LitKu - Buch des Monats Jänner 2019
Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2018.
In unserer Fernkursreihe „Ver-rückte Biographien“ haben wir uns im Jänner 2018 intensiv mit der Autorin Natascha Wodin und ihrem Buch Sie kam aus Mariupol beschäftigt. In diesem Text geht Wodin den Lebensspuren ihrer früh verstorbenen ukrainischen Mutter nach, die als Zwangsarbeiterin 1944 nach Deutschland gekommen war. Um die vielen Leerstellen dieses „verlorenen“ Lebens zu füllen, erprobt die Autorin ein ganz eigenes literarisches Verfahren, in dem sie dokumentarische und fiktionale Elemente kombiniert und damit gängige Gattungszuschreibungen aushebelt. Für diese außergewöhnliche literarische Spurensuche erhielt Natascha Wodin 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse.
In ihrem neuen Buch Irgendwo in diesem Dunkel spinnt die Autorin den „Stoff“ ihrer Eltern weiter und fokussiert nun auf den Vater, mit dem sie als elfjährige Tochter – zusammen mit der jüngeren Schwester – nach dem Freitod der Mutter 1956 zurückbleibt. Der Vater ist zwar physisch greifbar, bleibt aber dennoch ein Leben lang fremd. Eine weitere Spurensuche beginnt, ein Versuch zu verstehen, welche Prägungen ihn zu jenem harten, stummen und gewalttätigen Menschen gemacht haben könnten, von dem sich die Tochter erst spät und nur mühsam befreien kann.
Auf dem Buchcover findet sich ein Ausschnitt eines Fotos, das die Leser*innen von Sie kam aus Mariupol bereits kennen. Es zeigt Natascha Wodin mit ihrem Vater am Grab der Mutter: ein junges Mädchen im mächtigen Schatten eines Mannes, unkenntlich, mit verschwimmenden Konturen …
Die wenigen bekannten Fakten dieses „Vaterlebens“ sind schnell erzählt und werden auch gleich am Beginn des Buches offengelegt: 1900 in Kamyschin im zaristischen Russland geboren, 1944 aus dem ukrainischen Mariupol als Zwangsarbeiter nach Deutschland in den Rüstungsbetrieb der Firma Flick gekommen, danach in Lagern bzw. einem Wohnblock für Displaced Persons untergebracht, zeitlebens ein stummer Fremder bleibend, abgeschottet von der deutschsprachigen Umwelt; „Schutzräume“ bieten ihm seine Singstimme (er ist lange Mitglied in einem Don Kosaken Chor) und die russischen Bücher, die er sich zeitlebens zusenden lässt.
Die Tochter – von ihm aufs Schlimmste drangsaliert und erniedrigt – wagt es nicht, an seinem Schweigen zu rühren: Erst später begriff ich, dass ich in einem doppelten Schweigen aufgewachsen war, dem Schweigen meiner russischen Eltern und dem Schweigen meiner deutschen Umwelt. Meine Eltern schwiegen über etwas anderes als die Deutschen, es gab zwei Wahrheiten, von denen ich nichts wusste, ich spürte nur immer und überall das Ungesagte, das Unsagbare, das wie ein undurchdringlicher Nebel war, wie Stickstoff, den ich ständig einatmete. (S. 92)
Gegen diesen „Nebel“ schreibt Natascha Wodin an. Ausgehend vom Tod ihres Vaters im Jahre 1989 erzählt sie in Rückblenden. Dabei setzt sie immer wieder neu an, es sind einzelne Versuche, scharfe Schnitte, Schneisen in die Vergangenheit. Manches lässt sich aus der allgemeinen Geschichte jener Zeit rekonstruieren, manchmal helfen Zeitdokumente, Fotos oder Gedichte, um die eigene Vorstellungskraft zu aktivieren: Ich stelle mir vor […] Es gelang ihm wahrscheinlich […] Vermutlich hatte mein Vater […] (S. 163f.).
Manchmal aber bleiben auch nur Fragen, mit denen sich die Autorin Leerstellen erschreibt: Und von wo war er geflohen […]? Wie war er denn meiner Mutter begegnet, einer Frau, die aus einem ganz anderen Milieu stammte als er selbst? Was verband ihn, den Mann aus dem einfachen Volk, mit dem um zwanzig Jahre jüngeren, auffallend schönen, fragilen Mädchen aus einer Familie verfolgter ukrainischer Aristokraten und italienischer Kaufleute? Und wie war er schließlich mit dieser Frau nach Deutschland gekommen? (S. 91)
Die Fragen sind auch ein Versuch, dem verhassten Vater angesichts seines Todes zumindest ein Stück weit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Und wie hätte ein Mensch, der nie Freiheit erfahren, dessen Leben sich im Würgegriff zweier Diktaturen abgespielt hatte, einem anderen, noch dazu seinem eigenen Kind, Freiheit gewähren können? (S. 180)
Natascha Wodin erzählt in einer nüchternen und distanzierten Sprache, im Stil einer Recherche oder Reportage. Sie hat es auch gar nicht nötig, Emotionen und Gefühle auszufalten und zu beschreiben, denn die von ihr gewählten Bilder sprechen für sich und berühren unmittelbar.
Das „Chinin“ zum Beispiel, das ihr Vater gegen die Malariaanfälle verabreicht bekommt: Er wirkte ganz durchdrungen von dem Chinin, das ihm, so kam es mir vor, seine Unverwundbarkeit verlieh, die unerbittliche Schlagkraft seiner Hände. (S. 50)
Oder, an anderer Stelle, das Bild der „Schmutzwäsche“: Mein Vater kontrollierte vor dem Waschen die schmutzige Wäsche, und ich musste ihm dabei zusehen. Ich verstand nicht, was er eigentlich kontrollierte […] Ich war das Wäschestück in meines Vaters Händen, und er konnte damit machen, was er wollte. (S. 104)
Am Ende hat sich Wodin – am offenen Grab des Vaters stehend – ein Bild ihres Vaters erschrieben; es ist ein Bild mit Schatten und subjektiven Anteilen, und es ist ein Bild, das ihr ansatzweise erlaubt, loszulassen und mit einer neu gewonnenen Leichtigkeit auf ihre Kindheit und Jugend zu blicken: Bis zur letzten Sekunde auf der Erdoberfläche blieb das Leben meines Vaters eine Ungereimtheit, ein Fiasko, und gleichzeitig schien er, noch einmal befreit aus dem Gehäuse des Sarges und unter dem offenen Himmel liegend, zurückgegeben an die Natur, an Regen und Wind, entlassen in die Freiheit jenseits aller Gesellschaften und Systeme. (S. 238)
Festhalten lässt sich dieses Bild allerdings nicht. Als die Tochter am Grab noch schnell ein paar Fotos macht, um das Leben ihres Vaters zu dokumentieren, muss sie feststellen:
Als ich eine Woche später den entwickelten Film abholte, stellte sich heraus, dass aus den Aufnahmen nichts geworden war. Der Film war leer. (S. 239)
Helene Thorwartl
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