LitKu - Buch des Monats Dezember 2017
Nava Ebrahimi: Sechzehn Wörter. München: btb 2017.
Sechzehn persische Wörter bilden die Überschriften der einzelnen Kapitel dieses Buches: Maman-Bozorg, Kos, Khastegar, Narmkonande, Ezafebar, Azadi, etc. Eine unmittelbare Übersetzung folgt NICHT. Über Fremdheitserfahrungen muss deshalb explizit nicht mehr geschrieben werden, denn die Fremdheit und Unzugänglichkeit ist bei der Lektüre immer schon präsent.
Die sechzehn Begriffe entziehen sich einer einfachen Übersetzung; doch sie entfalten sich in Geschichten, Gefühlen, Gerüchen oder Klängen. Die Autorin schreibt deshalb sechzehn Kapitel um diese Wörter „herum“ und eröffnet so einen „Bedeutungsraum“, der die Leserinnen und Leser in den iranischen Lebensalltag, in Landschaften, in das soziale Miteinander und in die Beziehungen von iranischen Frauen eintauchen lässt. Jedes Kapitel ist damit aber auch ein lustvolles Rätselspiel, in dem sich erst allmählich „Verstehen“ einstellt.
Die Ich-Erzählerin Mona, durch und durch in ihrem deutschen Leben verwurzelt, begibt sich für das Begräbnis ihrer Großmutter auf eine Reise in den Iran und wird dabei mit jenem (persischen) Anteil ihrer Identität konfrontiert, den sie im Alltag gerne ausblendet:
Regelmäßig war ich ihnen ausgeliefert, diesen [persischen] Wörtern, die nichts mit meinem Leben zu tun hatten, nichts mit der Art, mit der ich täglich das Fahrradschloss öffne, nichts damit, wie ich im Restaurant Essen bestelle oder im Frühling Winterkleidung verstaue. Nichts hatten sie mit meinem Leben zu tun, trotzdem, oder gerade deshalb brachten sie mich immer wieder in ihre Gewalt. (S. 7)
Auf ihrer Reise beginnt Mona, ihre iranischen Wurzeln genauer anzuschauen. Die verdrängten Wörter verlieren dabei ihre Macht über sie; ja ganz im Gegenteil: sie werden zu "Türöffnern" in eine widersprüchliche iranische Lebenswelt, von der sich humorvoll und ohne Wertungsanspruch erzählen lässt. Repressalien und unbeschwerte Fröhlichkeit bestehen nebeneinander, ebenso Sinnlichkeit und Scham, Distanz und Intimität, oder – in der Figur der Großmutter – ein loses, ordinäres Mundwerk und eine tief verborgene Lebenslüge ...
Die sechzehn Wörter ermöglichen Annäherung und schaffen eine Form der "Verbundenheit", doch eine gewisse "Unübersetzbarkeit" zwischen den Welten bleibt bestehen. Jede und jeder, der an zwei Orten zuhause ist oder zwei Sprachen (oder auch nur Dialekte) spricht, kennt wohl die damit verbundenen Fremdheitserfahrungen, das Sich-nicht vollständig-erklären-Können ... Es bleibt schwierig, auf der einen Seite von der anderen zu erzählen.
Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Deutschland und lebt heute in Graz. Im November 2017 erhielt sie für ihr Werk den österreichischen Buchpreis Debüt.
Helene Thorwartl
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