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Lars Schmeink: "Begrabene Riesen – Ging der Nobelpreis an einen Autor der Fantastik?"
In: TOR ONLINE vom 08.10.2017.

Anlässlich des aktuellen Fernkursheftes zur phantastischen Literatur, möchten wir hier noch einmal einen Diskurs rund um das Genre der Phantastik öffnen:

Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2017 an den britisch-japanischen Schriftsteller Kazuo Ishiguro löste im Feulliton und unter LeserInnen eine hitzige Diskussion darüber aus, ob denn nun sein letzter Roman, Der begrabene Riese (2015), als ein Werk der Phantastik – oder gar der Fantasy, was viele KritikerInnen und LeserInnen noch vehementer verweigerten – zu bezeichnen sei. Denn ein Autor, der den Nobelpreis für Literatur bekommt, muss ja wohl mehr im Sinn [gehabt haben], als einen fantastischen Abenteuerroman zu schreiben (Johannes Kaiser, Deutschlandfunk). Überspitzt könnte man hingegen von der Gegenposition aus fragen:
Ist der Nobelpreis für Kazuo Ishiguro ein Nobelpreis für die Phantastik?

Vorausgeschickt sei an dieser Stelle eine kurze Begriffsklärung. Im Kontrast zur Phantastik (oder Fantastik), die als Oberbegriff für nicht-realistische Literatur all jene Texte umfasst, die nach Heinrich Kaulen sekundäre, transrationale, übernatürliche Handlungsdimensionen, die über unsere erfahrbare Alltagswelt und unser empirisch-rationales Bewusstsein hinausgehen, in ihre Erzählwelt inkorporieren, beschreibt die Fantasy (oder High Fantasy) á la J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe eine geschlossene sekundäre Welt, die mit unserer realistischen, empirisch-rationalen Welt im Text nicht zusammentrifft. In klassischer Fantasy spielt die Handlung also ausschließlich in einer (von übernatürlichen Elementen geprägten) Anderswelt.

Verortet in einem von magischen Geschöpfen, Geistern und Dämonen bevölkerten England des sechsten Jahrhunderts, folgt Kazuo Ishiguros Der begrabene Riese den Spuren eines alten Ehepaares, das aufbricht, um ihren Sohn zu finden, an den es sich nur dunkel erinnert. Denn es liegt ein Nebel über dem Land, der dessen BewohnerInnen alle Erinnerungen an ein wie auch immer geartetes Davor vergessen lässt. Später stellt sich schließlich heraus, dass vor nicht allzu langer Zeit ein Bürgerkrieg stattgefunden hat, den der Nebel aus dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft getilgt hat. Für Daniel Kehlmann steht diese metaphorische Bedeutung und die Frage, wie Gesellschaft mit Traumata umgeht, im Zentrum des Romans:

Der große Nebel war für sie kein Fluch, er hat ihnen vielmehr das Weiterleben ermöglicht; nur dadurch, dass sie die Schrecken, die sie ihren Nachbarn und diese ihnen angetan haben, völlig vergessen haben, war es ihnen möglich, nebeneinander weiterzuleben. Wird nun, da dieser Nebel sich lichtet, die Wahrheit sie frei machen, oder wird sie vielmehr neue Grausamkeiten, neues Blutvergießen und neue Schrecken bringen? [...] die Frage, ob eine Gesellschaft Täter lieber verfolgen oder vergessen und weitermachen soll, als wäre nichts geschehen, rückt plötzlich in den Mittelpunkt eines Romans, der doch gerade noch so weit entfernt von unseren Tagen zu spielen schien.
(Daniel Kehlmann, FAZ online)

Sozusagen als Antwort auf die Diskussionen rund um Ishiguros Der begrabene Riese, geht der Anglist und Germanist Lars Schmeink (Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg) in seinem Artikel „Begrabene Riesen – Ging der Nobelpries an einen Autor der Fantastik?“ den vielschichtigen Vernetzungen von Realismus und Phantastik in Ishiguros Roman auf den Grund und der Frage nach, auf welcher Basis denn nun ein Text dem phantastischen bzw. realistischen Genre zugeschrieben werden kann. Ganz zu Beginn steht dabei der alte Konflikt zwischen Phantastik (v.a. Fantasy) und sogenannter „Hochliteratur“, wobei dem Verständnis der letzteren immer auch eine vermeintlich höhere literarische und ästhetische Qualität immanent ist:

Mit Kazuo Ishiguro hat jetzt ein Autor den Nobelpreis gewonnen, bei dem es wieder zu fragen gilt: Fantastik oder Hochliteratur? Oder beides? (Lars Schmeink, TOR ONLINE)

In diesem Nachsatz, Oder beides?, klingt schon an, was im Laufe des Artikels schrittweise herausgearbeitet wird: Phantastik und sogenannte „Hochliteratur“ müssen einander keinesfalls ausschließen. Gleichzeitig zeigt Schmeink, dass sich paradoxerweise auch Realismus und Phantastik nicht immer ausschließen müssen, weisen doch viele Texte, die phantastische „Oberflächenelemente“ besitzen, auch eine realistische Tiefenstruktur auf. So auch Kazuo Ishiguros Der begrabene Riese, was ihn jedoch nicht weniger phantastisch (im Sinne der Genrebezeichnung) macht. (An dieser Stelle sei auch an den Lese-Tipp vom Mai, Jesmyn Wards Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt, verwiesen, der übernatürliche Elemente mit einem schonungslosen Realismus kombiniert.)

Denn Phantastik und Fantasy gehen in vielen Fällen durchaus über den Selbstzweck einer sekundären Welt hinaus und verpacken Konkretes in Abstraktem, wodurch dem Konkreten eine gewisse Allgemeingültigkeit bzw. Universalität zugesprochen wird. Kazuo Ishiguro selbst sagt über seinen Roman:

Ich wollte so etwas wie ein Volksmärchen erzählen, das sich auf viele unterschiedliche Situationen anwenden lässt. Ich wollte damit andeuten, dass es etwas ist, mit dem die Menschen schon immer in ihrer Geschichte gekämpft haben. Darum hat mich diese alte Fantasiewelt gereizt. Den Menschen wird dadurch klar, dass die Oberfläche der Geschichte nicht so wichtig ist.
(zitiert in: Johannes Kaiser, Deutschlandfunk)

Rhetorisch geschickt stellt Lars Schmeink in seinem Artikel die zwei gegensätzlichen Positionen der gängigen Diskussion gegenüber, die Kazuo Ishiguro einerseits als Fantasten und andererseits als postmodernen Literaten zeichnen: Ist Ishiguro nun ein Phantastik-Autor, weil Magie in seinem Roman vorkommt, oder vielleicht auch einfach weil LeserInnen seinen Roman als Phantastik lesen? Oder spielt er gemäß eines postmodernen Verständnisses von Literatur mit Versatzstücken der Fantasy und allem, was sonst noch so literarisch möglich ist? Dabei thematisiert Schmeink auch ganz grundlegende Fragen der Genre-Theorie, unter anderem die Leitfrage, wie Genres denn überhaupt definiert werden können: über textimmanente Elemente oder aus soziologischer Perspektive, die "Genre" nicht als ein prototypisches Motivinventar betrachtet, sondern vielmehr als eine Art Vertrag zwischen AutorInnen und LeserInnen, der bestimmte Erwartungen und Haltungen an das Buch festlegt? Die beiden angesprochenen Oppositionen lässt Schmeink am Ende insofern ineinander aufgehen, als dass er beiden eine gewisse Legitimität zuspricht. Ishiguros Roman, so schreibt er, fordert in jedem Fall beide LeserInnen heraus – sowohl jene der Phantastik, als auch jene sogenannter „Hochliteratur“.

Hier geht es zum Volltext des in dem Phantastik-Magazin TOR ONLINE (Teil der S. Fischer Verlage) erschienenen Artikels „Begrabene Riesen – Ging der Nobelpries an einen Autor der Fantastik?“ von Lars Schmeink.

 

"Begrabene Riesen –
Ging der Nobelpreis an einen Autor der Fantastik?"

von Lars Schmeink (veröffentlicht in der Zeitschrift TOR ONLINE,
S. Fischer Verlage)

 

 

Kazuo Isiguro: Der begrabene Riese. Aus dem Engl. v. Barbara Schaden. Heyne Verlag 2016. [Taschenbuch]

 


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