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Lese-Tipps

Jackie Kay:
Die Adoptionspapiere. Gedichte
Aus dem Englischen von Helmuth A. Niederle.
München/Wien: edition KAPPA 2001.

In ihrer Gedichtsammlung Die Adoptionspapiere erzählt die schottische Schriftstellerin Jackie Kay von drei Frauen: Einer schottischen, jungen Frau, die in den 1960er Jahren nach einer Beziehung mit einem nigerianischen Mann schwanger wird. Einer ebenso schottischen, nicht mehr ganz so jungen Frau, die sich schon seit Jahren ein Kind wünscht. Einem schwarzen Mädchen, das nach seiner Geburt in einer Brutkammer ums Überleben kämpft und, als es aus dem Krankenhaus entlassen wird, von einer weißen Frau adoptiert wird.

Diese Ausgangssituation des Lyrikbandes schöpft sich aus der Biografie der Autorin, die diese auch in ihren – leider (noch) nicht ins Deutsche übersetzen – großartigen autobiografischen Roman Red Dust Road (2010) einfließen ließ. Geboren in Edinburgh, mit einer schottischen leiblichen Mutter und einem nigerianischen leiblichen Vater, der schon vor der Geburt seiner Tochter wieder in seine Heimat zurückkehrte, wurde Jackie Kay als Baby von einem schottischen weißen Paar, Helen und John Kay, adoptiert.

In ihren Gedichten verwebt die mittlerweile 57-jährige Autorin nun drei unterschiedliche lyrische Ichs ineinander: jenes der Tochter, der leiblichen Mutter und der Adoptivmutter, die jeweils in unterschiedlichen Schrifttypen gesetzt sind und durchwegs namenlos bleiben; abgesehen von der typografischen Differenzierung werden sie lediglich durch die vorangesetzten Abkürzungen (T), (LM) und (AM) markiert. Mal sprechen die drei Figuren in individuellen, abwechselnden Monologen, mal verschränken sich die Stimmen in einzelnen Strophen, einzelnen Versen, manchmal sogar innerhalb derselben Zeile. Zwar mögen die drei Stimmen über ihr Schriftbild voneinander getrennt sein, zusammen sind sie dennoch mehr als ihre Summe. In ihrem polyphonen Dialog, der sowohl räumliche als auch zeitliche Grenzen zu überbrücken vermag, finden sie mal über weite geografische Entfernungen zueinander:

(LM) Nie hätte ich gedacht, dass ein Spaziergang
auf der Hauptstraße länger dauert.

(AM) So möchte ich vor dem Spiegel stehen:
Was für ein dicker Baum! Was für ein dicker Bauch!

(LM) Die Zeit, der genaue Zeitpunkt,
an dem ein bestimmter Same das Rennen macht

(AM) Ich will in der Nacht auf meinem Rücken liegen.
Ich möchte die ganze Zeit pinkeln.

(LM) unter allen anderen
so, wie man sich einen Partner beim Tanzen auswählt.

(AM) Ich möchte, dass mir schlecht ist wie anderen Frauen,
will Schokolade, Leber oder Erde essen.
(S. 8)

Mal durchschneiden sie unterschiedliche Zeitebenen, in deren Überlagerung die intersubjektive Bindung zwischen Adoptivmutter und Tochter widerhallt:

(T) Meine Mammy sag, sie ist nicht meine richtige Mammy (nur ich ihr Kind).
(AM) Es ist ein wenig wie eine Rolle, die du so gut einstudiert hast,
dass du sie bei der Premiere nicht spielen kannst.

(T) Sie sagt, meine wirkliche Mammy ist weg, weit weg.
(AM) Mammy warum, haben wir beide nicht dieselbe Hautfarbe?
(T) Aber ich liebe meine Mammy, ob sie es nun wirklich ist oder nicht.
(AM) Mein Herz begann zu rasseln wie eine Blechtrommel,
die Worten hoben ab zu einem anderen Planeten.

(T) Warum?
(T) Aber ich liebe meine Mammy, ob sie es nun wirklich ist oder nicht.

(AM) Ich merkte an ihrer Stimme, wie verwirrt sie war.
Ich sagte, ICH BIN NICHT DEINE WIRKLICHE MUTTER,
weiß Gott, warum ich das gesagt habe.
Wenn ich nicht deine richtige Mutter bin, aber all meine geplanten Reden
gingen zum Fenster hinaus.
(S. 21)

Nicht nur diese Passage zeugt in den Gedichten von den Schwierigkeiten, als dunkelhäutiges Kind in einer weißen Gesellschaft aufzuwachsen. In einer Gesellschaft, in der weiße Haut zu einem solchen Grad normalisiert wurde, dass (T) selbst nur durch ihr Spiegelbild an ihre Andersheit erinnert wird:

(T) Meistens vergesse ich drauf,
sodass ich manchmal, wenn ich in den Spiegel blicke,
selbst einen kleinen Schreck bekomme
und mich frage: SIEHST DU WIRKLICH SO AUS?
als wäre ich jemand anderer.
(S. 28)

Zugehörigkeit lässt sich für (T) nicht durch ihre biologische Abstammung festmachen, sondern entwickelt sich allein aus ihrem sozialen, familiären Umfeld:

(T) mein Blut,
was meint sie damit?
(S. 26)

(T) Ich habe keine Nase keinen Mund, keine Augen,
die jemand ähnlich sehen, bin niemandes Ebenbild oder eine todsichere Sache,
ich sehe nur mich im Spiegel.
(S. 30)

Dass diese scheinbare Einsamkeit für (T) aber keinesfalls eine schmerzvolle ist, wird im Laufe der Gedichtsequenzen deutlich.

Unabhängig von ethnischen oder „rassischen“ Zuschreibungen hinterfragt Jackie Kay in ihrem Text auch, was Mutterschaft (und Vaterschaft) bedeutet und ob die Bindung zwischen leiblicher Mutter und Tochter tatsächlich durch nichts gebrochen werden kann. Wer ist nun (T)s „richtige Mutter“? Ist Blut wirklich dicker als Wasser? Ist (AM) erst dann Mutter, wenn sie die Adoptionspapiere, den Wisch unterschrieben ha[t] (S. 15)?

(AM) Neugier. Das ist selbstverständlich. Abstammung.
Solche Überlegungen. Schau mich und schau sie an,
keine Tochter kann ihrer Mutter ähnlicher sehen.
Wir haben dieselbe Wellenlänge.
Sofort weiß ich, wenn sie verstimmt ist
und umgekehrt. Näher als Blut.
Dicker als Wasser. Ich und meine Tochter.
(S. 36f.)

In Die Adoptionspapiere dekonstruiert Jackie Kay also auf doppelte Weise den existentiellen Determinismus von biologischer Abstammung, leiblicher Herkunft und „Blut“. Die vielstimmigen Resonanzen zwischen Tochter, leiblicher Mutter und Adoptivmutter – drei weibliche Subjektpositionen unterschiedlicher Generationen und unterschiedlicher Ethnien, die als figurale Leerstellen (T), (LM) und (AM) mannigfaltige Interpretationspotentiale bergen – hallen dabei als eigenständige Textfragmente zwischen den Zeilen wider und schöpfen auf besondere Weise aus einer Darstellungsstrategie, die in diesem Fall nur unzulänglich mit dem erzähltheoretischen Begriff der „Multiperspektivität“ bezeichnet werden kann.

 

Verfasst von Claudia Sackl

 

Die Adoptionspapiere. Gedichte
von Jackie Kay.
Aus dem Englischen von Helmuth A. Niederle. München/Wien: edition KAPPA 2001.

 

 

 

 

Red Dust Road
von Jackie Kay.
London: Picador 2010.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jackie Kay
(geb. 1961 in Edinburgh, Schottland, Großbritannien)
ist Autorin von Gedichten und Romanen, Professorin für Kreatives Schreiben an der Newcastle University und die derzeitige "Makar" (schottische(r) Poet Laureate).

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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