LitKu - Buch des Monats September 2018
Andrea Winkler: Die Frau auf meiner Schulter. Wien: Zsolnay 2018.
Eine Frau außerhalb der gewöhnlichen Erreichbarkeit (S. 19), ein abgelegenes Dorf, die Natur im Lauf der Jahreszeiten ... Genug Stoff für einen Roman? Ja, und nicht nur das: darüber hinaus auch genau der richtige Rahmen, um ein Leben zur Sprache zur bringen, das vorübergehend zum Stillstand gekommen ist, oder, um es mit den Worten der Autorin zu sagen: um von Lebensläufen zu erzählen, die vorübergehend Rinnsale geworden sind (S. 101f.).
Die Autorin Andrea Winkler zeichnet in tagebuchartigen Aufzeichnungen, Traumnotizen und Briefen das Bild einer Frau, die es – buchstäblich – aus der Bahn geworfen hat: raus aus dem pulsierenden Leben der Großstadt, raus aus den gesellschaftlichen Bezügen, raus aus dem Halt gebenden Freundeskreis und raus aus Sinn stiftender Arbeit.
Was soll daraus werden? (S.7) – Mit viel Sprachwitz und Ironie bringt Andrea Winkler das „Aus-der-Zeit-gefallen-Sein“ ihrer Figur zu Gehör. Eine zufällige Begegnung auf einem winterlichen Spaziergang klingt dann etwa so:
Ein Mann blieb stehen und fragte mich, wo ich meine Langlaufskier vergessen hätte. Ich antwortete, zuhause, im Keller, bei Friedrichs Gehstöcken und Regenschirmen. „Sind Sie mit Friedrich verheiratet?“ – „Nein, Friedrich ist tot und hat sein Haus zu sehr geringer Miete Menschen überlassen, die nichts Besseres zu tun haben, als die Tage vergehen zu lassen, ohne sich durch besondere Werke in ihren Lauf zu mischen.“ – „Was muss man getan haben, damit einem dieses Glück zuteil wird?“ – „Zu viel vom Falschen.“ Der Mann lachte. Wenn das so ist, würde er gern einmal vorbeischauen, er sei erfahren auf diesem Gebiet. (S. 22)
Oder, einige Seiten weiter, die humorvolle Antwort auf die gefürchtete Frage „Was machen Sie hier?“:
Ich gehe spazieren, liege hier mit Ihnen und trinke am helllichten Tag Wein, ... Darüber hinaus denke ich darüber nach, wie die Nacht zum Tag wird, und schreibe manchmal auf, was ich träume, ... (S. 33)
Lamentieren über das eigene Schicksal sieht anders aus. Dagegen setzt Martha, so heißt die Protagonistin, auf Trotz und Beharrlichkeit: Ich setzte meinen Spaziergang fort und ging weiter wie ein Mensch, der fest entschlossen ist, sich unter allen Umständen an ein paar Regeln des Alltags zu halten. (S. 7) „Aus der Zeit gefallen“, ja, aber „dennoch in ihr bleiben“ – so lautet die Devise, und unter Umständen dabei sogar ein paar besonders kräftige Wurzeln ausbilden.
Die Natur, in ihrem beständigen Kreislauf, kommt Martha in ihren Suchbewegungen entgegen und bildet auch den formalen Rahmen: Die Tagebucheinträge beginnen an einem 3. Jänner, mit Eis und Kälte, Stillstand und einem großen Schlafbedürfnis; und sie enden an einem 17. Juli, mitten in einem pulsierenden Sommer und mit dem Bild einer Barke, die es gilt – mit einem Stoß – auf die Reise zu schicken ...
Und wo bleibt die titelgebende Frau auf meiner Schulter? Sie entstammt einem merkwürdigen Traum (S. 13), sie ist schwer und leicht zugleich, es gilt sie zu trösten und fortzubringen von einem Ort, der sie zu überwältigen droht ... Lesen Sie sich mit Andrea Winkler durch Traum und Wirklichkeit und entdecken Sie jene leisen, oft unbewussten Wege, die unser Tun prägen und neu in Gang bringen können!
Helene Thorwartl
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