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Lese-Tipps

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite
Wien: Zsolnay 2020.

Der zweite Roman der jungen österreichischen Autorin zeigt, dass das Leben oft anders spielt, als man denkt und wie sich die Voraussetzungen für eine geradlinige Biografie ändern können. In Ich an meiner Seite erzählt die Bachmannpreisträgerin von 2019 von einer Figur, die aus den Bahnen eines geregelten und regelkonformen Lebens entgleist und für die sich das Zurückfinden in eine selbstbestimmte, eigene Spur schwieriger gestaltet als antizipiert.

Arthur Galleij ist von klein auf ein stiller, intelligenter und genügsamer Mensch, der sich gut einfügen kann. Obwohl ihm der Vater, der die Familie früh verlassen hat, fehlt, stellt er sich nicht gegen den neuen Mann an der Seite seiner hart arbeitenden Mutter oder deren Neuanfang als Karrierefrau in Spanien. Ob in familiären oder freundschaftlichen Konstellationen, später im Gefängnis oder in der Therapie, Arthur ist – im Gegensatz zu seinem Bruder – keine Rebellennatur. In einer Dreiecksbeziehung mit seinen Freunden Milla und Princeton findet er nicht nur Anschluss und Verständnis, sondern auch eine Zukunftsperspektive – bis ein tragischer Unfall alles verändert. Getrieben von Schmerz und Aussichtslosigkeit flüchtet Arthur nach Wien und wird durch eine unglückliche Lage und erstmaliges Aufbegehren zum Internetkriminellen.

Als er im Alter von 22 Jahren schließlich aus seiner über zweijährigen Haftstrafe entlassen wird, muss Arthur lernen, dass die Hindernisse auf dem Weg zurück ins Leben schwer zu bewältigen sind. Dem von Panikattacken und Flashbacks begleiteten Protagonisten, der sich einerseits durch ein hohes Maß an Selbstreflexion auszeichnet, andererseits aber in Verdrängung übt, wird der Therapeut Börd zur Seite gestellt. Dieser beweist, dass man sein eigenes Leben nicht unbedingt im Griff haben muss, um anderen helfen zu können. Mit wissenschaftlichen Standards und Regeln nimmt es Börd nicht so genau, aber ein echtes Interesse am Menschen ist ihm nicht abzusprechen. Er weiß, dass es die gute Tat in der schlechten gibt, genauso wie es die schlechte Tat in der guten gibt. Mithilfe unkonventioneller Methoden will er dem traumatisierten Arthur zu einer Optimalversion seiner selbst verhelfen und ihn zur idealen Hauptfigur seines eigenen Lebens machen.

Bereits in ihrem Romandebüt Wir ohne Wal (2016) stellte Birgit Birnbacher ihre soziologische Expertise und ihr Talent, von normabweichenden Lebensläufen zu erzählen, unter Beweis. Dabei zeigt die Autorin nicht urteilend, sondern empathisch auf, dass das Leben immer wieder Überraschungen, Unplanbarkeiten oder Sackgassen birgt und dass auf dem Weg zu einem Neustart oft größere Umwege bewältigt werden müssen. In Ich an meiner Seite scheinen nur jene Figuren eine „glatte“, geradlinige Biografie aufzuweisen, die die Leser_innen nicht näher kennenlernen. Denn egal wie stark die facettenreichen Nebenfiguren erscheinen, werden sie doch alle von ähnlichen Problemen begleitet, allen voran der Einsamkeit. Das von Börd propagierte Hauptfiguren-Dasein, das Schreiben des eigenen Drehbuchs eines Lebens, führt niemand so gut vor, wie die glamouröse, erkrankte Grazetta, alternde Schauspielerin und mütterliche Leitfigur. Doch auch sie zeigt die Notwendigkeit von menschlichen Kontakten und Zuneigung auf, die dem Menschen einmal durch Außenwirkung, einmal durch Eigenverschuldung abhandenkommen können. Die physische und psychische Abwesenheit der Vater- respektive Mutterfigur, das Verlassenwerden, der Tod eines geliebten Menschen, sowie die Ausgrenzung und Misshandlung im Gefängnis hinterlassen bei Arthur nicht nur temporäre Wunden, sondern Narben, die ihn wohl ein Leben lang begleiten werden. Birgit Birnbacher entfaltet die Antworten auf die Frage nach Ursache und Wirkung im Rahmen von Arthurs beschwerlicher Biografie, indem sie Vergangenheit und Gegenwart in den einzelnen Kapiteln zwar abwechselt, diese aber gleichzeitig  ineinander verwebt, wenn sie das Ende dem Anfang ihrer Erzählung voranstellt.

Nicht zuletzt überzeugt die Autorin in ihrem neuen Roman durch ihr Verständnis für die Fragilität des Menschen und seiner Psyche. Überzeugend porträtiert sie die feinen Nuancen menschlichen Antriebs und zwischenmenschlicher Dynamiken. Das zeigt sich nicht nur in der Tragikomik von Arthurs und Börds Beziehung, sondern auch in Birnbachers klarer und direkter Sprache, wobei das Offensichtliche nicht immer gesagt werden muss. Satirische Elemente, wie der Ausstieg aus der Austerität des vaterlosen Provinzlebens in Österreich, der Aufstieg zum Wohlstand einer eine Palliativklinik leitenden Patchworkfamilie in Spanien oder der „Ex-Knacki turned YouTuber“-WG-Mitbewohner, der an OCD leidet und vorführt, dass Erfolg allein nicht reicht, um ein „erfolgreiches“ Leben zu führen, halten das Interesse der Leser_innen aufrecht. Bis der brave Arthur Galleij, für den es eine reale Vorlage gab, schließlich lernt: er ist nicht besser, als er ist; kein Glanzbild wird ihn retten können; er steht an seiner Seite und nur so kann er es schaffen.

 

Katarina Fischer

 

Die ersten 10 Seiten aus ihrem Roman liest Birgit Birnbacher unter www.zehnseiten.de vor.

 


Ich an meiner Seite,
der zweite Roman der Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher (geb. 1985 in Schwarzach im Pongau, Österreich)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Birgit Birnbachers Debütroman
Wir ohne Wal

(Jung und Jung 2016)


>>> mehr Lese-Tipps


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Veranstaltungs-Tipps

Zu „normalen“ Zeiten finden Sie hier Tipps zu Literaturveranstaltungen, auf die wir Sie ganz besonders hinweisen möchten. In Zeiten von Corona sind physische Veranstaltungen leider nicht möglich, weswegen immer mehr Institutionen und Autor_innen auf digitale Möglichkeiten zurückgegriffen. Im Folgenden haben wir unterschiedliche online-Angebote für Sie zusammengetragen – denn glücklicherweise kann man Literatur(-veranstaltungen) auch innerhalb der eigenen vier Wände konsumieren:

Daniel Wisser, der Autor unserer dritten Fernkurs-Lektüre Königin der Berge, wählt auf seiner Website einen Weg, der seine Lesungen zwar nicht ersetzen, aber über die kommenden Wochen hinweg helfen kann. Unter dem Titel Zeiten der Kontumanz stellt er Miniaturen online, die Textperformances nachahmen:
www.danielwisser.net

Unter dem Titel Live-Lesen! sendet das Literaturhaus Salzburg jeden Tag um 20 Uhr über seine Facebook-Seite eine Lesung von österreichischen Autorinnen und Autoren live. Das Programm kann auf der Homepage des Literaturhauses eingesehen werden. Alle Videos – wie zum Beispiel die Lesung von Angela Lehner aus Vater unser, die vierte Lektüre im aktuellen Fernkurs für Literatur – können >>> hier nachgeschaut werden.
www.literaturhaus-salzburg.at

Der österreichische Residenz-Verlag bündelt unter dem Titel Chronik eines Ausnahmezustands Blog-Beiträge von Autorinnen und Autoren, die bei Residenz publizieren und nun „aus ihren Wohnungen und Wohnwägen, aus Wien und Graz, London und Berlin, aus Europa und Afrika“ über das Zuhausebleiben schreiben.
www.residenzverlag.com/blog


Das Literaturhaus Graz hat basierend auf dem für die nächsten Wochen geplanten Veranstaltungsprogramm eine Reihe österreichischer Autorinnen und Autoren eingeladen, ab sofort ein Tagebuch über die Auswirkungen des Corona-Virus und die Maßnahmen seiner Bekämpfung auf das alltägliche Leben und den Zustand der Gesellschaft zu führen. www.literaturhaus-graz.at

NDR und SWR haben unterdessen eine online-Vorlesereihe ins Leben gerufen, die sich an Kinder richtet. Live gelesen mit … zeigt jeden Tag um 17 Uhr eine bekannte Autorin bzw. einen bekannten Autor, der/die im eigenen Wohnzimmer live aus einem seiner/ihrer Bücher vorliest.
www.ndr.de

Für das eigene Lese- und Hörvergnügen sorgen die Büchereien Wien, die ihr gesamtes online-Angebot für die Dauer der notwendigen Schließung kostenlos zur Verfügung stellen. Darüber hinaus betreiben sie auch einen YouTube-Kanal mit sogenannten Corona-Lesungen.
www.buechereien.wien.gv.at
www.youtube.com

Unter dem Motto Lesen mit Ö1 werden nicht nur Neuerscheinungen und Buchtipps versammelt, sondern auch Informationen über aktuelle online-Literaturangebote bereitgestellt.
www.oe1.orf.at/lesen

Am 26.03.2020 fand der dritte österreichische Vorlesetag statt. Im Zuge dessen hat unter vielen anderen auch der österreichische Autor Stefan Slupetzky vorgelesen. Alle Beiträge können online nachgehört werden.
vorlesetag.eu/mediacenter

Unter www.zehnseiten.de versammeln sich Beiträge verschiedener Autor_innen, die jeweils zehn Seiten aus ihren Werken vorlesen und damit Lust auf mehr machen.
www.zehnseiten.de

Lesestoff kann dieser Tage bei vielen Buchhandlungen über den Onlineshop bequem nach Hause bestellt werden.
z. B. www.tyrolia.at (in Österreich kostenlos)

 




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Link-Sammlung

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