Literarische Kurse
Fernkurs-Tipps

Hier finden Sie vom Team der Literarischen Kurse zusammengestellte Informationen und Hinweise rund um die aktuelle Fernkursreihe "Ver-rückte Biographien":

 

Lese-Tipps

Jesmyn Ward:
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt.

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker.
München: Kunstmann 2018.

Die letzten beiden Lesetipps umfassten Bücher, die sich mit möglichen Zukunftsentwürfen unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Dass aber auch zeitgenössische Lebensrealitäten dystopischen Charakter haben können, zeigt Jesmyn Wards Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt (Original: Sing, Unburied, Sing), dessen apokalyptische Atmosphäre bereits von mehreren KritikerInnen hervorgehoben wurde. In ihrem neuen Roman, der ebenso wie ihr letzter Titel mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, folgt die afroamerikanische Schriftstellerin den Spuren einer 'mixed-race' Südstaatenfamilie, die sich durch Rassismus, Krankheit, Drogenkonsum und Armut langsam aber sicher zersetzt. Charakteristisch für Wards Text, der sich sowohl durch seine politische Aktualität als auch seine historische Tiefe auszeichnet, ist sein intensiver, schonungsloser Realismus, der sich in einer bildgewaltigen, metaphernreichen Sprache niederschlägt und mit magisch-mystischen Elementen durchsetzt ist. Denn Ward lässt in ihrem Text bereits verstorbene Charaktere nicht nur als Figuren, sondern auch als Ich-Erzähler auftreten, die die ProtagonistInnen (nach kurzer anfänglicher Irritation) ganz selbstverständlich in ihre erfahrbare Wirklichkeit integrieren. Auch in der aktuellen Lektüre unseres Fernkurses "Ver-rückte Biographien" werden die Grenzen von Sterben und Tod mithilfe avancierter technischer Verfahren ausgelotet, um die Endlichkeit des Lebens hinauszuzögern. Auf ähnliche Weise bewegt sich Jesmyn Ward in ihrem Text über die Grenzen der Sterblichkeit hinaus, bedient sich dabei jedoch gänzlich anderer erzählerischer Mittel als Don DeLillo in seinem an Science-Fiction-Literatur angelehnten Roman Null K.

Das Genre des magischen Realismus hat vor allem in nicht-westlichen Literaturen wie jenen aus Lateinamerika oder Afrika, wo das, was aus westlicher Perspektive als 'übernatürlich' oder 'magisch' bezeichnet wird, vielerorts in das alltägliche Leben und das allgemeine Verständnis von Realität integriert ist, lange Tradition. Demgemäß ist es also nicht überraschend, dass zahlreiche zeitgenössische afroamerikanische AutorInnen auf eine solche Synthese aus Magie und Realität zurückgreifen, um ihre Geschichte(n) und jene ihrer Vorfahren zu erzählen. Colson Whitehead beschreibt in seinem vielfach ausgezeichnetem Underground Railroad beispielsweise ein historisch belegtes Netzwerk von Abolitionisten, das den in den USA in Sklaverei Gefangenen bis zum Bürgerkrieg half, in andere Länder zu flüchten, und imaginiert es mit den Mitteln des magischen Realismus als tatsächliche geheime Tunnelsysteme, die die gesamte USA im Untergrund durchziehen. Die ghanaisch-US-amerikanische Schriftstellerin Yaa Gyasi wiederum folgt in Heimkehren den Spuren des westafrikanischen Sklavenhandels und den dadurch aufgerissenen Wunden, die bis ins moderne Amerika reichen, wo ihre Charaktere mit mythischen Figuren interagieren. Die rationale Wirklichkeit, die in Texten wie diesen mithilfe irrealer Elemente verfremdet wird, geht dabei in einem 'mystischen' Erzählen auf, das für AutorInnen wie Colson Whitehead, Yaa Gyasi und letztlich auch Jesmyn Ward jedoch nicht weniger 'realistisch' ist – wie in Interviews mit ihnen (siehe unten) nachzulesen ist.  

Erzählt wird in Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt zunächst aus zwei, später dann aus drei Ich-Perspektiven: Leonie, die als 17-Jährige schwanger wurde, drogenabhängig ist und nach wie vor schmerzhaft mit ihrer Mutterrolle zu kämpfen hat, lebt mit ihrer Familie zwar im selben Haus, wirkt jedoch fast wie ein Fremdkörper in dem sonst so liebevollen Gefüge. Ihr 14-jähriger Sohn Jojo sorgt an ihrer statt für seine kleine Schwester Kayla, beide haben sie eine besondere Beziehung zu ihren Großeltern Pop und der krebskranken Mam. Auf dem Road Trip, auf den sich Leonie, Jojo und Kayla begeben, um den weißen Vater aus Parchman, dem staatlichen Gefängnis, abzuholen, werden gewohnte Grenzen porös, wenn das Innere wiederholt nach außen gekehrt wird und die Toten im Leben allgegenwärtig sind. Mit dieser Ausfahrt schließt sich zudem ein Generationenkreis, denn schon der Großvater Pop musste auf der (tatsächlich existierenden) Parchman Farm als Teenager – so wie zahlreiche andere Afroamerikaner – aufgrund geringfügiger Vergehen auf den Baumwoll- und Melonenplantagen in der glühenden Hitze von Mississippi und unter der gewaltvollen Führung der (weißen) Wärter jahrelange Zwangsarbeit leisten. In Kursivpassagen erzählt Pop von Richie, einem kleinen, mageren Jungen, der eines Tages plötzlich verschwand. Er wird dem adoleszenten Ich-Erzähler Jojo schließlich als heimgesuchte Seele erscheinen und sich nach dem Gefühl des Zuhause-Seins in einem Jenseits sehnen, das sich jeglicher Räumlichkeit entzieht und den Leitmotiven des Wassers und der Vögel folgt (siehe Cover).

Im Kontrast zu dieser abstrakten, symbolischen Ebene des Romans, die sich auch in der Spiritualität von Jojos Großeltern wiederspiegelt, steht das räumlich wie geographisch konkrete Mississippi, das man durch Wards bildliche Sprache förmlich sehen, riechen und schmecken kann. Als eine Region, wo Rassismus und Segregation besonders tief verwurzelt sind, wird es zu einem Ort, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderlaufen und die Vergangenheit in regelmäßigen Schüben aufstößt. In der fiktiven Kleinstadt Bois hat die Familie Rivers mit Problemen zu kämpfen, die für den Bundestaat Mississippi, der eine der höchsten Arbeitslosenraten sowie Todeszahlen durch Drogenüberdosis in den USA aufweist, beispielhaft sind. Der moderne Süden der USA wird so zu einem kontaminierten, gezeichneten Ort, der sowohl die Lebenden als auch die Toten vergiftet: "Das hier ist kein guter Ort, für keinen. Egal, ob Schwarz oder Weiß. Macht keinen Unterschied. Das hier ist ein Ort für Tote." (S. 108). Im Zentrum des Romans stehen aber nicht nur die von Ward präzise diagnostizierte strukturelle und gesellschaftliche Benachteiligung und Perspektivenlosigkeit, sondern auch die individuellen, nie verheilten Verlusterfahrungen der einzelnen Figuren. Die individuelle Biographie wird dabei politisch aufgeladen und psychologisiert. Das mündliche Erzählen sowie Jesmyn Wards eigenes literarisches Schreiben werden zur politischen Handlung – selbst wenn es manchmal "Lieder ohne Worte" (S. 254) sind, die sie ihre Lebenden und ihre Toten singen lässt.

Interview mit Jesmyn Ward zu Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt (englisch)
Interview mit Colson Whitehead zu Underground Railroad (deutsch)
Interview mit Yaa Gyasi zu Heimkehren (englisch)

 

Singt, ihr Lebenden und ihr
Toten, singt

von Jesmyn Ward (geb. 1977 in DeLisle, Mississippi, USA)

 

 

 

 

 

 

 

 

Colson Whitehead:
Underground Railroad

Aus dem Amerikan. von Niklaus Stingl. München: Hanser 2017.


Yaa Gyasi: Heimkehren
Aus dem Amerikan. von Anette Grube. Köln: Dumont 2017.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 


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LITERATURFEST SALZBURG: Über-, Aus- und Aufbrüche

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»Im Zentrum stehen auch Geschichten, die von Widerständen und Umbrüchen erzählen: In diesem Jahr widmen wir einige Veranstaltungen des Literaturfests dem Thema Revolte. Der Bogen spannt sich von gesellschaftlichen, sozialen und politischen Umbrüchen und Veränderungen bis zu ästhetischen und künstlerischen Revolten, dabei hat die Zeit um 1968 und danach eine besondere Bedeutung.«
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Mittwoch, 23.05 bis Sonntag, 27.05.2018
Freier Eintritt

SALZBURG: Die einzelnen Veranstaltungsorte entnehmen Sie bitte dem Programm.

www.literaturfest-salzburg.at

 

Literaturfest Salzburg
23. bis 27. Mai 2018


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