LitKu - Buch des Monats März 2019

Nadine Kegele: Lieben muss man unfrisiert. Protokolle nach Tonband. Wien: Kremayr & Scheriau 2017.

Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März soll dieses Monat das Buch einer jungen österreichischen Autorin im Zentrum stehen, die sich bereits in ihrem Debüt Annalieder (Czernin Verlag 2013) mit den facettenreichen Lebenswelten von Frauen* auf direkte und unverklärte Weise literarisch auseinandergesetzt hat. In Lieben muss man unfrisiert bringt Nadine Kegele nun diversitätssensible Genderthematiken über einen Publikumsverlag an ein breites Lesepublikum.

Nach dem Vorbild von Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne, in dem die österreichische Schriftstellerin vor gut 40 Jahren Tonbandprotokolle von Gesprächen mit Frauen über ihr Leben veröffentlichte – und das längst zu einem den Feminismus prägenden Klassiker geworden ist –, befragt Nadine Kegele nun weitere 19 Frauen* und Transgender-Personen zwischen 16 und 92 Jahren zu ihrem Leben, ihren Gefühlen und ihren Verletzlichkeiten. Sie sprechen über Körper und Sexualität, Familie und Beruf, über die Herausforderung Identitäten zu konstruieren, neu zu erfinden und nach außen zu tragen und davon, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Kein Mensch kann einem andern was verbieten. Es beginnt alles im Kopf. Wenn du willst, kannst du es tun. Aber ich wollte nicht.
(Michaela, 48, Reinigungsfachkraft)

Eingeleitet wird die Kompilation von einem fiktiven Gespräch zwischen Nadine Kegele und der vor knapp 42 Jahren verstorbenen Maxie Wander, sowie von einem engagierten Vorwort von Marlene Streeruwitz, das unabhängig von Nadine Kegeles bemerkenswerten Protokollen selbst schon ein absolutes Lektüre-Muss darstellt. In ihrem Vorwort begreift die renommierte österreichische Autorin Sprache als jenes Instrument, das Geschlecht erst sprechbar macht (S. 21), und utopiert eine sprachliche Selbstbestimmung von Identität: Unsere Kinder sollen sprechen lernen und nicht gesprochen werden (S. 23). Entsprechend sprachgewandt führt Marlene Streeruwitz vor Augen, wie Nadine Kegeles Buch der vermeintlichen Unsprechbarkeit (S. 23) normabweichender Lebenskonstruktionen entgegenwirkt.

Ich glaube, wir haben so viel erlernt, was vielleicht gar nicht wir sind, Stereotype von Geschlecht, von sozialen Schichten, von vielem. Ich bin ein Produkt meiner Gesellschaft, ich bin zu einer Frau gemacht, aber: Ich bin einfach Ona!
(Ona, 37, Filmemacherin)

Nadine Kegele stellt die gesellschaftlichen Normen patriarchaler Strukturen – jene des weißen, heterosexuellen Mannes – infrage, die unsere Gesellschaft trotz aller postfeministischer Begriffsbemühungen immer noch prägen, wenn wir beispielsweise Gewalt als selbstverständliche[n] Bestandteil des Lebens im gewählten Geschlecht (Vorwort von Marlene Streeruwitz, S. 20) ansehen ...

Warum muss mir das überhaupt so ein Gefühl geben? Warum muss ich mich überhaupt fürchten? Kein Mann hat sich jemals gefürchtet!
(Maria, 30, Studentische Mitarbeiterin)

... wenn Genderfreiheiten mehr als Geschenke angesehen [werden] und nicht als Rechte (Vorwort von Marlene Streeruwitz, S. 20) und wenn das Gewicht nicht leichte genug [ist], die Schwere der Norm zu füllen (ebda, S. 21).

Ich weigere mich, darüber zu reden, die Figur sollte kein Thema sein. Ich meine, Lena Dunham ist doch super sexy! Das Wichtigste ist deine eigene Beziehung zum Körper, und über die hat niemand zu urteilen.
(Ona, 37, Filmemacherin)

Die auf Tonband aufgezeichneten und von Nadine Kegele verschriftlichten und redigierten Protokolle berichten aber nicht nur von Geschlechterverhältnissen und der Rolle der Frau*, sondern sprechen auch soziale Ungerechtigkeit, Migration, Flucht und Rassismus an und verdeutlichen so das Zusammenwirken von Geschlecht, sexueller Orientierung, Klasse, Ethnie, Alter, Gesundheit, Behinderung, sowie die erfahrenen Diskriminierungen und Privilegien aufgrund dieser Faktoren.

Bist du aus dem Arbeitermilieu, hast du diese Codes nicht erlernt […]. Die haben tatsächlich gedacht, sie würden mit dem Sicherheitsnetz ihrer Eltern ein Risiko eingehen. Wenn ich springe, ist da unten nichts, Punkt. Mut muss man sich leisten können.
(Greta, 42, Bibliothekarin)

Mein Geschlecht war „behindert“. [...] Ich musste lange kämpfen, um als weiblich wahrgenommen zu werden.
(Esther, 49, Tänzerin)

Die vielstimmigen Erzählungen bewegen sich dabei stets zwischen Selbstbestimmung und Selbstzweifel, zwischen Macht und Ohnmacht. Sie sprechen unzensiert tabuisierte Themen wie Menstruation, Verhütung und Schwangerwerden an und verhandeln die dabei entstehenden Konflikte und Komplikationen. Besonders erschreckend ist, dass so gut wie alle der Befragten mit sexuellen Übergriffen im privaten oder öffentlichen Leben konfrontiert waren, sei es zu Hause, beim Gynäkologen oder in der U-Bahn.

In der U-Bahn bin ich mal von einem Mann angetatscht worden. Ich hab gesagt: Hören Sie sofort auf! Alle haben hergeschaut, aber geholfen hat niemand. Ich bin Schwarz, wissen Sie, da ist es manchmal so.
(Hillary, 16, Schülerin)

Nadine Kegele schafft so ein faszinierendes Zeitzeugnis (Sara Schausberger, Der Standard), das nicht nur normative, sondern unterschiedlichste Formen von Gender und Geschlecht kennt, lebt und akzeptiert. Dennoch liegt dem Buch natürlich ebenso ein künstlerische[s] Konzept (Nadine Kegele in Annette Raschner, Kultur) zugrunde. Die gesprochenen Tonbandaufzeichnungen verdichtet die Autorin in ihrem Buch zu schriftlichen fragmentierten Monologen, deren Dialogizität erkennbar bleibt, obwohl die Fragen der Autorin selbst nicht abgedruckt sind, aber stets in den Zwischenräumen der Erzählungen hindurchschimmern. Das Spektrum der zu Wort kommenden Personen gestaltet Nadine Kegele äußerst vielfältig und bezieht Menschen mit unterschiedlichster Ausbildung, verschiedensten Berufen und diversen Identitätsentwürfen ebenso ein, wie autochthone Österreicher*innen und Menschen mit migrantischem Hintergrund. Nicht zuletzt aufgrund dieser diversitären Zusammenstellung hinterfragen Nadine Kegeles literarisch adaptierte Tonbandprotokolle binäre Geschlechtszuweisungen und stellen sich gegen eine Geschichtsschreibung „von oben“.

Ich bin Putzfrau, und ich denke, dass Frauen diesen Job besser ausüben können, weil sie sauberer sind.
(Michaela, 48, Reinigungsfachkraft)

Ich habe meinen Sohn und meine Tochter nicht gleich erzogen, nein [...]. Ich wusste bereits beim Stillen, dass ich Leo nicht beibringen will, dass Frauen jederzeit körperlich verfügbar seien. (Ruth, 45, Scheidungsanwältin)

Vor vielen Jahren hätte ich noch gesagt: Ich identifiziere mich eher mit Geschlechter-forschung als mit Feminismus. Erst sukzessive habe ich verstanden, dass es etwas Kämpferisches braucht, damit etwas passiert. Denn um eines Tages bei Geschlechtergerechtigkeit anzukommen, müssen wir erstmal ordentlich feministisch sein. (Elena, 38, Unternehmerin)

Natürlich können die Leser*innen mit den Aussagen der Befragten übereinstimmen oder nicht, können sich davon irritiert, ja provoziert fühlen. Aber genau darum geht es (auch) in den Protokollen auf Tonband. Um das Zu-Wort-Kommen-Lassen aller Stimmen, um das Versprachlichen von Erlebnissen und das Gehört-Werden des Erzählten – unabhängig von persönlichen politischen Positionierungen und Agenden.

Ich sage es hier auf Tonband, / damit alle mich hören können.

ist auf dem knallroten Vor- und Nachsatzpapier des Bandes abgedruckt und fordert lautstark nicht nur das Gehört-Werden, sondern auch das Zuhören ein und zeigt so, dass jedes Leben erzählwürdig ist, auch wenn es erst aus der [vermeintlichen] Bedeutungslosikeit (Annette Raschner, Kultur) geholt werden muss.

 

Claudia Sackl

cg/cg

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