Literarische Kurse
Fernkurs-Tipps

Oktober 2019

 

   

Barbara Frischmuth, Ruth Klüger, Marlene Streeruwitz: Lesen. Drei Annäherungen
Mit einem Nachwort von Gerhard Melzer.
Wien: Sonderzahl Verlag 2013.

Parallel zum Beginn unseres neuen >>> Fernkurs für Literatur tauchen wir auch mit unserem aktuellen Lese-Tipp anhand von Essays von Marlene Streeruwitz, Barbara Frischmuth und Ruth Klüger in die vielseitigen Aspekte und Funktionen jener Kulturtechnik ein, die auch im ersten Fernkurs-Modul im Zentrum steht. Im Rahmen des zehnjährigen Jubiläums des Literaturhaus Graz verfassten die österreichischen Autorinnen drei Essays über ihre persönlichen Leseerfahrungen, die in einem schmalen, aber quadratischen Büchlein Lesen. Drei Annäherungen 2013 mit einem Nachwort von Gerhard Melzer, dem damaligen Leiter des Literaturhauses, veröffentlicht wurden.

Wer hat noch nicht, wie vom Blitz getroffen, in ein Buch gestarrt – oder es in die Ecke geschleudert – und, vom Begreifen überfallen, nach Luft gerungen, weil eine Stelle, ein Satz, ja ein Wort in der ganz bestimmten Konfiguration des Textes etwas in ihr oder ihm getroffen hat.
(Marlene Streeruwitz, Tübinger Poetikvorlesungen, S. 9)

Ein solch intensives, fast schockhaftes Lektüreerlebnis beschreibt Marlene Streeruwitz auch in ihrem Essay „Leseerfahrungen“, in dem sie eine fiktive Leserin (oder ein literarischer Alter-Ego?) den gelesenen Schmerz als Erinnerung in sich selbst spüren (S. 12) lässt. Ganz unvermittelt trifft sie dieser Schmerz. In dem Schanigarten eines Cafés sitzend. Sich an jene Buchstelle erinnernd, die einen so tiefgreifenden Eindruck bei ihr hinterlassen hat: Da war es gewesen. In diesem Augenblick. […] In ihrer Vorstellung, die zunehmend austauschbar wird mit dem tatsächlich Gefühlten. Wenn Körperliches und Imaginiertes ineinander verschwimmen, die Grenzen zwischen dem Faktualen und dem Fiktionalen durchlässig werden, wenn jener intersubjektive Schmerz doch und zur gleichen Zeit […] in dem Buch gefangen und weggehalten. Weggesperrt. Ihr vorenthalten und ihr erlassen. Im Buch vibrierend und zur jederzeitigen Aufrufung (S. 13). Das bedeutsame Identifikationspotential von Literatur, die im besten Fall nicht nur Empathie herzustellen weiß, hebt auch Jana Sommeregger in ihrem >>> Horizonte-Heft zum Lesen hervor, das am Anfang unseres Fernkurses einLESEN steht.

Ebenso erwähnt sie Ruth Klüger, jene Autorin jüdischer Herkunft, für die (das Rezitieren und die klangvolle, gebundene Sprache von) Lyrik zur Überlebensstrategie wurde, die ihr half, sich von der immer bedruckender werdenden Umwelt zu distanzieren (S. 42). In ihren zwei Jahren in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt hat Ruth Klüger, so die passionierte Leserin wie Verfasserin von Gedichten in einem Gespräch mit Bettina Baumann (DW), nur deshalb ihren Verstand nicht verloren, weil es zum einen der Zufall wollte, und weil sie zum anderen Reime gemacht hat:

Man fragte sich, worin denn das Tröstliche an so einem Aufsagen von Gereimtem eigentlich besteht, schreibt sie in ihrem Essay „Lyrik lesen“. Mir scheint indessen, dass der Inhalt der Verse erst in zweiter Linie von Bedeutung war und dass uns in erster Linie die Form selbst, die gebundene Sprache, eine Stütze gab. Oder vielleicht ist auch diese schlichte Deutung schon zu hoch gegriffen, und man sollte zu allererst feststellen, dass Verse, indem sie die Zeit einteilen, im wörtlichen Sinne ein Zeitvertreib sind. (S. 43f.)

Von besonderer Bedeutung und „Brauchbarkeit“ erwiesen sich für Ruth Klüger Friedrich Schillers Balladen, die sie als Anfang ihrer literarischen Bildung bezeichnet: Es ist (oder war) etwas an diesen Versen, das es leicht machte, sich ihnen anzuvertrauen. (S. 42)

Vom Sich-Vertraut-Machen mit den befremdlichen Wörtern und Buchstaben, die auf abstrakte, ja willkürliche Weise unsere Laute verbildlichen, erzählt auch Barbara Frischmuth in ihrem Beitrag „Hänschen klein“.

Nein, ich gehörte nicht zu den Kindern, die schon im Vorschulalter – wie heißt es so schön – sinnerfassend lesen konnten. […] Ein Wort stach mir ins Auge, dessen Buchstaben mir vertraut waren, das aber keinen Sinn ergab: Hän/schen. Ich wusste, dass man s c h wie sch aussprach, was aber sollte Hän schen bedeuten? Und plötzlich traf es mich wie der Einschlag eines Meteoriten (S. 28)

Die Unbeständigkeit der Bedeutungen von Wörtern und Buchstabenkombinationen wie Hän/schen – die nicht nur in der unterschiedlichen Lesart liegen, sondern auch je nach außersprachlichem Kontext und sprachlichem Zusammenhang variieren – begriff die Schriftstellerin schon als Kind nicht als Entmutigung, sondern als Herausforderung, sich mit den ständig oszillierenden Wortbedeutungen auseinanderzusetzen und sie in ungewöhnliche Zusammenhänge zu stellen. In anderen Worten: Literatur zu lesen bzw. zu schreiben. In dieser fand sie sich – war die erste Erkenntnisschwelle der Differenz zwischen Hän/schen und Häns/chen erst einmal bewältigt – ohne große Mühsal zurecht:

Da die Welt in einem Buch viel schneller zu erfassen ist denn die Welt als Welt, lernte ich die Welt, von der in dem Buch die Rede war, rascher als eine der möglichen kennen, die jeweils aus dem bestanden, was ihnen zwischen zwei Buchdeckeln zugestanden wurde. […] Die Welt um mich herum veränderte sich schneller und nachdrücklicher als die, die ich im jeweiligen Buch vorfand, so dass mir die Welt in den Büchern verlässlicher und vertrauenswürdiger erschien als die wirkliche Welt. (S. 28f.)

Wie Marlene Streeruwitz in ihren Tübinger Poetikvorlesungen hervorhebt, ist das Produzieren und Rezipieren von literarischen Texten jedoch nicht nur das Eintauchen in andere Welten:

Literarisches Schreiben und Lesen sind, wie alle Prozesse von Sprachfindung, mögliche Formen des In-sich-Hineinblickens. Sind Schnitte in die sichtbare Oberfläche, um tiefere Schichten freizulegen. Sind Forschungsreisen ins Verborgene. Verhüllte. Mitteilungen über die Geheimnisse und das Verbotene. Sind Sprachen, die das Sprechen der Selbstbefragung möglich machen. Und sie so zur Erscheinung bringen. (S. 9)

 

Claudia Sackl

 

 

Lesen. Drei Annäherungen
von Barbara Frischmuth, Ruth Klüger und Marlene Streeruwitz.
Wien: Sonderzahl Verlag 2013.

 

 

 

 

 


Marlene Streeruwitz
Foto: Yvonne Ihmels

 

 

 

 

 


Ruth Klüger
Foto: Blaues Sofa

 

 

 

 

 

 


Barbara Frischmuth
Foto: Franz Johann Morgenbesser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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September 2019

 

   

Susan Kreller:
Pirasol

München: Berlin Verlag 2017.

In einem Monat startet der neue >>> Fernkurs für Literatur, der sich gleich zu Anfang mit dem Lesen als Kulturtechnik auseinandersetzt. Auch in Susan Krellers Roman Pirasol erhält das Lesen und (das Lesen, Erkennen und Wiedergeben) literarische(r) Texte besondere Bedeutung.
Mit dem Titel ihres Buches bezeichnet die deutsche Schriftstellerin mehr als nur die Papierfabrikantenvilla der Familie Suhr, in der die 84-jährige Gwendolin seit ihrer Heirat mit dem herrischen Willem und nach dessen Tod nun als Alleinerbin lebt. Gallus Frei schreibt in seiner Rezension zu dem Roman:

Pirasol ist Schauplatz vieler Kriege, einem Ehekrieg mit einseitiger Bewaffnung, einem Vater-Sohn-Krieg mit ungleichlangen Schwertern, dem Rachefeldzug einer Vertriebenen und einem Kampf einer Frau ein Leben lang mit sich selbst. (literaturblatt.ch)

Es ist ein weiterer (historischer) Krieg, der ebenfalls eine zentrale Rolle in der Biografie der Protagonistin einnimmt, wenn diese erleben muss, wie ihr politisch und ideologisch engagierter Vater in das Konzentrationslager Oranienburg bei Berlin gesperrt wird. Wie ihre Mutter aus den zerbombten Straßen nach einem Einkauf nicht mehr zurückkommt. Und wie ihr Vater nach Kriegsende als ein anderer heimkehrt, völlig erstarrt von dem Erlebten; als einst sprachgewaltige Vertrauensperson, die nun kein Wort mehr verliert.

Auf drei ineinander verwobenen Zeitebenen erzählt Susan Kreller auf verdichtete und doch leichtfüßige Weise von düsteren, aber stets auch hoffnungsvollen Momenten des Lebens einer Frau, die nicht nur in ihrem sozialen Umfeld vereinsamt, sondern sich auch von sich selbst entfremdet, wenn sie in ihrem eigenen Leben immer mehr zurückgedrängt wird. Der schützenden Obhut ihrer Eltern entzogen, ist sie bereits als 14-jähriges Mädchen im kriegszerstörten Berlin ständigem Hunger, Kälte und Angst ausgeliefert. Die sexuellen Bedrängungen des übergriffigen Jacken-Karl – einem Mithäftling ihres Vaters, bei dem sie nach dessen Tod unterkommt –, die tyrannischen Auswüchse ihres übermächtigen Ehemannes, dessen psychischen Terror und Gewaltausbrüche gegenüber ihrem gemeinsamen Sohn, sowie schließlich die feindliche Übernahme ihres Hauses durch die nach Vergeltung sinnende Thea – all das erduldet Gwendolin still. Dabei verliert sie nicht nur ihren Sohn, sondern auch ihre eigene Selbstbestimmtheit.

Stets leuchtet vor dem Hintergrund dieser zerstörten Familienverhältnisse aber Gwendolins heile, vielleicht auch idealisierte Kindheit vor dem Krieg, die ihr – als noch intakter Rückzugsraum – Zuflucht vor den tristen geschichtsträchtigen Realitäten bietet. Die Schutzfunktion dieses glücklichen Kindseins wird durch die enge Verbindung zum Vater auf das Medium des Buches, Literatur und das literarische, intertextuelle Sprechen im Allgemeinen übertragen. In der Bibliothek des Vaters findet Gwedolin die ihr entrissene Bezugsperson wieder, die in dem ewigen Warten auf den Vater in der einsamen Wohnung wieder nahbar wird. In seiner Abwesenheit liest Gwendolin seine Bücher in alphabetischer Reihenfolge, deren Ordnung auch den vorliegenden Roman strukturiert:

Der Vater würde es kaum wagen, fortzubleiben, nicht nach all den Büchern, die sie schon für ihn gelesen hatte. Obwohl sie erst bei B war.
Bogdanow,
Brecht,
Brod.
(S. 81)

Aus dem Konzentrationslager schreibt der Vater scheinbar bedeutungsleere Briefe an seine Familie, deren Chiffren nur die Tochter zu decodieren vermag. Mithilfe verschlüsselter Zitate aus seinen Büchern legt er darin sein Innerstes offen. Aber nicht nur in dieser Hinsicht wird literarische Sprache in Susan Krellers Roman zur Überlebens-, Widerstands- und Befreiungsstrategie. Als Gwendolin knapp 70 Jahre später schließlich – wohl zum wiederholten Male – bei Z ankommt, ist sie auch wieder bei sich selbst angelangt und kann ihre Stimme wiederfinden:

Sie nimmt zwei Bücher von der Leiterstufe und wirft sie mit aller Kraft nach unten auf das Parkett, lässt sie Thea ins Wort fallen:
Zischka,
Zöberlein,
und so laut kommen sie unten an, dass […] Gwendolin […] noch lauter [wird], und zum ersten Mal im Leben fühlt sie sich die Stimme auskosten, die ihr gegeben wurde und die noch funktioniert.
(S. 269)

Susan Krellers Roman beeindruckt nicht nur durch die feine Balance zwischen seiner unheimlichen erzählerischen und bildsprachlichen Dichte und seiner dennoch feingliedrigen Struktur, die Motive, Erzählstränge und Figuren zusammenhält, sondern auch durch die präzise und zugleich ungemein poetische Sprache, mit der die Autorin jene Ungeheuerlichkeiten literarisiert, die Menschen einander innerhalb gesellschaftlicher wie familiärer Gefüge antun. Die ambivalent gezeichneten Charaktere werden dabei stets gebrochen, wenn einstige Retter_innen zu neuerlichen Unterdrücker_innen werden und sich Gwedolin durch die von ihr selbst auferlegten Fesseln ebenso stark einschränkt wie fremdbestimmte das tun. Die psychologischen (Un-)Tiefen ihrer Figuren weiß die mehrfach preisgekrönte Autorin mit unverblümten Worten zu erkunden und dabei die berührende, aber an keiner Stelle kitschige Emanzipation einer Protagonistin nachzuzeichnen, die sich erst aus dem Gefängnis ihrer eigenen Stille (Susan Kreller in literaturblatt.ch) befreien muss, um wieder ein ganze[r] Mensch (Pirasol S. 278) sein zu können.

 

Claudia Sackl

 

Pirasol
von Susan Kreller.
München: Berlin Verlag 2017.

 

 

 

 

 

 

 


Foto: STUBE

Susan Kreller, geb. 1977 in Plauen in Deutschland, studierte Germanistik und Anglistik. Sie erhielt u.a. das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium, den Hansjörg-Martin-Preis (2013) und Deutschen Jugendliteraturpreis für Schneeriese (2015).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von 27. bis 29. September haben Sie die Möglichkeit, in einer
>>> Schreibwerkstatt mit Susan Kreller in Wien ihr eigenes literarischen Schreiben zu erproben und zu reflektieren. (Anmeldung bis 9. September)

 


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Sommer 2019

 

 

Cornelius Hell:
Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum.
Streifzüge durch die Literatur von Meister Eckhart
bis Elfriede Gerstl
Wien: Sonderzahl 2019.

Lesen… Was verbinden Sie mit diesem Tätigkeitswort? Welche Verben fallen Ihnen ein, wenn Sie an Ihr eigenes Lesen denken?

Cornelius Hell, Literaturkritiker, Übersetzer und Autor, legt gleich im Vorwort dieses Buches seinen Zugang offen:

Lesen. Alles, was ich in die Hand bekomme von einem Schriftsteller, einer Schriftstellerin. Kreuz und quer durch das Werk lesen und einiges ganz genau. So lange, bis mir dieses Werk unausweichlich wird, bis ich es nicht mehr weghalten kann von meiner eigenen Wahrnehmung, meinem Empfinden und Denken. Bis ich mich nicht mehr heraushalten kann aus diesen Texten. Mich festlesen an Sätzen, denen ich nicht entkomme. (S. 9)

Aus dieser Haltung heraus sind über Jahre hinweg zahlreiche kurze Essays für die Ö1-Sendereihe „Gedanken für den Tag“ entstanden. Diese „Streifzüge durch die Literatur“ – wie es im Untertitel heißt – bieten deshalb nicht nur kompakte Informationen und pointierte Analysen zu einzelnen Autorinnen und Autoren, sondern vor allem auch Einblicke in die (lustvolle) Arbeit eines passionierten Lesers.

Cornelius Hell geht in seinen Lektüren aufs Ganze und ist damit weit entfernt von oberflächlichen und schnellen Zugängen zu Texten à la „30 Bücher, die man (nicht) gelesen haben muss, um mitreden zu können.“ Diese Intensität der Auseinandersetzung haftet jedem einzelnen der ursprünglich zweiminütigen (Hör-)Beiträge an, die hier versammelt sind.

Vielleicht sollte man das Buch deshalb auch so lesen, wie es ursprünglich gedacht war: in kleinen Häppchen, die den Tag über nachklingen und Lesen und Leben durchdringen.

Die einzelnen Miniaturen sind liebevoll gestaltet und genau durchkomponiert. Einmal erfolgt die Annäherung an einen Autor oder eine Autorin über die persönliche Begegnung oder die eigene Leseerfahrung, einmal ist es ein pointiertes Zitat, ein Bild oder eine Parallele zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema. Immer aber werden die Leserinnen und Leser mit hineingenommen in einen Leseprozess; die Neugierde ist geweckt, so wie hier mit den ersten Zeilen zu Gerhart Hauptmann:

„Ich glaube, ich bin ein Genie.“ Wer so von sich redet, erntet nicht gerade Sympathie, vor allem, wenn er erst dreiundzwanzig Jahre alt ist und wenig vorzuweisen hat, worauf sich die stolze Behauptung gründen könnte – wie Gerhart Hauptmann, der seine Selbsteinschätzung in einem Brief hinausposaunte. (S. 82)

Cornelius Hell hat einen sehr genauen Blick auf die Texte; einen Blick, der auf Details fokussiert und damit einzelne Wörter und Sätze ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Solche „Sätze“, die beim Lesen eine besondere Kraft entwickelt haben, bilden dann auch die Kapitelüberschriften zu den einzelnen Beiträgen: „Ein Blatt aus sommerlichen Tagen“ (Theodor Storm), „Ich bin ein Mystiker und ich glaube an nichts“ (E.M. Cioran), „Nimmergrün und Amselstumm“ (Christine Busta), „Wilna, du reifer Holunder“ (Johannes Bobrowski), „Ich will meinen Kampf beten“ (Thomas Bernhard), „Manche kommen aus dem Staunen nicht heraus, manche nie hinein.“ (Elfriede Gerstl) etc. Das Buch wird so auch zur Sammlung „einer eisernen Reserve von unvergesslichen Sätzen“ (S. 98), zu einem Sprachschatz, wenn die eigenen Worte einmal fehlen.

Der genaue Blick verhindert gleichzeitig aber auch jegliche Romantisierung von Literatur. Die vorgestellten Autor_innen kommen mit ihren hellen und dunklen Seiten in den Blick. Da ist auch von der langen Sympathie Christine Bustas für den Nationalsozialismus die Rede oder von der Todessehnsucht Theodor Storms, der der Autor nicht folgen mag. Und auch das Lesen selbst will kritisch betrachtet sein. Wer weiß, ob Lesen nicht auch blind machen kann? Eine Form des Rückzugs sein kann? Und was, wenn aus einem Vielleser eine „Lesemaschine“ (S. 118) wird?

Denn der Kopf eines Lesers wird allzu schnell zum Tummelplatz fremder Gedanken, wie schon Arthur Schopenhauer gewarnt hat. Er meinte: „Solches ist aber der Fall bei sehr vielen Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.“ Da hilft nur eines: Sich das eigene Urteil über Bücher und Autoren nicht nehmen lassen und beim Lesen die eigenen Erfahrungen und Vorlieben nie aus dem Blick verlieren. (S. 118)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht der Wunsch, basierend auf dem Klappentext von Wendelin Schmidt-Dengler: Stecken Sie sich dieses Buch als „Vademecum“ (lateinisch vade mecum „geh mit mir!“) in die Tasche. Dann ist für Begleitung auf Ihrem Lese-Weg gesorgt.

 

Verfasst von Helene Thorwartl

 

 

Ohne Lesen
wäre das Leben ein Irrtum

von Cornelius Hell.
Wien: Sonderzahl 2019.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Cornelius Hell
auf der Fernkurstagung
der Literarischen Kurse
im März 2018.

Der Autor lebt als Übersetzer, Literaturkritiker und Essayist in Wien. Weitere Publikationen u.a.:
Lesen ist Leben. Gedanken für den Tag (Wieser 2007).
Ausgezeichnet u.a. mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung (2018).

 


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Mai 2019

 

 

Neal Shusterman: Kompass ohne Norden
Aus dem amerikanischen Englisch von Ingo Herzke.
Mit Illustrationen von Brendan Shusterman.
München: Hanser 2018.

Caden Bosch ist 15 Jahre alt, eigentlich ein tüchtiger, schlauer Schüler, ein freundlicher, witziger Junge. Die Realität scheint ihm jedoch zunehmend zu entgleiten, wenn er sich immer öfter von unerklärlichen Gefahren verfolgt, unbennenbaren Gefühlen zermürbt fühlt. Neal Shustermans Erzählung über Cadens psychischen Veränderungsprozess folgt dabei zwei Handlungssträngen, die auf eine Weise ineinander verzahnt sind, dass die Lektüre zwar keine leichte und rasche, dafür aber eine umso intensivere und ergiebigere sein kann, lässt man sich ganz auf den Text ein.

Dieser lässt seine beiden Ich-Perspektiven zugleich gegeneinander, miteinander und ineinander erzählen: Jene von Cadens sich stetig intensivierenden Symptomen, in der er zunehmend die Kontrolle über seine Gedankenwelt verliert. Und jene von Cadens Aufenthalt auf einem ominösen Schiff, das an die tiefste Stelle des Marianengrabens unterwegs ist: das Challengertief – das auch den Titel für die englische Originalausgabe liefert. Auf dem Schiff zeichnet Caden das, was er sieht, erfährt und fühlt. Dabei trifft er nicht nur auf den bestimmenden, vermeintlich sympathischen, aber nicht unverdächtigen Schiffskapitän sowie ein mystifiziertes weibliches Wesen namens Kalliope, das sich in der (immobilisierten) Gallionsfigur des Schiffs körperlich manifestiert, sondern auch auf einen in Rätseln sprechenden Papagei, der in zur Meuterei anzustiften und in die Cocktailbar im Krähennest zu locken sucht. Auf dem Schiff im Ozean werden Raum und Zeit weit über die Grenzen des physikalisch möglichen hinausgeführt, ziehen endlose Kreise in der amorphen Masse von Wasser und Wellen. Perspektive und Größenverhältnisse werden verzerrt, Vernunft und Logikverständnis außer Kraft gesetzt.

Der Steuermann sagt, ich solle mir deswegen keine Sorgen machen. Er deutet auf den Pergamentblock, auf dem ich oft zeichne, um mir die Zeit zu vertreiben. "Halt deine Gefühle mit Strich und Farbe fest"; rät er mir. "Farben, Garben, Narben, darben – deine Zeichnungen machen mich hungrig, schreien mich an, zwingen mich zu sehen. Meine Karten zeigen uns die Route, aber deine Visionen weisen uns den Weg. Du bist der Kompass, Caden Bosch. Du bist der Kompass!"
"Wenn ich der Kompass bin, dann bin ich ziemlich nutzlos", antworte ich. "Ich kann Norden nicht finden."
"Natürlich kannst du das", sagt er. "Bloß dass sich der Norden in diesen Gewässern ständig in den Schwanz beißt."
Dabei fällt mir ein früherer Freund ein, der meinte, Norden sei immer die Richtung, in die er schaute. So langsam glaube ich, er könnte recht gehabt haben.
(S. 17)

Der US-amerikanische Autor unternimmt dabei einen einmaligen Versuch, psychische Krankheit sprachlich zu fassen und literarisch darzustellen. Angesichts der Unmöglichkeit, von einer objektiven Außenperspektive eine wahrhaft 'authentische' Darstellung von Cadens Innenleben zu schaffen, greift Neal Shusterman auf eine phantastische, sekundäre Erzählebene zurück, die der realistischen, primären Erzählebene spiegelbildlich gegenüber gestellt wird. Mit dem Abstieg in die auf realistisch-mimetische Weise – so legt der Roman nahe – unergründlichen Tiefen von Cadens Unbewusstsein, steigen wir als Leser_innen mit ihm hinab zu einer Reise zum tiefsten Punkt der Erde. Auch wenn diese Analogie keine subtile sein mag, ist die literar-ästhetische Umsetzung dennoch außergewöhnlich.

Als Darstellungsweise in der Literatur zielt Realismus im Sinne der Mimesis darauf ab, Wirklichkeit 'abzubilden', Wirklichkeit 'nachzuahmen'. Eine solche Erzählstrategie, die auf eine 'wirklichkeitsgetreue' Darstellung ausgerichtet ist,
ist im Angesicht des Unaussprechbaren, Unbeschreibbaren, Unvorstellbaren jedoch von vornehinein zum Scheitern verurteilt:

Was passiert also, wenn dein Universum allmählich aus dem Gleichgewicht gerät und du keine Erfahrung damit hast, es wieder in die Mitte zu rücken? (S. 39)

Um sich dieser imaginären, sinnlichen und sprachlichen Leerstelle dennoch nähern zu können, verschränkt Neal Shusterman jene zwei Erzählebenen, die erst in ihrem reziproken Dialog sowie in ihren wechselseitigen Dissonanzen – ihren Rissen und Brüchen im Prozess der Bedeutungskonstruktion und des Erfahrbar-Machens, die trotz der Parallelführung der fiktionalen Figuren(entwicklung) offen bleiben – ihre volle Bedeutung erschöpfen.

Der Roman ist dabei nicht 'nur' Fiktion; in ihm greifen Realität und Fiktionalität auf fast unheimliche Weise ineinander.
Als Jugendlicher wurde bei Neal Shustermans Sohn eine schizoaffektive Störung diagnostiziert. Während seinen schizophrenen Episoden zeichnete Brendan Shusterman. Unter anderem entwarf er dabei jene zwölf Bilder, die im Buch in Grautönen abgedruckt sind und so die Illusion von Authentizität noch verstärken. Die feingliedrig-psychedelischen Illustrationen spielen das Verwirrspiel von Traum und Wirklichkeit, das in der Erzählung auf fiktionaler sowie narratologischer Ebene vollzogen wird, in Bezug auf die Korrelation von inner- und außerfiktionaler Welt weiter und verzweigen Imaginäres und Reales noch stärker ineinander.

 

Verfasst von Claudia Sackl

 

 

 

Kompass ohne Norden
von Neal Shusterman.
Übers. v. Ingo Herzke.
Ill. v. Brendan Shusterman.
München: Hanser 2018.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Illustration von Brendan Shusterman.
© 2018 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München.

 


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April 2019

 

 

Brigitte Schwens-Harrant und Jörg Seip:
Mind the gap. Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten
Wien: Klever Verlag 2019.

Mind the gap – Achten Sie auf den Spalt! Achten Sie auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig, aber auch auf die Kluft zwischen Mann und Frau, die Unterschiede zwischen Stadt und Land, die Spannungen zwischen den Religionen und den Spalt ganz allgemein zwischen uns und den anderen, zwischen hier und dort, links und rechts …


Foto: Wikimedia Commons

Jede und jeder von uns ist täglich damit beschäftigt, Trennlinien zu markieren, Abstände festzulegen und sich abzugrenzen – als „Sicherheitshinweis“ sozusagen für sich und die anderen. Dabei geht es immer um die Fragen: Wo fange ich an? Und wo höre ich auf? Wer bin ich? Und was bzw. wo sind meine „Wurzeln“? Entlang dieser „gaps“ konstruieren wir unsere Identität. Und das ist gut so:

Es geht nicht um die Frage, ob Identität oder nicht – sie ist unumgänglich –, sondern um die Frage des Wie: Wie werden Identitäten gebildet? (S. 11 und 134)

Die beiden Autor_innen, Brigitte Schwens-Harrant (Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“, Literaturkritikerin) und Jörg Seip (Professor für Pastoraltheologie an der Universität Bonn) überschreiten den „Spalt“ zwischen ihren unterschiedlichen Professionen und legen in ihrem Essay-Band gemeinsam Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten.

Wie lässt sich die „eigene“ Identität benennen? Welche Rolle spielt dabei die „andere“ Identität? Wie wird verfertigt? Und wem dient das? Zu welchem Zweck? Und gibt es alternative Zuschreibungen und Narrationen? Die Autor_innen nehmen exemplarisch sieben Bereiche, in denen Identitätsfragen verhandelt werden, in den Blick: Liebe, Gender, Stadt, Hybride, Othering, Religion und Gast.

Dabei zeigt sich, dass Identität nicht als fertiges Produkt zu haben ist. Es ist fast unmöglich, einen festen Kern (S. 10) zu benennen, der immer gleich bleibt und sich überzeitlich fassen lässt. Im Gegenteil: Identität realisiert sich in der Auseinandersetzung und im Austausch mit dem „Anderen“. Ein sprechendes Beispiel des Soziologen Stuart Hall, der hier zitiert wird:

Tee steht symbolisch für englische Identität, wird aber gar nicht im Vereinigten Königreich angebaut, sondern stammt aus Ceylon/Sri Lanka: „Es gibt keine englische Geschichte ohne diese andere Geschichte. Die Vorstellung, Identität habe etwas mit Menschen zu tun, die alle gleich aussehen, auf dieselbe Weise fühlen und sich selbst als Gleiche wahrnehmen, ist Unsinn. Identität als Prozeß, als Erzählung, als Diskurs wird immer von der Position des Anderen aus erzählt.“ (S. 71)

Idealerweise wird dabei dieser Spalt zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu einem „Zwischenraum“, der nicht nur eine Grenze markiert, sondern neben „hier“ und „dort“ noch ein Drittes schafft. – Vergleichbar mit einem Treppenhaus, das nicht nur die notwendige „Lücke“ zwischen einzelnen abgeschlossenen Wohnungen bildet, sondern auch zu einem Ort des „Verhandelns“ und der Interaktion werden kann. Aus dem Sicherheitshinweis „Mind the gap“ wird dann ein Wegweiser, wie das Verfertigen der eigenen Identität im Austausch ständig voranschreiten kann.

Wer nach der Lektüre dieses Buches gleich in Bewegung bleiben will, sei auf die vielen literarischen Zitate verwiesen, welche die fundierten theoretischen Analysen der sieben Essays gekonnt begleiten, weiterführen, verstärken, spiegeln, aber auch kritisch hinterfragen, unterwandern, ironisieren, bloßlegen – was Literatur eben so vermag. Jane Austen, Michael Stavaric, Olga Flor, Toni Morrison, Nadine Gordimer, Ta-Nehisi Coates, Sinclair Lewis und noch viele mehr laden Sie ein, lesend alternative Identitätskonstruktionen zu erkunden.

Doch: Achten Sie auf die Lücke zwischen Text und LeserIn! Es kann sein, dass beim Überschreiten des Spalts ganz unvorhersehbar etwas Neues entsteht:

[So] verhält es sich mit dem literarischen Text und den literarischen Leserinnen und Lesern: Diese gibt es nur aufgrund von Übersetzungen. Übersetzungen haben die Funktion, etwas zu ersetzen, zu transformieren und zu erfinden. Und das betrifft Texte und Leserinnen zugleich: „Den“ Text gibt es ebensowenig wie es „die“ Leserin gibt, sie werden geboren im Akt der Lektüre […]. (S. 116)


Verfasst von Helene Thorwartl

 

Von 28. August bis 1. September 2019 finden diesen Sommer die 39. Vorauer Literaturtage mit Brigitte Schwens-Harrant und Semier Insayif statt. Diesmal steht das Literaturseminar unter dem Thema "glauben hoffen".
>>> mehr

 

 

Mind the gap. Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten
von Brigitte Schwens-Harrant und Jörg Seip. Wien: Klever 2019.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brigitte Schwens-Harrant ist Feuilletonchefin der österreichi-schen Wochenzeitung Die Furche, Literaturwissenschaftlerin (Universität Innsbruck) und Literaturkritikerin.

Weitere Publikationen: u.a. Ankommen. Gespräche mit Dimitré Dinev, Anna Kim, Radek Knapp, Julya Rabinovich und Michael Stavaric (2014);
Schrift ahoi! Literatur als Seefahrt. Ein Lexikon
(mit Jörg Seip, 2013);
Der geplünderte Tempel. Ein Dialog (mit Jörg Seip, 2012);
Literaturkritik. Eine Suche (2008).

 

 

 

 

Jörg Seip ist Professor für Pastoraltheologie an der Universität Bonn.

Weitere Publikationen: u.a.
Schrift ahoi! Literatur als Seefahrt. Ein Lexikon
(mit Brigitte Schwens-Harrant, 2013);
Der geplünderte Tempel. Ein Dialog (mit Brigitte Schwens-Harrant, 2012);
Der weiße Raum. Prolegomena einer ästhetischen Pastoral-theologie (2009).

 

 

 

 

 

 

 

 


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März 2019

 

 

Nadine Kegele:
Lieben muss man unfrisiert.
Protokolle nach Tonband

Wien: Kremayr & Scheriau 2017.

Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März soll dieses Monat das Buch einer jungen österreichischen Autorin im Zentrum stehen, die sich bereits in ihrem Debüt Annalieder (Czernin Verlag 2013) mit den facettenreichen Lebenswelten von Frauen* auf direkte und unverklärte Weise literarisch auseinandergesetzt hat. In Lieben muss man unfrisiert bringt Nadine Kegele nun diversitätssensible Genderthematiken über einen Publikumsverlag an ein breites Lesepublikum.

Nach dem Vorbild von Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne, in dem die österreichische Schriftstellerin vor gut 40 Jahren Tonbandprotokolle von Gesprächen mit Frauen über ihr Leben veröffentlichte – und das längst zu einem den Feminismus prägenden Klassiker geworden ist –, befragt Nadine Kegele nun weitere 19 Frauen* und Transgender-Personen zwischen 16 und 92 Jahren zu ihrem Leben, ihren Gefühlen und ihren Verletzlichkeiten. Sie sprechen über Körper und Sexualität, Familie und Beruf, über die Herausforderung Identitäten zu konstruieren, neu zu erfinden und nach außen zu tragen und davon, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Kein Mensch kann einem andern was verbieten. Es beginnt alles im Kopf. Wenn du willst, kannst du es tun. Aber ich wollte nicht.
(Michaela, 48, Reinigungsfachkraft)

Eingeleitet wird die Kompilation von einem fiktiven Gespräch zwischen Nadine Kegele und der vor knapp 42 Jahren verstorbenen Maxie Wander, sowie von einem engagierten Vorwort von Marlene Streeruwitz, das unabhängig von Nadine Kegeles bemerkenswerten Protokollen selbst schon ein absolutes Lektüre-Muss darstellt. In ihrem Vorwort begreift die renommierte österreichische Autorin Sprache als jenes Instrument, das Geschlecht erst sprechbar macht (S. 21), und utopiert eine sprachliche Selbstbestimmung von Identität: Unsere Kinder sollen sprechen lernen und nicht gesprochen werden (S. 23). Entsprechend sprachgewandt führt Marlene Streeruwitz vor Augen, wie Nadine Kegeles Buch der vermeintlichen Unsprechbarkeit (S. 23) normabweichender Lebenskonstruktionen entgegenwirkt.

Ich glaube, wir haben so viel erlernt, was vielleicht gar nicht wir sind, Stereotype von Geschlecht, von sozialen Schichten, von vielem. Ich bin ein Produkt meiner Gesellschaft, ich bin zu einer Frau gemacht, aber: Ich bin einfach Ona!
(Ona, 37, Filmemacherin)

Nadine Kegele stellt die gesellschaftlichen Normen patriarchaler Strukturen – jene des weißen, heterosexuellen Mannes – infrage, die unsere Gesellschaft trotz aller postfeministischer Begriffsbemühungen immer noch prägen, wenn wir beispielsweise Gewalt als selbstverständliche[n] Bestandteil des Lebens im gewählten Geschlecht (Vorwort von Marlene Streeruwitz, S. 20) ansehen ...

Warum muss mir das überhaupt so ein Gefühl geben? Warum muss ich mich überhaupt fürchten? Kein Mann hat sich jemals gefürchtet!
(Maria, 30, Studentische Mitarbeiterin)

... wenn Genderfreiheiten mehr als Geschenke angesehen [werden] und nicht als Rechte (Vorwort von Marlene Streeruwitz, S. 20) und wenn das Gewicht nicht leichte genug [ist], die Schwere der Norm zu füllen (ebda, S. 21).

Ich weigere mich, darüber zu reden, die Figur sollte kein Thema sein. Ich meine, Lena Dunham ist doch super sexy! Das Wichtigste ist deine eigene Beziehung zum Körper, und über die hat niemand zu urteilen.
(Ona, 37, Filmemacherin)

Die auf Tonband aufgezeichneten und von Nadine Kegele verschriftlichten und redigierten Protokolle berichten aber nicht nur von Geschlechterverhältnissen und der Rolle der Frau*, sondern sprechen auch soziale Ungerechtigkeit, Migration, Flucht und Rassismus an und verdeutlichen so das Zusammenwirken von Geschlecht, sexueller Orientierung, Klasse, Ethnie, Alter, Gesundheit, Behinderung, sowie die erfahrenen Diskriminierungen und Privilegien aufgrund dieser Faktoren.

Bist du aus dem Arbeitermilieu, hast du diese Codes nicht erlernt […]. Die haben tatsächlich gedacht, sie würden mit dem Sicherheitsnetz ihrer Eltern ein Risiko eingehen. Wenn ich springe, ist da unten nichts, Punkt. Mut muss man sich leisten können.
(Greta, 42, Bibliothekarin)

Mein Geschlecht war „behindert“. [...] Ich musste lange kämpfen, um als weiblich wahrgenommen zu werden.
(Esther, 49, Tänzerin)

Die vielstimmigen Erzählungen bewegen sich dabei stets zwischen Selbstbestimmung und Selbstzweifel, zwischen Macht und Ohnmacht. Sie sprechen unzensiert tabuisierte Themen wie Menstruation, Verhütung und Schwangerwerden an und verhandeln die dabei entstehenden Konflikte und Komplikationen. Besonders erschreckend ist, dass so gut wie alle der Befragten mit sexuellen Übergriffen im privaten oder öffentlichen Leben konfrontiert waren, sei es zu Hause, beim Gynäkologen oder in der U-Bahn.

In der U-Bahn bin ich mal von einem Mann angetatscht worden. Ich hab gesagt: Hören Sie sofort auf! Alle haben hergeschaut, aber geholfen hat niemand. Ich bin Schwarz, wissen Sie, da ist es manchmal so.
(Hillary, 16, Schülerin)

Nadine Kegele schafft so ein faszinierendes Zeitzeugnis (Sara Schausberger, Der Standard), das nicht nur normative, sondern unterschiedlichste Formen von Gender und Geschlecht kennt, lebt und akzeptiert. Dennoch liegt dem Buch natürlich ebenso ein künstlerische[s] Konzept (Nadine Kegele in Annette Raschner, Kultur) zugrunde. Die gesprochenen Tonbandaufzeichnungen verdichtet die Autorin in ihrem Buch zu schriftlichen fragmentierten Monologen, deren Dialogizität erkennbar bleibt, obwohl die Fragen der Autorin selbst nicht abgedruckt sind, aber stets in den Zwischenräumen der Erzählungen hindurchschimmern. Das Spektrum der zu Wort kommenden Personen gestaltet Nadine Kegele äußerst vielfältig und bezieht Menschen mit unterschiedlichster Ausbildung, verschiedensten Berufen und diversen Identitätsentwürfen ebenso ein, wie autochthone Österreicher_innen und Menschen mit migrantischem Hintergrund. Nicht zuletzt aufgrund dieser diversitären Zusammenstellung hinterfragen Nadine Kegeles literarisch adaptierte Tonbandprotokolle binäre Geschlechtszuweisungen und stellen sich gegen eine Geschichtsschreibung „von oben“.

Ich bin Putzfrau, und ich denke, dass Frauen diesen Job besser ausüben können, weil sie sauberer sind.
(Michaela, 48, Reinigungsfachkraft)

Ich habe meinen Sohn und meine Tochter nicht gleich erzogen, nein [...]. Ich wusste bereits beim Stillen, dass ich Leo nicht beibringen will, dass Frauen jederzeit körperlich verfügbar seien. (Ruth, 45, Scheidungsanwältin)

Vor vielen Jahren hätte ich noch gesagt: Ich identifiziere mich eher mit Geschlechter-forschung als mit Feminismus. Erst sukzessive habe ich verstanden, dass es etwas Kämpferisches braucht, damit etwas passiert. Denn um eines Tages bei Geschlechtergerechtigkeit anzukommen, müssen wir erstmal ordentlich feministisch sein. (Elena, 38, Unternehmerin)

Natürlich können die Leser_innen mit den Aussagen der Befragten übereinstimmen oder nicht, können sich davon irritiert, ja provoziert fühlen. Aber genau darum geht es (auch) in den Protokollen auf Tonband. Um das Zu-Wort-Kommen-Lassen aller Stimmen, um das Versprachlichen von Erlebnissen und das Gehört-Werden des Erzählten – unabhängig von persönlichen politischen Positionierungen und Agenden.

Ich sage es hier auf Tonband, / damit alle mich hören können.

ist auf dem knallroten Vor- und Nachsatzpapier des Bandes abgedruckt und fordert lautstark nicht nur das Gehört-Werden, sondern auch das Zuhören ein und zeigt so, dass jedes Leben erzählwürdig ist, auch wenn es erst aus der [vermeintlichen] Bedeutungslosikeit (Annette Raschner, Kultur) geholt werden muss.

 

Verfasst von Claudia Sackl

 

Lieben muss man unfrisiert. Protokolle nach Tonband
von Nadine Kegele.
Wien: Kremayr & Scheriau 2017.

 

 

Guten Morgen, du Schöne
von Maxie Wander. Mit einem Vorwort von Christa Wolf.
Berlin: Suhrkamp 2007 [1977].

 

 

 

 

 

 

 

 

Marlene Streeruwitz
(geb. 1950 in Baden bei Wien)
ist vielfach ausgezeichnete Schrifstellerin und Regisseurin.
www.marlenestreeruwitz.at

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nadine Kegele
(geb. 1980 in Bludenz)
Foto: © www.detailsinn.at
www.nadinekegele.net

 

 

 

 

 

 

 


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Februar 2019

 

 

Jackie Kay:
Die Adoptionspapiere. Gedichte
Aus dem Englischen von Helmuth A. Niederle.
München/Wien: edition KAPPA 2001.

In ihrer Gedichtsammlung Die Adoptionspapiere erzählt die schottische Schriftstellerin Jackie Kay von drei Frauen: Einer schottischen, jungen Frau, die in den 1960er Jahren nach einer Beziehung mit einem nigerianischen Mann schwanger wird. Einer ebenso schottischen, nicht mehr ganz so jungen Frau, die sich schon seit Jahren ein Kind wünscht. Einem schwarzen Mädchen, das nach seiner Geburt in einer Brutkammer ums Überleben kämpft und, als es aus dem Krankenhaus entlassen wird, von einer weißen Frau adoptiert wird.

Diese Ausgangssituation des Lyrikbandes schöpft sich aus der Biografie der Autorin, die diese auch in ihren – leider (noch) nicht ins Deutsche übersetzen – großartigen autobiografischen Roman Red Dust Road (2010) einfließen ließ. Geboren in Edinburgh, mit einer schottischen leiblichen Mutter und einem nigerianischen leiblichen Vater, der schon vor der Geburt seiner Tochter wieder in seine Heimat zurückkehrte, wurde Jackie Kay als Baby von einem schottischen weißen Paar, Helen und John Kay, adoptiert.

In ihren Gedichten verwebt die mittlerweile 57-jährige Autorin nun drei unterschiedliche lyrische Ichs ineinander: jenes der Tochter, der leiblichen Mutter und der Adoptivmutter, die jeweils in unterschiedlichen Schrifttypen gesetzt sind und durchwegs namenlos bleiben; abgesehen von der typografischen Differenzierung werden sie lediglich durch die vorangesetzten Abkürzungen (T), (LM) und (AM) markiert. Mal sprechen die drei Figuren in individuellen, abwechselnden Monologen, mal verschränken sich die Stimmen in einzelnen Strophen, einzelnen Versen, manchmal sogar innerhalb derselben Zeile. Zwar mögen die drei Stimmen über ihr Schriftbild voneinander getrennt sein, zusammen sind sie dennoch mehr als ihre Summe. In ihrem polyphonen Dialog, der sowohl räumliche als auch zeitliche Grenzen zu überbrücken vermag, finden sie mal über weite geografische Entfernungen zueinander:

(LM) Nie hätte ich gedacht, dass ein Spaziergang
auf der Hauptstraße länger dauert.

(AM) So möchte ich vor dem Spiegel stehen:
Was für ein dicker Baum! Was für ein dicker Bauch!

(LM) Die Zeit, der genaue Zeitpunkt,
an dem ein bestimmter Same das Rennen macht

(AM) Ich will in der Nacht auf meinem Rücken liegen.
Ich möchte die ganze Zeit pinkeln.

(LM) unter allen anderen
so, wie man sich einen Partner beim Tanzen auswählt.

(AM) Ich möchte, dass mir schlecht ist wie anderen Frauen,
will Schokolade, Leber oder Erde essen.
(S. 8)

Mal durchschneiden sie unterschiedliche Zeitebenen, in deren Überlagerung die intersubjektive Bindung zwischen Adoptivmutter und Tochter widerhallt:

(T) Meine Mammy sag, sie ist nicht meine richtige Mammy (nur ich ihr Kind).
(AM) Es ist ein wenig wie eine Rolle, die du so gut einstudiert hast,
dass du sie bei der Premiere nicht spielen kannst.

(T) Sie sagt, meine wirkliche Mammy ist weg, weit weg.
(AM) Mammy warum, haben wir beide nicht dieselbe Hautfarbe?
(T) Aber ich liebe meine Mammy, ob sie es nun wirklich ist oder nicht.
(AM) Mein Herz begann zu rasseln wie eine Blechtrommel,
die Worten hoben ab zu einem anderen Planeten.

(T) Warum?
(T) Aber ich liebe meine Mammy, ob sie es nun wirklich ist oder nicht.

(AM) Ich merkte an ihrer Stimme, wie verwirrt sie war.
Ich sagte, ICH BIN NICHT DEINE WIRKLICHE MUTTER,
weiß Gott, warum ich das gesagt habe.
Wenn ich nicht deine richtige Mutter bin, aber all meine geplanten Reden
gingen zum Fenster hinaus.
(S. 21)

Nicht nur diese Passage zeugt in den Gedichten von den Schwierigkeiten, als dunkelhäutiges Kind in einer weißen Gesellschaft aufzuwachsen. In einer Gesellschaft, in der weiße Haut zu einem solchen Grad normalisiert wurde, dass (T) selbst nur durch ihr Spiegelbild an ihre Andersheit erinnert wird:

(T) Meistens vergesse ich drauf,
sodass ich manchmal, wenn ich in den Spiegel blicke,
selbst einen kleinen Schreck bekomme
und mich frage: SIEHST DU WIRKLICH SO AUS?
als wäre ich jemand anderer.
(S. 28)

Zugehörigkeit lässt sich für (T) nicht durch ihre biologische Abstammung festmachen, sondern entwickelt sich allein aus ihrem sozialen, familiären Umfeld:

(T) mein Blut,
was meint sie damit?
(S. 26)

(T) Ich habe keine Nase keinen Mund, keine Augen,
die jemand ähnlich sehen, bin niemandes Ebenbild oder eine todsichere Sache,
ich sehe nur mich im Spiegel.
(S. 30)

Dass diese scheinbare Einsamkeit für (T) aber keinesfalls eine schmerzvolle ist, wird im Laufe der Gedichtsequenzen deutlich.

Unabhängig von ethnischen oder „rassischen“ Zuschreibungen hinterfragt Jackie Kay in ihrem Text auch, was Mutterschaft (und Vaterschaft) bedeutet und ob die Bindung zwischen leiblicher Mutter und Tochter tatsächlich durch nichts gebrochen werden kann. Wer ist nun (T)s „richtige Mutter“? Ist Blut wirklich dicker als Wasser? Ist (AM) erst dann Mutter, wenn sie die Adoptionspapiere, den Wisch unterschrieben ha[t] (S. 15)?

(AM) Neugier. Das ist selbstverständlich. Abstammung.
Solche Überlegungen. Schau mich und schau sie an,
keine Tochter kann ihrer Mutter ähnlicher sehen.
Wir haben dieselbe Wellenlänge.
Sofort weiß ich, wenn sie verstimmt ist
und umgekehrt. Näher als Blut.
Dicker als Wasser. Ich und meine Tochter.
(S. 36f.)

In Die Adoptionspapiere dekonstruiert Jackie Kay also auf doppelte Weise den existentiellen Determinismus von biologischer Abstammung, leiblicher Herkunft und „Blut“. Die vielstimmigen Resonanzen zwischen Tochter, leiblicher Mutter und Adoptivmutter – drei weibliche Subjektpositionen unterschiedlicher Generationen und unterschiedlicher Ethnien, die als figurale Leerstellen (T), (LM) und (AM) mannigfaltige Interpretationspotentiale bergen – hallen dabei als eigenständige Textfragmente zwischen den Zeilen wider und schöpfen auf besondere Weise aus einer Darstellungsstrategie, die in diesem Fall nur unzulänglich mit dem erzähltheoretischen Begriff der „Multiperspektivität“ bezeichnet werden kann.

 

Verfasst von Claudia Sackl

 

Die Adoptionspapiere. Gedichte
von Jackie Kay.
Aus dem Englischen von Helmuth A. Niederle. München/Wien: edition KAPPA 2001.

 

 

 

 

Red Dust Road
von Jackie Kay.
London: Picador 2010.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jackie Kay
(geb. 1961 in Edinburgh, Schottland, Großbritannien)
ist Autorin von Gedichten und Romanen, Professorin für Kreatives Schreiben an der Newcastle University und die derzeitige "Makar" (schottische(r) Poet Laureate).

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Jänner 2019

 

 

Natascha Wodin:
Irgendwo in diesem Dunkel
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2018.

In unserer Fernkursreihe „Ver-rückte Biographien“ haben wir uns im Jänner 2018 intensiv mit der Autorin Natascha Wodin und ihrem Buch Sie kam aus Mariupol beschäftigt. In diesem Text geht Wodin den Lebensspuren ihrer früh verstorbenen ukrainischen Mutter nach, die als Zwangsarbeiterin 1944 nach Deutschland gekommen war. Um die vielen Leerstellen dieses „verlorenen“ Lebens zu füllen, erprobt die Autorin ein ganz eigenes literarisches Verfahren, in dem sie dokumentarische und fiktionale Elemente kombiniert und damit gängige Gattungszuschreibungen aushebelt. Für diese außergewöhnliche literarische Spurensuche erhielt Natascha Wodin 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse.

In ihrem neuen Buch Irgendwo in diesem Dunkel spinnt die Autorin den „Stoff“ ihrer Eltern weiter und fokussiert nun auf den Vater, mit dem sie als elfjährige Tochter – zusammen mit der jüngeren Schwester – nach dem Freitod der Mutter 1956 zurückbleibt. Der Vater ist zwar physisch greifbar, bleibt aber dennoch ein Leben lang fremd. Eine weitere Spurensuche beginnt, ein Versuch zu verstehen, welche Prägungen ihn zu jenem harten, stummen und gewalttätigen Menschen gemacht haben könnten, von dem sich die Tochter erst spät und nur mühsam befreien kann.

Auf dem Buchcover findet sich ein Ausschnitt eines Fotos, das die Leser_innen von Sie kam aus Mariupol bereits kennen. Es zeigt Natascha Wodin mit ihrem Vater am Grab der Mutter: ein junges Mädchen im mächtigen Schatten eines Mannes, unkenntlich, mit verschwimmenden Konturen …

Die wenigen bekannten Fakten dieses „Vaterlebens“ sind schnell erzählt und werden auch gleich am Beginn des Buches offengelegt: 1900 in Kamyschin im zaristischen Russland geboren, 1944 aus dem ukrainischen Mariupol als Zwangsarbeiter nach Deutschland in den Rüstungsbetrieb der Firma Flick gekommen, danach in Lagern bzw. einem Wohnblock für Displaced Persons untergebracht, zeitlebens ein stummer Fremder bleibend, abgeschottet von der deutschsprachigen Umwelt; „Schutzräume“ bieten ihm seine Singstimme (er ist lange Mitglied in einem Don Kosaken Chor) und die russischen Bücher, die er sich zeitlebens zusenden lässt.

Die Tochter – von ihm aufs Schlimmste drangsaliert und erniedrigt – wagt es nicht, an seinem Schweigen zu rühren: Erst später begriff ich, dass ich in einem doppelten Schweigen aufgewachsen war, dem Schweigen meiner russischen Eltern und dem Schweigen meiner deutschen Umwelt. Meine Eltern schwiegen über etwas anderes als die Deutschen, es gab zwei Wahrheiten, von denen ich nichts wusste, ich spürte nur immer und überall das Ungesagte, das Unsagbare, das wie ein undurchdringlicher Nebel war, wie Stickstoff, den ich ständig einatmete. (S. 92)

Gegen diesen „Nebel“ schreibt Natascha Wodin an. Ausgehend vom Tod ihres Vaters im Jahre 1989 erzählt sie in Rückblenden. Dabei setzt sie immer wieder neu an, es sind einzelne Versuche, scharfe Schnitte, Schneisen in die Vergangenheit. Manches lässt sich aus der allgemeinen Geschichte jener Zeit rekonstruieren, manchmal helfen Zeitdokumente, Fotos oder Gedichte, um die eigene Vorstellungskraft zu aktivieren: Ich stelle mir vor […] Es gelang ihm wahrscheinlich […] Vermutlich hatte mein Vater […] (S. 163f.).

Manchmal aber bleiben auch nur Fragen, mit denen sich die Autorin Leerstellen erschreibt: Und von wo war er geflohen […]? Wie war er denn meiner Mutter begegnet, einer Frau, die aus einem ganz anderen Milieu stammte als er selbst? Was verband ihn, den Mann aus dem einfachen Volk, mit dem um zwanzig Jahre jüngeren, auffallend schönen, fragilen Mädchen aus einer Familie verfolgter ukrainischer Aristokraten und italienischer Kaufleute? Und wie war er schließlich mit dieser Frau nach Deutschland gekommen? (S. 91)

Die Fragen sind auch ein Versuch, dem verhassten Vater angesichts seines Todes zumindest ein Stück weit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Und wie hätte ein Mensch, der nie Freiheit erfahren, dessen Leben sich im Würgegriff zweier Diktaturen abgespielt hatte, einem anderen, noch dazu seinem eigenen Kind, Freiheit gewähren können? (S. 180)

Natascha Wodin erzählt in einer nüchternen und distanzierten Sprache, im Stil einer Recherche oder Reportage. Sie hat es auch gar nicht nötig, Emotionen und Gefühle auszufalten und zu beschreiben, denn die von ihr gewählten Bilder sprechen für sich und berühren unmittelbar.

Das „Chinin“ zum Beispiel, das ihr Vater gegen die Malariaanfälle verabreicht bekommt: Er wirkte ganz durchdrungen von dem Chinin, das ihm, so kam es mir vor, seine Unverwundbarkeit verlieh, die unerbittliche Schlagkraft seiner Hände. (S. 50)

Oder, an anderer Stelle, das Bild der „Schmutzwäsche“: Mein Vater kontrollierte vor dem Waschen die schmutzige Wäsche, und ich musste ihm dabei zusehen. Ich verstand nicht, was er eigentlich kontrollierte […] Ich war das Wäschestück in meines Vaters Händen, und er konnte damit machen, was er wollte. (S. 104)

Am Ende hat sich Wodin – am offenen Grab des Vaters stehend – ein Bild ihres Vaters erschrieben; es ist ein Bild mit Schatten und subjektiven Anteilen, und es ist ein Bild, das ihr ansatzweise erlaubt, loszulassen und mit einer neu gewonnenen Leichtigkeit auf ihre Kindheit und Jugend zu blicken: Bis zur letzten Sekunde auf der Erdoberfläche blieb das Leben meines Vaters eine Ungereimtheit, ein Fiasko, und gleichzeitig schien er, noch einmal befreit aus dem Gehäuse des Sarges und unter dem offenen Himmel liegend, zurückgegeben an die Natur, an Regen und Wind, entlassen in die Freiheit jenseits aller Gesellschaften und Systeme. (S. 238)

Festhalten lässt sich dieses Bild allerdings nicht. Als die Tochter am Grab noch schnell ein paar Fotos macht, um das Leben ihres Vaters zu dokumentieren, muss sie feststellen:
Als ich eine Woche später den entwickelten Film abholte, stellte sich heraus, dass aus den Aufnahmen nichts geworden war. Der Film war leer. (S. 239)

Verfasst von Helene Thorwartl

 

Irgendwo in diesem Dunkel
von Natascha Wodin. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2018.

 

 

 

 

Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2017 an Natascha Wodin
(geb. 1945 in Fürth, Deutschland; lebt in Berlin und Mecklenburg)

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Dezember 2018

 

 

Martin Auer:
Der Himmel ist heut aus Papier. Gedichte
Wien: Klever, 2018.

Eine lyrische Textauswahl aus fünf Jahrzehnten versammelt dieser Gedichtband des österreichischen Schriftstellers, Geschichtenerzählers und Übersetzers. In unterschiedlichsten Formen und Klängen literarisiert er unterschiedlichste Lebenserfahrungen, die nicht selten von den sinnlichen Eindrücken der Jahreszeiten geprägt sind:

Wer kann die Farben des Himmels beschreiben,
spät an einem schneelosen Wintertag,
wenn dünnere Wolken doch noch einen vagen Glanz
empfangen von der sich neigenden fernen Sonne
und Schwärme von Krähen darunter hinwegziehen
heim zu den Nestern?
(S. 79)

Die Unbeschreiblichkeit der Natur durch die menschliche Sprache, deren Unzulänglichkeit in diesem Gedicht thematisiert wird, wird an anderer Stelle konterkariert, wenn ganz plastische, haptische Metaphern für die Erscheinungsformen des weihnachtlich-winterlichen Himmels gefunden werden:

Der Himmel ist heut aus Papier
und mit Filzstift hat jemand
drauf Wolken gemalt.
Auf den Dächern der Häuser
gehen Engel mit ihren Harfen spazieren,
als ob sie ihnen gehörten.
(S. 94)

Ob in Versform oder in lyrischer Prosa – ob als Haiku oder als Song, als Gedichtfragment oder als mehrteiliger Gedichtkomplex – ob in deutscher Standardsprache, in wienerischem Dialekt oder in Englisch: stets belebt die musikalische Qualität von Martin Auers Gedichten die oft schweren und schwierigen Themen seiner Texte. Denn es ist nicht unbedingt ein Wohlfühl-Buch mit gemütlich-wohligen Gedichten zum Einkuscheln auf dem Sofa an grauen, schneebedeckten Wintertagen. Dennoch lassen die stimmigen formalen Kompositionen seiner Lyrik, die ihre gesellschaftskritischen Dimensionen an keiner Stelle einbüßt, die Schönheit hinter den Vergänglichkeiten, Ungerechtigkeiten und Schieflagen des Lebens erkennen. Dabei sind es vor allem die unscheinbaren Alltagsszenen, die eine schwer-wiegende Bedeutung offenbaren:

Auf aan klaan Mäuerl vur aan Supermarkt
steht a jungs Madl in aan Dirndlklaad und singt si aans.

Leit gehen vorbei, Autos foahrn, maunche schaun hin, aber
die meistn net.

Und sie steht auf den Mäuerl
mit Augn zua
und schwingt ganz leicht ihre Zopferln hin und her
und huacht auf des Liad,
des nua iah gheat,
des nua iah gheat.
(S. 121)

So auch in einem Gedicht über einen schmutzigen Lichtschalter, der als motivischer Platzhalter für das eigentliche Thema, über das das lyrische Ich gerne sprechen/schreiben würde, herhalten muss. Mit der Verrückung dieser literarischen Äußerung vollzieht der Autor auch eine Verschiebung unseres traditionellen Verständnisses von Kunst und legt die kulturelle Konstruiertheit und Beliebigkeit des Status des Künstlerischen offen, wenn ihm im Museum aufgrund des Fotografieverbots nur der Lichtschalter als Fotomotiv übrigbleibt:

And in fact, I am
not displeased with that bargain.
The light switch, I think,
has all the qualitites of a work of art,
it is full of surprises and mysteries.
There are broken symmetries
to be found and variations of
regularity,
and the more I look at it
the clearer it gets
that in fact it is
the relic of an ancient civilization,
fraught with history
and fate
and human desires
and all that stuff.
(S. 56)

Ähnlich suggestiv und von einer deutlicheren Leichtigkeit erfasst sind die 32 Haikus, die an den Anfang der Lyrikanthologie gestellt sind und über die einzelnen Gedichte hinweg eine sich fortschreibende Kontinuität erkennen lassen. Die immanenten Emotionen sind durch die Konkretheit der Sprachbilder bei der Lektüre umso intensiver erfahrbar und bezeugen auch erste Spuren eines frühlingshaften Erwachens:

Auf meinem Bildschirm
die Welt. Vor meinem Fenster
Bäume, ein Buchfink.
(S. 6)

Ach dieser Duft
aus ganz früher Zeit,
ich weiß seinen Namen nicht.
(S. 24)

Vorjähriges Blatt
unter den grünen Knospen.
Der Wind wird stärker.
(S. 20)

 

Verfasst von Claudia Sackl

 

Der Himmel ist heut aus Papier
von Martin Auer (geb. 1951 in Wien, Österreich)

www.martinauer.net

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Martin Auer war Dramaturg, Schauspieler, Musiker, Journalist, Liedermacher, Werbetexter. Seit 1986 lebt er als freier Schriftsteller, Geschichtenerzähler und Übersetzer in Wien und verfasste zahlreiche Bücher und Hörbücher für Kinder und Erwachsene.

www.geopoetry.net

(Foto: von der Homepage des Autors)

 

 

 

 

 

 

 


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November 2018

 

 

Manfred Loimeier:
Literaturen aus Afrika. Aufbruch in ein neues Selbstbewusstsein
Frankfurt/Main: Brandes & Apsel, 2018.

Mit dem Lese-Tipp im November halten wir Rückschau auf einen Themenkomplex, mit dem wir uns in mehreren unserer vergangenen Fernkurse für Literatur beschäftigt haben. In Literaturen aus Afrika. Aufbruch in ein neues Selbstbewusstsein zeichnet Manfred Loimeier, Leseheftautor im Fernkurs III "In die Ferne lesen" sowie im Fernkurs IV "Ver-rückte Biographien. Mit vier Büchern durch die Welt", anhand von zwei Romanen Entwicklungslinien nach, die viele Literaturen und Literat_innen in Afrika derzeit durchlaufen:

Der Bauch des Ozeans von Fatou Diome (2003; Orig. Le Ventre de l'Atlantique) und
Wir brauchen neue Namen von NoViolet Bulawayo (2013; Orig. We Need New Names).

Beide verhandeln in ihren Romanen nicht nur aktuelle Themen wie Migration, Fremdenfeindlichkeit oder Entwicklungshilfe, sondern problematisieren auch „die Anwendbarkeit der Prinzipien der Transkulturalität“ (S. 10). Während die senegalesische Fatou Diome auf die Verschiebungen zwischen den Wohlstandserwartungen bzw. -fantasien und den tatsächlichen Lebensrealitäten in Europa, die oft von Armut und Fremdenfeindlichkeit geprägt sind, eingeht, macht die simbabwische NoViolet Bulawayo Kulturbrüche im Alltag in Simbabwe und den USA deutlich. Mit ihrer Kritik am Eurozentrismus und den gelebten Alltagskulturen des Westens, vollziehen die beiden Autorinnen laut Loimeier auch eine intellektuelle Emanzipation, die eine Abkehr […] von den als Normen gesetzten Maßstäben des Westens und eine Besinnung auf eigene, neu zu definierende Handlungsmaximen (S. 96-97) mit sich bringt: Also genau das, was […] in der langen Tradition der These von der Dekolonisierung des Denkens steht, die Mitte der 1980er Jahre Ngũgĩ wa Thiong’o gefordert hatte (S. 97).

Die Monographie beruht zum Teil auf Fernkursmaterialien, die er zwischen 2014 und 2017 für die Fernkurse für Literatur der Literarischen Kurse erarbeitet und in seiner neuen Publikation aktualisiert, überarbeitet und ergänzt hat. Sie schlägt Brücken zur Vielfalt der literarischen Kulturen und Sprachen Afrikas und stellt traditionelle Grenzziehungen infrage. Gleich vorab sensibilisiert Manfred Loimeier für die Problematik der Übertragung eines westlichen Verständnisses von Nationalliteraturen auf die literarischen Strömungen und Traditionen in den unterschiedlichsten Kulturen Afrikas und allzu schnell gemachte, konventionalisierte Kategorisierungen, wie zum Beispiel auch den lange gewöhnlichen Ausschluss Nordafrikas (nördlich der Sahara) aus der Bezeichnung „afrikanische Literaturen“, die stets zwischen geographischen und kulturellen Aspekten oszilliert. Aus postkolonialer Perspektive öffnet er dabei Leseweisen, die die globale Vormachtstellung der westlichen Normen und Denkweisen denaturalisieren, und ruft auch Deutschlands und Österreichs historisches Erbe des Imperialismus und Kolonialismus in Erinnerung. Denn die deutschsprachigen Länder Europas haben sich auch durch ihren frühen Rückzug aus ihren Kolonien nicht den globalen neokolonialen Dominanzstrukturen und den Diskussionen des Postkolonialismus entzogen:

Sprich: Die mentalen Strukturen des Kolonialismus hallen noch immer nach, führen zum Fortdauern des Kolonialismus nach dem Kolonialismus und entwickeln dabei sogar eine eigene, sich selbst neu schöpfende Dynamik. Und das geht bis in die Details des Alltags, wie Ngũgĩ wa Thiong’o in seinem Essayband „Moving the Centre“ am Beispiel der für Afrikatouristen produzierten Souvenirkunst beschreibt: „Was deshalb oft offiziell als authentische afrikanische Kultur von heute vorgeführt wird, ist praktisch eine Wiederholung der kolonialen Tradition: Touristenkunst, Tänze, akrobatische Verrenkungen.“ (S. 16)

In einem historischen Abriss zeichnet Manfred Loimeier transnationale anti- und postkoloniale Gegenbewegungen  nach und greift dabei auf die großen Theoretiker_innen der postkolonialen Studien wie Aimé Césaire, Frantz Fanon, Edward Said, Bill Ashcroft und Gayatri Spivak zurück. Einen ausführlichen Blick wirft er auf die literarische Gegenrede, das „Writing back“ bzw. „Re-Writing“ kolonialer Geschichte(n) und Narrative, und ihre kulturellen, sprachlichen sowie wirtschaftlichen Kontexte am internationalen Buchmarkt.

Anstatt aber nur über afrikanische Literaturen und Autor_innen zu sprechen, lässt Manfred Loimeier zwei afrikanische Schriftstellerinnen selbst zu Wort kommen. In Gesprächen mit Fatou Diome und NoViolet Bulawayo erkundet er den Entstehungskontext ihrer Werke und ihre Selbstauffassungen als (afrikanische) Autorinnen.

Verfasst von Claudia Sackl

 

Literaturen aus Afrika
von Manfred Loimeier (geb. 1960 in Passau, Deutschland)

www.manfred-loimeier.de

 

 

 

 

 

 

PD Dr. Manfred Loimeier ist Professor für afrikanische Literaturen in englischer Sprache an der Universität Heidelberg sowie Autor, Herausgeber, Übersetzer, Redakteur, Moderator, Literaturkritiker und Blogger.

(Foto: vom Blog des Autors)

 

 

 

 

 


Fatou Diome: Der Bauch des Ozeans
Zürich: Diogenes, 2003.


 

NoViolet Bulawayo: Wir brauchen neue Namen
Berlin: Suhrkamp, 2013.

 

 


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Oktober 2018

 

 

Theodora Bauer:
Chikago
Wien: Picus 2017

"Chikago": Vermutlich werden die meisten Leserinnen und Leser dabei an jene drittgrößte US-amerikanische Stadt am Michigansee im Bundesstaat Illinois denken, verkehrsgünstig gelegen, im 19. Jahrhundert rasant expandierend, industrielle Großmacht und – wie der Buchumschlag nahelegt – Sehnsuchtsort zahlreicher Auswanderer und Auswanderinnen aus vielen Ecken der Erde.

Vielleicht weiß die eine oder der andere andere auch von den Tausenden Burgenländer_innen, die im 19. und 20. Jahrhundert in mehreren Auswanderungswellen das Land verließen und in den USA auf ein besseres Leben hofften, bevorzugt auch in Chicago. In den 1970er Jahren soll es in der Stadt mehr als 30.000 burgenländische Einwander_innen gegeben haben (mehr als drei Mal so viel Menschen wie im damaligen Eisenstadt).

Und ganz wenige wissen vielleicht auch um das österreichische "Chikago", jene Siedlung im burgenländischen Grenzort Kittsee, die möglicherweise von einem Rückkehrer so benannt wurde und jedenfalls sehr beredt von der Amerika-Sehnsucht zahlloser Burgenländer_innen erzählt.

Wer also das Buch der Autorin Theodora Bauer zur Hand nimmt, kann bereits erahnen, welche Denk- und Lesebewegungen auf ihn oder sie warten: Der Ausbruch aus Armut und Perspektivenlosigkeit, die Sehnsucht nach einem besseren Leben, das Ausgespanntsein zwischen Heimat und Fremde, die verschwimmende Grenze zwischen Erfolg und Scheitern – die Bewegung zwischen Chicago mit "c" und Chikago mit "k" eben ...

Der Roman setzt ein in den 1920er Jahren im ehemaligen Deutsch-Westungarn bzw. nunmehrigen Burgenland: die neuen Grenzen verunsichern, Lebensadern werden durchschnitten, für die Burgenland-Kroaten kommt noch die Unsicherheit über die eigene Identität hinzu. Brüche noch und nöcher ... und die Sprache ist dafür ein Gradmesser, wenn sich beispielsweise die Namen der Protagonist_innen je nach Kontext abwandeln: Aus Franjo wird Ferenc (Feri), aber auch Franz oder Frank.

Gemeinsam mit einem Schwesternpaar, Katica und Anica, versucht Feri sein Glück in der Neuen Welt. Der erste Arbeitstag ist ernüchternd:

Ein älterer Mann ist auf den Feri zugekommen und hat ihm die Hand geschüttelt. Er hat ein paar Worte gesagt, die der Feri nicht verstanden hat. Dann hat er mit den Schultern gezuckt und stattdessen auf einen Wagen gedeutet, auf dem einige Schaufeln gelegen sind. Der Feri ist hingegangen und hat eine Schaufel ergriffen. Aus den Augenwinkeln hat er die Männer betrachtet, die neben ihm gearbeitet haben. Es sind nicht viele gewesen. Sie haben nett ausgesehen. [...] Der Feri hat gearbeitet wie ein Tier, und je länger der Tag gedauert hat, desto ärgerlicher ist er geworden. Ab und zu hat einer von den Männern ein Lachen losgelassen, und obwohl Feri gewusst hat, dass es nicht ihm gegolten hat, hat es hämisch geklungen in seine Ohren. Der Feri hat die Worte gehört, die sie einander zugerufen haben, seltsame Laute, die ihn ausgeschlossen haben von dem, was passiert. [...] Langsam, während er so geschaufelt hat, ist dem Feri bewusst geworden, wie dumm er gewesen ist. Wie wenig er nachgedacht hat über das, was ihn hier erwarten würde, was das überhaupt bedeutet hat, ein anderes Land, und niemanden kennen hier und nichts fassen können und nichts verstehen. Der Feri hat begonnen, sich zu schämen.
(S. 104-106)

Theodora Bauer wählt für ihre "Geschichte" den Erzählmodus der österreichischen Umgangssprache: im Perfekt wird erzählt und berichtet, was gerade passiert (ist), die Auswirkungen sind unmittelbar spürbar und die Leser_innen sind mittendrin im Geschehen.

Das Präteritum, die klassische Erzählzeit im schriftlichen Deutsch, ist jenen Passagen vorbehalten, in denen englischsprachige Figuren zu Wort kommen: Lily stand an der Kreuzung. Jenseits der viel befahrenen Straße lag Lincoln Park, noch weiter dahinter, kaum sichtbar von hier, der See. Sie steckte die Hände in ihre Manteltaschen. (S. 131). – Die Distanz, die Sprache schaffen kann, ist sofort spürbar.

Wer den  drei Migrant_innen – Feri, Ana, Kati oder doch Franjo, Katica und Anica? –  folgen will und nicht davor zurückscheut, sich auch auf die Untiefen ihrer Lebensgeschichten einzulassen, wird mit einem Lektüreerlebnis belohnt, das nicht nur die eigenen Sehnsüchte neu wachzurufen vermag, sondern auch im Blick auf die aktuellen Migrationsgeschichten neue Zugänge eröffnet.

Denn – so die Autorin Julya Rabinowich in der Tageszeitung "Der Standard": Erinnern wir uns. Flucht hat auch in Europa stattgefunden. Und zu allen Zeiten und in allen Räumen gilt in gleicher Weise: Wer flieht, wird auch leicht. Abgestreift alles, was verwurzelt. Die Haut dünnt aus, die Seele fedrig im schneidenden Wind. (Der Standard, Einserkastl, 15.10.2018)

Verfasst von Helene Thorwartl

 

Chikago
von Theodora Bauer

 




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Theodora Bauer
geb. 1990 in Wien, lebt im Burgenland, Nominierung für den Burgenländischen Buchpreis 2018, Finalistin für den Literaturpreis Alpha 2018.
www.theodorabauer.at

(Foto: Paul Feuersänger)




 

 

 

 

 

 

 


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September 2018

 

 

Andrea Winkler:
Die Frau auf meiner Schulter
Wien: Zsolnay 2018.

Eine Frau außerhalb der gewöhnlichen Erreichbarkeit (S. 19), ein abgelegenes Dorf, die Natur im Lauf der Jahreszeiten ... Genug Stoff für einen Roman? Ja, und nicht nur das: darüber hinaus auch genau der richtige Rahmen, um ein Leben zur Sprache zur bringen, das vorübergehend zum Stillstand gekommen ist, oder, um es mit den Worten der Autorin zu sagen: um von Lebensläufen zu erzählen, die vorübergehend Rinnsale geworden sind (S. 101f.).

Die Autorin Andrea Winkler zeichnet in tagebuchartigen Aufzeichnungen, Traumnotizen und Briefen das Bild einer Frau, die es – buchstäblich – aus der Bahn geworfen hat: raus aus dem pulsierenden Leben der Großstadt, raus aus den gesellschaftlichen Bezügen, raus aus dem Halt gebenden Freundeskreis und raus aus Sinn stiftender Arbeit.

Was soll daraus werden? (S.7) – Mit viel Sprachwitz und Ironie bringt Andrea Winkler das „Aus-der-Zeit-gefallen-Sein“ ihrer Figur zu Gehör. Eine zufällige Begegnung auf einem winterlichen Spaziergang klingt dann etwa so:

Ein Mann blieb stehen und fragte mich, wo ich meine Langlaufskier vergessen hätte. Ich antwortete, zuhause, im Keller, bei Friedrichs Gehstöcken und Regenschirmen. „Sind Sie mit Friedrich verheiratet?“ – „Nein, Friedrich ist tot und hat sein Haus zu sehr geringer Miete Menschen überlassen, die nichts Besseres zu tun haben, als die Tage vergehen zu lassen, ohne sich durch besondere Werke in ihren Lauf zu mischen.“ – „Was muss man getan haben, damit einem dieses Glück zuteil wird?“ – „Zu viel vom Falschen.“ Der Mann lachte. Wenn das so ist, würde er gern einmal vorbeischauen, er sei erfahren auf diesem Gebiet. (S. 22)

Oder, einige Seiten weiter, die humorvolle Antwort auf die gefürchtete Frage „Was machen Sie hier?“:

Ich gehe spazieren, liege hier mit Ihnen und trinke am helllichten Tag Wein, ... Darüber hinaus denke ich darüber nach, wie die Nacht zum Tag wird, und schreibe manchmal auf, was ich träume, ... (S. 33)

Lamentieren über das eigene Schicksal sieht anders aus. Dagegen setzt Martha, so heißt die Protagonistin, auf Trotz und Beharrlichkeit: Ich setzte meinen Spaziergang fort und ging weiter wie ein Mensch, der fest entschlossen ist, sich unter allen Umständen an ein paar Regeln des Alltags zu halten. (S. 7)  „Aus der Zeit gefallen“, ja, aber „dennoch in ihr bleiben“ – so lautet die Devise, und unter Umständen dabei sogar ein paar besonders kräftige Wurzeln ausbilden.

Die Natur, in ihrem beständigen Kreislauf, kommt Martha in ihren Suchbewegungen entgegen und bildet auch den formalen Rahmen: Die Tagebucheinträge beginnen an einem 3. Jänner, mit Eis und Kälte, Stillstand und einem großen Schlafbedürfnis; und sie enden an einem 17. Juli, mitten in einem pulsierenden Sommer und mit dem Bild einer Barke, die es gilt – mit einem Stoß – auf die Reise zu schicken ...

Und wo bleibt die titelgebende Frau auf meiner Schulter? Sie entstammt einem merkwürdigen Traum (S. 13), sie ist schwer und leicht zugleich, es gilt sie zu trösten und fortzubringen von einem Ort, der sie zu überwältigen droht ... Lesen Sie sich mit Andrea Winkler durch Traum und Wirklichkeit und entdecken Sie jene leisen, oft unbewussten Wege, die unser Tun prägen und neu in Gang bringen können!

Verfasst von Helene Thorwartl

Lesungs-Termine mit Andrea Winkler:
Do, 20. Sept. 2018, Linz, StifterHaus
Mo, 24. Sept. 2018, Wien, ÖGL
Di, 25. Sept. 2018, Graz, Literaturhaus
Mi, 3. Okt. 2018, Innsbruck, Literaturhaus
Frei, 5. Okt. 2018, Bad Fischau, Schloss
So, 11. Nov. 2018, Wien, Buch Wien
Di, 4. Dez. 2018, Salzburg, Literaturforum

Wochenendlektüren "Der Augen Blick"
mit Andrea Winkler und Ruth Frick-Pöder: Lesephasen, Gespräche, kreative Annäherung uvm.
Einladung zu einem Lektürewochenende von
9.-11. Nov. 2018 in Wien. > mehr

 

Die Frau auf meiner Schulter
von Andrea Winkler

 




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 

Andrea Winkler,
geb. 1972 in Freistadt (OÖ),
lebt als freie Schriftstellerin in Wien.

(Foto: Kurt Hoerbst)

 


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Sommer 2018

 

 

Katharina Hartwell: Das fremde Meer
Berlin: Berlin Verlag 2013.

Als Ausklang unseres Fernkurses "Ver-rückte Biographien. Mit vier Büchern durch Raum und Zeit" führt unser Lese-Tipp im Sommer durch ein Buch, das als literarisches Mosaik unterschiedlicher Gattungen und Formen noch einmal durch jene Genres – und viele mehr – führt, die im Rahmen des Fernkurses gelesen oder angedacht wurden.

Eine Liebe, viel zu groß, um Sie nur einmal zu erzählen – heißt es auf der Rückseite dieses Buches.

[E]ine Liebesgeschichte, die so groß und schön ist und so traurig endet, dass man sie wirklich mit allen Mitteln und Genres der Literatur zu retten versuchen muss – schreibt Maren Keller in einer Rezension im Spiegel Online.

Tatsächlich ist Das fremde Meer auch eine Liebesgeschichte, allerdings ganz ohne den hier anklingenden Kitsch und Pathos. Dies ist nicht nur auf Katharina Hartwells ausgefeilte, unprätentiöse, aber dennoch ausdrucksstarke, kraftvolle Sprache zurückzuführen, sondern auch auf die gekonnt entworfene Dramaturgie der Erzählung. Katharina Hartwell schreibt mit ihrem Romandebüt, das gleichzeitig auch ihre Abschlussarbeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig darstellt, keinen einfach gestrickten Liebesroman, sondern schafft ein einzigartiges Kaleidoskop an Geschichten und Genres, das sich über die Grenzen von Zeit und Raum hinwegsetzt. In episodenhaft angelegten Einzelgeschichten, die in unterschiedlichsten (Gegen-)Welten verortet sind, erzählt Katharina Hartwell die Geschichte von Maria und Jan.

Einstweilen ist das die Geschichte von Moira und Jonas, die sich in einer postapokalyptischen urbanen Welt wiederfinden, in der sich ganze Häuser und Menschen einfach in Luft auflösen. In der Wechselstadt tauchen die verschwundenen Gegenstände zwar stets wieder irgendwo auf, die Menschen aber bleiben für immer verschollen.

Ein andermal ist es die Geschichte von Augustine und Jacques im Pariser Salpêtrière des 19. Jahrhunderts, in dem sich die als Hysterie-krank erklärte Augustine, den medizinisch-voyeuristischen Blicken der männlichen Ärzte und Studenten ausgesetzt, eine zweite Identität schafft, um ihre Rolle in dem inszenierten Spektakel spielen zu können. Dann taucht jedoch plötzlich Jacques auf, mit dem sie schließlich gemeinsam aus der psychiatrischen Anstalt zu fliehen versucht.

Manchmal sind es Märchen von Prinzessinnen, die zu Ritter(inne)n werden und schlafende Prinzen retten. Manchmal sind es phantastische Erzählungen von Männern, die spurlos auf dem Meer verschwinden. Von Männern, die dem Tod begegnen. Stets wird dabei aus der Perspektive der weiblichen bzw. mit Maria assoziierten ProtagonistIn erzählt, die auch die Stimme der Rahmenerzählung prägt.
(Die Betonung liegt hier auf dem Binnen-I, denn Katharina Hartwell weiß die Grenzen von Geschlecht und Gender ebenso auszuloten wie jene von Genre und Gattung.)

Kunstmärchen. Dystopie. Ritterroman. Science Fiction. Historisches. Phantastisches. Realistisches. All das und mehr verquickt Katharina Hartwell nicht zu einem geschmacklosen, willkürlich zusammengepanschten Gemisch, sondern zu einem kunstvoll und wohlbedacht kombinierten Geflecht literarischer Vielfalt, das das Spiel mit Wiederholung und Variation meisterhaft beherrscht. Denn ja, immer wird "das Gleiche" erzählt. Gleichzeitig wird dieses Gleiche dabei so weit verfremdet und abstrahiert, dass es kaum als solches wiederzuerkennen ist. Lediglich einzelne Motive bleiben übrig, die sich wie ein sorgfältig verwobener Zopf aus roten Fäden durch die einzelnen Episoden schlängeln: Liebe. Tod. Vergänglichkeit. Fremdsein. Angst. Hoffnung. Rettung.

Erst am Ende erkennt man, was die Geschichten – abgesehen von den meist via Alliteration und Gleichklang verbundenen Protagonist_innen – miteinander gemeinsam haben. Wie laut Balzac jeder lebende Körper besteht Hartwells Roman aus unendlich vielen "Spektren", die in winzig kleinen Schuppen oder Blättchen schichtenförmig übereinanderliegen und ihn von allen Seiten einhüllen. (S. 461)

Das fremde Meer ist eine – beziehungsweise zehn – Geschichten von der Notwendigkeit zu erzählen und dem Versuch sich dem Unaussprechlichen anzunähern:

"Vielleicht werde ich verrückt", sage ich, weil ich in den letzten Tagen oft daran gedacht habe, an diese Möglichkeit, weil ich der Meinung bin, dass sich das Hier und Jetzt bei klarem Verstand nicht aushalten lässt. Vielleicht aber bin ich auch schon verrückt. In jenem Sinn des Wortes: Ver-rückt. Ich bin abgerückt von mir selbst. Ich stehe nicht mehr in, sondern neben mir, bin zu einer anderen Person geworden, die zwar meinen Namen trägt und in meinem Körper wohnt, mir aber eine Fremde ist. (S. 563)

Es sind zehn Geschichten von der Angst zu verlieren – die Liebe, das Leben, die Hoffnung. Und nicht zuletzt sind es zehn Geschichten, die die vielseitigen Möglichkeiten von Literatur und die Wirkungskraft unterschiedlicher literarischer Gattungen eindrucksvoll vor Augen führen.

Verfasst von Claudia Sackl


Hier geht es zu einem Porträt zu Katharina Hartwell von Dana Buchzik.

 

Das fremde Meer
von Katharina Hartwell (geb. 1984 in Köln, Deutschland)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausgezeichnet mit dem Hallertauer Debütpreis 2013 und dem Förderpreis für phantastische Literatur "Seraph" 2014

 

 


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Juni 2018

 

 

Lars Schmeink: "Begrabene Riesen – Ging der Nobelpreis an einen Autor der Fantastik?"
In: TOR ONLINE vom 08.10.2017.

Anlässlich des aktuellen Fernkursheftes zur phantastischen Literatur, möchten wir hier noch einmal einen Diskurs rund um das Genre der Phantastik öffnen:

Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2017 an den britisch-japanischen Schriftsteller Kazuo Ishiguro löste im Feulliton und unter Leser_innen eine hitzige Diskussion darüber aus, ob denn nun sein letzter Roman, Der begrabene Riese (2015), als ein Werk der Phantastik – oder gar der Fantasy, was viele Kritiker_innen und Leser_innen noch vehementer verweigerten – zu bezeichnen sei. Denn ein Autor, der den Nobelpreis für Literatur bekommt, muss ja wohl mehr im Sinn [gehabt haben], als einen fantastischen Abenteuerroman zu schreiben (Johannes Kaiser, Deutschlandfunk). Überspitzt könnte man hingegen von der Gegenposition aus fragen:
Ist der Nobelpreis für Kazuo Ishiguro ein Nobelpreis für die Phantastik?

Vorausgeschickt sei an dieser Stelle eine kurze Begriffsklärung. Im Kontrast zur Phantastik (oder Fantastik), die als Oberbegriff für nicht-realistische Literatur all jene Texte umfasst, die nach Heinrich Kaulen sekundäre, transrationale, übernatürliche Handlungsdimensionen, die über unsere erfahrbare Alltagswelt und unser empirisch-rationales Bewusstsein hinausgehen, in ihre Erzählwelt inkorporieren, beschreibt die Fantasy (oder High Fantasy) á la J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe eine geschlossene sekundäre Welt, die mit unserer realistischen, empirisch-rationalen Welt im Text nicht zusammentrifft. In klassischer Fantasy spielt die Handlung also ausschließlich in einer (von übernatürlichen Elementen geprägten) Anderswelt.

Verortet in einem von magischen Geschöpfen, Geistern und Dämonen bevölkerten England des sechsten Jahrhunderts, folgt Kazuo Ishiguros Der begrabene Riese den Spuren eines alten Ehepaares, das aufbricht, um ihren Sohn zu finden, an den es sich nur dunkel erinnert. Denn es liegt ein Nebel über dem Land, der dessen Bewohner_innen alle Erinnerungen an ein wie auch immer geartetes Davor vergessen lässt. Später stellt sich schließlich heraus, dass vor nicht allzu langer Zeit ein Bürgerkrieg stattgefunden hat, den der Nebel aus dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft getilgt hat. Für Daniel Kehlmann steht diese metaphorische Bedeutung und die Frage, wie Gesellschaft mit Traumata umgeht, im Zentrum des Romans:

Der große Nebel war für sie kein Fluch, er hat ihnen vielmehr das Weiterleben ermöglicht; nur dadurch, dass sie die Schrecken, die sie ihren Nachbarn und diese ihnen angetan haben, völlig vergessen haben, war es ihnen möglich, nebeneinander weiterzuleben. Wird nun, da dieser Nebel sich lichtet, die Wahrheit sie frei machen, oder wird sie vielmehr neue Grausamkeiten, neues Blutvergießen und neue Schrecken bringen? [...] die Frage, ob eine Gesellschaft Täter lieber verfolgen oder vergessen und weitermachen soll, als wäre nichts geschehen, rückt plötzlich in den Mittelpunkt eines Romans, der doch gerade noch so weit entfernt von unseren Tagen zu spielen schien.
(Daniel Kehlmann, FAZ online)

Sozusagen als Antwort auf die Diskussionen rund um Ishiguros Der begrabene Riese, geht der Anglist und Germanist Lars Schmeink (Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg) in seinem Artikel „Begrabene Riesen – Ging der Nobelpries an einen Autor der Fantastik?“ den vielschichtigen Vernetzungen von Realismus und Phantastik in Ishiguros Roman auf den Grund und der Frage nach, auf welcher Basis denn nun ein Text dem phantastischen bzw. realistischen Genre zugeschrieben werden kann. Ganz zu Beginn steht dabei der alte Konflikt zwischen Phantastik (v.a. Fantasy) und sogenannter „Hochliteratur“, wobei dem Verständnis der letzteren immer auch eine vermeintlich höhere literarische und ästhetische Qualität immanent ist:

Mit Kazuo Ishiguro hat jetzt ein Autor den Nobelpreis gewonnen, bei dem es wieder zu fragen gilt: Fantastik oder Hochliteratur? Oder beides? (Lars Schmeink, TOR ONLINE)

In diesem Nachsatz, Oder beides?, klingt schon an, was im Laufe des Artikels schrittweise herausgearbeitet wird: Phantastik und sogenannte „Hochliteratur“ müssen einander keinesfalls ausschließen. Gleichzeitig zeigt Schmeink, dass sich paradoxerweise auch Realismus und Phantastik nicht immer ausschließen müssen, weisen doch viele Texte, die phantastische „Oberflächenelemente“ besitzen, auch eine realistische Tiefenstruktur auf. So auch Kazuo Ishiguros Der begrabene Riese, was ihn jedoch nicht weniger phantastisch (im Sinne der Genrebezeichnung) macht. (An dieser Stelle sei auch an den Lese-Tipp vom Mai, Jesmyn Wards Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt [siehe weiter unten], verwiesen, der übernatürliche Elemente mit einem schonungslosen Realismus kombiniert.)

Denn Phantastik und Fantasy gehen in vielen Fällen durchaus über den Selbstzweck einer sekundären Welt hinaus und verpacken Konkretes in Abstraktem, wodurch dem Konkreten eine gewisse Allgemeingültigkeit bzw. Universalität zugesprochen wird. Kazuo Ishiguro selbst sagt über seinen Roman:

Ich wollte so etwas wie ein Volksmärchen erzählen, das sich auf viele unterschiedliche Situationen anwenden lässt. Ich wollte damit andeuten, dass es etwas ist, mit dem die Menschen schon immer in ihrer Geschichte gekämpft haben. Darum hat mich diese alte Fantasiewelt gereizt. Den Menschen wird dadurch klar, dass die Oberfläche der Geschichte nicht so wichtig ist.
(zitiert in: Johannes Kaiser, Deutschlandfunk)

Rhetorisch geschickt stellt Lars Schmeink in seinem Artikel die zwei gegensätzlichen Positionen der gängigen Diskussion gegenüber, die Kazuo Ishiguro einerseits als Fantasten und andererseits als postmodernen Literaten zeichnen: Ist Ishiguro nun ein Phantastik-Autor, weil Magie in seinem Roman vorkommt, oder vielleicht auch einfach weil Leser_innen seinen Roman als Phantastik lesen? Oder spielt er gemäß eines postmodernen Verständnisses von Literatur mit Versatzstücken der Fantasy und allem, was sonst noch so literarisch möglich ist? Dabei thematisiert Schmeink auch ganz grundlegende Fragen der Genre-Theorie, unter anderem die Leitfrage, wie Genres denn überhaupt definiert werden können: über textimmanente Elemente oder aus soziologischer Perspektive, die "Genre" nicht als ein prototypisches Motivinventar betrachtet, sondern vielmehr als eine Art Vertrag zwischen Autor_innen und Leser_innen, der bestimmte Erwartungen und Haltungen an das Buch festlegt? Die beiden angesprochenen Oppositionen lässt Schmeink am Ende insofern ineinander aufgehen, als dass er beiden eine gewisse Legitimität zuspricht. Ishiguros Roman, so schreibt er, fordert in jedem Fall beide Leser_innen heraus – sowohl jene der Phantastik, als auch jene sogenannter „Hochliteratur“.

Verfasst von Claudia Sackl

Hier geht es zum Volltext des in dem Phantastik-Magazin TOR ONLINE (Teil der S. Fischer Verlage) erschienenen Artikels „Begrabene Riesen – Ging der Nobelpries an einen Autor der Fantastik?“ von Lars Schmeink.

 

"Begrabene Riesen –
Ging der Nobelpreis an einen Autor der Fantastik?"

von Lars Schmeink (veröffentlicht in der Zeitschrift TOR ONLINE,
S. Fischer Verlage)

 

 

Kazuo Isiguro: Der begrabene Riese. Aus dem Engl. v. Barbara Schaden. Heyne Verlag 2016. [Taschenbuch]

 

 


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Mai 2018

 

 

Jesmyn Ward:
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker.
München: Kunstmann 2018.

Die letzten beiden Lesetipps umfassten Bücher, die sich mit möglichen Zukunftsentwürfen unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Dass aber auch zeitgenössische Lebensrealitäten dystopischen Charakter haben können, zeigt Jesmyn Wards Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt (Original: Sing, Unburied, Sing), dessen apokalyptische Atmosphäre bereits von mehreren Kritiker_innen hervorgehoben wurde. In ihrem neuen Roman, der ebenso wie ihr letzter Titel mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, folgt die afroamerikanische Schriftstellerin den Spuren einer 'mixed-race' Südstaatenfamilie, die sich durch Rassismus, Krankheit, Drogenkonsum und Armut langsam aber sicher zersetzt. Charakteristisch für Wards Text, der sich sowohl durch seine politische Aktualität als auch seine historische Tiefe auszeichnet, ist sein intensiver, schonungsloser Realismus, der sich in einer bildgewaltigen, metaphernreichen Sprache niederschlägt und mit magisch-mystischen Elementen durchsetzt ist. Denn Ward lässt in ihrem Text bereits verstorbene Charaktere nicht nur als Figuren, sondern auch als Ich-Erzähler auftreten, die die ProtagonistInnen (nach kurzer anfänglicher Irritation) ganz selbstverständlich in ihre erfahrbare Wirklichkeit integrieren. Auch in der aktuellen Lektüre unseres Fernkurses "Ver-rückte Biographien" werden die Grenzen von Sterben und Tod mithilfe avancierter technischer Verfahren ausgelotet, um die Endlichkeit des Lebens hinauszuzögern. Auf ähnliche Weise bewegt sich Jesmyn Ward in ihrem Text über die Grenzen der Sterblichkeit hinaus, bedient sich dabei jedoch gänzlich anderer erzählerischer Mittel als Don DeLillo in seinem an Science-Fiction-Literatur angelehnten Roman Null K.

Das Genre des magischen Realismus hat vor allem in nicht-westlichen Literaturen wie jenen aus Lateinamerika oder Afrika, wo das, was aus westlicher Perspektive als 'übernatürlich' oder 'magisch' bezeichnet wird, vielerorts in das alltägliche Leben und das allgemeine Verständnis von Realität integriert ist, lange Tradition. Demgemäß ist es also nicht überraschend, dass zahlreiche zeitgenössische afroamerikanische Autor_innen auf eine solche Synthese aus Magie und Realität zurückgreifen, um ihre Geschichte(n) und jene ihrer Vorfahren zu erzählen. Colson Whitehead beschreibt in seinem vielfach ausgezeichnetem Underground Railroad beispielsweise ein historisch belegtes Netzwerk von Abolitionisten, das den in den USA in Sklaverei Gefangenen bis zum Bürgerkrieg half, in andere Länder zu flüchten, und imaginiert es mit den Mitteln des magischen Realismus als tatsächliche geheime Tunnelsysteme, die die gesamte USA im Untergrund durchziehen. Die ghanaisch-US-amerikanische Schriftstellerin Yaa Gyasi wiederum folgt in Heimkehren den Spuren des westafrikanischen Sklavenhandels und den dadurch aufgerissenen Wunden, die bis ins moderne Amerika reichen, wo ihre Charaktere mit mythischen Figuren interagieren. Die rationale Wirklichkeit, die in Texten wie diesen mithilfe irrealer Elemente verfremdet wird, geht dabei in einem 'mystischen' Erzählen auf, das für Autor_innen wie Colson Whitehead, Yaa Gyasi und letztlich auch Jesmyn Ward jedoch nicht weniger 'realistisch' ist – wie in Interviews mit ihnen (siehe unten) nachzulesen ist.  

Erzählt wird in Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt zunächst aus zwei, später dann aus drei Ich-Perspektiven: Leonie, die als 17-Jährige schwanger wurde, drogenabhängig ist und nach wie vor schmerzhaft mit ihrer Mutterrolle zu kämpfen hat, lebt mit ihrer Familie zwar im selben Haus, wirkt jedoch fast wie ein Fremdkörper in dem sonst so liebevollen Gefüge. Ihr 14-jähriger Sohn Jojo sorgt an ihrer statt für seine kleine Schwester Kayla, beide haben sie eine besondere Beziehung zu ihren Großeltern Pop und der krebskranken Mam. Auf dem Road Trip, auf den sich Leonie, Jojo und Kayla begeben, um den weißen Vater aus Parchman, dem staatlichen Gefängnis, abzuholen, werden gewohnte Grenzen porös, wenn das Innere wiederholt nach außen gekehrt wird und die Toten im Leben allgegenwärtig sind. Mit dieser Ausfahrt schließt sich zudem ein Generationenkreis, denn schon der Großvater Pop musste auf der (tatsächlich existierenden) Parchman Farm als Teenager – so wie zahlreiche andere Afroamerikaner – aufgrund geringfügiger Vergehen auf den Baumwoll- und Melonenplantagen in der glühenden Hitze von Mississippi und unter der gewaltvollen Führung der (weißen) Wärter jahrelange Zwangsarbeit leisten. In Kursivpassagen erzählt Pop von Richie, einem kleinen, mageren Jungen, der eines Tages plötzlich verschwand. Er wird dem adoleszenten Ich-Erzähler Jojo schließlich als heimgesuchte Seele erscheinen und sich nach dem Gefühl des Zuhause-Seins in einem Jenseits sehnen, das sich jeglicher Räumlichkeit entzieht und den Leitmotiven des Wassers und der Vögel folgt (siehe Cover).

Im Kontrast zu dieser abstrakten, symbolischen Ebene des Romans, die sich auch in der Spiritualität von Jojos Großeltern wiederspiegelt, steht das räumlich wie geographisch konkrete Mississippi, das man durch Wards bildliche Sprache förmlich sehen, riechen und schmecken kann. Als eine Region, wo Rassismus und Segregation besonders tief verwurzelt sind, wird es zu einem Ort, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderlaufen und die Vergangenheit in regelmäßigen Schüben aufstößt. In der fiktiven Kleinstadt Bois hat die Familie Rivers mit Problemen zu kämpfen, die für den Bundestaat Mississippi, der eine der höchsten Arbeitslosenraten sowie Todeszahlen durch Drogenüberdosis in den USA aufweist, beispielhaft sind. Der moderne Süden der USA wird so zu einem kontaminierten, gezeichneten Ort, der sowohl die Lebenden als auch die Toten vergiftet:

Das hier ist kein guter Ort, für keinen. Egal, ob Schwarz oder Weiß. Macht keinen Unterschied. Das hier ist ein Ort für Tote. (S. 108).

Im Zentrum des Romans stehen aber nicht nur die von Ward präzise diagnostizierte strukturelle und gesellschaftliche Benachteiligung und Perspektivenlosigkeit, sondern auch die individuellen, nie verheilten Verlusterfahrungen der einzelnen Figuren. Die individuelle Biographie wird dabei politisch aufgeladen und psychologisiert. Das mündliche Erzählen sowie Jesmyn Wards eigenes literarisches Schreiben wird zur politischen Handlung – selbst wenn es manchmal Lieder ohne Worte (S. 254) sind, die sie ihre Lebenden und ihre Toten singen lässt.

Verfasst von Claudia Sackl

Interview mit Jesmyn Ward zu Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt (englisch)
Interview mit Colson Whitehead zu Underground Railroad (deutsch)
Interview mit Yaa Gyasi zu Heimkehren (englisch)

 

Singt, ihr Lebenden und ihr
Toten, singt

von Jesmyn Ward (geb. 1977 in DeLisle, Mississippi, USA)

 

 

 

 

 

 

 

 

Colson Whitehead:
Underground Railroad

Aus dem Amerikan. von Niklaus Stingl. München: Hanser 2017.


Yaa Gyasi: Heimkehren
Aus dem Amerikan. von Anette Grube. Köln: Dumont 2017.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 


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April 2018

 

 

Chimamanda Ngozi Adichie: Liebe Ijeawele ...
Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden.
Aus dem Englischen von Anette Grube.
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2017.

Lässt sich eine gerechtere, eine bessere Welt erschreiben? Literatur hat jedenfalls schon immer versucht, unsere Welt in eine mögliche Zukunft fortzuschreiben, und dabei sowohl utopische als auch dystopische Gesellschaften entworfen.

Margaret Atwood beispielsweise entwirft in ihrem Roman Der Report der Magd – die aktuelle Lektüre unseres Fernkurses "Ver-rückte Biographien" – ein düsteres Zukunftsbild. Frauen sind in dieser fiktiven Welt streng kategorisiert und weitgehend ihrer Selbstbestimmung beraubt. Dazu gehört, dass Lesen und Schreiben für sie verboten sind; der Alltag wird mittels Bilder und Symbolkärtchen geregelt.

Auch die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie greift in ihren Texten immer wieder die Situation von Frauen auf und denkt sie in die Zukunft weiter. Berühmtheit erlangte sie durch ihren TED-Talk "We should all be feminists" (deutsch: "Mehr Feminismus!"), in dem sie gesellschaftliche Vorgänge analysierte und öffentlichkeitswirksam einen Feminismus für alle einforderte.

In dem vorliegenden schmalen Büchlein wählt sie hingegen einen leiseren Weg: Aus dem Blickwinkel einer Mutter und Freundin schreibt sie einen persönlich gehaltenen Brief an ihre Freundin Ijeawele, die gerade ihre Tochter geboren hat: "Liebe Ijeawele ..." .  Es geht um die Zukunft dieses neugeborenen Mädchens Chizalum, sie soll in eine gerechtere Welt – für Frauen und Männer – hineinwachsen. Adichie skizziert ein positiv gestimmtes und hoffnungsvolles Zukunftsbild und unterbreitet ihrer Freundin 15 Vorschläge für diesen Weg:

Darunter solche, die uns nur allzu selbstverständlich erscheinen – auch wenn Atwoods Roman noch nachwirkt – wie: Fünfter Vorschlag. Bring Chizalum das Lesen bei. Doch was ist mit dem nächsten? Sechster Vorschlag. Bring ihr bei, Sprache zu hinterfragen. Zum Beispiel: gängige Redewendungen, Anreden, alltägliche Praktiken – aber vor allem die eigene Sprache.

Manche Aussagen „verrücken“ die europäischen Leser_innen in den nigerianischen Alltag, wenn etwa von einem bekannten Igbo-Scherz die Rede ist, mit dem kindische Mädchen verspottet werden: Was tust du da? Du bist alt genug, um einen Mann zu finden. (S. 38) oder wenn die Autorin die schmerzhafte Prozedur anspricht, mit der den Mädchen die krausen Haare geglättet werden: Sie wird begreifen, [...] dass glattes und schwingendes Haar als schön gilt, Haar, das nach unten hängt, und nicht Haar, das absteht. (S. 60) Auch der Hinweis, dass viele Mädchen vom Gedanken ans Heiraten geradezu besessen sind und deshalb öffentlich um einen Mann streiten, wird so manchen Leser_innen in Europa vielleicht überholt vorkommen ...

Dann wieder trifft Adichie punktgenau jene Bruchlinien, die auch unseren westlichen, scheinbar emanzipierteren Lebensalltag durchziehen – auch jenen von äußerst erfolgreichen, selbstbestimmten Frauen. Hillary Rodham beispielsweise, die nach ihrer Heirat mit Bill Clinton 1975 zunächst ihren Namen behielt, dann aber allmählich seinen Namen "Clinton" an ihren eigenen anfügte und schließlich aufgrund politischen Drucks ihren Namen "Rodham" wegließ, um den Wahlerfolg ihres Mannes nicht zu gefährden. (Vgl. S. 43f.) Oder Theresa May, die britische Premierministerin. Eine britische Zeitung beschrieb ihren Mann folgendermaßen: Philip May ist in der Politik bekannt als ein Mann, der sich im Hintergrund hält und seiner Frau Theresa gestattet, im Rampenlicht zu stehen. (S. 30) "Gestattet" – so fragt Adichie, würde man das auch über die Ehefrau eines in der Politik aktiven Mannes so formulieren?

Liebe Ijeawele ... ist ein scharfsichtiger und dennoch liebevoller Brief, der über räumliche und kulturelle Grenzen hinweg Gewohntes und Eingefahrenes in neuem Licht sehen lässt, den Blick für die noch immer vorhandenen Schieflagen zwischen Frauen und Männern wachhält und die Solidarität stärkt.

"Hätte ich diesen Brief doch schon in meiner Schulzeit in die Hände bekommen!" – so eine Leserin ...

Verfasst von Helene Thorwartl

Leseprobe aus "Liebe Ijeawele ..."
TED-Talk "We should all be feminists"

 

Liebe Ijeawele ...
von Chimamanda Ngozi Adichie
(geb. 1977 in Nigeria, lebt
in Lagos und den USA)

 

 

Chimamanda Ngozi Adichie: Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories
Aus dem Engl. v. Anette Grube. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 


 


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März 2018

 

 

Nnedi Okorafor: Lagune
Aus dem Englischen von Claudia Kern.
Ludwigsburg: Cross Cult 2014.

Lagos, Nigeria. Außergewöhnliches, ja, Außerirdisches tut sich in der küstengelegenen Hauptstadt Nigerias. Ein Meteorit stürzt ins Meer und eine Flutwelle über die Strände Lagos‘. Im Ozean tummeln sich Geschöpfe, die nicht von dieser Welt sind, vernichtende Energiewellen durchzucken die Metropole, moderne, technologische Geräte versagen. Es sind aber nicht nur ungewöhnliche Dinge, die in diesem Roman geschehen, es sind auch ungewöhnliche Erzählstimmen, die darüber berichten. Die Geschichte setzt ein viele Meter unter dem Meer, mit der Innenperspektive eines Schwertfisches. Schon bald darauf werden die drei ProtagonistInnen Adaora, Agu und Anthony – drei fremde Personen: eine Meeresbiologin, ein Soldat und ein Rapper – plötzlich zu Vermittler_innen zwischen den Erdenbewohner_innen und ihren Besucher_innen.

Nnedi Okorafors 2014 im Original unter dem Titel Lagoon erschienener Roman ist jedoch viel mehr als spannende Science-Fiction. Es ist ein kulturelles und sprachliches Kaleidoskop eines pulsierenden, diversen Lagos, das so zeitgenössisch wirkt, dass es zunächst kaum futuristisch scheint. Es ist ein Mosaik aus Kurzkapiteln, die nicht nur den drei menschlichen ProtagonistInnen, sondern auch mythologischen Trickster-Figuren und afrikanischen Folklore-Elementen folgen. Es ist eine Erzählung von einer (scheinbaren) Apokalypse, die in Afrika verortet und in der der nigerianische Präsident zum Vertreter und Sprachrohr der Menschheit wird. Erfrischend, denn wie die Hollywood-geprägte Vorstellung besagt:

Wenn es Außerirdische gab, dann würden sie sicherlich nicht nach Nigeria kommen. (S. 69)

Es ist ein Roman, der zeigt, dass Science-Fiction und spekulative Literatur keinesfalls apolitisch sein müssen, wenn er von einer (tatsächlichen) Apokalypse – die Ausbeutung der Erde durch das Bohren nach Erdöl – erzählt, die eigentlich schon lange begonnen und den Planeten kurz vor seinen Untergang geführt hat:

„Letzte Nacht“, sagte der Präsident im Standard-Englisch, „hat sich unsere größte Stadt selbst verzehrt. Nun ist sie satt und kann sich selbst erneut gebären.“ (S. 330)

Es ist eine Geschichte, in der die Ankunft, Philosophie und vor allem Technologie der „Aliens“ die Möglichkeit eines neuen Anfangs in sich bergen. Dass Nnedi Okorafor dabei auf die menschliche Evolution rekurriert, wenn die „Außerirdischen“ aus dem Wasser schreiten und dabei ihre äußerliche Gestalt den sie umgebenden Menschen anpassen – also langsam Mensch werden –, ist nur einer der vielen Kunstgriffe, die der nigerianisch-amerikanischen Schriftstellerin in ihrem bemerkenswerten Text gelingen.

Afrofuturismus

Nnedi Okorafors Roman Lagune gilt als Vertreter eines panafrikanischen ästhetischen Phänomens, das in Literatur- und Kulturwissenschaft als Afrofuturismus bezeichnet wird. Der bereits 1993 von dem Literaturkritiker Mark Dery geprägte Begriff beschreibt jedoch nicht nur literarische Werke, sondern ist als transmediales Phänomen zu begreifen, das auch andere Kunstformen wie Musik, Film, Mode und Architektur umfasst und zukünftige Welten und futuristische Geschichten entwirft. Jochen Dreier versucht sich in seinem umfassenden Artikel „Afrofuturismus: Widerstand gegen eine weiße Zukunft“ auf Deutschlandfunk Kultur an das Phänomen anzunähern, seinen Ursprüngen auf den Grund zu gehen und aktuelle Stimmen von Literaturwissenschafter_innen und Autor_innen zu Wort kommen zu lassen.

Diese betonen zumeist, dass Afrofuturismus nicht einfach als direkte Weiterentwicklung amerikanisch-westlicher Science-Fiction, sondern als eigenständige Entwicklung zu betrachten sei. Als eine Entwicklung, die nicht nur als Reaktion auf westliche Zukunftsentwürfe gelten soll, also nicht auf das ihr eingeschriebene politische Programm reduziert werden möchte, sich aber durchaus als Widerstandsbewegung, aus der sich eine Methodik heraus entwickelt hat (Peggy Piesche) begreift. Genauer gesagt als Widerstand gegen die Bilder von einer weißen Zukunft, einer weißen Geschichte und einer weißen Macht über den schwarzen Körper (Jochen Dreier). In seinen literarischen Ausprägungen kombiniert Afrofuturismus Elemente der Science-Fiction, der historischen Literatur, der spekulativen Literatur, der Phantastik und des magischen Realismus mit nicht-westlichen Vorstellungen und Folklore. Es ist ein Neu-Imaginieren von Vergangenheit und Spekulieren über die Zukunft mit kulturkritischem Blick, das Nnedi Okorafor in ihrem TED-Talk Sci-fi Stories That Imagine a Future Africa auf eindrückliche Weise zugänglich macht.

Verfasst von Claudia Sackl

Artikel von Jochen Dreier: Afrofuturismus: Widerstand gegen eine weiße Zukunft
TED-Talk von Nnedi Okorafor: "Sci-fi Stories That Imagine a Future Africa"

 

Lagune
von Nnedi Okorafor
(geb. 1974 in Cincinatti, Ohio,
lebt in New York und Illinois)

 

 

 

 

 

 

 

 

Englisches Original von Lagoon. Hodder & Stoughton, 2014.

 

 

 

 

 

 

 

Literarischer Afrofuturismus:
Nnedi Okorafor (USA, Nigeria)

 

Musikalischer Afrofuturismus: Janelle Monáe (USA)
(c) Future Image

 

 

 


 


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Februar 2018

 

 

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt
Graz, Wien: Droschl 2017.

Manchmal ist die Vergangenheit – wie in Natascha Wodins Sie kam aus Mariupol (Lesetipp Jänner 2018) – verloren und verschüttet. Und es bedarf einer geduldigen Spurensuche, um aus einzelnen Mosaiksteinchen und Erinnerungssplittern die Lebensgeschichte der Vorfahren – und in der Folge die eigene Identität – neu zu (er-)schreiben.

Manchmal ist die Vergangenheit aber auch – wie in Laura Freudenthalers Roman – so schmerzhaft präsent und übermächtig, dass sie verdrängt, verschwiegen und zum Verstummen gebracht werden muss. Über gewisse Dinge spricht man nicht (S. 10) – Das ist einer der Standardsätze von Fanny, der Protagonistin dieses Buches, mit der sie die kindliche Neugier ihrer Enkelin abwehrt.

Die Königin schweigt – Nicht umsonst erinnert der Titel dieses Buches an ein Märchen. Fanny, die vom Schicksal immer wieder hart getroffene Frau, will sich nicht erinnern, nicht an die Kindheit auf dem elterlichen Hof in den 1930er Jahren, nicht an ihr junges Erwachsenenleben als Schulmeisterin in einem kleinen Dorf. Und so hat sie aus ihrer Vergangenheit eine Märchenwelt gemacht, die sie ihrer Enkelin in Form von Geschichten erzählt: die Königingeschichte, die Schulmeistergeschichte, ...

Im Alter allerdings verschafft sich die Vergangenheit zunehmend Gehör, die Erinnerungen spülen herauf, in Wachträumen, in schwachen Momenten, in zunehmender Müdigkeit. Da kann es passieren, dass Fanny die Kontrolle über ihr Gedächtnis verliert:
Das stille Land war plötzlich voller Geräusche, es schwirrte in den Ohren. Fanny wusste, das war die Vergangenheit, die noch immer in der Luft lag. (S. 194)

Die Enkelin schenkt ihr ein Buch mit leeren Seiten, zum Aufschreiben ihrer Erinnerungen. Nicht deine Märchen aus dem Dorf, hatte sie gesagt. Die wirkliche Vergangenheit (S. 10). Doch die Seiten bleiben leer. Die Königin schweigt – Aus Stolz? Aus Anstand? Aus Unfähigkeit? Als lebensrettende Maßnahme? Um Halt zu finden?

Im Postkasten fand Fanny eine Karte, die die Enkeltochter geschickt hatte. [...] Fanny legte die Postkarte zu den anderen. Sie bewahrte sie in dem Buch mit den leeren Seiten auf, das die Enkeltochter ihr geschenkt hatte. Nur auf der ersten Seite stand etwas geschrieben, in derselben Handschrift wie auf den Postkarten. (S. 205)

Laura Freudenthaler hat das Buch ihren „Vorfahrinnen“ gewidmet. Doch es bleibt – letztlich wie bei Natascha Wodin – Aufgabe der Nachfahrinnen, die Lücken zu füllen und die eigene Vergangenheit je neu zu erschreiben. Fazit: Geschichte ist eigentlich immer nur in Form von Geschichten zu haben.

Verfasst von Helene Thorwartl

Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2018.
Lesungstermine im Frühjahr 2018.

 

Die Königin schweigt
von Laura Freudenthaler
(geb. 1984 in Salzburg,
lebt in Wien).

 


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Jänner 2018

 

 

Natascha Wodin im Diskurs: "Ich wollte immer Deutsch sein"
Natascha Wodin im Interview mit Katrin Wenzel (mdr)

»Eigentlich, glaubte Natascha Wodin, gehöre ihre Familie einer Art "Menschenunrat" an, der Zwangsarbeiter. Doch Wodins Mutter hatte als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebt.« (mdr)

In dem ersten Leseheft unseres im Jänner 2018 gestarteten Fernkurs für Literatur "Ver-rückte Biographien. Mit vier Büchern durch Raum und Zeit" beschäftigen wir uns mit dem Buch Sie kam aus Mariupol von der deutsch-russisch-ukrainischen Schriftstellerin Natascha Wodin, die dafür den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 (Kategorie Belletristik) erhielt. In Ihrem Text versucht sie, die Lebensgeschichte ihrer Mutter zu rekonstruieren und bewegt sich dabei auf der schmalen Grenze zwischen Fiktion und Nichtfiktion, zwischen autobiographischem und romanhaftem Schreiben.

In dem am 4. März 2017 im deutschen Rundfrunksender mdr ausgestrahlten Interview mit Katrin Wenzel erzählt sie von ihrem Versuch, dieser Geschichte eine angemessene Form zu geben. Sie berichtet von ihrer Kindheit in Deutschland, die geprägt war von ihrem sprachlichen und kulturellen Dazwischen und von dem Rätsel um die Biographie und Identität ihrer Mutter. Vor dem Hintergrund des 100. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution publiziert sie 2017 ihr Buch Sie kam aus Mariupol, in dem sie die von politischen Umwälzungen geprägte Vergangenheit ihrer Familie analytisch "wie [in] ein[em] Krimi" (Katrin Wenzel) aufrollt. Von besonderer historischer Relevanz ist dieses literarische Werk, das sich auch mit den Zwangsarbeiter_innen beschäftigt - Schicksale, von denen wir heute aufgrund der fehlenden Dokumentation und den kaum existenten Erinnerungs- und Textzeugnissen viel zu wenig wissen. In dem Interview erzählt sie davon, wie es dazu kam, dass Millionen Menschen, darunter zahlreiche Ukrainer und Ukrainer_innen, zu Zwangsarbeitern wurden, und von ihrem Leben in "Nicht-Existenz" (Natascha Wodin) danach.

Verfasst von Claudia Sackl

Jurybegründung: Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in der Kategorie Belletristik
Lesungen: Frühjahr 2018 in Deutschland

 

Natascha Wodin auf der
Leipziger Buchmesse 2017

www.commons.wikimedia.org

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Natascha Wodin:
Sie kam aus Mariupol
.
Reinbek: Rowohlt 2017.

 

 

   

"Geschichte in Geschichten" - Bücherliste

Der österreichische Büchereiverband (BVÖ) hat im Rahmen seiner Aktion "Geschichte in Geschichten" auch eine umfangreiche Bücherliste zum Thema erstellt: Bücher also, die historische Ereignisse literarisch verarbeiten oder aber auch als Sachbuch aufbereiten.

Sie finden dort eine breite Palette an Autorinnen und Autoren, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema "Geschichte" auseinandersetzen: fiktionale Annäherungen und sachliche Versuche; österreichische Gegenwarts- sowie Kinder- und Jugendliteratur; einmal mit Blick auf die großräumigen Entwicklungen von Staaten und Ländern, einmal mit Blick auf außergewöhnliche individuelle Schicksale.

Unter den ausgewählten Autor_innen befinden sich unter anderem:

  • Luna Al-Mousli
  • Birgit Antoni
  • Laura Freudenthaler
  • Niki Glattauer
  • Nina Horacek
  • Verena Hochleitner
  • Heinz Janisch
  • Nermin Ismail
  • Nadine Kegele
  • Anna Mitgutsch
  • Oliver Rathkolb
  • Bernd Schuchter
  • Kathrin Steinberger
  • Rachel van Kooj
  • Simon Usaty

Wer - angeregt durch Natascha Wodins Buch Sie kam aus Mariupol - weitere (literarische) Spurensuchen erkunden und erlesen möchte, wird hier sicher fündig werden:
Bücherliste zu "Geschichte in Geschichten"

 

 

Leseförderungsprojekt
des BVÖ


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Dezember 2017

 

 

Nava Ebrahimi: Sechzehn Wörter
München: btb 2017.

Sechzehn persische Wörter bilden die Überschriften der einzelnen Kapitel dieses Buches: Maman-Bozorg, Kos, Khastegar, Narmkonande, Ezafebar, Azadi, etc. Eine unmittelbare Übersetzung folgt NICHT. Über Fremdheitserfahrungen muss deshalb explizit nicht mehr geschrieben werden, denn die Fremdheit und Unzugänglichkeit ist bei der Lektüre immer schon präsent.

Die sechzehn Begriffe entziehen sich einer einfachen Übersetzung; doch sie entfalten sich in Geschichten, Gefühlen, Gerüchen oder Klängen. Die Autorin schreibt deshalb sechzehn Kapitel um diese Wörter „herum“ und eröffnet so einen „Bedeutungsraum“, der die Leserinnen und Leser in den iranischen Lebensalltag, in Landschaften, in das soziale Miteinander und in die Beziehungen von iranischen Frauen eintauchen lässt. Jedes Kapitel ist damit aber auch ein lustvolles Rätselspiel, in dem sich erst allmählich „Verstehen“ einstellt.

Die Ich-Erzählerin Mona, durch und durch in ihrem deutschen Leben verwurzelt, begibt sich für das Begräbnis ihrer Großmutter auf eine Reise in den Iran und wird dabei mit jenem (persischen) Anteil ihrer Identität konfrontiert, den sie im Alltag gerne ausblendet:

Regelmäßig war ich ihnen ausgeliefert, diesen [persischen] Wörtern, die nichts mit meinem Leben zu tun hatten, nichts mit der Art, mit der ich täglich das Fahrradschloss öffne, nichts damit, wie ich im Restaurant Essen bestelle oder im Frühling Winterkleidung verstaue. Nichts hatten sie mit meinem Leben zu tun, trotzdem, oder gerade deshalb brachten sie mich immer wieder in ihre Gewalt. (S. 7)

Auf ihrer Reise beginnt Mona, ihre iranischen Wurzeln genauer anzuschauen. Die verdrängten Wörter verlieren dabei ihre Macht über sie; ja ganz im Gegenteil: sie werden zu "Türöffnern" in eine widersprüchliche iranische Lebenswelt, von der sich humorvoll und ohne Wertungsanspruch erzählen lässt. Repressalien und unbeschwerte Fröhlichkeit bestehen nebeneinander, ebenso Sinnlichkeit und Scham, Distanz und Intimität, oder – in der Figur der Großmutter – ein loses, ordinäres Mundwerk und eine tief verborgene Lebenslüge ...

Die sechzehn Wörter ermöglichen Annäherung und schaffen eine Form der "Verbundenheit", doch eine gewisse "Unübersetzbarkeit" zwischen den Welten bleibt bestehen. Jede und jeder, der an zwei Orten zuhause ist oder zwei Sprachen (oder auch nur Dialekte) spricht, kennt wohl die damit verbundenen Fremdheitserfahrungen, das Sich-nicht vollständig-erklären-Können ... Es bleibt schwierig, auf der einen Seite von der anderen zu erzählen.

Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Deutschland und lebt heute in Graz. Im November 2017 erhielt sie für ihr Werk den österreichischen Buchpreis Debüt.

Verfasst von Helene Thorwartl

Jurybegründung: Buchpreis Debüt 2017.
Interview mit der Autorin auf der Verlagsseite.
Lesung: 17.1.2018 in der Alten Schmiede, Wien

 

Nava Ebrahimi:
Sechzehn Wörter
.
München: btb 2017.


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November 2017

 

 

Elvira Dones: Hana
Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli.
Zürich: Ink Press 2017.

Elvira Dones wurde 1960 in Durres geboren und wuchs im kommunistischen Albanien auf. Sie studierte in Tirana albanische Literatur und Anglistik. Ihre berufliche Karriere führte sie auch in den Westen, von wo sie eines Tages nicht mehr zurückkehrte und daher in Abwesenheit wegen Landesverrates verurteilt wurde. Ihren zurückgelassenen Sohn durfte sie erst wieder nach Zusammenbruch des Regimes 1992 sehen. Sie hat die Schweizerische und amerikanische Staatsbürgerschaft, schrieb ihre ersten Romane auf Albanisch, nun auf Italienisch, das Tessin ist ihr Lebensmittelpunkt.

Die Heldin Hana im gleichnamigen Roman (2017) wächst im Norden Albaniens, einer kargen Gegend, auf. Da ihre Eltern bei einer Busfahrt zu einer Hochzeit in der Stadt ums Leben kommen und sie Vollwaise wird, nimmt sie der Onkel Gjergj auf, der selber keinen Sohn hat. Die von ihm vorgeschlagene Ehe schlägt sie aus und legt das Gelübde ab, bis ans Lebensende als Mann und jungfräulich zu leben – ein Teil des Ehrenkodex, der im Norden des Landes üblich ist. In der Rolle des Mannes verrückt sich ihr Status. "Sie" ist Familienoberhaupt, d.h. "sie" darf Entscheidungen treffen, Land kaufen, sich und die Familie verteidigen, bis hin zum Töten. Diese Rolle ist Hana lieber. [D]enn der Frau bleibt nur der Gehorsam. Und der fällt ihr schwer. Als der Onkel verstirbt, übersiedelt sie in die USA, wo ihre Kusine mit Familie schon lange lebt. Dort erst wird ihr bewusst, wie anders sie ist, und die Geschlechterfrage wird zur wahren Identitätsfrage, als sie einen Mann kennenlernt. Eine feste Konstante spielt die Literatur, die dem Roman eine prosaische Note verleiht.

Der Dokumentarfilm Sworn Virgin (Regie: Laura Bispuri), der auf dem Roman Hana basiert, wurde mit Alba Rohrwacher in der Hauptrolle 2015 bei der Berlinale uraufgeführt und u. a. in New York ausgezeichnet.

Verfasst von Martina Lainer

 


Elvira Dones: Hana.
Aus dem Italienischen von Adrian Giacomelli. Zürich: Ink Press 2017.

 

 


 

 

Sworn Virgin. Regie Laura Bispuri.
87 Minuten. Italien / Schweiz / Deutschland / Albanien / Kosovo 2015.


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Oktober 2017

 

 

Chimamanda Ngozi Adichie: "The Danger of a Single Story"
TED-Talk 2009. (dt. "Die Gefahr einer einzigen Geschichte").

Im ersten Leseheft unseres diesjährigen Fernkurses zu "ver-rückten Biographien" setzten wir uns mit dem in Simbabwe verorteten Roman "Wir brauchen neue Namen" von NoVoilet Bulawayo auseinander. Von zentraler Bedeutung innerhalb einer solchen Beschäftigung mit Literaturen aus Afrika ist der 2009 gehaltene TED-Talk "The Danger of a Single Story" (dt. "Die Gefahr einer einzigen Geschichte") der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Adichie, der viele Grundprinzipien der postkolonialen Literatur zusammenfasst.

Darin identifiziert die Autorin Mechanismen und Machtstrukturen, die die Bildung von (ethnischen) Stereotypen bestimmen. Sie spricht über die außergewöhnliche Verantwortung, die Autorinnen und Autoren von Literatur über Minderheiten bzw. weltpolitisch/-ökonomisch benachteiligte ethnische Gruppen haben, zumal sie diese Gruppen auf einem literarischen Weltmarkt repräsentieren. Adichie verweist auf die in diesen Fällen erhöhte Tendenz, von einem Beispiel auf die gesamte Gruppe zu schließen. Sie warnt vor der Gefahr, wenn eine Geschichte zu der einzigen Geschichte eines "Volkes" wird und unterstreicht zugleich die Macht, die der Literatur in diesen Prozessen innewohnt. Denn:
"Stories matter; many stories matter."

Verfasst von Claudia Sackl

Hier können Sie Adichies TED-Talk mit deutschen Untertiteln nachlesen bzw. nachhören.

 

Chimamanda Ngozi Adichie
Foto: Wani Olatunde

 

 

   

Buch-Empfehlungen auf der Litprom-Bestenliste
Herbst 2017

Viermal im Jahr veröffentlicht Litprom (Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.) die Bestenliste "Weltempfänger", die auf die lesenswertesten Neuerscheinungen der Literaturen jenseits von Europa und Nordamerika hinweist. Diese weltweit wohl einmalige Reise durch die Vielfalt der weltliterarischen Produktion liegt als Streifenplakat dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels bei und wird nach Erscheinen in der taz veröffentlicht.

Die 36. Litprom-Bestenliste vom Herbst 2017 empfiehlt Romane aus Angola und Südkorea, ein Debüt aus Sri Lanka, einen chinesischen Klassiker, einen Roman aus Bolivien sowie zwei frühe Werke zur Migration aus der Karibik:

José Eduardo Agualusa / Eine allgemeine Theorie des Vergessens
Anuk Arudpragasam / Die Geschichte einer kurzen Ehe
Rodrigo Hasbún / Die Affekte
Luo Guanzhong / Die drei Reiche
Dany Laferrière / Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden
Samuel Selvon / Die Taugenichtse
Ae-ran Kim / Mein pochendes Leben

Hier steht die aktuelle Bestenliste als PDF zum Download zur Verfügung.

Mehr Informationen zur Litprom-Bestenliste "Weltempfänger" finden sie hier.

 

Weltempfänger von Litprom
Nr. 36, Herbst 2017


 

 

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