LitKu - Buch des Monats September 2026
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Robin Wall Kimmerer: Die ehrenhafte Ernte. Illustriert von Hanna Zeckau, aus dem Amerikanischen von Elsbeth Ranke. Vorwort von Mithu Sanyal, Aufbau 2024
Es mag ein wenig nach esoterisch verklärter Wildromantik klingen: Wir fragen den wilden Lauch um Erlaubnis, bevor wir ihn ausreißen und daheim auf’s Butterbrot legen, und wir tauschen mit dem Hirsch einen gegenseitig verständnisvollen Blick, bevor wir ihn erlegen – und das nur, weil er uns dafür die Flanke geboten und sich uns dieserart zum Geschenk gemacht hat. Dabei ist der Ursprung der Gedanken, die Botanikerin Robin Wall Kimmerer in ihren breit rezipierten Essays durch eine wunderbar eingängige Sprache wiedergibt, ganz und gar nüchtern...Umwelt- und Ressourcenmissbrauch aus turbokapitalistischen Gründen heraus sind Übel, die ein diffiziles Gleichgewicht schon lange zum Schwanken gebracht haben. Wer nur gibt und nicht nimmt, weil er jedes Geschenk einhamstert und nach mehr verlangt, ohne an ein Gegengeschenk zu denken, ruiniert eine Beziehung, die nachhaltig und gegenseitig respektvoll sein könnte.
Eine ehrenhafte Ernte, das sei, so die Autorin, die ihre indigenen Wurzeln in dem Essaybändchen zitiert, eine Ernte in gegenseitigem Respekt. Es wird überlegt, was zu welchem Zeitpunkt und in welcher Quantität genommen wird, ohne das Gebende zu zerstören. Will man Pflanzen schneiden, so bleibt die erste, die gefunden wird, stehen, denn es könnte ja auch die letzte überhaupt sein. Und fällt die Reisernte auch noch so reichhaltig aus, wird dennoch nicht mehr genommen, als auch tatsächlich verwertet werden kann.
Ich wuchs bei und mit den Erdbeeren auf, mit ganzen Feldern davon. Nichts gegen die Ahorne, Hemlocktannen, Weymouth-Kiefern, Goldruten, Astern, Veilchen und Moose im Hinterland des Bundesstaates New York, aber mein Gefühl für die Welt und meinen Platz in ihr gaben mir die winzigen Scharlach-Erdbeeren, die ich unter taunassen Blättern an Frühsommermorgen entdeckte. Hinter unserem Haus erstreckten sich, unterteilt durch Steinwälle, meilenweit alte Heuwiesen, die längst nicht mehr bewirtschaftet wurden, aber noch nicht zu Wäldern verbuscht waren. Wenn der Schulbus unseren Hügel hinaufgetuckert war, warf ich meinen rotkarierten Schulranzen in die Ecke, zog mich um, bevor meiner Mutter einfiel, was ich erledigen sollte. Und sprang über den Bach, um bei den Goldruten spazieren zu gehen. Unsere mentalen Landkarten enthielten alle Orientierungspunkte, die wir Kinder brauchten: das Fort unter dem Essigbaum, den Steinhaufen, den Fluss, die großen Kiefern, deren Äste in so gleichmäßigen Abständen wuchsen, dass man bis in ihren Wipfel klettern konnte wie auf einer Leiter – und die Erdbeerplätze.
(S. 23f.)
Die Unmittelbarkeit der Erzählungen, die Robin Wall Kimmerer illustrativ in ihre Essays webt, rührt an Nature Writing der ersten Stunde: Da, wo sich der Mensch in die Natur (zurück?) einfügt, entsteht eine denkwürdige Symbiose der Vertrautheit. Kimmerers Erzählen ist essayistisch und aus der Sicht einer umweltbiologischen Wissenschaftlerin heraus fundiert; es ist aber auch von einer Poetik, die tief in den Anschauungen und Überzeugungen ihrer indigenen Vorfahr*innen verwurzelt ist. Als Gründerin des Center for Native Peoples and the Environment am SUNY College of Environmental Science and Forestry in New York befasst sie sich mit Nachhaltigkeit und Renaturierung ebenso wie mit dem historisch gewachsenen Wissen der Natives und beides findet sich in „Die ehrenhafte Ernte“. Besonders aber in dem Kapitel „Die Grammatik des Belebten“ zeigt Robin Wall Kimmerer ein interdisziplinäres Verständnis, das Sprache, Verstehen, Forschen und Verändern in ein klares Verhältnis setzt und so auch einen besonderen Lektüregenuss bietet:
Ich komme hierher zum Zuhören. Ich kuschele mich in eine weiche Mulde voller Kiefernnadeln, lehne meine Knochen an den Stamm einer Weymouth-Kiefer und schalte die Stimme in meinem Kopf ab, bis ich sie hören kann: das Säuseln des Windes in den Nadeln, das Rieseln des Wassers auf dem Felsen, das Klopfen der Kleiber […] Wenn wir der Natur lauschen, hören wir Gespräche in einer Sprache, die nicht unsere ist. Heute denke ich, dass ich zur Wissenschaft gekommen bin, weil ich diese Sprache, die ich in den Wäldern höre, verstehen wollte, weil ich mit den Jahren lernen wollte, fließend Botanisch zu sprechen. […]
(S. 47 f.)
Die Wissenschaftssprache, so präzise sie auch sei, greife doch nicht das auf genauer Beobachtung fußende Selbstverständnis vieler indigener Sprachen auf, in denen Worte existierten, die etwa das Phänomen des über Nacht aus dem Boden schießenden Pilzes beschreiben, oder die einen Hügel oder eine Bucht zum Verb erheben, wie es „rot sein“ bedeuten würde. Die Sprache der Potawatomi, die sie mühsam und holprig zu erlernen versucht, weil es die Sprache ihrer Ahn*innen ist, ist eine von 350 indigenen Sprachen Amerikas und sie ist vom Aussterben bedroht.
Eine Gleichsetzung von einer aus dem Lot gebrachten Natur, die ebenfalls unter Industrialisierung und Ressourcenabschöpfung in ihrer Biodiversität auszudünnen im Begriff ist? „Die ehrenhafte Ernte“ lässt sich ganzheitlich lesen und motiviert, mit einem leeren Marmeladengläschen hinaus in den Wald zu gehen und Scharlacherdbeeren zu suchen. Und sie um Erlaubnis zu fragen, bevor man sie pflückt (oder sich direkt einverleibt). Sie ist aber auch ein poetisches und selbstreflexives Erzählen von und aus der Natur heraus, das Sprache, Identität und Schöpfung mitdenkt.
Iris gassenbauer
ig/ig

