LitKu - Buch des Monats Sommer 2019

Cornelius Hell: Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum. Streifzüge durch die Literatur von Meister Eckhart bis Elfriede Gerstl. Wien: Sonderzahl 2019.

Lesen… Was verbinden Sie mit diesem Tätigkeitswort? Welche Verben fallen Ihnen ein, wenn Sie an Ihr eigenes Lesen denken?

Cornelius Hell, Literaturkritiker, Übersetzer und Autor, legt gleich im Vorwort dieses Buches seinen Zugang offen:

Lesen. Alles, was ich in die Hand bekomme von einem Schriftsteller, einer Schriftstellerin. Kreuz und quer durch das Werk lesen und einiges ganz genau. So lange, bis mir dieses Werk unausweichlich wird, bis ich es nicht mehr weghalten kann von meiner eigenen Wahrnehmung, meinem Empfinden und Denken. Bis ich mich nicht mehr heraushalten kann aus diesen Texten. Mich festlesen an Sätzen, denen ich nicht entkomme. (S. 9)

Aus dieser Haltung heraus sind über Jahre hinweg zahlreiche kurze Essays für die Ö1-Sendereihe „Gedanken für den Tag“ entstanden. Diese „Streifzüge durch die Literatur“ – wie es im Untertitel heißt – bieten deshalb nicht nur kompakte Informationen und pointierte Analysen zu einzelnen Autorinnen und Autoren, sondern vor allem auch Einblicke in die (lustvolle) Arbeit eines passionierten Lesers.

Cornelius Hell geht in seinen Lektüren aufs Ganze und ist damit weit entfernt von oberflächlichen und schnellen Zugängen zu Texten à la „30 Bücher, die man (nicht) gelesen haben muss, um mitreden zu können.“ Diese Intensität der Auseinandersetzung haftet jedem einzelnen der ursprünglich zweiminütigen (Hör-)Beiträge an, die hier versammelt sind.

Vielleicht sollte man das Buch deshalb auch so lesen, wie es ursprünglich gedacht war: in kleinen Häppchen, die den Tag über nachklingen und Lesen und Leben durchdringen.

Die einzelnen Miniaturen sind liebevoll gestaltet und genau durchkomponiert. Einmal erfolgt die Annäherung an einen Autor oder eine Autorin über die persönliche Begegnung oder die eigene Leseerfahrung, einmal ist es ein pointiertes Zitat, ein Bild oder eine Parallele zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema. Immer aber werden die Leserinnen und Leser mit hineingenommen in einen Leseprozess; die Neugierde ist geweckt, so wie hier mit den ersten Zeilen zu Gerhart Hauptmann:

„Ich glaube, ich bin ein Genie.“ Wer so von sich redet, erntet nicht gerade Sympathie, vor allem, wenn er erst dreiundzwanzig Jahre alt ist und wenig vorzuweisen hat, worauf sich die stolze Behauptung gründen könnte – wie Gerhart Hauptmann, der seine Selbsteinschätzung in einem Brief hinausposaunte. (S. 82)

Cornelius Hell hat einen sehr genauen Blick auf die Texte; einen Blick, der auf Details fokussiert und damit einzelne Wörter und Sätze ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Solche „Sätze“, die beim Lesen eine besondere Kraft entwickelt haben, bilden dann auch die Kapitelüberschriften zu den einzelnen Beiträgen: „Ein Blatt aus sommerlichen Tagen“ (Theodor Storm), „Ich bin ein Mystiker und ich glaube an nichts“ (E.M. Cioran), „Nimmergrün und Amselstumm“ (Christine Busta), „Wilna, du reifer Holunder“ (Johannes Bobrowski), „Ich will meinen Kampf beten“ (Thomas Bernhard), „Manche kommen aus dem Staunen nicht heraus, manche nie hinein.“ (Elfriede Gerstl) etc. Das Buch wird so auch zur Sammlung „einer eisernen Reserve von unvergesslichen Sätzen“ (S. 98), zu einem Sprachschatz, wenn die eigenen Worte einmal fehlen.

Der genaue Blick verhindert gleichzeitig aber auch jegliche Romantisierung von Literatur. Die vorgestellten Autor*innen kommen mit ihren hellen und dunklen Seiten in den Blick. Da ist auch von der langen Sympathie Christine Bustas für den Nationalsozialismus die Rede oder von der Todessehnsucht Theodor Storms, der der Autor nicht folgen mag. Und auch das Lesen selbst will kritisch betrachtet sein. Wer weiß, ob Lesen nicht auch blind machen kann? Eine Form des Rückzugs sein kann? Und was, wenn aus einem Vielleser eine „Lesemaschine“ (S. 118) wird?

Denn der Kopf eines Lesers wird allzu schnell zum Tummelplatz fremder Gedanken, wie schon Arthur Schopenhauer gewarnt hat. Er meinte: „Solches ist aber der Fall bei sehr vielen Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.“ Da hilft nur eines: Sich das eigene Urteil über Bücher und Autoren nicht nehmen lassen und beim Lesen die eigenen Erfahrungen und Vorlieben nie aus dem Blick verlieren. (S. 118)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht der Wunsch, basierend auf dem Klappentext von Wendelin Schmidt-Dengler: Stecken Sie sich dieses Buch als „Vademecum“ (lateinisch vade mecum „geh mit mir!“) in die Tasche. Dann ist für Begleitung auf Ihrem Lese-Weg gesorgt.

 

Helene Thorwartl

cg/cg

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