LitKu - Buch des Monats April 2020
Birgit Weyhe: Lebenslinien. Berlin: avant-Verlag 2020.
Wie viel braucht es um ein Leben zu erzählen?
In Birgit Weyhes neuer Graphic Novel sind es nicht mehr als drei Seiten bzw. 18 Bilder. In jeweils 3x6 quadratischen Panels, die an einem fixen, gleichmäßig geordneten Raster ausgerichtet werden, zeichnet die vielfach ausgezeichnete deutsche Comickünstlerin die „Lebenslinien“ von 30 Menschen nach, die aus unterschiedlichsten kulturellen und nationalen Kontexten kommen, verschiedenste Sprache sprechen und unterschiedlichste Erfahrungen gemacht, aber eines gemeinsam haben: Heimat bzw. Zuhause bedeutet für sie nicht so sehr einen geografisch festmachbaren Ort, sondern ist vielmehr mit Menschen, Sprachen, Sinneswahrnehmungen, Erinnerungen oder gar dem Unterwegssein selbst verknüpft.
Da ist zum Beispiel Ina, die als Tochter einer deutschen Mutter in Island geboren wird, in Mosambik ihren Mann aus Israel kennenlernt und deren gemeinsame Kinder nun in vier Sprachen aufwachsen. Da ist Norma, die indigene kommunistische Aktivistin aus Peru, die nach dem Putsch der Regierung über Ecuador und Kuba nach Hamburg flüchtet. Kalina aus Polen, deren Tante ihr zum Spaß ein paar deutsche Worte beibringt, weshalb sie schließlich Germanstik studiert und in der deutschsprachigen Literatur eine zweite Heimat findet. Oder Moh, der in Afghanistan als Dolmetscher für Amerikaner*innen arbeitet, aufgrund der Bedrohung durch die Taliban in Deutschland Asyl beantragt, darauf jedoch viele Jahre lang wartet, während Afghanistan offiziell wieder als „sicheres Herkunftsland“ gilt... Nicht für alle Figuren werden die Brüche in ihrer Biografie zu willkommenen Chancen eines vielversprechenden Neuanfangs. Immer wieder sind sie mit Verlust, Schmerz oder auch Gewalt verbunden; für manche wird das Ankommen zu einer täglichen Herausforderung. Und auch Birgit Weyhe kann auf eine bewegte Biografie zurückblicken: Ihre Kindheit und Jugend verbrachte die 1969 in München geborene Comiczeichnerin in Kenia und Uganda, nach dem Abitur kehrte sie jedoch nach Deutschland zurück und absolvierte in Hamburg ihr Studium der Illustrationskunst. Dennoch bleibt Ostafrika für sie bis heute „ein Stück Heimat“.
Konstitutiv für ihre überwiegend (auto-)biografische Comickunst ist dabei das Moment des Erinnerns – wie auch die formale Struktur der Kurzcomic-Reihe. Schon in ihrem erstmals 2008 erschienenen Band Ich weiß (MamiVerlag; Neuausgabe 2017 beim avant-verlag) erzählt Weyhe mehrere Geschichten, die zum Einen auf ihren Erinnerungen an ihre Erfahrungen in Afrika und zum Anderen auf afrikanischen Mythen beruhen und zwischen Realem und Phantastischem changieren. In Madgermanes (avant-verlag 2016), für das Weyhe den Deutschen Comicpreis erhielt, berichtet sie von drei Gastarbeiter*innen aus Mosambik, die Ende der 70er-Jahre als Vertragsarbeiter*innen in die DDR geschickt wurden, einen Großteil ihrer Löhne aber nie zu Gesicht bekamen und nach der Wende wieder in ihre alte Heimat zurückgeschickt wurden. Während die Figuren der drei in Bild und Text erzählten Geschichten fiktiv sind, basieren deren Erlebnisse auf den Schilderungen von Betroffenen, die Weyhe in Interviews zu ihren Erinnerungen an diesen Abschnitt ihres Lebens befragt hat. Dieserart Gespräche mit außerfiktionalen Vorbildern speisen auch ihr neuestes Buchprojekt, die vorliegenden Lebenslinien.
Darin beeindruckt besonders, wie vielschichtig und intensiv die Autorin die Erfahrungen der Figuren mithilfe einiger weniger Bilder und Sätze darzustellen weiß. Für die einzelnen Geschichten wählt Weyhe dabei eine jeweils andere Zweifarbigkeit, in der sie die Basisfarbe Schwarz mal mit kräftigem Rot, mal mit zartem Türkis kombiniert. Ihre überwiegend realistisch-konkreten Zeichnungen ergänzt sie – meist dann, wenn Unaussprechliches nicht unmittelbar gezeigt werden kann – mit abstrakt-symbolischer Bildsprache. Die strikte, regelmäßige Struktur ihrer Panel-Biografien ist dabei sicherlich auch auf deren Entstehungskontext zurückzuführen: Entwickelt hat Birgit Weyhe den Großteil der Zeichnungen für die Comicseite der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel, wo sie von April 2017 bis Mai 2019 als monatliche Reihe veröffentlicht wurden. Für die Buchausgabe hat die Autorin ihre ursprünglichen Erzählungen um jeweils zwei zusätzliche Bilder ergänzt und drei weitere, bis dahin unveröffentlichte Geschichten hinzugefügt. Das Ergebnis ist eine eindrucksvolle, vielseitige Graphic Novel, die man am besten nicht in einem „durchliest“, sondern in ihrer Fragmentiertheit auf sich wirken lässt. In ihrer Kürze und Kompaktheit bieten sich die Geschichten auch für eine erste Annäherung an das Genre für noch nicht so erfahrene Comic-Leser*innen an.
Claudia Sackl
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