LitKu - Buch Buch des Monats Mai 2020

Christian Dürr: Die Befreiung oder Marcelos Ende. bahoe books 2019.

Die Corona-Pandemie verunmöglicht nicht nur zahllose kulturelle Veranstaltungen, auch Möglichkeiten des kollektiven Gedenkens, die gerade 75 Jahre nach Kriegsende besonders symbolträchtig sind, können nun nicht in der gewohnten Form abgehalten werden. So kann auch die seit 1946 jährlich stattfindende Befreiungsfeier in Mauthausen nur virtuell stattfinden — am 10. Mai 2020 auf www.mkoe.at.

Der Historiker Christian Dürr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator der Gedenkstätte Mauthausen. Sein zweiter Schwerpunkt umfasst die argentinische Militärdiktatur: Als Research Fellow am Centro de Estudios sobre Genocidio der Universidad Nacional de Tres de Febrero in Buenos Aires beschäftigte er sich intensiv mit Zeugnissen von Überlebenden der geheimen Folterlager. In seinem Romandebüt, erschienen 2019 im Wiener Verlag bahoe books, führt er nun beide Themenbereich zusammen. Im Mittelpunkt des in vier Teile gegliederten Textes steht Manuel Gluckstein, geboren 1947 im DP-Lager Bindermichl in Linz. Dort hatten sich seine Eltern nach ihrer Zeit im KZ wiedergefunden, drei Jahre später emigrieren sie mit dem kleinen Sohn nach Argentinien. Manuel wird erwachsen und durch Kontakte an der Uni politisiert und politisch aktiv. Doch nach dem Militärputsch 1976 wird jede nicht-system-konforme Aktivität gefährlich: Er und seine Mitstreiter*innen werden verraten und in einem geheimen Internierungszentrum, genannt „Pozo“ („Schacht“), gefangen gehalten und gefoltert. Manuel wird nach einiger Zeit freigelassen und versucht sein Leben weiterzuführen. Doch immer wieder taucht plötzlich Marcelo auf, jener Mann, der ihn gefoltert hat. 

Erzählt werden seine Erlebnisse, ebenso wie das, was seinen Eltern widerfahren ist, nicht nur in narrativer Form, sondern in verschiedensten, auch dokumentarischen Elementen: Vernehmungsprotokolle, Interviews, Dokumente wie ein Schreiben des Österreichischen Innenministeriums an seinen Vater, in dem diesem mitgeteilt wird, dass er seitens der Republik keinen Anspruch auf Entschädigung für erlittenes Unrecht im KZ habe. Dürr verzichtet dabei auch auf eine chronologische Vorgangsweise; ähnlich wie beim Zusammensetzen eines Puzzles werden nach und nach die Ereignisse offengelegt — auch und vor allem, welche Auswirkungen diese nicht nur auf die unmittelbar Betroffenen, sondern auch auf nachfolgende Generationen haben. So wird erst spät offengelegt, welcher österreichische Ortsname auf dem Bahnhof zu lesen ist, der in einem Alptraum immer wiederkehrt: Rechnitz. 

Thematisch und sprachlich erinnert der Roman in seiner wohltuenden Unaufgeregtheit an die Texte von Erich Hackl, der ihn auch auf höchst liebenswürdige Weise besprochen hat, nachzulesen unter www.bahoebooks.net.

Auf genauer Faktenkenntnis beruhend werden die Grausamkeiten des NS-Regimes und der argentinischen Militärdiktatur literarisiert, ohne dabei jemals aufzurechnen oder zu relativieren. Das ist umso bemerkenswerter, als ja letztere im österreichischen kollektiven Bewusstsein keine besonders große Rolle spielt, um nicht zu sagen, oft ausgeblendet wurde — beispielhaft dafür kann die Tatsache stehen, dass 1978 das so genannte (Fußball-)„Wunder von Córdoba“ in Österreich frenetisch befeiert wurde, während wenige Kilometer vom argentinischen Fußballstadion entfernt Menschen grausam gefoltert und getötet wurden. Einen sehenswerten Einblick in diese Zeit und ihre moralischen Ambivalenzen gibt übrigens auch Zwei Päpste, ein sehenswerter Netflix-Film des brasilianischen Regisseurs Fernando Meirelles mit einem Drehbuch von Anthony McCarten: Dort erinnert sich in Rückblenden der spätere Papst Jorge Mario Bergoglio an die schwierigen Entscheidungen, die er damals als Provinzial der Jesuitengetroffen hat — und von denen er manche rückblickend bereut. 

Zurück zu Dürrs Roman: In der nüchternen Darstellung der Lebenswege von der Hauptfigur Manuel und seiner Eltern wird deutlich, dass nach einer so massiven Erfahrung das Leben nie mehr so werden kann, wie es einmal war, das Erlebte kaum in das Leben danach integriert werden kann. Die Mutter formuliert in einem Interview, die Toten hätten Glück, weil sie die Geschichten des Geschehenen nicht erzählen müssten:

Sie sind jetzt tot. Und sie müssen sie nicht mehr erzählen. Das ist ihr Glück. Aber wir tragen diese Geschichten mit uns herum. Wir müssen irgendetwas damit machen, für uns selbst und für all die anderen, die jetzt tot sind. Aber wir wissen nicht was. Ich weiß es nicht. Was soll ich damit machen? Ich weiß nur, irgendetwas muss es sein. (S. 69) 

In diesem Sinn hat Christian Dürr mit seinem Roman dazu beigetragen, die Geschichten zumindest ein Stück weit in ein kollektives Erinnern an das, was geschehen ist, in Österreich wie in Argentinien, zu integrieren. 

 

Kathrin Wexberg

cg/cg

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