LitKu - Buch des Monats November 2018
Manfred Loimeier: Literaturen aus Afrika. Aufbruch in ein neues Selbstbewusstsein. Frankfurt/Main: Brandes & Apsel 2018.
Mit dem Lese-Tipp im November halten wir Rückschau auf einen Themenkomplex, mit dem wir uns in mehreren unserer vergangenen Fernkurse für Literatur beschäftigt haben. In Literaturen aus Afrika. Aufbruch in ein neues Selbstbewusstsein zeichnet Manfred Loimeier, Leseheftautor im Fernkurs III "In die Ferne lesen" sowie im Fernkurs IV "Ver-rückte Biographien. Mit vier Büchern durch die Welt", anhand von zwei Romanen Entwicklungslinien nach, die viele Literaturen und Literat*innen in Afrika derzeit durchlaufen:
Der Bauch des Ozeans von Fatou Diome (2003; Orig. Le Ventre de l'Atlantique) und
Wir brauchen neue Namen von NoViolet Bulawayo (2013; Orig. We Need New Names).
Beide verhandeln in ihren Romanen nicht nur aktuelle Themen wie Migration, Fremdenfeindlichkeit oder Entwicklungshilfe, sondern problematisieren auch „die Anwendbarkeit der Prinzipien der Transkulturalität“ (S. 10). Während die senegalesische Fatou Diome auf die Verschiebungen zwischen den Wohlstandserwartungen bzw. -fantasien und den tatsächlichen Lebensrealitäten in Europa, die oft von Armut und Fremdenfeindlichkeit geprägt sind, eingeht, macht die simbabwische NoViolet Bulawayo Kulturbrüche im Alltag in Simbabwe und den USA deutlich. Mit ihrer Kritik am Eurozentrismus und den gelebten Alltagskulturen des Westens, vollziehen die beiden Autorinnen laut Loimeier auch eine intellektuelle Emanzipation, die eine Abkehr […] von den als Normen gesetzten Maßstäben des Westens und eine Besinnung auf eigene, neu zu definierende Handlungsmaximen (S. 96-97) mit sich bringt: Also genau das, was […] in der langen Tradition der These von der Dekolonisierung des Denkens steht, die Mitte der 1980er Jahre Ngũgĩ wa Thiong’o gefordert hatte (S. 97).
Die Monographie beruht zum Teil auf Fernkursmaterialien, die er zwischen 2014 und 2017 für die Fernkurse für Literatur der Literarischen Kurse erarbeitet und in seiner neuen Publikation aktualisiert, überarbeitet und ergänzt hat. Sie schlägt Brücken zur Vielfalt der literarischen Kulturen und Sprachen Afrikas und stellt traditionelle Grenzziehungen infrage. Gleich vorab sensibilisiert Manfred Loimeier für die Problematik der Übertragung eines westlichen Verständnisses von Nationalliteraturen auf die literarischen Strömungen und Traditionen in den unterschiedlichsten Kulturen Afrikas und allzu schnell gemachte, konventionalisierte Kategorisierungen, wie zum Beispiel auch den lange gewöhnlichen Ausschluss Nordafrikas (nördlich der Sahara) aus der Bezeichnung „afrikanische Literaturen“, die stets zwischen geographischen und kulturellen Aspekten oszilliert. Aus postkolonialer Perspektive öffnet er dabei Leseweisen, die die globale Vormachtstellung der westlichen Normen und Denkweisen denaturalisieren, und ruft auch Deutschlands und Österreichs historisches Erbe des Imperialismus und Kolonialismus in Erinnerung. Denn die deutschsprachigen Länder Europas haben sich auch durch ihren frühen Rückzug aus ihren Kolonien nicht den globalen neokolonialen Dominanzstrukturen und den Diskussionen des Postkolonialismus entzogen:
Sprich: Die mentalen Strukturen des Kolonialismus hallen noch immer nach, führen zum Fortdauern des Kolonialismus nach dem Kolonialismus und entwickeln dabei sogar eine eigene, sich selbst neu schöpfende Dynamik. Und das geht bis in die Details des Alltags, wie Ngũgĩ wa Thiong’o in seinem Essayband „Moving the Centre“ am Beispiel der für Afrikatouristen produzierten Souvenirkunst beschreibt: „Was deshalb oft offiziell als authentische afrikanische Kultur von heute vorgeführt wird, ist praktisch eine Wiederholung der kolonialen Tradition: Touristenkunst, Tänze, akrobatische Verrenkungen.“ (S. 16)
In einem historischen Abriss zeichnet Manfred Loimeier transnationale anti- und postkoloniale Gegenbewegungen nach und greift dabei auf die großen Theoretiker*innen der postkolonialen Studien wie Aimé Césaire, Frantz Fanon, Edward Said, Bill Ashcroft und Gayatri Spivak zurück. Einen ausführlichen Blick wirft er auf die literarische Gegenrede, das „Writing back“ bzw. „Re-Writing“ kolonialer Geschichte(n) und Narrative, und ihre kulturellen, sprachlichen sowie wirtschaftlichen Kontexte am internationalen Buchmarkt.
Anstatt aber nur über afrikanische Literaturen und Autor*innen zu sprechen, lässt Manfred Loimeier zwei afrikanische Schriftstellerinnen selbst zu Wort kommen. In Gesprächen mit Fatou Diome und NoViolet Bulawayo erkundet er den Entstehungskontext ihrer Werke und ihre Selbstauffassungen als (afrikanische) Autorinnen.
Claudia Sackl
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