LitKu - Buch des Monats März 2018

Nnedi Okorafor: Lagune. Aus dem Englischen von Claudia Kern. Ludwigsburg: Cross Cult 2014.

Lagos, Nigeria. Außergewöhnliches, ja, Außerirdisches tut sich in der küstengelegenen Hauptstadt Nigerias. Ein Meteorit stürzt ins Meer und eine Flutwelle über die Strände Lagos‘. Im Ozean tummeln sich Geschöpfe, die nicht von dieser Welt sind, vernichtende Energiewellen durchzucken die Metropole, moderne, technologische Geräte versagen. Es sind aber nicht nur ungewöhnliche Dinge, die in diesem Roman geschehen, es sind auch ungewöhnliche Erzählstimmen, die darüber berichten. Die Geschichte setzt ein viele Meter unter dem Meer, mit der Innenperspektive eines Schwertfisches. Schon bald darauf werden die drei ProtagonistInnen Adaora, Agu und Anthony – drei fremde Personen: eine Meeresbiologin, ein Soldat und ein Rapper – plötzlich zu Vermittler*innen zwischen den Erdenbewohner*innen und ihren Besucher*innen.

Nnedi Okorafors 2014 im Original unter dem Titel Lagoon erschienener Roman ist jedoch viel mehr als spannende Science-Fiction. Es ist ein kulturelles und sprachliches Kaleidoskop eines pulsierenden, diversen Lagos, das so zeitgenössisch wirkt, dass es zunächst kaum futuristisch scheint. Es ist ein Mosaik aus Kurzkapiteln, die nicht nur den drei menschlichen ProtagonistInnen, sondern auch mythologischen Trickster-Figuren und afrikanischen Folklore-Elementen folgen. Es ist eine Erzählung von einer (scheinbaren) Apokalypse, die in Afrika verortet und in der der nigerianische Präsident zum Vertreter und Sprachrohr der Menschheit wird. Erfrischend, denn wie die Hollywood-geprägte Vorstellung besagt:

Wenn es Außerirdische gab, dann würden sie sicherlich nicht nach Nigeria kommen. (S. 69)

Es ist ein Roman, der zeigt, dass Science-Fiction und spekulative Literatur keinesfalls apolitisch sein müssen, wenn er von einer (tatsächlichen) Apokalypse – die Ausbeutung der Erde durch das Bohren nach Erdöl – erzählt, die eigentlich schon lange begonnen und den Planeten kurz vor seinen Untergang geführt hat:

„Letzte Nacht“, sagte der Präsident im Standard-Englisch, „hat sich unsere größte Stadt selbst verzehrt. Nun ist sie satt und kann sich selbst erneut gebären.“ (S. 330)

Es ist eine Geschichte, in der die Ankunft, Philosophie und vor allem Technologie der „Aliens“ die Möglichkeit eines neuen Anfangs in sich bergen. Dass Nnedi Okorafor dabei auf die menschliche Evolution rekurriert, wenn die „Außerirdischen“ aus dem Wasser schreiten und dabei ihre äußerliche Gestalt den sie umgebenden Menschen anpassen – also langsam Mensch werden –, ist nur einer der vielen Kunstgriffe, die der nigerianisch-amerikanischen Schriftstellerin in ihrem bemerkenswerten Text gelingen.

Afrofuturismus

Nnedi Okorafors Roman Lagune gilt als Vertreter eines panafrikanischen ästhetischen Phänomens, das in Literatur- und Kulturwissenschaft als Afrofuturismus bezeichnet wird. Der bereits 1993 von dem Literaturkritiker Mark Dery geprägte Begriff beschreibt jedoch nicht nur literarische Werke, sondern ist als transmediales Phänomen zu begreifen, das auch andere Kunstformen wie Musik, Film, Mode und Architektur umfasst und zukünftige Welten und futuristische Geschichten entwirft. Jochen Dreier versucht sich in seinem umfassenden Artikel „Afrofuturismus: Widerstand gegen eine weiße Zukunft“ auf Deutschlandfunk Kultur an das Phänomen anzunähern, seinen Ursprüngen auf den Grund zu gehen und aktuelle Stimmen von Literaturwissenschafter*innen und Autor*innen zu Wort kommen zu lassen.

Diese betonen zumeist, dass Afrofuturismus nicht einfach als direkte Weiterentwicklung amerikanisch-westlicher Science-Fiction, sondern als eigenständige Entwicklung zu betrachten sei. Als eine Entwicklung, die nicht nur als Reaktion auf westliche Zukunftsentwürfe gelten soll, also nicht auf das ihr eingeschriebene politische Programm reduziert werden möchte, sich aber durchaus als Widerstandsbewegung, aus der sich eine Methodik heraus entwickelt hat (Peggy Piesche) begreift. Genauer gesagt als Widerstand gegen die Bilder von einer weißen Zukunft, einer weißen Geschichte und einer weißen Macht über den schwarzen Körper (Jochen Dreier). In seinen literarischen Ausprägungen kombiniert Afrofuturismus Elemente der Science-Fiction, der historischen Literatur, der spekulativen Literatur, der Phantastik und des magischen Realismus mit nicht-westlichen Vorstellungen und Folklore. Es ist ein Neu-Imaginieren von Vergangenheit und Spekulieren über die Zukunft mit kulturkritischem Blick, das Nnedi Okorafor in ihrem TED-Talk Sci-fi Stories That Imagine a Future Africa auf eindrückliche Weise zugänglich macht.

 

Claudia Sackl

cg/cg

  • © Literarische Kurse 2026