LitKu - Buch des Monats Februar 2018

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt. Graz, Wien: Droschl 2017.

Manchmal ist die Vergangenheit – wie in Natascha Wodins Sie kam aus Mariupol (Lesetipp Jänner 2018) – verloren und verschüttet. Und es bedarf einer geduldigen Spurensuche, um aus einzelnen Mosaiksteinchen und Erinnerungssplittern die Lebensgeschichte der Vorfahren – und in der Folge die eigene Identität – neu zu (er-)schreiben.

Manchmal ist die Vergangenheit aber auch – wie in Laura Freudenthalers Roman – so schmerzhaft präsent und übermächtig, dass sie verdrängt, verschwiegen und zum Verstummen gebracht werden muss. Über gewisse Dinge spricht man nicht (S. 10) – Das ist einer der Standardsätze von Fanny, der Protagonistin dieses Buches, mit der sie die kindliche Neugier ihrer Enkelin abwehrt.

Die Königin schweigt – Nicht umsonst erinnert der Titel dieses Buches an ein Märchen. Fanny, die vom Schicksal immer wieder hart getroffene Frau, will sich nicht erinnern, nicht an die Kindheit auf dem elterlichen Hof in den 1930er Jahren, nicht an ihr junges Erwachsenenleben als Schulmeisterin in einem kleinen Dorf. Und so hat sie aus ihrer Vergangenheit eine Märchenwelt gemacht, die sie ihrer Enkelin in Form von Geschichten erzählt: die Königingeschichte, die Schulmeistergeschichte, ...

Im Alter allerdings verschafft sich die Vergangenheit zunehmend Gehör, die Erinnerungen spülen herauf, in Wachträumen, in schwachen Momenten, in zunehmender Müdigkeit. Da kann es passieren, dass Fanny die Kontrolle über ihr Gedächtnis verliert:
Das stille Land war plötzlich voller Geräusche, es schwirrte in den Ohren. Fanny wusste, das war die Vergangenheit, die noch immer in der Luft lag. (S. 194)

Die Enkelin schenkt ihr ein Buch mit leeren Seiten, zum Aufschreiben ihrer Erinnerungen. Nicht deine Märchen aus dem Dorf, hatte sie gesagt. Die wirkliche Vergangenheit (S. 10). Doch die Seiten bleiben leer. Die Königin schweigt – Aus Stolz? Aus Anstand? Aus Unfähigkeit? Als lebensrettende Maßnahme? Um Halt zu finden?

Im Postkasten fand Fanny eine Karte, die die Enkeltochter geschickt hatte. [...] Fanny legte die Postkarte zu den anderen. Sie bewahrte sie in dem Buch mit den leeren Seiten auf, das die Enkeltochter ihr geschenkt hatte. Nur auf der ersten Seite stand etwas geschrieben, in derselben Handschrift wie auf den Postkarten. (S. 205)

Laura Freudenthaler hat das Buch ihren „Vorfahrinnen“ gewidmet. Doch es bleibt – letztlich wie bei Natascha Wodin – Aufgabe der Nachfahrinnen, die Lücken zu füllen und die eigene Vergangenheit je neu zu erschreiben. Fazit: Geschichte ist eigentlich immer nur in Form von Geschichten zu haben.

 

Helene Thorwartl

cg/cg

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