LitKu - Buch des Monats September 2019

Susan Kreller: Pirasol. München: Berlin Verlag 2017.

In einem Monat startet der neue >>> Fernkurs für Literatur, der sich gleich zu Anfang mit dem Lesen als Kulturtechnik auseinandersetzt. Auch in Susan Krellers Roman Pirasol erhält das Lesen und (das Lesen, Erkennen und Wiedergeben) literarische(r) Texte besondere Bedeutung.
Mit dem Titel ihres Buches bezeichnet die deutsche Schriftstellerin mehr als nur die Papierfabrikantenvilla der Familie Suhr, in der die 84-jährige Gwendolin seit ihrer Heirat mit dem herrischen Willem und nach dessen Tod nun als Alleinerbin lebt. Gallus Frei schreibt in seiner Rezension zu dem Roman:

Pirasol ist Schauplatz vieler Kriege, einem Ehekrieg mit einseitiger Bewaffnung, einem Vater-Sohn-Krieg mit ungleichlangen Schwertern, dem Rachefeldzug einer Vertriebenen und einem Kampf einer Frau ein Leben lang mit sich selbst. (literaturblatt.ch)

Es ist ein weiterer (historischer) Krieg, der ebenfalls eine zentrale Rolle in der Biografie der Protagonistin einnimmt, wenn diese erleben muss, wie ihr politisch und ideologisch engagierter Vater in das Konzentrationslager Oranienburg bei Berlin gesperrt wird. Wie ihre Mutter aus den zerbombten Straßen nach einem Einkauf nicht mehr zurückkommt. Und wie ihr Vater nach Kriegsende als ein anderer heimkehrt, völlig erstarrt von dem Erlebten; als einst sprachgewaltige Vertrauensperson, die nun kein Wort mehr verliert.

Auf drei ineinander verwobenen Zeitebenen erzählt Susan Kreller auf verdichtete und doch leichtfüßige Weise von düsteren, aber stets auch hoffnungsvollen Momenten des Lebens einer Frau, die nicht nur in ihrem sozialen Umfeld vereinsamt, sondern sich auch von sich selbst entfremdet, wenn sie in ihrem eigenen Leben immer mehr zurückgedrängt wird. Der schützenden Obhut ihrer Eltern entzogen, ist sie bereits als 14-jähriges Mädchen im kriegszerstörten Berlin ständigem Hunger, Kälte und Angst ausgeliefert. Die sexuellen Bedrängungen des übergriffigen Jacken-Karl – einem Mithäftling ihres Vaters, bei dem sie nach dessen Tod unterkommt –, die tyrannischen Auswüchse ihres übermächtigen Ehemannes, dessen psychischen Terror und Gewaltausbrüche gegenüber ihrem gemeinsamen Sohn, sowie schließlich die feindliche Übernahme ihres Hauses durch die nach Vergeltung sinnende Thea – all das erduldet Gwendolin still. Dabei verliert sie nicht nur ihren Sohn, sondern auch ihre eigene Selbstbestimmtheit.

Stets leuchtet vor dem Hintergrund dieser zerstörten Familienverhältnisse aber Gwendolins heile, vielleicht auch idealisierte Kindheit vor dem Krieg, die ihr – als noch intakter Rückzugsraum – Zuflucht vor den tristen geschichtsträchtigen Realitäten bietet. Die Schutzfunktion dieses glücklichen Kindseins wird durch die enge Verbindung zum Vater auf das Medium des Buches, Literatur und das literarische, intertextuelle Sprechen im Allgemeinen übertragen. In der Bibliothek des Vaters findet Gwedolin die ihr entrissene Bezugsperson wieder, die in dem ewigen Warten auf den Vater in der einsamen Wohnung wieder nahbar wird. In seiner Abwesenheit liest Gwendolin seine Bücher in alphabetischer Reihenfolge, deren Ordnung auch den vorliegenden Roman strukturiert:

Der Vater würde es kaum wagen, fortzubleiben, nicht nach all den Büchern, die sie schon für ihn gelesen hatte. Obwohl sie erst bei B war.
Bogdanow,
Brecht,
Brod. (S. 81)

Aus dem Konzentrationslager schreibt der Vater scheinbar bedeutungsleere Briefe an seine Familie, deren Chiffren nur die Tochter zu decodieren vermag. Mithilfe verschlüsselter Zitate aus seinen Büchern legt er darin sein Innerstes offen. Aber nicht nur in dieser Hinsicht wird literarische Sprache in Susan Krellers Roman zur Überlebens-, Widerstands- und Befreiungsstrategie. Als Gwendolin knapp 70 Jahre später schließlich – wohl zum wiederholten Male – bei Z ankommt, ist sie auch wieder bei sich selbst angelangt und kann ihre Stimme wiederfinden:

Sie nimmt zwei Bücher von der Leiterstufe und wirft sie mit aller Kraft nach unten auf das Parkett, lässt sie Thea ins Wort fallen:
Zischka,
Zöberlein,
und so laut kommen sie unten an, dass […] Gwendolin […] noch lauter [wird], und zum ersten Mal im Leben fühlt sie sich die Stimme auskosten, die ihr gegeben wurde und die noch funktioniert. (S. 269)

Susan Krellers Roman beeindruckt nicht nur durch die feine Balance zwischen seiner unheimlichen erzählerischen und bildsprachlichen Dichte und seiner dennoch feingliedrigen Struktur, die Motive, Erzählstränge und Figuren zusammenhält, sondern auch durch die präzise und zugleich ungemein poetische Sprache, mit der die Autorin jene Ungeheuerlichkeiten literarisiert, die Menschen einander innerhalb gesellschaftlicher wie familiärer Gefüge antun. Die ambivalent gezeichneten Charaktere werden dabei stets gebrochen, wenn einstige Retter*innen zu neuerlichen Unterdrücker*innen werden und sich Gwedolin durch die von ihr selbst auferlegten Fesseln ebenso stark einschränkt wie fremdbestimmte das tun. Die psychologischen (Un-)Tiefen ihrer Figuren weiß die mehrfach preisgekrönte Autorin mit unverblümten Worten zu erkunden und dabei die berührende, aber an keiner Stelle kitschige Emanzipation einer Protagonistin nachzuzeichnen, die sich erst aus dem Gefängnis ihrer eigenen Stille (Susan Kreller in literaturblatt.ch) befreien muss, um wieder ein ganze[r] Mensch (Pirasol S. 278) sein zu können.

 

Claudia Sackl

cg/cg

  • © Literarische Kurse 2026