LitKu - Buch des Monats Juni 2026

Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten. Suhrkamp, 2019.

Es ist eine der neuen Urängste: von der KI links und rechts überholt zu werden. Weil sie schlauer ist als wir. Weil sie unermüdlich ist. Weil sie kombiniert, ohne von Emotionen verstellt zu werden.
Nur naheliegend also, dass zukünftige Amtsarbeit auch auf künstliche Arbeiter*innen ausgelagert wird.

Im Berlin einer nahen Zukunft wird Operation Roberta als innovativer Hubot entwickelt, eine neue Einsatzkraft im Beamtenapparat. Sie war herzlos und hochempfindlich, aber frei, die erste Ermittlerin dieser Art. Sie gehörte niemandem und hatte mehr Entscheidungsgewalt als ein durchschnittlicher Polizeibeamter. (S.37) Ausgestattet mit Dienstwohnung und coolen Boots, mit beeindruckendem Faktenwissen und einer Anzahl an Programmen, die ihr erlauben, für alle andere als Mensch durchzugehen, wird Roberta von den Kolleg*innen dennoch skeptisch beäugt. Vor allem Cleo, ihre direkte Vorgesetzte begegnet ihr mit der nüchternen Kälte, die sie jedem anderen elektronischen Gerät entgegen gebracht hätte. Dabei ist Roberta zur Empathie fähig und darauf programmiert, keine Fehler zu machen und vor allem, der Gesellschaft zu nutzen. Die hat nämlich ein ganz grundsätzliches Problem:

Roberta trat auf die Straße. Vor ihr lag der infarktgefährdete Stadtkörper. Wie eine endlose Prozession schob sich der Berufsverkehr durch die Straße. Die Sonne schien großherzig für einen Herbsttag, kündigte aber den Anmarsch der Finsternis schon mit einem orangfarbenen Ton an. Die schwüle, stickige Atmosphäre verlangte eigentlich nach einer Windmaschine, und die Cafés machten noch einmal Umsatz mit Eiswürfeln. Es war nicht die Stunde, sich umzubringen. (S. 56)

Der herbstidyllische Abend kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Menschen dennoch das Leben nehmen – und das zuhauf. Mehr, als die Stadt mit den Beerdigungen (und vor allem den dafür anfallenden Kosten) zurande kommen würde. Unglücklich geworden in einer Gesellschaft der Ersetzbarkeit durch künstliche Menschen, die nicht nur Partner*innen ersetzen, sondern auch zu eigenen Bodydoubles werden, die in allen Lebensbereichen Arbeit, Freizeit und Sexualleben prägen, wird das biomenschliche Leben schon lange durch unendliche Aufgabenlosigkeit und Langeweile verwässert. Aber da, wo die Suizidrate durch die Decke geht, soll nun Roberte für Aufklärung sorgen. Als Beamtin wird ihr Einsatzbereich zur Ermittlerin also nicht nur Mord und Todschlag bestimmt, sondern dadurch, den Amtsschimmel zu reiten und nach dem Suizid des Künstlers Lennard  Fischer herauszufinden, wer denn nun für die Beerdigungskosten aufkommen würde, damit nicht die Stadt zur Kassa gebeten würde. Die Ermittlung gerät zum Bürokratiezirkus, der zugleich Einblicke in Robertas Recheneinheitsdenken offenbart. Sie lernt Mensch zu sein, erkennt dabei das Marode an der kapitalistischen und notorisch krankgefürchteten Biogesellschaft und der abfälligen Haltung der Menschen gegenüber der von ihnen erschaffenen Hubots. Am Ende zeigt sich, dass sie als Recheneinheit weder an Körper noch an Identität gebunden ist. Die künstliche Frau wird zum neuen Kunstmenschen; frei zu sein, wer *sie* sein will, frei von Gestalt (alles ist ersetzbar) und Selbst (ebenso ersetzbar durch die Datenanalyse anderer Leben). Ist das Experiment Roberta gelungen? Das kommt wohl darauf an, welche Seite befragt wird.

Emma Braslavsky stellt in „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ Fragen an eine Gegenwart, die sich selbst überholt und dabei schon lang ins Schlingern gekommen ist. Wird uns allen die Kunst des Künstlichen noch an die Wand fahren? Womöglich. Die Einblicke, die hier in eine nicht allzu ferne Zukunft gegeben werden, fühlen sich realistisch an; möglich. Dadurch erhält der Roman, der in braver Erzählordnung im deutschen Bürokratiegeflecht wühlt, Einschnitte des Unheimlichen und des Spannungsschaffenden. Nicht die eigentliche Story ist es, die fasziniert, sondern die Rolle, die Recheneinheit Roberta darin spielt. Beim Lesen vergessen wird, dass es sich um ein Programm im Körper einer großen, Schwarzen Frau handelt und nicht um einen Menschen selbst. Umso größer ist die Sogwirkung ihrer Andersartigkeit, ihrer Maschinenhaftigkeit. Eine lesbare Dystopie, die auf basaler Ebene verunsichert und dabei durch unerwartete Sprachspiele und auch Humor zu unterhalten vermag.

  

Iris Gassenbauer

cg/cg

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