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Fernkurs-Tipps

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Hör- und Lese-Tipp im Dezember 2021

Adelheid Popps Jugend einer Arbeiterin gelesen von: Mirelle Ngosso, Barbara Haas, Laura Melina Berling, Anrea Arezina, Viktoria Spielmann und Beatrice Frasl.
Sagenhaft Podcast 2021.

Die sozialdemokratische Aktivistin und Frauenrechtlerin Adelheid Popp (1869–1939) ist zweifelsfrei eine der bemerkenswertesten Figuren der österreichischen Politikgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. 1919 zog sie gemeinsam mit sieben weiteren Frauen erstmals ins österreichische Parlament ein, an dessen Geschäften sich bis dato nur Männer beteiligen durften. Über Parteigrenzen hinweg versuchte sie dort mit anderen Pionierinnen wie Hildegard Burjan (einer Abgeordneten der Christlichsozialen Partei, heute vor allem bekannt als Gründerin der Caritas Socialis) die Rechtslage und Lebensrealitäten von Frauen aller Gesellschaftsschichten zu verbessern. Als erste weibliche Rednerin überhaupt sprach sie am 4. März desselben Jahres vor den Abgeordneten und forderte dabei – freilich unter großem Protest einiger Anwesender – die Abschaffung des Adels und all seiner Privilegien. Zuerst anonym veröffentlichte Adelheid Popp 1909 einen autobiografischen Text, der später unter dem Titel Jugend einer Arbeiterin neu aufgelegt werden sollte. Ihre Aufzeichnungen sind eine glühende Streitschrift für die Sozialdemokratie, vor allem aber auch ein beeindruckendes Zeitdokument, das eindringlich vom Leben in den Armenvierteln Wiens um die Jahrhundertwende und von der Entwicklung der österreichischen Arbeiter*innenbewegung erzählt.

Viele der zentralen Anliegen Adelheid Popps müssen noch immer kontinuierlich mühsam erkämpft werden: Forderungen nach Gleichberechtigung und Selbstbestimmung sowie der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit bestimmen gesellschaftspolitische Diskurse bis heute. 2021 haben die beiden Podcasterinnen Sabrina Peer und Stephanie de la Barra dieser Aktualität anlässlich des Internationalen Frauenkampftags ihren Tribut gezollt. Für ihr gemeinsames Projekt Sagenhaft – Gute Nacht Geschichten für Erwachsene baten sie sechs Politikerinnen und feministische Aktivistinnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, Jugend einer Arbeiterin als Podcast-Episoden neu einzulesen. Aus dieser neu geknüpften Verbindung zwischen den Aufzeichnungen einer Pionierin der österreichischen Frauen- und Arbeiter*innenbewegung und den Stimmen von sechs Frauen, die deren Erbe sozusagen in die Gegenwart tragen, ergibt sich eine ganz eigene erzählerische Kraft. Den Beginn macht beispielsweise Mireille Ngosso: Ärztin und die erste afroösterreichische Politikerin, die in Österreich ein gewähltes Amt bekleidet. Die letzte der sechs Episoden liest hingegen Beatrice Frasl ein: Kulturwissenschaftlerin, Aktivistin und ihrerseits feministische Podcasterin.

Der Text selbst erzählt von Adelheid Popps Kindheit und Jugend in den Elendsvierteln und Fabriken Wiens. Der Alltag ihrer aus Böhmen eingewanderten Familie ist von Armut und harter Arbeit geprägt, der Vater ist gewalttätig, die Mutter immer wieder über lange Zeit abwesend. Schon die Kinder müssen arbeiten, um Geld zu verdienen, eine Ausbildung ist nicht vorgesehen:

Drei Jahre Schule waren nach Ansicht meiner Eltern genug, und wer bis zum zehnten Jahre nichts lernt, lernt später auch nichts, war eine von ihnen oft getane Äußerung.

Adelheid Popp übernimmt schlecht bezahlte Stellen als Dienstmädchen und Fabriksarbeiterin. Wenn sie kann, übt sie sich im Lesen, liest Unterhaltungsromane, Klassiker und so oft es geht die Zeitung. Aus nächster Nähe erlebt sie die Formierung der aufstrebenden Arbeiter*innenbewegung, ihre Brüder nehmen sie mit zu Versammlungen der Sozialdemokratischen Partei. Dort hört sie Männer unwissend die Lage der Frauen in den Fabriken beurteilen und hält – um dem ihre eigenen Erfahrungen entgegenzusetzen – ihre erste öffentliche Rede. Zurück bekommt sie Begeisterung, Applaus und die Bitte, ihren Vortrag doch auch als Artikel für ein Fachblatt aufzuschreiben:

Das war nun freilich eine böse Sache. Ich hatte ja nur drei Jahre die Schule besucht, von Orthografie und Grammatik hatte ich keine Ahnung und meine Schrift war die eines Kindes, da ich ja nie Gelegenheit gehabt hatte, sie zu üben. Doch versprach ich, mich zu bemühen, den Artikel zustande zu bringen.

Ausgehend von diesem rhetorischen Talent als Rednerin wird Adelheid Popp immer mehr zu einer Leitfigur der österreichischen Sozialdemokratie. Sie engagiert sich in der Partei, schreibt Artikel, wird Vorreiterin im Kampf für Frauenrechte. Ihren Antrieb findet sie dabei stets in der Überzeugung, dass Veränderung notwendig und möglich ist:

Das Ziel ist ungemein schön, es leuchtet so verheißend, dass nichts so schwer sein kann, um nicht doch die Kraft zu finden, es zu überwinden. Wenn es mir gelingen wird, in diesem Sinne mit meiner bescheidenen Arbeit zu wirken, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Adelheid PoppsJugend einer Arbeiterin ist das autobiografische Zeugnis einer Politikerin, die maßgeblich dazu beigetragen hat, Arbeiter*innen und Frauen in Österreich neue Räume zu erstreiten. Die von Sagenhaft veröffentlichte Podcast-Version ermöglicht noch einmal einen neuen Zugang zu diesem zeithistorischen Dokument und zieht eine leise Linie von den Aktivist*innen der Vergangenheit zu jenen der Gegenwart.


Sarah Auer

 

Der Podcast Sagenhaft – Gute Nacht Geschichten für Erwachsene ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen oder auf der
>>> Homepage des Projekts abspielbar.

Und für alle, die lieber dem haptischen Buch treu bleiben möchten: 2019 ist Jugend einer Arbeiterin im Picus Verlag mit einem Vorwort von Sybille Hamann neu aufgelegt worden.

 


Adelheid Popps
Jugend einer Arbeiterin
, 2021 neu eingelesen im Sagenhaft Podcast.

 

 

 

 




Sagenhaft – Gute Nacht Geschichten für Erwachsene ist der Podcast von Sabrina Peer und Stephanie de la Barra.

 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 


Adelheid Popps
Jugend einer Arbeit
,
2019 neu herausgegeben bei Picus.


>>> mehr Lese-Tipps


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Veranstaltungs-Tipps

STUBE-Adventkalender

Mit einem wehmütigen und einem etwas getrösteten Auge blicken
wir auf den derzeitigen Ausfall von Live-Veranstaltungen: Denn auch dieses Jahr empfiehlt die STUBE – Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur von 1. bis 24. Dezember 2021 in ihrem Adventkalender jeden Tag (mindestens) ein Buch.

Ob auf der Suche nach bibliophilen Geschenken für Weihnachten, spannenden Lektüren für kalte Wintertage oder neuem Lesestoff für
die ganze Familie – in den 20 Buch- und Medienempfehlungen wird man sicher fündig. Jeden Tag wird auf der Homepage der STUBE unter www.stube.at/tagebuch/adventkalender_2021.html ein Video gepostet.

Und auch für die Adventsonntage hat sich das STUBE-Team natürlich wieder etwas ganz Besonderes und Exklusives einfallen lassen!

www.stube.at

 

STUBE-Adventkalender
1. bis 24. Dezember 2021

 

 



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Link-Sammlung

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