LitKu - Buch des Monats Februar 2026

Banana Yoshimoto: Kitchen. Diogenes 1992, EA 1988.

Eigentlich müsste es ein Buch sein, das uns von Beginn an verzweifeln lässt. Die Handlung setzt ein, als die Protagonistin Mikage von ihrer letzten lebenden Verwandten, der Großmutter, Abschied nehmen muss. Geblieben ist ihr die kleine Wohnung mit der Küche, ein tröstlicher Gedanke für sie, die den warmen Raum der Küche mit seinen Gerüchen, seinem Durcheinander als Ort der lebensspendenden Versorgung mit den köstlichsten Gerichten verbindet. Manchmal, wenn ich total am Ende bin, denke ich mir: Wenn ich einmal sterben muß, dann will ich meinen letzten Atemzug in einer Küche tun. (S. 9). Yuichi Tanabe, ein gleichaltriger Studienkollege und Bekannter der Großmutter, unterstützt Mikage in den schweren Stunden und bietet ihr schließlich an, bei sich und seiner Mutter einzuziehen – für die Zeit der Suche nach einer neuen leistbaren Wohnung.

Mikage, die das Angebot annimmt, findet auf dem ausladenden Sofa der Familie ebenso wie in deren Küche einen Hafen des Beschütztseins, der sie an der Trauer und der Angst vor dem Alleinsein vorbeinavigiert. Mit Yuichi kommt auch Eriko, dessen Mutter, ins Spiel – eine hart arbeitende Nachtclubbesitzerin, die Mikage sofort mit wehenden Kleidzipfeln ins gemeinsame Leben aufnimmt und bei der ersten Begegnung schon eine Faszination auf die junge Frau ausübt, die sie kaum in Worte zu fassen bekommt:

Bei genauerem Hinsehen waren mir doch die kleinen Fältchen aufgefallen, die in diesem Alter durchaus normal sind, und auch ihre Zähne waren nicht ganz regelmäßig. Sie hatte durchaus etwas Menschliches an sich. Dennoch war ich wie weggetreten. Ich hätte sie am liebsten gleich noch einmal angesehen.
(S. 20)

Erst später erzählt Yuichi, dass er Eriko Mutter nenne, obwohl sie irgendwann einmal sein Vater gewesen war. Den Weg zu dem Leben, das sie wirklich leben wollte, hatte sie nach dem Tod von Yuichis biologischer Mutter selbstbewusst genommen.
Sowohl Eriko als auch Yuichi empfangen Mikage als selbstverständlichen Teil der Familie in ihrem Leben, federn ab, was an Trauer und Verlust in ihrer aller Leben wabert.


So endet das erste Kapitel „Kitchen“ und vielleicht wäre es bekömmlich, hier auch das Buch zur Seite zu legen. Dann aber regt die Neugierde an, in dem schlanken Büchlein weiterzulesen, und wer sich die Lektüre nicht spoilern lassen möchte, sei nun sanft aus diesem Lesetipp verabschiedet. Lesen Sie „Kitchen“, es wird Ihnen gefallen.

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Mit dem Umblättern des zweiten Kapitels „Vollmond“ reißt der erste Satz eine Lücke in alles Bisherige Ende März war Eriko tot. Ein Verrückter hatte ihr nachgestellt und sie umgebracht. (S. 59)
Erneut schlägt der Tod eine Lücke in das Leben und erneut ist Mikage gefordert, den Verlust mit der Zuversicht des Weiterlebens auszubalancieren. Dies gelingt hier mehr, dort weniger, und immer bleibt die Geschichte der Ich-Erzählerin auch eine Geschichte des Erinnerns und der Gegenwärtigkeit, die Trost spenden kann. So verläuft sich die an sich gerade und nüchterne Erzählstimme hinter der Protagonistin hin und wieder in Beobachtungen, die das Lesen zu einer beinahe haptischen Erfahrung werden lassen; etwa wenn Mikage gemeinsam mit Eriko Reissuppe mit Ei und Gurkensalat am Küchenboden frühstückt, die Grünteetasse vom einfallenden Sonnenlicht fast durchsichtig scheint und die Pflanzen auf dem Fenstersims in weiches Licht gehüllt leuchten. Lebendigkeit entfaltet sich aber auch in der Beziehung von Eriko, Mikage und Yuichi und der ausgeglichenen Charakterzeichnung, die Banana Yoshimoto gleichberechtigt nebeneinanderstellt.

Die Erzählung selbst ist solcherart auch genug. Keine Mittel der emotionalen Erpressung der Leser*innen sind notwendig, um uns an die Lektüre zu binden. Langsam und stetig entfaltet sich die Beziehung dreier zufälliger Menschen, ist zeitweise zum Weinen und dann wieder heilsam komisch. So begleiten wir Mikage in den Winter hinein und trennen uns nur ungern von den Bildern, die sie in uns zurücklässt.


Mit ihrem Debütroman „Kitchen“ löste Banana Yoshimoto (* 1964) bei seiner Veröffentlichung 1988 eine Begeisterung aus, die sie zu einer der meistgelesenen Autor*innen Japans avancieren ließ. Gleich zweimal wurde „Kitchen“ filmisch adaptiert (1989 (Japan) und 1997 (Japan/China)). Die weltweite Popularität der Autorin schlägt sich auch in einer breiten Übersetzung nieder – ihre Werke erschienen in über 30 Ländern.

 

Iris Gassenbauer

cg/cg

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