LitKu - Buch des Monats Juli 2026
Elke Heidenreich: Altern. Hanser, 2024.
Longevity scheint das Schlagwort des Zeitgeists zu sein. Ein unaussprechliches noch dazu („Loongdschefitiii“, wie Ihre geneigte Rezensentin erst kürzlich in einem Lifestyle-Podcast durch die Kopfhörer quaken hörte). Darin steckt vor allem eines: der Gedanke, nicht zu altern. Oder besser: schon zu altern, aber nicht alt zu werden. Oder eigentlich: nicht zu altern, während sehr wohl die Zeit voranschreitet.
Dabei ist es das Natürlichste überhaupt im Lebenszirkel von uns allen. Wir werden geboren, wir altern, wir leben, wir sterben. Wer nicht altert, bleibt in embryonaler Ewigkeit verhaftet, zugleich aber hängt das Geschmäckle des Tabus erst dem späten Altern an. Zuerst kommt das Reifen, das Lernen, größer, schneller, besser vorankommen; dann kommen die Meniskusschmerzen und das Knacken in den Knöcheln, wenn man nächtens aufstehen und aufs WC tappen muss. Dann die gesellschaftlichen Stigmata, mit denen Menschen bedacht werden, die langsamer, faltiger und überflüssiger zu werden scheinen, nachdem sie aus der Erwerbstätigkeit ausgeschieden sind – oder schon zuvor, wenn die jungen, Leistungsstarken weiterhin auf die Siegerpodeste springen und die scheinbar Ausgedienten dahinter stehen bleiben und sich auf einen Abend auf der Couch freuen (im besten Fall lesend).
Elke Heidenreich, streitbare Literaturkritikerin und Autorin, die in ihrem Leben schon genug polarisiert hat, um in einem Atemzug mit anderen ebenso ambivalent geladenen Kritiker*innengrößen genannt zu werden, wurde achtzig und tat, was ihr im Blut liegt: darüber zu sinnieren und dabei einige Erinnerungen vom Stapel zu lassen, die überraschende Einblicke in ihr durchaus bewegtes Leben zulassen.
„Altern“ heißt somit ihr Memoire, ein schmales Büchlein vollgedruckt mit Skizzen eines Lebens, aber auch mit Skizzen literarischer Zitate und Sentenzen. Das macht die Lektüre reicher, als es die wenigen Seiten vermuten lassen.
Zufällig las ich gerade in Margaret Laurence’s Roman „Das Glutnest“ den Satz der Protagonistin Stacey: „Jetzt seh ich ein, dass ich bis an mein Lebensende sein werde, wie ich bin.“ Es ist ein großartiges Gefühl, mit sich selbst ausgesöhnt zu sein. Wir haben nur diese eine Zeitspanne, und Jean Paul hat geschrieben: „Sobald wir anfangen zu leben, drückt oben das Schicksal den Pfeil des Todes aus der Ewigkeit ab – er fliegt so lange, als wir atmen, und wenn er ankommt, hören wir auf.“ Was für ein schönes Bild von Sinn und Vollendung! Ich höre meinen Pfeil schon manchmal sirren, aber dann wieder gibt es Tage, da scheint mir, als flöge er langsam noch ganz in der Ferne, und meistens denke ich über ihn gar nicht nach, ich bin, wie wir alle, viel zu sehr mit dem Leben beschäftigt, um an den Tod zu denken. S. 25.
So plaudert sich Elke Heidenreich durch die philosophisch-literaturgeschichtliche Reflexion des Älterwerdens, kommentiert, erweitert, stopft mit eigenen Erinnerungen aus, wo sonst das abstrakte Zitat uns kaum mehr sagen würde, als dass das Altern eben Teil des Lebens ist, basta. An manchen Stellen blitzen ihre Kommentare sogar mitten in den Zitaten auf und öffnen den direkten Dialog:
Simone de Beauvoir listet in ihrem 500-Seiten-Wälzer über „Das Alter“ die Eigenschaften auf, die im Alter ab- oder zunehmen. Nachlassen, schreibt sie, werden unter anderem Sehvermögen und Gehör, Wendigkeit, Gedächtnis, Eifer, Dynamik und – wunderbar! – Umgänglichkeit (schön bockig werden!), dafür nehmen zu Geschmack, Regelmäßigkeit des Rhythmus, Konzentration, guten Willen und Disziplin. S. 35
Was Elke Heidenreich liefert, ist also nicht der im Nachhinein weichgewaschene Blick aus einer alten, kurzsichtigen Müdigkeit heraus auf ein Leben, das plötzlich geordnet zum Ende hinleitet. Und auch nicht ein Aufzählen mehr oder weniger interessanter Lebensepisoden. Es ist das Nachdenken über einen Umstand, der uns alle trifft (manche mehr, manche weniger) und der eine größere Gesellschaftsrelevanz aufweist, als vielleicht bei kurzer Betrachtung offenbar wird – und das anhand der Gedanken anderer, großer Geister und auch eigener Lebenswege. Altern ist in Elke Heidenreichs Welt eine Beifügung, ein Attribut, das zum Leben gehört und das nicht ohne Akzeptanz, ja vielleicht sogar Stolz an uns haften sollte.
Macht er Spaß, dieser Versuch über das Altern aus der Feder einer zischenden, polternden und dann wieder erstaunlich feinfühlenden Autorin? Definitiv; ihren trockenen und schnippischen Humor hat sie bewahrt. Der Rest ist Literatur in vorgeschnittenen Häppchen. Wir wünschen Bon Appetit mit gut gereifter Literatur.
Iris Gassenbauer
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