LitKu - Buch des Monats Sommer 2023

Sharon Dodua Otoo / Jeannette Oholi (Hg.): Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival. Eine Dokumentation. Spector Books 2022.

Wieder sind die Tage der deutschsprachigen Literatur (kurz: der Bachmannpreis – die wohl fulminanteste und medienwirksamste Literaturshow im deutschsprachigen Raum – voll im Gange. Und auch Sharon Dodua Otoo, die Autorin der abschließenden Kurslektüre >>> »Adas Raum« (S. Fischer 2020) im Fernkurs für Literatur »nachLESEN«, ist mindestens auf zweifache Weise mit dem Klagenfurter Wettlesen verbunden. 2016 nahm sie selbst daran teil und gewann mit ihrem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin« auch prompt den Hauptpreis; 2020 hielt sie schließlich die Klagenfurter Rede zur Literatur, die unter dem Titel >>> »Dürfen Schwarze Blumen malen?« auch in Buchform publiziert wurde. Mittlerweile ist die in London geborene Berlinerin zu einer zentralen Figur der Schwarzen deutschsprachigen Literatur geworden, die sie nicht nur als Autorin, sondern auch als Herausgeberin, Kuratorin und Aktivistin prägt. 2022 organisierte sie so etwa erstmals das Schwarze Literaturfestival »Resonanzen«, das auch dieses Jahr wieder im Rahmen der »Ruhrfestspiele Recklinghausen« stattgefunden hat.

Ein Ingeborg-Bachmann-Preis Wettbewerb mit ausschließlich Schwarzen Literaturkritiker_innen und Schwarzen Autor_innen – als solches wurde das Projekt im Oktober 2020 als Intervention in den nach wie vor viel zu weißen deutschsprachigen Literaturbetrieb geboren. Wettkampf wurde es im Mai 2022 dann zwar keiner, konstruktive Kritik gab es aber allemal: Sechs Autor*innen trugen eigens verfasste Kurztexte zum Thema »Erbe« vor, vier Literaturkritiker*innen diskutierten im Anschluss über das Vorgelesene und mit den Vorlesenden. Wer die bemerkenswerten Texte von Raphaëlle Red, Joe Otim Dramiga, Bahati Glaß, Winni Atiedo Modesto, Melanelle B. C. Hémêfa und Dean Ruddock sowie die aufschlussreichen Wortmeldungen der Jury – bestehend aus Aminata Cissé Schleicher (Germanistin & Amerikanistin, Mitbegründerin von ISD & EOTO), Elisa Diallo (Literaturwissenschaftlerin & Historikerin, Verlegerin), Ibou Coulibaly Diop (Literaturwissenschaftler & Kurator) und Dominique Haensell (Literaturwissenschaftlerin, Autorin & Chefredakteurin beim »Missy Magazine«) – nachlesen möchte, kann dies in der wertigen, in Buchform publizierten Dokumentation der Veranstaltung tun.

Herausgegeben wurde diese von Sharon Doduo Otoo gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Jeannette Oholi. In äußerst ansprechender Aufmachung werden darin nicht nur die Lesungen und Diskussionen der ersten Ausgabe des Resonanzen-Festivals, sondern auch das spannende Rahmenprogramm von 2022 festgehalten. Dieses umfasste unter anderem eine ebenso berührende wie inspirierende Eröffnungsrede von der simbabwischen Schriftstellerin, Filmemacherin und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels Tsitsi Dangarembga sowie einen zusammenfassenden Kommentar zum Festival von der Diversity-Trainerin Nouria Asfaha (Mitbegründerin & Herausgeberin von »afrolook!«, der ersten Zeitschrift der jüngeren Schwarzen Deutschen Bewegung) – der unter dem Titel »Träume werden wahr« übrigens auch in direktem Anschluss zum Leseheft Nr. 7 aus dem Fernkurs »nachLESEN« gelesen werden kann, in dem die Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt das Konzept der »Traum*Hoffnungen« entwirft. Und auch Tsitsi Dangarembga greift in ihrer einleitenden Rede die Fragen auf, wessen Geschichte(n) warum (nicht) erzählt werden, wessen Geschichten(n) im kollektiven Gedächtnis warum (nicht oder zu wenig) erinnert werden und inwiefern Literatur – und ein Literaturfestival – in diese gesellschaftspolitischen (Macht-)Strukturen intervenieren und Einfluss nehmen kann.

Darüber hinaus greifen auch die äußerst vielseitigen literarischen Texte der sechs eingeladenen Autor*innen viele jener Fragestellungen auf, die uns im Laufe des Fernkurses »nachLESEN« beschäftigt haben. So setzt sich etwa Joe Otim Dramige seinem Text »Adlam« mit Literatur und Sprache – in Form von Büchern, aber auch Alltagserzählungen – als Speicher von Wissen auseinander und erzählt dabei nicht nur eine nicht genug erinnerte Geschichte über eine große geopolitische Zäsur in Mali, sondern thematisiert auch das widerständige Potential verschütteter Schriften – und hinterfragt zugleich die dominante Rolle von Schriftlichkeit in der Tradierung von Wissen. Seinem Text stellt er folgendes Zitat von Malcolm X voran, in dem der afroamerikanische Aktivist und Bürgerrechtler das enge Zusammenwirken von Vergangenheit und Zukunft betont:

Armed with the knowledge of our past, we can with confidence charter a course for our future. Culture is an indispensable weapon in the freedom struggle. We must take hold of it and forge the future with the past.

Mit Zitaten – in diesem Fall aus verschiedenen Musiksongs – arbeitet auch Dean Ruddocks Text »pareidolie«, der entlang einer Playlist aus lyrics/Lyrik-Fragmenten von einer Reise ins All berichtet. Ähnlich der im Hip-Hop üblichen Sample-Technik collagiert der Autor dabei seinen Text, der im Erzählen über eine Zukunft im (kolonisierten) Weltraum darauf verweist, was eigentlich immer schon gewesen ist. Die Apokalypse [ist] eben schon lange passiert, bringt es Dominique Haensell in ihrem Kommentar auf den Punkt. Kapitalismuskritik trifft dabei auf Afro-Futurismus, die Grenzen zwischen Poesie und Musik werden porös und aus Altem entsteht Neues.

Neue (Erzähl-)Welten entwerfen auch die anderen vier, hier aus Platzgründen leider nicht näher besprochenen Texte, wenn Sie von vielschichtigen afrodiasporischen Lebensrealitäten und Zugehörigkeiten – zwischen veganer Leberwurst, schneebedecktem Zuckerrohr und vom Haare-Braiden ausgelösten Madeleine-Momenten – erzählen.

Neue, wichtige Wege hat Sharon Dodua Otoo mit dem Schwarzen Literaturfestival, das sie ins Leben gerufen hat, beschritten.

Neue Wege eröffnet sie auch mit der vorliegenden Printpublikation, dank der auch jene, die 2022 nicht vor Ort sein konnten, diesen Spuren folgen können. Sie ist ein Buch für alle, die auch nach dem Bachmannpreis noch nicht genug von (Gesprächen über) Literatur haben – alle, die sich für die Vielfalt Schwarzer deutschsprachiger Literatur interessieren – und alle, die an die subversive Kraft von Literatur glauben.

 

Claudia Sackl

cg/cg

  • © Literarische Kurse 2026