LitKu - Buch des Monats November 2019

Meghan Cox Gurdon: Die verzauberte Stunde. Warum Vorlesen glücklich macht. Aus dem Amerikanischen von Frank Sievers. Berlin: Insel Verlag 2019.

Im Zentrum des ersten Lesehefts von Jana Sommeregger in unserem >>> Fernkurs für Literatur einLESEN steht das Lesen hinsichtlich seiner Formen und Funktionen. Unsere erste Lektüre, Die Sehnsucht des Vorlesers von Jean-Paul Didierlaurent, dreht sich um den Protagonisten Guylain, der durch Vorlesen in öffentlichen Räumen andere Menschen begeistert. Dem Phänomen des Vorlesens widmet sich auch die US-amerikanische Autorin, Kritikerin und ehemalige Auslandskorrespondentin in ihrem Buch Die verzauberte Stunde. Warum Vorlesen glücklich macht:

Lesen ist wichtig.
Lesen macht glücklich.
Lesen lässt den/die Lesende in andere Welten abtauchen.

Diese drei Dinge sind für Menschen, die sich gern und ausgiebig mit Literatur beschäftigten (sei es im privaten und/oder im beruflichen Bereich), keineswegs neu. Weniger bekannt sind vielleicht die wissenschaftlichen Studien, die es über das Lesen in Gemeinschaft gibt: das Vorlesen.
Unkonventionell und in betont lockerem Ton widmet sich Meghan Cox Gurdon diesem Phänomen in all seinen Facetten. Nüchtern betrachtet sie zunächst die Gesellschaft in ihrer heutigen Form, wo jeder Mensch zwar liest – seien es nur What’s App-Nachrichten, E-Mails oder SMS , aber viele kein Buch mehr zur Hand nehmen, um sich ganz bewusst mit Literatur auseinanderzusetzen:

Wo Bildschirme Familien auseinanderbringen, da jeder in seinem eigenen virtuellen Raum sitzt, kann das Lesen einander wieder näherbringen. Wenn wir mit einem Buch und einem, zwei Gefährten auf dem Sofa sitzen, gelangen wir in das Reich der Fantasie und genießen die Wärme der körperlichen Nähe. (S. 17.)

Diese auf den ersten Blick sehr einseitige Betrachtung der zunehmenden Digitalisierung im 21. Jahrhundert wird im Verlauf des Fachbuchs aber durchaus relativiert. Neben einem geschichtlichen Aufriss von Lesen hieß Vorlesen (S. 51)  und der Rolle des Rhapsoden, einem wandernden Sänger im antiken Griechenland, bis hin zu heutigen technischen Möglichkeiten und der zunehmenden Beliebtheit von Hörbüchern und Podcasts, die nicht nur für weniger eifrige Leser*innen interessant sind, sondern auch eine wunderbare Möglichkeit für Legasthenie-veranlagte und/oder blinde Menschen sein können, werden die verschiedensten wissenschaftlichen Studien in den Text eingeflochten, ohne den leichten Lesefluss zu unterbrechen. Dabei reicht der Bogen von der beruhigenden und gesundheitsfördernden Wirkung bei Frühchen bis zu bettlägerigen, älteren Menschen, denen man durch Vorlesen weiterhin den Zugang zu Literatur ermöglichen kann.

Es zeigt sich, dass Vorlesen etwas Schönes, Heimeliges ist, dem unter Erwachsenen oder Jugendlichen im alltäglich Leben oft kaum Zeit eingeräumt wird. Natürlich trägt das gemeinsame Literatur-Konsumieren mit Kindern auch wesentlich zur sprachlichen und literarischen Bildung bei:

Geschichten vorgelesen zu bekommen ist für uns in jedem Alter schön, aber im Säuglings- und Kleinkindalter sind die positiven Auswirkungen am deutlichsten. Dafür gibt es gute Gründe, nicht zuletzt die wahnwitzige Geschwindigkeit, mit der das Gehirn des Kindes in den ersten drei Lebensjahren wächst. (S. 105)

Besonders reizvoll ist die Fülle an Literaturbespielen, die in das Buch eingearbeitet, z.T. auch didaktisch verortet oder mit den persönlichen Erinnerungen der Autorin konnotiert werden. Ebenso vielfältig wie die aufgegriffenen Studien fallen auch die erwähnten Texte aus: von lieb gewonnenen Geschichten wie Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf über die Bibel und altgediente Klassiker wie Homers Odyssee bis hin zu allseits bekannten erfolgreichen Reihen wie J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe oder J.K. Rowlings Harry Potter. Eine besondere Zugabe ist die im Anhang befindliche Liste mit Empfehlungen für Geschichten zum Vorlesen, die für die deutschsprachige Übersetzung vom Insel-Verlag zusammengetragen wurde. Auch hier finden sich bewährte Texte, aber durchaus auch Neulinge auf dem (Kinder- und Jugend-)Literaturmarkt.

Lies mir vor!
Immer! Überall!

Unter diesem Motto leitet Meghan Cox Gurdon das letzte Kapitel ein, in dem sie die Grundaussagen ihres Buchs zusammenfasst und hilfreiche Tipps gibt, wie eine entspannte, gemütliche Vorlese-Situation geschaffen werden kann. Die morgendliche Zugfahrt zum Arbeitsplatz – wo Guylain Vignolles in Die Sehnsucht des Vorlesers täglich vorliest – ist wahrscheinlich nicht das erste, was einem dazu in den Sinn kommt. In Die verzauberte Stunde wird jedoch auch herausgearbeitet, dass zu jedem Zeitpunkt und nahezu an jedem Ort Platz fürs Vorlesen sein kann (und soll).

 

Alexandra Hofer

cg/cg

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