LitKu - Buch des Monats August 2026
Sigrid Nunez: Die Verletzlichen. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Aufbau, 2024.
Bevor Sie Sigrid Nunez Die Verletzlichen mit Schulterzucken zurück ins Regal stellen, weil er in so mancher Rezension als Lockdown-Roman betitelt den Fokus vom Wesentlichen weglenkt, lassen Sie uns ihm eine berechtigte Chance geben. Corona, Pandemie, Restriktionen sind (zugegeben bedeutungsvolles) Beiwerk in einem Roman, der erst durch ebenjenes Aussetzen der Hamsterräder die Zeit hat, auf das Schreiben zu kommen.
Sigrid Nunez muss wohl nicht groß vorgestellt werden. Die 1951 geborene US-amerikanische Schriftstellerin hat schon große Erfolge eingefahren und gelang auch mit „Die Verletzlichen“ ein vielgelesener Wurf. Wie so oft steht auch hier ein Thema als zentraler Inhaltsgenerator: das Aufeinandertreffen von Mensch und Tier, das Aneinander von Mensch und Natur. In den Blumennamen der Freundinnen der namenlosen Ich-Erzählerin, die als autofiktionales Selbst der Autorin erkannt werden könnte, und dem Weiterspinnen von Ideen spiegelt sich diese Verbindung, wenn sie geschmeidig zwischen dem Erzählen der Ereignisse während des ersten Lockdowns in New York und ihren eigenen Gedanken pendelt:
Ich mochte Hortensien früher auch nicht. Ich erinnere mich, sie um Häuser und am Rand von Rasenflächen gesehen zu haben, wie eine Ansammlung von Weintrauben oder feiste Korsagen an vollbusigen Büschen, und ich dachte, wenn dieses Haus, dieser Rasen mir gehörten oder wenn ich einen eigenen Garten hätte, würde ich sie nicht wollen. […]Aber jetzt, in einem Park nach dem anderen, hoben die Hortensien meine Stimmung, und ich fragte mich, wie ich ihre Schönheit nicht hatte schätzen können. […] Hortense klingt natürlich wie der Name einer alten Frau. Wie Myrthle. […] „Blaue Hortensie“, „Rosa Hortensie“. Zwei Gedichte von Rilke. (S. 27)
Die Natur-Mensch-Verbindung zeigt sich aber auch – wie schon im 2018 erschienenen „Der Freund“ und seiner hündischen Freundschaft – in der Zugetanheit zum Naturraum und vor allem der Zugetanheit zu einem kleinen grünen Papagei. Diesen soll die Erzählerin in der ausladenden Wohnung ihrer Freundin hüten, da diese hochschwanger im Lockdown in einem anderen Bundesstaat festsitzt.
Das Setting ist so weit überschaubar. Störung dringt in die Geschichte ein, als der Gegenentwurf zur korrekt-organisierten und selbstzweifelnden Erzählerin in Form eines ungefestigten und potentiell klischeeverkifften Jugendlichen in die Wohnung schneit: der entfernte Verwandte der Wohnungsbesitzerin, der mit der eigenen Familie unter der Erwartungslast gebrochen hat und sich nun ebenfalls um den Papagei kümmert.
Die Erzählerin nennt ihn, passend zum restlichen Namensblumenreigen der Freundinnen (Iris, Lily, Violet), Giersch, ein struppiges und widerspenstiges (wenn auch köstliches) Unkraut, und beäugt eifersüchtig seine Beziehung zum Vogel Eureka, der seine Begeisterung und Aufmerksamkeit mit beiden Menschen teilt.
Was den Roman aber zu einer interessanten Lektüre macht, ist weniger die Story um eine sanft angenäherte und vorhersehbare Annäherung der Erzählerin und des jungen Kerls, sondern vielmehr das Reflektieren und Einbinden der Literatur, Sprache und des eigenen Schreibens der autofiktionalen Ich-Person, die sich, um nicht im pandemischen Einheitsbrei den Verstand auszuklinken, selbstgewählte Schreibaufgaben setzt. Ein erfreuliches Durcheinander an Quereinschüben und Ad-hoc-Gedanken blitzt in der Beschreibung des Lock-down-Alltags auf, verwebt eine rasche Gedankensammlung mit eigenen Erfahrungen:
Mir gefällt die Studentin in meinem Abschlusskurs über literarisches Schreiben, die sagte: Ich habe alle Ihre Romane gelesen, und ich möchte Ihnen eine Frage stellen: Erfinden Sie manches davon?
Mir gefällt, dass Allen Ginsberg einem Teenager, der wissen wollte, worüber er schreiben sollte, antwortete, er solle über die Liebe zu seinen Freunden schreiben.
Ich habe einmal den Fehler begangen, zu bald über eine Liebe zu schreiben, nachdem sie zu Ende gegangen war. Ich hatte Tschechows Rat vergessen, dass man nur schreiben soll, wenn man sich so kalt wie Eis fühlt. (S. 130)
Die Verletzlichen wird so zu einem literarischen Gedankensmoothie, der sich aus mehreren Gründen wohltuend anfühlt: Einerseits nimmt uns die Geschichte noch einmal zurück in eine Zeit der Ausnahme, die hier Einsamkeit und Selbstwirksamkeit verhandelt, andererseits reißt sie neue Perspektiven auf, wenn sie durch ein Gedankenbunt wandelt. Querverweise laden ein, nachzuforschen und im eigenen Buchregal zu stöbern, weil wir womöglich an das eine oder andere Werk erinnert werden, das dort auf uns wartet. Darüber gespannt ist eine Geschichte, die selbstironisch und nicht ohne Humor verschiedene Ebenen der zwischenmenschlichen und zwischen-tierischen Freundschaft betrachtet und dabei Naturbilder in das eigene Erzählen holt.
Iris Gassenbauer
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