Literarische Kurse
Fernkurs-Tipps

April 2022

   

Teresa Präauer: Mädchen.
Wallstein 2022.

Es ist eine verzwickte Lage, in der sich die Erzählerin (eine literarische Selbstinszenierung der Autorin) zu Beginn von Teresa Präauers neuestem Text befindet: Nach nur einem kurzen Nickerchen erwacht sie gefesselt, umringt und beklettert von geschäftigen Playmobil-Piraten, Star Wars- und Ninjago-Figuren, auf dem Zimmerboden eines Neunjährigen, auf den sie gerade aufpasst. Wie Gulliver auf seinen Reisen festgesetzt hat sie Zeit zum Beobachten und Reflektieren, während der Junge um sie herum spielt, rastet, isst, tobt und döst. Im Zimmer finden sich Schätze, die sein Kind- und Junge-Sein wohl irgendwie mit ausmachen: ein Gummiball mit bunten Alufäden, ein Harry Potter-Schloss, die vielen Figürchen, ein Buch mit dem Titel Hundert Dinge, die ein Junge wissen muss. Und die Erzählerin? Die macht inspiriert von dem Gesehenen einen Gedankensprung in die eigene erinnerte Kindheit, in ihr Mädchen-gewesen-Sein, und startet eine behutsame, assoziative Annäherung:

Das Mädchen ist dabei Thema, Wort, Figur, Projektionsfläche, Trope und Symbol. Wer über das Mädchen nachdenkt, denkt über Anfänge nach. Ich will mich erinnern können.

In ihrem Buch verflicht die österreichische Autorin sehr persönliche Erinnerungen an ihre Familie, die Schulzeit und das Flügge-Werden in der großen Stadt mit der Gegenwart im Kinderzimmer. Geschickt spielt sie mit der Behaglichkeit jenes nostalgischen Schleiers, der sich nur allzu gerne über Kindheitserinnerungen legt. Dabei werden sowohl die eigene Rückschau als auch dingliche Erinnerungsstücke auf ihren realitätsbildenden Gehalt hin befragt: Unser Vater setzte die Szenen gekonnt ins Bild. Zwei Mädchen mit Würmern in den Schürzentaschen, kommentiert sie etwa ein (letztlich auch zurechtimaginiertes) Foto von ihr und ihrer Schwester, nur um wenig später nachzusetzen: Würmer hatten wir übrigens nie in den Taschen, wir trugen auch kaum je Schürzen. In Anlehnung an andere Mädchenbilder aus Literatur und bildender Kunst wird das Mädchen-Sein als ein Zustand erkundet, der nach dem Entwachsen nicht mehr zugänglich und doch identitätsbildend ist; als eine Empfindung, die zwar der eigenen, aber doch einer ganz anderen Lebenswelt zugehört. In Anlehnung an Annie Ernauxs Erinnerungen eines Mädchens (Suhrkamp 2016) heißt es da:

Um das Mädchen in diesen Bildern zu sein, müsste ich Ballett tanzen im Anfängerkurs, buntes Seidenpapier zu kleinen Kugeln rollen und im Herbst auf Kastanien kleben, mich im Fasching als Rotkäppchen verkleiden, unterm Arm einen Korb, befüllt mit Gugelhupf und einer Flasche Rotwein, ein Wort wie Juchhu in Großbuchstaben schreiben üben. Ich müsste mich vor Räubern und Hexen fürchten, Kirschen pflücken und akrobatische Turnübungen an Seilen und Ringen vollführen.

Dieses Erinnern, Nachdenken und Verflechten bildet den Kern des Texts, der durch das lustvoll paradoxe Zwiegespräch mit dem Jungen in der Rahmenhandlung aber auch zum Essay über die Fiktion an sich wird. So kann die doch auch glaubhafte Szenerie ganz unverhofft kippen, wenn sich der Neunjährige etwa als Kenner literaturwissenschaftlicher Theorien herausstellt, die Erzählerin sich in Konversation mit ihrem jüngeren Ich begibt oder eben Spielfiguren lebendig werden. Das Erinnern und das Schreiben werden als verwandte Prozesse herausgearbeitet; eine Verwandtschaft, die aber nicht unmissverständlich ausformuliert, sondern am Beispiel des Texts vorgeführt wird.

Das Entlanghangeln von Gedankenbild zu Gedankenbild, das Wechselspiel zwischen schrittweisem Weitererzählen und Illusionsbruch, lässt vieles in der Schwebe und gibt damit die Freiheit, noch einmal ganz anders auf das (Schreiben über) Mädchen zu schauen. So führt die Erzählerin zwar manchmal in die Irre, sie begleitet die Leser*innen aber auch durch das Textgewebe. Und wie diese eloquente Reisebegleiterin lässt sich auch das Mädchen nicht festlegen; seine Zuschreibungen changieren zwischen romantischer Verklärung und kategorischer Herabsetzung, zwischen Mädchen im Kleidchen mit Blümchen im Körbchen und Rebellion gegen vorgefertigte Rollenbilder. Es ist eine verspielte, raffinierte, humorvolle Annäherung, die einen Bogen schlägt von der individuellen Kindheit zur medialen Imagination:

Das Mädchen ist eine Aktionistin, das Mädchen ist ein Anblick, es ist etwas, und wir werden ihm damit nicht gerecht, zwischen Göre und Prinzessin, zwischen Diffamierung und Beschönigung. Das Mädchen ist eine Kämpferin und so etwas wie eine Symbolfigur, die bewundert wird oder kritisiert oder verleumdet. Das Mädchen ist manchmal bereits älter, als es aussieht. Es trägt Zöpfe und wirkt damit harmlos, aber es ist voller Wut auf die Ungerechtigkeit in der Welt und führt den Klimastreik an. Und auch dieses Mädchen gibt es: Es trägt nichts als ein rotes Kleid und stellt sich schutzlos gegen die bewaffnete Polizei. Und jenes: Es hält eine Rede vor der UN-Vollversammlung, nachdem man ihm ins Gesicht geschossen hat. Und dieses fällt mir auch ein: Es segelt allein um die Welt.

Sarah Auer


Der theoretische Unterbau zum Essay – Teresa Präauers
Zürcher Poetik-Vorlesungen – ist übrigens online verfügbar: www.ds.uzh.ch

 




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März 2022

 

 

Vladimir Vertlib: Zebra im Krieg. Roman.
Nach einer wahren Begebenheit

Residenz 2022.

In seinem neuen, Mitte Februar erschienenen Roman thematisiert Vladimir Vertlib – der vor wenigen Wochen bei unserer Fernkurs-Tagung »Randschaften« in Salzburg zu Gast war – jenen Konflikt, der seit den vergangenen Wochen im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit steht. Ohne vorausahnen zu können, welch entsetzliche Aktualität sein Text schon so bald nach dessen Erscheinen erhalten würde, setzt sich der Autor darin mit den politischen, sozialen und persönlichen Wirren im postsowjetischen Raum auseinander:

In jener namenlosen osteuropäischen Hafenstadt, in der der Roman angesiedelt ist und die sich gerade von den Folgen der Corona-Krise erholt, herrscht Bürgerkrieg. Rebell*innen haben sämtliche Zufahrtsstraßen blockiert, der Flughafen ist zerstört und Paul Sarianidis arbeitslos. Der frühere Flugzeugingenieur ist ein fürsorglicher, liebevoller Familienvater und lebt mit seiner Mutter Eva, seiner im Krankenhaus Dauerschichten schiebenden Frau Flora und seiner gerade ins Teenageralter gekommenen Tochter Lena in einer gemeinsamen Wohnung.

„Krisen sind Glanzzeiten für das Netz.“

Des Nachts jedoch treibt sich Paul in Internetforen herum, wo sich die anonymen User*innen politische Streitgespräche liefern, die nicht selten in wüsten Beschimpfungen und Gewaltandrohungen enden. Diesen emotional aufgeladenen Disputen kann sich Paul nicht entziehen. Eines Nachts lässt er sich dazu hinreißen, üble Hass-Postings an einen ihm unbekannten Mann abzuschicken. Dass es sich dabei um den Separatist*innenanführer Boris Lupowitsch handelt, erfährt er erst später, als dessen Handlanger – kurz nach der Eroberung der Stadt – bewaffnet vor Pauls Tür stehen und ihn vor seinen erzürnten Widersacher führen. Dieser hat sich einen ausgeklügelten Racheplan überlegt: Vor laufender Kamera wird Paul gedemütigt und das Video davon auf YouTube veröffentlicht, wo es innerhalb kürzester Zeit Hunderttausende Klicks verzeichnet und Paul über Nacht zum Gespött der Stadt macht.

Als Konsequenz erfährt nicht nur seine Tochter Ausgrenzung in der Schule, sondern auch Paul bekommt den Hass der Leute leibhaftig zu spüren. Aufgestachelt von dem faschistischen Propaganda des diktatorischen Systems, das in der Zwischenzeit von den neuen Machthaber*innen eingerichtet wurde, befördert ihn eines Tages ein wilder Mob in einem beängstigenden „Entsorgungs“-Ritual in eine Bio-Mülltonne – in die zuvor auch schon eine kritische Theaterdirektorin gestoßen wurde. Dabei führt Vladimir Vertlib nicht nur vor, wie erschreckend rasch sich die allgemeine Meinung in einer Krisensituation – entsprechend dem jeweiligen etablierten politischen System – drehen, wie leicht die Stimmung in einer Gesellschaft kippen kann. Er unterfüttert seine Erzählung auch mit einer ordentlichen Portion Ironie und entwirft immer wieder skurrile Szenen, die ihren bitteren Ernst gerade durch ihre fast Slapstick-hafte Komik – über die man an kaum einer Stelle unbeschwert lachen kann – untermauern.

„Papa, da draußen ist ein Zebra!“

Die Absurdität der festgefahrenen Situation in der zerrütteten Stadt, die noch nicht [weiß], ob sie erobert oder befreit worden ist, wird nicht zuletzt in der titelgebenden Figur des immer wieder auftauchenden Zebras verdichtet, das aus dem zerstörten Zoo entlaufen ist und zum (fast grotesken) Inbegriff der (politischen sowie sozialen) Ausnahmesituation wird:

[Paul] schaut hinaus und sieht – ein Zebra. Es steht auf der anderen Straßenseite, am Abhang, genau am oberen Ende der Treppe, die an den geköpften Statuen vorbei in die Innenstadt hinunterführt, und rührt sich nicht vom Fleck.
[…] Die Menschen gehen mit einer Gleichgültigkeit an dem Tier vorbei, als handle es sich um eine Katze, einen Hund oder einen alltäglichen Gegenstand. […] Und was das Erstaunlichste ist: Niemand fotografiert das Tier mit dem Handy!
Es fällt Paul auf, dass die Menschen von Tag zu Tag verschlossener werden. Sie nehmen nur mehr sich selbst wahr und flüchten in ihre eigene, innere Welt, als seien sie mit der Zeit und der Welt um sie herum in eine Schockstarre verfallen, genauso wie das Zebra, das sich mitten auf dem Gehsteig minutenlang nicht vom Platz rührt.

Was Paul hier mit Blick auf den Lebensalltag in seiner Stadt diagnostiziert, wird an anderen Stellen des Romans auch in Bezug auf die (global zu beobachtenden) Tendenzen in sozialen Netzwerken formuliert.

Wenn man Gesprächspartner nur noch als Profile oder Fotografien und nicht als reale Menschen wahrnimmt, kann das sehr schnell zu Enthemmung führen. Zu Dynamiken, die Konflikte und Polarisierungen verschärfen.

– so Vladimir Vertlib in einem Interview mit der taz.

„Was heißt denn wirklich?“

Anstatt jedoch eine einfache Parabel auf die Gefahren des anonymisierten Internets zu verfassen, hat Vladimir Vertlib mit Zebra im Krieg einen vielschichtigen Roman vorgelegt, der beklemmende Tendenzen unserer Gesellschaft mit einer Stadt im Ausnahmezustand verschränkt – und dabei unheimlich nah an unserer Wirklichkeit scheint. Und das nicht nur, weil die zu Beginn erwähnte Sache mit dem Video auf einer „wahren Begebenheit“ (wie schon der Untertitel des Buches nahelegt) basiert:

Die Szene mit dem Video beruht auf Tatsachen. Sie hat sich vor einigen Jahren in der Ukraine zugetragen. In meinem Roman habe ich die Stadt allerdings ans Meer verlegt. Ich hatte ein bisschen Odessa im Kopf, es könnte aber auch Mariupol, Sewastopol oder Sotschi sein. Ich habe es bewusst offen gelassen. Ich wollte kein Schlüsselbuch über den Ukraine-Konflikt oder das System Putin schreiben. Vielmehr handelt es sich um einen exemplarischen Fall für die Verhältnisse an der Peripherie Europas. (Vladimir Vertlib)

Dennoch könnten viele der geschilderten Diskurse direkt aus der aktuellen Realität gegriffen sein. Beispielsweise wenn die junge Lena in den familiären Diskussionen immer wieder – die offiziellen Erzählungen wiederhallend – trotzig dazwischenruft: „Das ist kein Krieg […]. Das ist eine erweiterte Polizeiaktion …“

„Papa, es ist Frieden!“

Dieser hoffnungsvolle Ausruf der Tochter an den Vater rahmt den Roman – und die politischen Machtwechsel in der Heimatstadt des Protagonisten. Paul, der komisch-tragische (Anti-)Held der Geschichte, ist in Zebra im Krieg jedoch nicht nur die Figur, durch deren Augen wir als Leser*innen das Geschehen beobachten. Auch auf der Ebene der Romanhandlung wird er zu jenem Erzähler, dessen Geschichten vor allem der Tochter dabei helfen, die Nächte zu durchwachen – und so Hoffnung auf ein gemeinsames Danach machen.

Claudia Sackl

 

 



vladimirvertlib.at

 

 




 

 

 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 


 


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Februar 2022

 

 

Julia Lacherstorfer: Spinnerin. a female narrative
Lotus Records 2020.

Julia Lacherstorfer ist derzeit gewiss eine der umtriebigsten, innovativsten und dabei auch spannendsten Künstler*innen an der diffusen Grenze zwischen Klassik, Weltmusik und Volksmusik, die in Österreich seit mehreren Jahren immer kreativer und lustvoller bespielt wird. Ob mit ihrer fünfköpfigen Band ALMA, dem Duo Ramsch & Rosen, als Komponistin oder Intendantin der wellenklænge (einem Festival für zeitgenössische Musik) in Lunz am See – ihre Arbeiten bereisen das Eigene, nehmen es musikalisch auseinander und knüpfen seine Fäden an andere musikalische Traditionen an. 2020 ist ihr erstes Soloprojekt Spinnerin erschienen, für dessen Grundidee sie als kompositorische und ethnomusikologische Pionierin einiges zu leisten hatte.

Volkslieder aus weiblicher Perspektive sollten auf dem Album versammelt werden; aber wo eine Perspektive hernehmen, die in den meister der bisher tradierten Liedern kaum oder nur durch einen anderen Blick verzerrt vorhanden zu sein scheint? Wer sich im alpenländischen Liedgut auf die Suche nach Frauenfiguren macht, findet zunächst einmal Liebeslieder auf umworbene Dirndln auf blühenden Almen, Klagen über Liebeskummer, Ammen- oder Wiegenlieder. Ein recht einseitiges Bild, das sich – auch in romantisierender Selbstbeschauung – über die Jahrhunderte verfestigt hat. Julia Lacherstorfer setzte für ihre Recherche abseits dieser Klischees an, durchforstete Archive, schrieb um und komponierte selbst. Als narrativen Grundstock führte sie Interviews mit Frauen und stützte sich auf Quellen der „Oral History“, so etwa das von Rosa Scheuringer herausgegebene Buch Bäuerinnen erzählen: vom Leben, Arbeiten, Kinderkriegen, Älterwerden (2007).

Stellen wir uns Geschichte als Gewebe vor, auf dem sich als Musterung zuerst die großen, identitätsstiftenden Erzählungen exponieren, muss doch auch gefragt werden, woher die Fäden kommen, aus denen es sich zusammensetzt. Unterschiedliche Formen textilen Handwerks wurden und werden seit Jahrhunderten stark mit Weiblichkeit assoziiert und vielleicht gerade deshalb bagatellisiert – obwohl sie für Gesellschaften an sich ebenso wie in tatsächlichen Geschichten eine unentbehrliche Rolle spielen (wir denken etwa an das widerständige Weben der Penelope in der Odyssee). Direkt vom Handwerk geht darum auch die Musikerin aus: Im titelgebenden Track Spinnerin überlagern sich Aufnahmen ihrer Mutter, die die beim Spinnen zentralen Vorgänge erklärt, mit dem Volkslied Spinn, spinn Spinnerin. Zusätzlich werden darin Harmonien und alltägliche Geräuschkulissen verflochten, die die besungene, imaginierte mit der tatsächlichen, realen Arbeit verschränken. 

Auf diese Weise gesteht die Komponistin nur selten erzählten Geschichten ihren Raum zu, und nimmt eine wertfreie Annäherung an von Arbeit und Verlust geprägte Realitäten vor, anstatt zu beschönigen oder zu idyllisieren. So auch in Irgendwann, dem Eingangslied des Albums, das Julia Lacherstorfers Großmutter gewidmet ist: Eine einzelne Violine, nicht gestrichen, sondern behutsam und doch rhythmisch betont gezupft, findet zuerst ihren Weg durch die Stille. Zwar klingen immer wieder verhalten ein paar verspielte Achtelnoten nach, taktangebend sichern Quinten und Oktaven aber einen beständigen, offenen Grundton. Dann setzt in klarer Singstimme die sprachliche Erzählung ein; die Rückschau einer Bäuerin auf ein entbehrungsreiches Leben, dem aber genauso mit Dankbarkeit begegnet wird. Und mit der ruhigen Gewissheit, dass es bald auch gut sein darf:  

Irgendwånn bin i miad, 
setz mi hin und woat, 
dass mi da Tod hoid.

Der Tod geistert in unterschiedlicher Gestalt immer wieder durch die versammelten Lieder – als erlösende Figur (wie hier in Irgendwann) als Hauptmann, der die Männer zum Wehrdienst einzieht (Bitte bitte, Herr Hauptmann) oder im abschließenden Totenlied. Auch eine der berührendsten Kompositionen des Albums, Und der See schweigt (eine Anlehnung an das Volkslied Is scho stü umman See), handelt von einem tödlichen Unglück und spürt der Geschichte einer Thumersbacher Bauernfamilie nach, die 1917 bei einer Fahrt über den Zeller See ums Leben kam. Der Tod ist auf dem Album also kein seltener Gast, sondern als neutrale Entität Teil des Alltags und selbstverständlich anwesend. 

Der Hauptakteur aber ist er nicht. Vielmehr geht es um die vielen bisher unerzählten Leben von Frauen, denen hier ruhig, poetisch, oft auch melancholisch aber niemals sentimental ihr Platz in der musikalischen Geschichtsschreibung zugestanden wird. Dabei nimmt Julia Lacherstorfer alle ihr zur Verfügung stehenden Fäden selbst in die Hand und spinnt die Erzählungen, die im überlieferten Repertoire meist nur Leerstellen sind. Dadurch ermöglicht sie ihren Hörer*innen einen ganz neuen und experimentellen Zugang zur alpenländischen Volksmusik. Zur Figuration der Spinnerin sagt sie im >>> Interview mit music austria

Die Spinnerin steht oft für ein Symbol der Entscheidungen des Schicksals. Etwa zwischen Leben und Tod. Sie spinnt den Lebensfaden und wenn der reißt, stirbt auch eine Person. Der Lebensfaden liegt quasi in ihrer Hand. Ich habe dieses Bild als ein sehr schönes empfunden. Zugleich ist Spinnerin auch ein Wort, das oft schon auch abwertend verwendet wird. Bezeichnet man eine Frau als Spinnerin, ist das oft nicht unbedingt positiv gemeint, sondern man kreidet ihr zum Beispiel an, dass sie unangepasst lebt. Was ich wirklich schön empfinde, ist, dass sich durch diese Interviews, durch meine Treffen mit diesen Frauen, durch ihre Erzählungen, durch meine Recherche, dadurch, dass ich das alles weiterverarbeitet habe und sich die Frauen einander kennengelernt haben, sich ein narratives Netz zwischen allen an diesem Projekt Beteiligten gesponnen hat. Ich finde es schön, eine Spinnerin von vielen zu sein. 

Sarah Auer

 



Spinnerin
von Julia Lacherstorfer

www.julialacherstorfer.at

 

 

 

 




 

 

 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 


 


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Jänner 2022

 

 

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst.
S. Fischer 2020.

May I see your passport please?
Ich spreche Deutsch.
Achso. 

In mal präzise verdichteten, mal detailliert ausformulierten, mal augenfällig ambivalenten Dialogen verhandelt die deutsche Künstlerin Olivia Wenzel in ihrem Prosadebüt 1000 Serpentinen Angst schwierige Fragen der Zugehörigkeit und deren Verschränkungen mit den Bewegungen der Figuren im Raum und im Kopf. In jenen Dialogpassagen, die den Großteil des Romans speisen und die durchaus an den Charakter eines filmischen Drehbuchs erinnern, ist jedoch nicht immer klar, wer gerade mit wem spricht. Nur selten werden die Sprechenden explizit ausgewiesen oder gar namentlich bezeichnet – und auch der Realitätsgehalt des jeweiligen Gesprächs bleibt häufig offen: Als Leser*in kann man*frau sich nicht immer sicher sein, ob die wiedergegebene Unterhaltung (innerhalb der fiktionalen Realität) wirklich so stattgefunden hat, ob sie sich nur in der Gedankenwelt der Protagonistin abspielt oder ob sie eine Verschmelzung verschiedener, wiederholt erlebter Erfahrungen darstellt. 

Beständig müssen wir als Leser*innen daher den Text und uns selbst (be-)fragen: Handelt es sich bei der soeben gelesenen Passage um ein Einreiseverhör am Flughafen? Um ein Therapiegespräch zwischen Patientin und Psycholog*in? Um einen imaginierten Dialog der Protagonistin mit ihrem verstorbenen Zwillingsbruder? Oder doch um ein Zwie- bzw. Streitgespräch der Figur mit sich selbst bzw. ihrem Alter-Ego? Die Vielschichtigkeit, mit der Olivia Wenzel in 1000 Serpentinen Angst all diese Textformen ineinander zu verweben versteht, zeugt von ihrem großen Talent nicht nur als Dramaturgin, sondern auch als Erzählerin. 

Im Zentrum des Romans steht eine namenlose junge Schwarze Frau, die als Tochter einer deutschen Punkerin und eines angolanischen Gastarbeiters in der DDR aufwächst. Dort muss sie nicht nur mit dem latenten Rassismus ihrer Großmutter leben lernen, sondern kann sich auch im öffentlichen Raum nur eingeschränkt bewegen. Am Badesee versteckt sie sich als Jugendliche vor Neonazis, um nicht einer Gewalttat zum Opfer zu fallen; auf der Straße wird sie auf Englisch angesprochen, weil ihr Aussehen ihr Gegenüber zu der Annahme verleitet, sie könne natürlich nicht „von hier“ sein. 

Jene Zugehörigkeit, die ihr in Deutschland während ihrer Kindheit und Jugendzeit verwehrt wird, kann die Ich-Erzählerin erst als Erwachsene empfinden, als sie in die USA (wo paradoxerweise gerade Donald Trump zum Präsidenten gewählt wird) reist. Erstmals wird sie dort als Deutsche wahrgenommen – und nicht mehr auf ihre Hautfarbe als Marker ihrer vermeintlichen Andersheit reduziert. In einer Welt hingegen, in der Deutschsein immer noch weitgehend mit Weißsein assoziiert wird und in der diese Verbindung oft unhinterfragt bleibt und dadurch zur Norm(alität) wird, kann sie sich nie ganz von dem Gefühl des Fremdseins und von ihren Angstzuständen – die sie nicht erst seit dem Selbstmord ihres Bruders verfolgen – befreien. 

Es gibt jetzt Angst, zu jeder Zeit, der Psychiater kann sie mir nicht nehmen. Wie auch, sie ist ungreifbar.

Um jenes Trauma aufzuarbeiten, das familiärer, institutioneller und systemischer Rassismus in ihr hinterlassen haben, dafür wurden nicht einmal die Psychotherapeut*innen in Deutschland ausgebildet. Und so schlägt sich die Protagonistin zu weiten Strecken alleine durch ihren Alltag, denn auch ihre Eltern sind beide abwesend – der Kontakt zu ihrer Mutter ist so gut wie abgebrochen, der wohlhabende Vater schickt immerhin Geld aus Angola. Zum Glück gibt es da noch zwei Freund*innen, die ihr zur Seite stehen. 

WO BIST DU JETZT? 
Irgendwo im Flugzeug.
Excuse me, dürfte ich mal bitte Ihren Boardingpass sehen?
Ich habe mich umgesetzt, also ich sitze eigentlich da hinten, aber es war so eng.
Das ist leider nicht erlaubt.
Aber die ganze Reihe ist frei. Oder, ach so, weil hier der Notausstieg ist?
Der Sitzplatz XL kostet 83 Dollar extra. 
Weil hier mehr Platz ist? Aber die ganzen anderen Sitze sind viel zu klein für mich, ich kann da mit den Beinen nicht mal gerade sitzen.
Tut mir leid, Sie müssen jetzt bitte zurück an Ihren Platz gehen. 
Ja, okay.
WO IST DEIN PLATZ? 

WO IST DEIN PLATZ? 

HAST DU EINEN KOMPASS DABEI? 
Wozu? 
HAST DU DAS GEFÜHL, DEIN LEBEN HAT EIN ZENTRUM?
Vielleicht.
HAST DU DAS GEFÜHL, DEIN LEBEN NÄHERT SICH EINEM ZIEL?
Nein.
WER SIND DEINE NACHBARN?
Meine Nachbarn! 
WO BIST DU GEMELDET?
In Berlin.
WO KOMMST DU HER?
Ich komme –
WO KOMMST DU HER?
Ich komme –
WO KOMMST DU HER?
Ich komme –

Es ist die Auseinandersetzung der Protagonistin mit ihrer Positionierung sowie mit ihren Bewegungen im Raum bzw. in der Gesellschaft, ihre Auseinandersetzung mit ihren Begegnungen mit ihrer Umwelt und mit sich selbst, aus der sich das dialogische Gestaltungsprinzip Romans entfaltet: Mal speisen sich die Fragen, die das namenlose Ich an das namenlose Du stellt, aus Neugier, mal wirken sie provokant, manchmal sogar übergriffig. Geantwortet wird nicht immer gewissenhaft, sondern immer wieder ausweichend, mit Gegenfragen, oft drehen wir uns im Kreis. Unterbrochen werden die Dialogpassagen regelmäßig von fragmentarischen Erinnerungsstücken, in denen wir gemeinsam mit der Protagonistin an jenen Bahnsteig zurückkehren, an dem sich ihr Bruder das Leben genommen hat. 

Mein Herz ist ein Automat aus Blech. Dieser Automat steht an irgendeinem Bahnsteig, in irgendeiner Stadt. Ein vereinzelter, industrieller Klotz, trotzdem unscheinbar. Eine Maschine, ein rostfreier, glänzender, quadratischer Koloss. Warum steht er allein, wer hat ihn erfunden? 

Aber nicht nur (Grenz-)Orte des Reisens spielen in Olivia Wenzels Roman eine zentrale Rolle, auch die (durch kulturelle und nationale Zugehörigkeiten bestimmten) Bedingungen und Möglichkeiten des Reisens werden darin kritisch be- und hinterfragt. 

KANN ICH MICH AUSWEISEN?
Du kannst überall hin und andere Menschen nirgends, das ist für dich so selbstverständlich, wie ins Theater zu gehen.
MANCHMAL HALTE ICH DIESES PRIVILEG NICHT AUS. 
Und manchmal genießt du es bedenkenlos.
ICH WEISS.
In dieser Hinsicht bist du weiß.
DANKE FÜR DEN HINWEIS. 
Wegen deines Ausweises.
SCHON KLAR.

In ihrem Roman 1000 Serpentinen Angst entwirft Olivia Wenzel eine literarisch beeindruckende, bewegende und bewegte Textur, deren durchdachte Komposition eindringlich und bestimmt, humorvoll und poetisch mehr Fragen als Antworten aufwirft – und dennoch nie die Hoffnung aufgibt.



Claudia Sackl

 



1000 Serpentinen Angst
von Olivia Wenzel

 

 

 

 




 

 

 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 


 

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Die Lese-Tipps der vergangenen Jahre finden Sie >>> hier.

 

 

 

 

 

 

 

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