. Sie floh der zweiten, gewaltvollen Ehe, studierte und setzte gegen alle Widerstände den Weg zur Schriftstellerei fort. Mit der Gründung des Vereins Femmes du Sahel (Frauen der Sahel-Zone) sensibilisiert die Autorin für Zwangsehe, häusliche Gewalt und Unterdrückung, gleichzeitig fördert der Verein Bildungsmaßnahmen für Mädchen und Frauen.

„Die ungeduldigen Frauen“ ist mehr als eine bloß unbequeme Lektüre. Der Roman verstört, rüttelt auf und stößt ab. Er erinnert aber auch an die Lebensrealitäten von Frauen, die nach wie vor bestehen und uns ratlos machen angesichts der Ungerechtigkeit und Gewalt, die vorherrscht. Wie also umgehen mit einem Roman, der mehr als nur eine Geschichte erzählt? Weiterempfehlen.
Djaili Amadou Amals Stimme unterstützen und, wenn der Schock nachlässt, Maßnahmen fördern, die verhindern sollen, dass diese Lebensrealitäten weiterhin bestehen.
  

Iris Gassenbauer

 

 

 


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