LitKu - Buch des Monats April 2018
Chimamanda Ngozi Adichie: Liebe Ijeawele ... Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden. Aus dem Englischen von Anette Grube. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2017.
Lässt sich eine gerechtere, eine bessere Welt erschreiben? Literatur hat jedenfalls schon immer versucht, unsere Welt in eine mögliche Zukunft fortzuschreiben, und dabei sowohl utopische als auch dystopische Gesellschaften entworfen.
Margaret Atwood beispielsweise entwirft in ihrem Roman Der Report der Magd – die aktuelle Lektüre unseres Fernkurses "Ver-rückte Biographien" – ein düsteres Zukunftsbild. Frauen sind in dieser fiktiven Welt streng kategorisiert und weitgehend ihrer Selbstbestimmung beraubt. Dazu gehört, dass Lesen und Schreiben für sie verboten sind; der Alltag wird mittels Bilder und Symbolkärtchen geregelt.
Auch die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie greift in ihren Texten immer wieder die Situation von Frauen auf und denkt sie in die Zukunft weiter. Berühmtheit erlangte sie durch ihren TED-Talk "We should all be feminists" (deutsch: "Mehr Feminismus!"), in dem sie gesellschaftliche Vorgänge analysierte und öffentlichkeitswirksam einen Feminismus für alle einforderte.
In dem vorliegenden schmalen Büchlein wählt sie hingegen einen leiseren Weg: Aus dem Blickwinkel einer Mutter und Freundin schreibt sie einen persönlich gehaltenen Brief an ihre Freundin Ijeawele, die gerade ihre Tochter geboren hat: "Liebe Ijeawele ..." . Es geht um die Zukunft dieses neugeborenen Mädchens Chizalum, sie soll in eine gerechtere Welt – für Frauen und Männer – hineinwachsen. Adichie skizziert ein positiv gestimmtes und hoffnungsvolles Zukunftsbild und unterbreitet ihrer Freundin 15 Vorschläge für diesen Weg:
Darunter solche, die uns nur allzu selbstverständlich erscheinen – auch wenn Atwoods Roman noch nachwirkt – wie: Fünfter Vorschlag. Bring Chizalum das Lesen bei. Doch was ist mit dem nächsten? Sechster Vorschlag. Bring ihr bei, Sprache zu hinterfragen. Zum Beispiel: gängige Redewendungen, Anreden, alltägliche Praktiken – aber vor allem die eigene Sprache.
Manche Aussagen „verrücken“ die europäischen Leser*innen in den nigerianischen Alltag, wenn etwa von einem bekannten Igbo-Scherz die Rede ist, mit dem kindische Mädchen verspottet werden: Was tust du da? Du bist alt genug, um einen Mann zu finden. (S. 38) oder wenn die Autorin die schmerzhafte Prozedur anspricht, mit der den Mädchen die krausen Haare geglättet werden: Sie wird begreifen, [...] dass glattes und schwingendes Haar als schön gilt, Haar, das nach unten hängt, und nicht Haar, das absteht. (S. 60) Auch der Hinweis, dass viele Mädchen vom Gedanken ans Heiraten geradezu besessen sind und deshalb öffentlich um einen Mann streiten, wird so manchen Leser*innen in Europa vielleicht überholt vorkommen ...
Dann wieder trifft Adichie punktgenau jene Bruchlinien, die auch unseren westlichen, scheinbar emanzipierteren Lebensalltag durchziehen – auch jenen von äußerst erfolgreichen, selbstbestimmten Frauen. Hillary Rodham beispielsweise, die nach ihrer Heirat mit Bill Clinton 1975 zunächst ihren Namen behielt, dann aber allmählich seinen Namen "Clinton" an ihren eigenen anfügte und schließlich aufgrund politischen Drucks ihren Namen "Rodham" wegließ, um den Wahlerfolg ihres Mannes nicht zu gefährden. (Vgl. S. 43f.) Oder Theresa May, die britische Premierministerin. Eine britische Zeitung beschrieb ihren Mann folgendermaßen: Philip May ist in der Politik bekannt als ein Mann, der sich im Hintergrund hält und seiner Frau Theresa gestattet, im Rampenlicht zu stehen. (S. 30) "Gestattet" – so fragt Adichie, würde man das auch über die Ehefrau eines in der Politik aktiven Mannes so formulieren?
Liebe Ijeawele ... ist ein scharfsichtiger und dennoch liebevoller Brief, der über räumliche und kulturelle Grenzen hinweg Gewohntes und Eingefahrenes in neuem Licht sehen lässt, den Blick für die noch immer vorhandenen Schieflagen zwischen Frauen und Männern wachhält und die Solidarität stärkt.
"Hätte ich diesen Brief doch schon in meiner Schulzeit in die Hände bekommen!" – so eine Leserin ...
Helene Thorwartl
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