LitKu - Buch des Monats Sommer 2018

Katharina Hartwell: Das fremde Meer. Berlin: Berlin Verlag 2013.

Als Ausklang unseres Fernkurses "Ver-rückte Biographien. Mit vier Büchern durch Raum und Zeit" führt unser Lese-Tipp im Sommer durch ein Buch, das als literarisches Mosaik unterschiedlicher Gattungen und Formen noch einmal durch jene Genres – und viele mehr – führt, die im Rahmen des Fernkurses gelesen oder angedacht wurden.

Eine Liebe, viel zu groß, um Sie nur einmal zu erzählen – heißt es auf der Rückseite dieses Buches. [E]ine Liebesgeschichte, die so groß und schön ist und so traurig endet, dass man sie wirklich mit allen Mitteln und Genres der Literatur zu retten versuchen muss – schreibt Maren Keller in einer Rezension im Spiegel Online.

Katharina Hartwell: Das fremde Meer. Berlin: Berlin Verlag 2013.

Als Ausklang unseres Fernkurses "Ver-rückte Biographien. Mit vier Büchern durch Raum und Zeit" führt unser Lese-Tipp im Sommer durch ein Buch, das als literarisches Mosaik unterschiedlicher Gattungen und Formen noch einmal durch jene Genres – und viele mehr – führt, die im Rahmen des Fernkurses gelesen oder angedacht wurden.

Eine Liebe, viel zu groß, um Sie nur einmal zu erzählen – heißt es auf der Rückseite dieses Buches.

[E]ine Liebesgeschichte, die so groß und schön ist und so traurig endet, dass man sie wirklich mit allen Mitteln und Genres der Literatur zu retten versuchen muss – schreibt Maren Keller in einer Rezension im Spiegel Online.

Tatsächlich ist Das fremde Meer auch eine Liebesgeschichte, allerdings ganz ohne den hier anklingenden Kitsch und Pathos. Dies ist nicht nur auf Katharina Hartwells ausgefeilte, unprätentiöse, aber dennoch ausdrucksstarke, kraftvolle Sprache zurückzuführen, sondern auch auf die gekonnt entworfene Dramaturgie der Erzählung. Katharina Hartwell schreibt mit ihrem Romandebüt, das gleichzeitig auch ihre Abschlussarbeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig darstellt, keinen einfach gestrickten Liebesroman, sondern schafft ein einzigartiges Kaleidoskop an Geschichten und Genres, das sich über die Grenzen von Zeit und Raum hinwegsetzt. In episodenhaft angelegten Einzelgeschichten, die in unterschiedlichsten (Gegen-)Welten verortet sind, erzählt Katharina Hartwell die Geschichte von Maria und Jan.

Einstweilen ist das die Geschichte von Moira und Jonas, die sich in einer postapokalyptischen urbanen Welt wiederfinden, in der sich ganze Häuser und Menschen einfach in Luft auflösen. In der Wechselstadt tauchen die verschwundenen Gegenstände zwar stets wieder irgendwo auf, die Menschen aber bleiben für immer verschollen.

Ein andermal ist es die Geschichte von Augustine und Jacques im Pariser Salpêtrière des 19. Jahrhunderts, in dem sich die als Hysterie-krank erklärte Augustine, den medizinisch-voyeuristischen Blicken der männlichen Ärzte und Studenten ausgesetzt, eine zweite Identität schafft, um ihre Rolle in dem inszenierten Spektakel spielen zu können. Dann taucht jedoch plötzlich Jacques auf, mit dem sie schließlich gemeinsam aus der psychiatrischen Anstalt zu fliehen versucht.

Manchmal sind es Märchen von Prinzessinnen, die zu Ritter(inne)n werden und schlafende Prinzen retten. Manchmal sind es phantastische Erzählungen von Männern, die spurlos auf dem Meer verschwinden. Von Männern, die dem Tod begegnen. Stets wird dabei aus der Perspektive der weiblichen bzw. mit Maria assoziierten ProtagonistIn erzählt, die auch die Stimme der Rahmenerzählung prägt.
(Die Betonung liegt hier auf dem Binnen-I, denn Katharina Hartwell weiß die Grenzen von Geschlecht und Gender ebenso auszuloten wie jene von Genre und Gattung.)

Kunstmärchen. Dystopie. Ritterroman. Science Fiction. Historisches. Phantastisches. Realistisches. All das und mehr verquickt Katharina Hartwell nicht zu einem geschmacklosen, willkürlich zusammengepanschten Gemisch, sondern zu einem kunstvoll und wohlbedacht kombinierten Geflecht literarischer Vielfalt, das das Spiel mit Wiederholung und Variation meisterhaft beherrscht. Denn ja, immer wird "das Gleiche" erzählt. Gleichzeitig wird dieses Gleiche dabei so weit verfremdet und abstrahiert, dass es kaum als solches wiederzuerkennen ist. Lediglich einzelne Motive bleiben übrig, die sich wie ein sorgfältig verwobener Zopf aus roten Fäden durch die einzelnen Episoden schlängeln: Liebe. Tod. Vergänglichkeit. Fremdsein. Angst. Hoffnung. Rettung.

Erst am Ende erkennt man, was die Geschichten – abgesehen von den meist via Alliteration und Gleichklang verbundenen Protagonist*innen – miteinander gemeinsam haben. Wie laut Balzac jeder lebende Körper besteht Hartwells Roman aus unendlich vielen "Spektren", die in winzig kleinen Schuppen oder Blättchen schichtenförmig übereinanderliegen und ihn von allen Seiten einhüllen. (S. 461)

Das fremde Meer ist eine – beziehungsweise zehn – Geschichten von der Notwendigkeit zu erzählen und dem Versuch sich dem Unaussprechlichen anzunähern:

"Vielleicht werde ich verrückt", sage ich, weil ich in den letzten Tagen oft daran gedacht habe, an diese Möglichkeit, weil ich der Meinung bin, dass sich das Hier und Jetzt bei klarem Verstand nicht aushalten lässt. Vielleicht aber bin ich auch schon verrückt. In jenem Sinn des Wortes: Ver-rückt. Ich bin abgerückt von mir selbst. Ich stehe nicht mehr in, sondern neben mir, bin zu einer anderen Person geworden, die zwar meinen Namen trägt und in meinem Körper wohnt, mir aber eine Fremde ist. (S. 563)

Es sind zehn Geschichten von der Angst zu verlieren – die Liebe, das Leben, die Hoffnung. Und nicht zuletzt sind es zehn Geschichten, die die vielseitigen Möglichkeiten von Literatur und die Wirkungskraft unterschiedlicher literarischer Gattungen eindrucksvoll vor Augen führen.

 

Claudia Sackl


Hier geht es zu einem Porträt zu Katharina Hartwell von Dana Buchzik.

cg/ig

  • © Literarische Kurse 2026