LitKu - Buch des Monats Dezember 2019

Posy Simmonds: Cassandra Darke. Aus dem Amerikanischen von Sven Scheer. Handletterin von Michael Hau. Berlin: Reprodukt 2019.

Schnee fällt am 21. Dezember 2017 auf die weihnachtlich geschmückten Einkaufsstraßen Londons. Mitten in dem geschäftigen Treiben steht eine grimmig blickende dicke alte Frau, fragwürdig gekleidet mit russischer Pelzmütze. Unweigerlich erinnert die Szene an Charles Dickens Weihnachtsgeschichte und auch der raue und abgeklärte Ton der alten und dicken Lady, wie sie sich selbst bezeichnet, bestätigt nach wenigen Worten, dass wir es in der neuen Graphic Novel von Posy Simmonds mit einer zeitgenössischen Version von Ebenezer Scrooge zu tun haben:

Normalerweise hätte ich im The Wolseley bei Egg Benedict und Frucht-Scones abgewartet. Aber ich brauchte frische Luft. Ich rief meinen Fahrer an, dass ich mich allein auf den Heimweg machen würde und ließ mich stundenlang durch die Horde verblödeter Weihnachtsshopper treiben. (S. 7)

Posy Simmonds gilt als Grand Dame der Graphic Novel. Mit 74 Jahren ist sie nicht die junge Künstlerin, die hinter Graphic Novels vielleicht oftmals vermutet wird. Und auch mit ihrer Interpretation des Genres überrascht die Cartoonistin. Ihre Motive, die voller literarischer Zitate stecken und ihr Ausdruck in den Textpassagen, die ungewöhnlich lang für Graphic Novels sind, knüpfen eng an die Tradition des klassischen britischen Gesellschaftsromans an und haben ihr unter Kenner*innen den Ruf einer modernen Jane Austen eingebracht.

Cassandra Darke ist ein gezeichneter Kriminalroman und Gesellschaftsroman mit einer ungewöhnlichen Heldin (oder eigentlich Anti-Heldin) als Ich-Erzählerin. Er handelt von einer egoistischen und kriminellen Kunsthändlerin. Seit ihre „Machenschaften“ (S. 7) aufgeflogen sind und sie pleite ist, muss sie es sich ohne die Annehmlichkeiten der Mittelschicht in ihrem Stadthaus in Chelsea einrichten. Ihr sprechender Name erinnert an die Seherin Kassandra, die das Unheil vorhersehen kann. Diese Anspielung wird auch gleich zu Beginn des Buches aufgegriffen:

Ich verdrückte die Macarons gleich auf der Straße. Jede Schokolade-Karamell-Dosis hielt nur wenige Sekunden vor, dann wurde ich wieder nervös. Ich rechnete fest damit, dass irgendetwas passiere würde. (S. 6)

„Darke“ könnte als Anspielung auf die dunklen Geschäfte, die Cassandra Darke in ihrer Galerie betreibt, interpretiert werden. Oder als Hinweis darauf, dass diese Graphic Novel auch ein Kriminalroman ist, der von den düsteren Momenten des Lebens erzählt.

Alles dreht sich dabei um die Leiche einer unbekannten jungen Frau, die im Wald von Wrysley gefunden wurde. Cassandra Darke vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Mord und den Ereignissen aus dem Jahr 2016, als ihre Nichte Nicki bei ihr wohnte. Die junge Performancekünstlerin, die von ihrer grummeligen Tante nicht geschätzt wird, sondern nur ausgenutzt wird, beschäftigt sich mit der Kritik am Patriarchat und dem Sexismus der alten Meister.

Ende November stand für mich fest, dass Nicki ausziehen musste. Sie war schlampig und unaufmerksam geworden und gähnte die ganze Zeit. Ihre selbstgerechte Art war zum Kotzen – wie sie in ihrer Kunst Gott weiß wie moralisch tat. (Wenn man das überhaupt Kunst nennen konnte, da es weder Präzision noch Können erforderte, keinen ästhetischen Wert besaß und nach bourgeoisen Schuldgefühlen stank.) Weihnachten schien mir als idealer Zeitpunkt, ihr meinen Entschluss zu verkünden. (S. 54)

Und dann entdeckt Cassandra eine Pistole im Wäschekorb… Wie sich der Leichenfund dazu verhält, wird nach und nach in Sequenzen und mit Zeitsprüngen aufgerollt. Die verschiedenen Handlungsstränge des Buches laufen dabei ganz leichtfüßig aufeinander zu. Das sequenzielle Erzählen in Panels, den charakteristischen Einzelbildern von Graphic Novel Comic, wird dabei immer wieder durch längere Fließtexte durchbrochen, wodurch auch Leser*innen, die sich in diesem Genre noch nicht mit Leichtigkeit bewegen, sehr einfach in die spannende Geschichte hineinfinden. Die vielen Details, die Posy Simmonds in ihre Zeichnungen einarbeitet, laden zudem zum Versinken ein. Bestechend ist schließlich der bissige Humor, mit dem der Krimi letztlich in die ganz und gar nicht witzigen Bereiche von Ausbeutung und Mädchenhandel führt.
Am Ende wechselt dementsprechend der Ton – und das Herz der alten Lady in Fliegermütze erweicht. Wie es schon in der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens der Fall ist. Das tragische (!) Happy End zeigt Cassandra Darke in einer kleinen Vignette in Eintracht mit einem Hündchen im Ohrensessel:

Und ich bin merkwürdig glücklich, während ich in die Winterlandschaft hinausschaue und die trächtigen Schafe zähle. (S. 94)

 

Jana Sommeregger

cg/cg

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