LitKu - Buch des Monats November 2026
© Residenz Verlag
Christina Walker: Verteidigung eines Gartens. Residenz Verlag, 2026
Er ist das Sinnbild der beschaulichen und mitunter verhüttelten Privatheit; das Refugium der Arbeiterklasse, die sich hier zwischen Thujenhecke und Gemüsebeet niedergelassen hat, um der Stadt das Grün abzutrotzen: der Schrebergarten.Als Wohnraum im Graubereich (eigentlich darf hier nicht ganzjährig gewohnt werden) ist der Garten für Marianne, Bäckerswitwe und Arbeitssuchende, ist die Gartenhütte und das bisschen Pachtland die letzte Station vor der Obdachlosigkeit. Ihr Mann Carl hatte ihr, nachdem er sich bei einer Frontalkollision mit einem Baum aus dem Leben geknipst hatte, das Gartenhäuschen, eine ungültige Lebensversicherung und einen Haufen Spielschulden hinterlassen, weshalb Marianne nun, anstatt von Pension und Kreuzfahrt zu träumen, ohne Warmwasser und Sanitäranlagen im Gartenhäuschen wohnt – und das im anbrechenden Winter, denn zu dieser Jahreszeit beginnt der Roman. Es ist dies traditionell die Saison des Rückzugs aus dem Kleingarten; die Rosen in Jute gepackt, die Vorräte gegen Mäusefraß in Sicherheit gebracht und das Wasser der Hauptleitung abgedreht. Dass Marianne in dieser unwirtlichen Zeit in das Häuschen zieht, ist der Not geschuldet und nicht der Liebe zur Natur. So ein Schrebergarten-Verein hat es auch an sich, mit einem strikten Regelwerk aufzufahren, das vom Obmann an oberster Spitze verteidigt und exekutiert wird. Im Falle der Siedlung „Neu-Amerika“ ist es Obmann Gregor, der gegen Wildwuchs jeder Art und Subversives im Allgemeinen vorgeht, der Stromzählerstände kontrolliert und vor dem sich Marianne im Verborgenen halten muss, um mit ihrer widerrechtlichen Wohnsituation nicht aufzufallen. Dass über der Gartensiedlung aber noch ganz andere Probleme wie dunkle Wolken hängen, stimmt Obmann Gregor, der, seit ihn seine Frau verließ, in der Metzgerei zu tafeln pflegt und dessen Rheuma nur zwischen März und Oktober besser wird („[…] da sei er nämlich im Garten“ S. 24) nicht milder; die Anlage soll aufgelassen, vermessen, plattgewalzt, zu Baugrund umgewidmet und restlos verbaut werden. Doch noch lässt das Vermessungsamt auf sich warten, noch rollen die Planierraupen nicht und noch ist Zeit für Christina Walker, in einer ansonsten anstrengenden, hier aber gänzlich natürlich verwachsenen Parallelerzählung das Personeninventar des Romans einzuführen. Da ist, Diana, das Mädchen, halb Göttin, halb Jägerin, halb tote englische Königin der Herzen, die vor Mike, dem Idioten mit hohem Aggressionspotential und Alkoholenthusiasmus und seines Zeichens Liebhaber von Rosa, Dianas Mutter, in den Garten der verstorbenen Großmutter geflohen ist, da ist Grete, überbesorgte ehemalige Nachbarin Mariannes, da ist Richard, der den Aalen im nahen Weiher nachstellt und die fettesten unter ihnen an gut zahlende Kundschaft verscherbelt, und da sind all die anderen Personen, die wie ein dichtes Myzel ineinandergreifen. Während sich Diana, vulgo „Didi“, Marianne annähert und hier zarte Komplizinnenschaft aufbaut, während sie auch im winterlichen Altwasser des Weihers abtaucht, anstatt sich eine warme Dusche in der Umkleide der Schule (samt praktischem Guckloch für den bestechlichen Schulwart) zu gönnen, und während Didi ihr eigenes Ding macht, ohne noch volljährig zu sein, bricht Mike immer wieder in Gewalttätigkeit aus, kostet der Mutter Rosa ein gelbes Jochbein oder eine geplatzte Lippe und beteuert jedes Mal, wie leid es ihm täte und dass es nie wieder –
„Im Gegensatz zu Rosa glaubte Didi nicht an die Möglichkeitsform. Sie beherrschte sie zwar wie die Englischvokabeln, das Ermächtigungsgesetz von 1933 und die Mendelschen Vererbungsregeln, sie zweifelte aber an der Anwendbarkeit des Konjunktives auf das Leben.“ (S. 126)
Mit den beiden Protagonistinnen – der vor der Pension stehenden Marianne, die dankbar sein muss, einen Halbtagsjob im Discounter annehmen zu können, dem Discounter, der mit seinen billigen Broten und Semmeln der Bäckerei von Marianne und Carl schlimme Konkurrenz bereitet hatte, und in dem alles muffig und nach Keller riecht, und der nüchtern-rationalen Didi, die sich mit Minijobs und vielfältigen Miniausflügen ins Kriminal über Wasser hält und die Aale fängt, um sie im Fluss wieder auszusetzen, damit diese in die Freiheit wandern können, durchziehen zwei Personen den Roman, die in all ihrer Ungleichheit doch eines vereint: die Flucht in den Garten und der unausgesprochene Wunsch, irgendwann doch noch anzukommen. Um sie herum gestaltet Christina Walker ein so gekonntes Nebeneinander an Personen, deren Lebenswege sich überscheiden und die hier und dort ineinanderstoßen, dass die Lektüre zu einem mehrperspektivischen Feuerwerk wird. Sie alle haben ihre ureigene Tonalität, ihre eigenen Stimmen und sie alle werden uns Lesenden nachvollziehbar in ihren Illusionen, Wünschen und Abgründen. So durchlaufen wir den Winter, das Frühjahr und den Hochsommer, bis der Regen einsetzt und etwas ganz Neues auf „Neu Amerika“ zuzurollen beginnt. Die Verteidigung des Gartens ist dann womöglich gar nicht mehr nötig, erkennt auch Obmann Gregor, der bis dahin die Stellung hielt. Denn er kann sich ganz schön selbst verteidigen, dieser wildwüchsige Naturraum mit seinen Schnecken, Dachsen und seinem Rattenproblem. Die Menschen mit ihren materialmüden Hütten und den Ochsenherzparadeisern sind hier ohnehin nur geduldete Gäste auf Zeit.
Wer in „Verteidigung eines Gartens“ eine wohlige Erzählung rund um die richtige Pflanztiefe der Radieschen erwartet, ist hier eine Gasse zu früh am Büchertisch abgebogen. Was Christina Walker nämlich erschafft, ist ein starkes Wurzelwerk der Erzählung, das die Tragik des Lebens gerade so weit überspitzt, dass sie uns beim Lesen entgegenhämmert, ohne direkt ins Groteske abzurutschen. Das geht nicht ohne (Galgen-)Humor und vor allem nicht ohne die großartige Erzählkunst der Wahl-Augsburgerin, die in Vorarlberg geboren wurde. Verzwickt, aber flüssig ist die Erzählung, aus vielen kleinen Zahnrädchen bestehend, die alle perfekt ineinandergreifen. Wir können die Heckenschere ruhig am Haken hängen lassen, wenn wir uns dem Lesen widmen; hier regiert der Wildwuchs; und er treibt die schönsten Blüten.
ig/ig

