LitKu - Buch des Monats Dezember 2018

Martin Auer: Der Himmel ist heut aus Papier. Gedichte. Wien: Klever 2018.

Eine lyrische Textauswahl aus fünf Jahrzehnten versammelt dieser Gedichtband des österreichischen Schriftstellers, Geschichtenerzählers und Übersetzers. In unterschiedlichsten Formen und Klängen literarisiert er unterschiedlichste Lebenserfahrungen, die nicht selten von den sinnlichen Eindrücken der Jahreszeiten geprägt sind:

Wer kann die Farben des Himmels beschreiben,
spät an einem schneelosen Wintertag,
wenn dünnere Wolken doch noch einen vagen Glanz
empfangen von der sich neigenden fernen Sonne
und Schwärme von Krähen darunter hinwegziehen
heim zu den Nestern? (S. 79)

Die Unbeschreiblichkeit der Natur durch die menschliche Sprache, deren Unzulänglichkeit in diesem Gedicht thematisiert wird, wird an anderer Stelle konterkariert, wenn ganz plastische, haptische Metaphern für die Erscheinungsformen des weihnachtlich-winterlichen Himmels gefunden werden:

Der Himmel ist heut aus Papier
und mit Filzstift hat jemand
drauf Wolken gemalt.
Auf den Dächern der Häuser
gehen Engel mit ihren Harfen spazieren,
als ob sie ihnen gehörten. (S. 94)

Ob in Versform oder in lyrischer Prosa – ob als Haiku oder als Song, als Gedichtfragment oder als mehrteiliger Gedichtkomplex – ob in deutscher Standardsprache, in wienerischem Dialekt oder in Englisch: stets belebt die musikalische Qualität von Martin Auers Gedichten die oft schweren und schwierigen Themen seiner Texte. Denn es ist nicht unbedingt ein Wohlfühl-Buch mit gemütlich-wohligen Gedichten zum Einkuscheln auf dem Sofa an grauen, schneebedeckten Wintertagen. Dennoch lassen die stimmigen formalen Kompositionen seiner Lyrik, die ihre gesellschaftskritischen Dimensionen an keiner Stelle einbüßt, die Schönheit hinter den Vergänglichkeiten, Ungerechtigkeiten und Schieflagen des Lebens erkennen. Dabei sind es vor allem die unscheinbaren Alltagsszenen, die eine schwer-wiegende Bedeutung offenbaren:

Auf aan klaan Mäuerl vur aan Supermarkt
steht a jungs Madl in aan Dirndlklaad und singt si aans.

Leit gehen vorbei, Autos foahrn, maunche schaun hin, aber
die meistn net.

Und sie steht auf den Mäuerl
mit Augn zua
und schwingt ganz leicht ihre Zopferln hin und her
und huacht auf des Liad,
des nua iah gheat,
des nua iah gheat. (S. 121)

So auch in einem Gedicht über einen schmutzigen Lichtschalter, der als motivischer Platzhalter für das eigentliche Thema, über das das lyrische Ich gerne sprechen/schreiben würde, herhalten muss. Mit der Verrückung dieser literarischen Äußerung vollzieht der Autor auch eine Verschiebung unseres traditionellen Verständnisses von Kunst und legt die kulturelle Konstruiertheit und Beliebigkeit des Status des Künstlerischen offen, wenn ihm im Museum aufgrund des Fotografieverbots nur der Lichtschalter als Fotomotiv übrigbleibt:

And in fact, I am
not displeased with that bargain.
The light switch, I think,
has all the qualitites of a work of art,
it is full of surprises and mysteries.
There are broken symmetries
to be found and variations of
regularity,
and the more I look at it
the clearer it gets
that in fact it is
the relic of an ancient civilization,
fraught with history
and fate
and human desires
and all that stuff. (S. 56)

Ähnlich suggestiv und von einer deutlicheren Leichtigkeit erfasst sind die 32 Haikus, die an den Anfang der Lyrikanthologie gestellt sind und über die einzelnen Gedichte hinweg eine sich fortschreibende Kontinuität erkennen lassen. Die immanenten Emotionen sind durch die Konkretheit der Sprachbilder bei der Lektüre umso intensiver erfahrbar und bezeugen auch erste Spuren eines frühlingshaften Erwachens:

Auf meinem Bildschirm
die Welt. Vor meinem Fenster
Bäume, ein Buchfink. (S. 6)

Ach dieser Duft
aus ganz früher Zeit,
ich weiß seinen Namen nicht. (S. 24)

Vorjähriges Blatt
unter den grünen Knospen.
Der Wind wird stärker. (S. 20)

 

Claudia Sackl

cg/cg

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