LitKu - Buch des Monats Mai 2019
Neal Shusterman: Kompass ohne Norden. Aus dem amerikanischen Englisch von Ingo Herzke. Mit Illustrationen von Brendan Shusterman. München: Hanser 2018.
Caden Bosch ist 15 Jahre alt, eigentlich ein tüchtiger, schlauer Schüler, ein freundlicher, witziger Junge. Die Realität scheint ihm jedoch zunehmend zu entgleiten, wenn er sich immer öfter von unerklärlichen Gefahren verfolgt, unbennenbaren Gefühlen zermürbt fühlt. Neal Shustermans Erzählung über Cadens psychischen Veränderungsprozess folgt dabei zwei Handlungssträngen, die auf eine Weise ineinander verzahnt sind, dass die Lektüre zwar keine leichte und rasche, dafür aber eine umso intensivere und ergiebigere sein kann, lässt man sich ganz auf den Text ein.
Dieser lässt seine beiden Ich-Perspektiven zugleich gegeneinander, miteinander und ineinander erzählen: Jene von Cadens sich stetig intensivierenden Symptomen, in der er zunehmend die Kontrolle über seine Gedankenwelt verliert. Und jene von Cadens Aufenthalt auf einem ominösen Schiff, das an die tiefste Stelle des Marianengrabens unterwegs ist: das Challengertief – das auch den Titel für die englische Originalausgabe liefert. Auf dem Schiff zeichnet Caden das, was er sieht, erfährt und fühlt. Dabei trifft er nicht nur auf den bestimmenden, vermeintlich sympathischen, aber nicht unverdächtigen Schiffskapitän sowie ein mystifiziertes weibliches Wesen namens Kalliope, das sich in der (immobilisierten) Gallionsfigur des Schiffs körperlich manifestiert, sondern auch auf einen in Rätseln sprechenden Papagei, der in zur Meuterei anzustiften und in die Cocktailbar im Krähennest zu locken sucht. Auf dem Schiff im Ozean werden Raum und Zeit weit über die Grenzen des physikalisch möglichen hinausgeführt, ziehen endlose Kreise in der amorphen Masse von Wasser und Wellen. Perspektive und Größenverhältnisse werden verzerrt, Vernunft und Logikverständnis außer Kraft gesetzt.
Der Steuermann sagt, ich solle mir deswegen keine Sorgen machen. Er deutet auf den Pergamentblock, auf dem ich oft zeichne, um mir die Zeit zu vertreiben. "Halt deine Gefühle mit Strich und Farbe fest"; rät er mir. "Farben, Garben, Narben, darben – deine Zeichnungen machen mich hungrig, schreien mich an, zwingen mich zu sehen. Meine Karten zeigen uns die Route, aber deine Visionen weisen uns den Weg. Du bist der Kompass, Caden Bosch. Du bist der Kompass!"
"Wenn ich der Kompass bin, dann bin ich ziemlich nutzlos", antworte ich. "Ich kann Norden nicht finden."
"Natürlich kannst du das", sagt er. "Bloß dass sich der Norden in diesen Gewässern ständig in den Schwanz beißt."
Dabei fällt mir ein früherer Freund ein, der meinte, Norden sei immer die Richtung, in die er schaute. So langsam glaube ich, er könnte recht gehabt haben. (S. 17)
Der US-amerikanische Autor unternimmt dabei einen einmaligen Versuch, psychische Krankheit sprachlich zu fassen und literarisch darzustellen. Angesichts der Unmöglichkeit, von einer objektiven Außenperspektive eine wahrhaft 'authentische' Darstellung von Cadens Innenleben zu schaffen, greift Neal Shusterman auf eine phantastische, sekundäre Erzählebene zurück, die der realistischen, primären Erzählebene spiegelbildlich gegenüber gestellt wird. Mit dem Abstieg in die auf realistisch-mimetische Weise – so legt der Roman nahe – unergründlichen Tiefen von Cadens Unbewusstsein, steigen wir als Leser*innen mit ihm hinab zu einer Reise zum tiefsten Punkt der Erde. Auch wenn diese Analogie keine subtile sein mag, ist die literar-ästhetische Umsetzung dennoch außergewöhnlich.
Als Darstellungsweise in der Literatur zielt Realismus im Sinne der Mimesis darauf ab, Wirklichkeit 'abzubilden', Wirklichkeit 'nachzuahmen'. Eine solche Erzählstrategie, die auf eine 'wirklichkeitsgetreue' Darstellung ausgerichtet ist,
ist im Angesicht des Unaussprechbaren, Unbeschreibbaren, Unvorstellbaren jedoch von vornehinein zum Scheitern verurteilt:
Was passiert also, wenn dein Universum allmählich aus dem Gleichgewicht gerät und du keine Erfahrung damit hast, es wieder in die Mitte zu rücken? (S. 39)
Um sich dieser imaginären, sinnlichen und sprachlichen Leerstelle dennoch nähern zu können, verschränkt Neal Shusterman jene zwei Erzählebenen, die erst in ihrem reziproken Dialog sowie in ihren wechselseitigen Dissonanzen – ihren Rissen und Brüchen im Prozess der Bedeutungskonstruktion und des Erfahrbar-Machens, die trotz der Parallelführung der fiktionalen Figuren(entwicklung) offen bleiben – ihre volle Bedeutung erschöpfen.
Der Roman ist dabei nicht 'nur' Fiktion; in ihm greifen Realität und Fiktionalität auf fast unheimliche Weise ineinander.
Als Jugendlicher wurde bei Neal Shustermans Sohn eine schizoaffektive Störung diagnostiziert. Während seinen schizophrenen Episoden zeichnete Brendan Shusterman. Unter anderem entwarf er dabei jene zwölf Bilder, die im Buch in Grautönen abgedruckt sind und so die Illusion von Authentizität noch verstärken. Die feingliedrig-psychedelischen Illustrationen spielen das Verwirrspiel von Traum und Wirklichkeit, das in der Erzählung auf fiktionaler sowie narratologischer Ebene vollzogen wird, in Bezug auf die Korrelation von inner- und außerfiktionaler Welt weiter und verzweigen Imaginäres und Reales noch stärker ineinander.
Claudia Sackl
cg/cg

