LitKu - Buch des Monats April 2019

Brigitte Schwens-Harrant und Jörg Seip: Mind the gap. Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten. Wien: Klever Verlag 2019.

Mind the gap – Achten Sie auf den Spalt! Achten Sie auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig, aber auch auf die Kluft zwischen Mann und Frau, die Unterschiede zwischen Stadt und Land, die Spannungen zwischen den Religionen und den Spalt ganz allgemein zwischen uns und den anderen, zwischen hier und dort, links und rechts …

Jede und jeder von uns ist täglich damit beschäftigt, Trennlinien zu markieren, Abstände festzulegen und sich abzugrenzen – als „Sicherheitshinweis“ sozusagen für sich und die anderen. Dabei geht es immer um die Fragen: Wo fange ich an? Und wo höre ich auf? Wer bin ich? Und was bzw. wo sind meine „Wurzeln“? Entlang dieser „gaps“ konstruieren wir unsere Identität. Und das ist gut so:

Es geht nicht um die Frage, ob Identität oder nicht – sie ist unumgänglich –, sondern um die Frage des Wie: Wie werden Identitäten gebildet? (S. 11 und 134)

Die beiden Autor*innen, Brigitte Schwens-Harrant (Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“, Literaturkritikerin) und Jörg Seip (Professor für Pastoraltheologie an der Universität Bonn) überschreiten den „Spalt“ zwischen ihren unterschiedlichen Professionen und legen in ihrem Essay-Band gemeinsam Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten.

Wie lässt sich die „eigene“ Identität benennen? Welche Rolle spielt dabei die „andere“ Identität? Wie wird verfertigt? Und wem dient das? Zu welchem Zweck? Und gibt es alternative Zuschreibungen und Narrationen? Die Autor*innen nehmen exemplarisch sieben Bereiche, in denen Identitätsfragen verhandelt werden, in den Blick: Liebe, Gender, Stadt, Hybride, Othering, Religion und Gast.

Dabei zeigt sich, dass Identität nicht als fertiges Produkt zu haben ist. Es ist fast unmöglich, einen festen Kern (S. 10) zu benennen, der immer gleich bleibt und sich überzeitlich fassen lässt. Im Gegenteil: Identität realisiert sich in der Auseinandersetzung und im Austausch mit dem „Anderen“. Ein sprechendes Beispiel des Soziologen Stuart Hall, der hier zitiert wird:

Tee steht symbolisch für englische Identität, wird aber gar nicht im Vereinigten Königreich angebaut, sondern stammt aus Ceylon/Sri Lanka: „Es gibt keine englische Geschichte ohne diese andere Geschichte. Die Vorstellung, Identität habe etwas mit Menschen zu tun, die alle gleich aussehen, auf dieselbe Weise fühlen und sich selbst als Gleiche wahrnehmen, ist Unsinn. Identität als Prozeß, als Erzählung, als Diskurs wird immer von der Position des Anderen aus erzählt.“ (S. 71)

Idealerweise wird dabei dieser Spalt zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu einem „Zwischenraum“, der nicht nur eine Grenze markiert, sondern neben „hier“ und „dort“ noch ein Drittes schafft. – Vergleichbar mit einem Treppenhaus, das nicht nur die notwendige „Lücke“ zwischen einzelnen abgeschlossenen Wohnungen bildet, sondern auch zu einem Ort des „Verhandelns“ und der Interaktion werden kann. Aus dem Sicherheitshinweis „Mind the gap“ wird dann ein Wegweiser, wie das Verfertigen der eigenen Identität im Austausch ständig voranschreiten kann.

Wer nach der Lektüre dieses Buches gleich in Bewegung bleiben will, sei auf die vielen literarischen Zitate verwiesen, welche die fundierten theoretischen Analysen der sieben Essays gekonnt begleiten, weiterführen, verstärken, spiegeln, aber auch kritisch hinterfragen, unterwandern, ironisieren, bloßlegen – was Literatur eben so vermag. Jane Austen, Michael Stavaric, Olga Flor, Toni Morrison, Nadine Gordimer, Ta-Nehisi Coates, Sinclair Lewis und noch viele mehr laden Sie ein, lesend alternative Identitätskonstruktionen zu erkunden.

Doch: Achten Sie auf die Lücke zwischen Text und LeserIn! Es kann sein, dass beim Überschreiten des Spalts ganz unvorhersehbar etwas Neues entsteht:

[So] verhält es sich mit dem literarischen Text und den literarischen Leserinnen und Lesern: Diese gibt es nur aufgrund von Übersetzungen. Übersetzungen haben die Funktion, etwas zu ersetzen, zu transformieren und zu erfinden. Und das betrifft Texte und Leserinnen zugleich: „Den“ Text gibt es ebensowenig wie es „die“ Leserin gibt, sie werden geboren im Akt der Lektüre […]. (S. 116)

 


Helene Thorwartl

cg/cg

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