LitKu - Buch des Monats Oktober 2018
Theodora Bauer: Chikago. Wien: Picus 2017.
"Chikago": Vermutlich werden die meisten Leserinnen und Leser dabei an jene drittgrößte US-amerikanische Stadt am Michigansee im Bundesstaat Illinois denken, verkehrsgünstig gelegen, im 19. Jahrhundert rasant expandierend, industrielle Großmacht und – wie der Buchumschlag nahelegt – Sehnsuchtsort zahlreicher Auswanderer und Auswanderinnen aus vielen Ecken der Erde.
Vielleicht weiß die eine oder der andere andere auch von den Tausenden Burgenländer*innen, die im 19. und 20. Jahrhundert in mehreren Auswanderungswellen das Land verließen und in den USA auf ein besseres Leben hofften, bevorzugt auch in Chicago. In den 1970er Jahren soll es in der Stadt mehr als 30.000 burgenländische Einwander*innen gegeben haben (mehr als drei Mal so viel Menschen wie im damaligen Eisenstadt).
Und ganz wenige wissen vielleicht auch um das österreichische "Chikago", jene Siedlung im burgenländischen Grenzort Kittsee, die möglicherweise von einem Rückkehrer so benannt wurde und jedenfalls sehr beredt von der Amerika-Sehnsucht zahlloser Burgenländer*innen erzählt.
Wer also das Buch der Autorin Theodora Bauer zur Hand nimmt, kann bereits erahnen, welche Denk- und Lesebewegungen auf ihn oder sie warten: Der Ausbruch aus Armut und Perspektivenlosigkeit, die Sehnsucht nach einem besseren Leben, das Ausgespanntsein zwischen Heimat und Fremde, die verschwimmende Grenze zwischen Erfolg und Scheitern – die Bewegung zwischen Chicago mit "c" und Chikago mit "k" eben ...
Der Roman setzt ein in den 1920er Jahren im ehemaligen Deutsch-Westungarn bzw. nunmehrigen Burgenland: die neuen Grenzen verunsichern, Lebensadern werden durchschnitten, für die Burgenland-Kroaten kommt noch die Unsicherheit über die eigene Identität hinzu. Brüche noch und nöcher ... und die Sprache ist dafür ein Gradmesser, wenn sich beispielsweise die Namen der Protagonist*innen je nach Kontext abwandeln: Aus Franjo wird Ferenc (Feri), aber auch Franz oder Frank.
Gemeinsam mit einem Schwesternpaar, Katica und Anica, versucht Feri sein Glück in der Neuen Welt. Der erste Arbeitstag ist ernüchternd:
Ein älterer Mann ist auf den Feri zugekommen und hat ihm die Hand geschüttelt. Er hat ein paar Worte gesagt, die der Feri nicht verstanden hat. Dann hat er mit den Schultern gezuckt und stattdessen auf einen Wagen gedeutet, auf dem einige Schaufeln gelegen sind. Der Feri ist hingegangen und hat eine Schaufel ergriffen. Aus den Augenwinkeln hat er die Männer betrachtet, die neben ihm gearbeitet haben. Es sind nicht viele gewesen. Sie haben nett ausgesehen. [...] Der Feri hat gearbeitet wie ein Tier, und je länger der Tag gedauert hat, desto ärgerlicher ist er geworden. Ab und zu hat einer von den Männern ein Lachen losgelassen, und obwohl Feri gewusst hat, dass es nicht ihm gegolten hat, hat es hämisch geklungen in seine Ohren. Der Feri hat die Worte gehört, die sie einander zugerufen haben, seltsame Laute, die ihn ausgeschlossen haben von dem, was passiert. [...] Langsam, während er so geschaufelt hat, ist dem Feri bewusst geworden, wie dumm er gewesen ist. Wie wenig er nachgedacht hat über das, was ihn hier erwarten würde, was das überhaupt bedeutet hat, ein anderes Land, und niemanden kennen hier und nichts fassen können und nichts verstehen. Der Feri hat begonnen, sich zu schämen.
(S. 104-106)
Theodora Bauer wählt für ihre "Geschichte" den Erzählmodus der österreichischen Umgangssprache: im Perfekt wird erzählt und berichtet, was gerade passiert (ist), die Auswirkungen sind unmittelbar spürbar und die Leser*innen sind mittendrin im Geschehen.
Das Präteritum, die klassische Erzählzeit im schriftlichen Deutsch, ist jenen Passagen vorbehalten, in denen englischsprachige Figuren zu Wort kommen: Lily stand an der Kreuzung. Jenseits der viel befahrenen Straße lag Lincoln Park, noch weiter dahinter, kaum sichtbar von hier, der See. Sie steckte die Hände in ihre Manteltaschen. (S. 131). – Die Distanz, die Sprache schaffen kann, ist sofort spürbar.
Wer den drei Migrant*innen – Feri, Ana, Kati oder doch Franjo, Katica und Anica? – folgen will und nicht davor zurückscheut, sich auch auf die Untiefen ihrer Lebensgeschichten einzulassen, wird mit einem Lektüreerlebnis belohnt, das nicht nur die eigenen Sehnsüchte neu wachzurufen vermag, sondern auch im Blick auf die aktuellen Migrationsgeschichten neue Zugänge eröffnet.
Denn – so die Autorin Julya Rabinowich in der Tageszeitung "Der Standard": Erinnern wir uns. Flucht hat auch in Europa stattgefunden. Und zu allen Zeiten und in allen Räumen gilt in gleicher Weise: Wer flieht, wird auch leicht. Abgestreift alles, was verwurzelt. Die Haut dünnt aus, die Seele fedrig im schneidenden Wind. (Der Standard, Einserkastl, 15.10.2018)
Helene Thorwartl
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