LitKu - Buch des Monats März 2020
Tine Høeg: Neue Reisende. Roman. Aus dem Dänischen von Gerd Weinreich. Wien: Droschl 2020.
wie verkürzt kann
ein Text
ein Roman
eine Rezension sein
wie genau müssen
orthografische Regeln eingehalten werden
gibt es Regeln
braucht es die
in Tine Høegs Versroman nicht
Leser*innen begleiten die namenlose Protagonistin über einige Monate hinweg
die Namen der Monate
die einzige Einteilung im Text
auf Überschriften wird verzichtet
stattdessen minimalistische Sternchen
die den Text gliedern
*
hier ist kein Zutritt für Schüler
der Hausmeister steht in der Tür zum Kopierraum
ich bin Lehrerin sage ich
und zeige ihm meine Chipkarte
er schaut lange drauf
vergiss nicht hinterher aufzuräumen sagt er
kurze Sätze
keine Punkte Beistriche
ab und an ein : ein einsames ? oder !
zwischen den zersprungenen Zeilen
eine junge Lehrerin lernt in der Bahn einen verheirateten Mann kennen
sie beginnen eine Affäre
deren Verlauf wird verdichtet dargestellt
strukturiert durch das gezählte Wiedersehen der beiden
mir ist etwas schwindelig sagst du
das neunte Mal dass ich dich nackt sehe
als du gehst läufst du im Treppenhaus
gegen die Scheibe beim Aufzug
deine Stirn hinterlässt
einen fettigen Abdruck
in all seiner Verkürzung
ist im Text kaum Platz für Personenbeschreibung und andere Äußerlichkeiten
das Innenleben der Protagonistin wirkt umso stärker
neben der Affäre versucht sie
verzweifelt
verzweifelnd
ihren Platz als Junglehrerin zu finden
zwischen älteren erfahrenen Kolleg*innen und Schüler* innen kaum jünger als sie
sprachlich äußerst reduziert wird ein Bild einer jungen Frau gezeichnet
einer Suchenden
nach ihrem Platz in der Gesellschaft
Verunsicherung dominiert
hinsichtlich ihrer Stellung als Lehrerin
aber auch als Geliebte
Gefühle entwickeln sich
die Unsicherheiten wachsen
Routine und Selbstbewusstsein fehlen für das professionelle Auftreten
das eigene Ich-Verständnis erleidet Brüche
in Dänemark wurde der Roman als bestes Debüt ausgezeichnet
unkonventionell schreibt die Autorin von Ängsten Unsicherheiten ersten und letzten Malen
schafft damit einen Plot mit wenigen Worten
aber tiefen Emotionen
Alexandra Hofer
cg/cg

