LitKu - Buch des Monats Oktober 2020
Katharina Raabe und Frank Wegner (Hg.): Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe. Berlin: Suhrkamp 2020.
Warum lesen wir und was macht das Lesen eigentlich zu einer besonderen Tätigkeit? Gibt es Formen des Erkennens und des Glücks, die unauflöslich an die Lektüre gebunden sind? Diese und viele weitere Fragen stellen sich die 24 Autorinnen und Autoren der vorliegenden Anthologie und beantworten sie auf ganz individuelle, oft auch unterhaltsame, immer aber auf äußerst spannende Weise. Warum Lesen ist ein Buch über das Lesen, das sich dem Thema teilweise auf literarischer Ebene, teilweise auf analytisch-sachlicher Ebene annähert: über literarische Erzählungen, Kindheitserinnerun-
gen, theoretische Überlegungen oder Streifzüge durch die eigene Lesebiografie. Da die Verfasser*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen – der eine geht die Fragen sehr philosophisch an, der andere zeichnet einen Comic, die nächste kommt aus der Soziologie –, sind ihre jeweiligen Zugangsweisen erfrischend breit gefächert.
Die titelgebende Frage beantworten die Geschichten, die das Lesen als Flucht vor dem Alltag, als Auflösung des Zeitgefühls, oder auch als Akt des Widerstandes, als verbindendes aber auch trennendes Element und als demokratische Meinungs- und Willensbildung begreifen, auf vielfältige Weise. Sie thematisieren das Vorlesen, die Autonomie (in) der Lektüre sowie die Verwunderung, wie es denn sein kann, dass das Lesen für manch andere eine nicht so große Bedeutung hat wie für eine*n selbst. Während Nicolas Mahler in Form eines Comics über das neugewonnene Ansehen von Comics im Literaturbetrieb schreibt, beschäftigen sich die Soziolog*innen Eva Illouz und Andreas Rechwitz mit den unterschiedlichen Formen und Funktionen des Lesens. Der Beitrag von Hans Joas (ebenfalls Soziologe) gibt wiederum eine sehr charmante Antwortmöglichkeit auf die (sicher vielen Leser*innen bekannte) Frage, ob es denn nun besser ist, viele Bücher einmal zu lesen, oder nur wenige Bücher und diese dafür öfter.
Darüber hinaus beinhaltet der Band auch einige sehr persönliche Geschichten. So denkt beispielsweise die ukrainisch-deutsche Autorin Katja Petrowskaja über ihre eigene Entwicklung als Leserin nach und erklärt, warum der hierzulande wenig bekannte Text Der blaue Vogel des belgischen Schriftstellers Maurice Maeterlinck ihr Lieblingsmärchen ist. Auch die Lesegewohnheiten ihres Vaters und die Fragen, wie sich die Auswahl der Lektüre auf sozialer Ebene auf eine Person auswirken und durchaus auch gefährlich werden kann (wie z. B. in der ehemaligen Sowjetunion), werden in ihrem Beitrag behandelt.
Der österreichische Autor Clemens Setz hingegen greift das Motiv des Lesers bzw. der Leserin als Sonderling anhand der Fernsehserie The Twilight Zone (1959-1965) auf: Der kauzige Bankangestellte Henry Bemis macht nichts lieber als lesen, auch wenn seine Frau ihn dafür hasst und sein Chef wenig begeistert darüber ist, dass er sogar in der Mittagspause ein Buch in die Hand nimmt. Als Henry sich eines Tages in der Mittagspause in einen Tresorraum einsperrt, um ungestört lesen zu können, muss er, als er wieder heraus kommt, feststellen, dass die ganze Welt durch einen Bombenangriff zerstört wurde. Er ist der einzige Überlebende und als er gerade beschließt, auch dieses Leben auszulöschen, sieht er in der Eingangshalle der „Public Library“ überall verstreute Bücher. Und tatsächlich – Dickens, Shelley, Keats – sie liegen alle da, unzerstört. Doch als er sich bückt, um ein Buch aufzuheben, fällt seine ihm seine Brille hinunter und sie zerbricht in tausend Stücke. An dieser Stelle überlegt Setz, ob Bemis durch diesen Verlust gerettet wurde. Hätte er wirklich alle Bücher gelesen, so hätte er
die gesamte Menschheit im Alleingang vertreten müssen und sich ausnahmslos in allen Werken widergefunden, in endlosen Variationen gespiegelt bis in die geringste Nebenfigur hinein.
Deswegen empfiehlt Setz letztlich – nicht ohne Augenzwinkern –, Bücher vielleicht nur zu lesen, solange man noch Menschen um sich hat, da diese die Fiktionen besänftigen können. Ansonsten
werden die Fiktionen monströs. Da wissen sie plötzlich zu viel über dich, über mich. Da ballen sie uns zu etwas zusammen, was nur noch Ausdehnung und keinen Inhalt mehr besitzt. Da werden sie Gott. Drum wirf, liebe Leserin, solltest du je in eine ähnlich verlockende Falle geraten, die Brille besser fort.
Immer wieder wird auch die Frage aufgeworfen, ob das Lesen nur ein Ersatz für das „wahre“ Leben ist, und ob sich nur Menschen, die selbst kein „richtiges“, eigenes oder intensives Leben haben, in Krimis oder Romane flüchten. Für den bekannten Soziologen Hartmut Rosa stellt Lesen jedoch ganz klar eine Erweiterung und Vertiefung des Lebens dar. Lesen ist Leben. Beim Lesen verändert sich das Selbstgefühl und das Selbstverhältnis, wir erleben – wie es Rosa formuliert – eine fortwährende Modulation [unserer] Weltbezeichnung. Dadurch entsteht eine narrative Resonanz, ein innerliches Berührtsein, auf das man mit einer Bewegung der Öffnung reagiert.
In seinem Beitrag erklärt Rosa auch, wie Spiegelneuronen in unserem Gehirn funktionieren, wenn wir während der Lektüre die Emotionen der Figuren spüren. Oft werden wir beim Lesen wütend oder traurig oder überglücklich, obwohl wir wissen, dass eigentlich alles (nur?) Fiktion ist. Laut Rosa ist eine gelesene Handlung eine bis in die neuronalen Grundlagen hinein miterlebte Handlung. Gleichzeitig müssen wir die Welt, von der wir lesen, zuerst innerlich erzeugen, weshalb Lesen keine passive Rezeption sondern immer auch ein Dialog ist, in dem es zu einem ständigen Austausch mit der Geschichte und den Protagonist*innen kommt.
So verstehe ich Resonanz: Aus meinem eigenen und dem Fremden entsteht etwas Drittes, Neues – auch wenn dieses Neue vielleicht nur marginal anders ist als das Alte.
Wenn man beim Lesen des Buches genau mitzählt, findet man definitiv mehr als 24 Gründe, um die Frage „Warum Lesen?“ zu beantworten. Die abwechslungsreichen Beiträge regen zum Nachdenken über die eigene Lesegeschichte und das eigene Leseverhalten an und werfen neue Fragen bezüglich aktueller Lesebedürfnisse auf.
Eine interessante und spannende Anthologie für alle, die gerne lesen!
Elisabeth Dalecky
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