LitKu - Buch des Monats November 2020
Francois de Smet / Thierry Bouüaert: Die Menschenrechte. Berlin: Jacoby & Stuart 2020.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte feierte 2018 ihr 70-jähriges Jubiläum und die Zeit zeigt, dass es tatsächlich notwendig ist, sich ihre Inhalte immer wieder ins Gedächtnis zu rufen: Rassismus, Sexismus, Flucht, Terror und Gewalt sind nur einige wenige der wichtigen Themen, die in dem 1948 von allen damaligen Mitgliedern der Vereinten Nationen unterzeichneten Dokument angesprochen werden. Aber auch Zensur, wie sie in Shahriar Mandanipurs Roman Eine iranische Liebesgeschichte zensieren – der ersten Lektüre unseres aktuellen Fernkurses ausLESEN – thematisiert wird, wird in der rechtlich nicht bindenden Resolution behandelt: Artikel 19 der Erklärung besagt, dass jeder Mensch das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung hat.
Die vorliegende Graphic Novel von François de Smet und Thierry Bouüaert erinnert auf unkonventionelle Art und Weise an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Sie lassen das Dokument selbst zu Wort kommen und erzählen seine Geschichte aus seiner eigener Sicht in der Ich-Perspektive.
Gemeinsam gehen Bild und Text der Graphic Novel nicht nur auf alle 30 Artikel der Erklärung ein, sondern auch der historische Kontext ihrer Entstehung wird thematisiert. Neben dem ausführlichen Vorwort schildern vor allem die ersten Seiten des Buches, welche Geschehnisse Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich machten, dass es eines gemeinsamen, schriftlich festgehaltenen Wertesystems bedurfte, um zu verhindern, dass es zu einer Wiederholung der Schrecken des Zweiten Weltkrieges kommen würde.
Eine weitere Besonderheit des Buches der beiden belgischen Verfasser ist, dass Einzelbiografien wichtiger Persönlichkeiten, die maßgeblich an der Verschriftlichung der Erklärung der Menschenrechte beteiligt waren, in den Comic eingeflochten werden. So werden beispielsweise die US-amerikanische Menschenrechtsaktivistin Eleanor Roosevelt oder der französische Diplomat und Jurist René Cassin eingehend vorgestellt. Diese mehrfachen Erzählstränge, die unzensierten Bilder – die vor der unmittelbaren Darstellung vergangener wie aktueller Gewalttaten nicht zurückschrecken – und die besondere Erzählperspektive der Graphic Novel eröffnen einen ganz neuen Blick auf ein juristisches Dokument, das gemeinhin wahrscheinlich meist als zwar wichtiges, aber weitgehend statisches Objekt wahrgenommen wird:
Ich bin ein Mahnmal gegen das Vergessen.
Die Erklärung der Menschenrechte wird dabei als ein selbstbestimmter Ausdruck einer konkreten politischen Agenda erkennbar. Die strikte Struktur des Dokuments wird aufgebrochen und zu einem zusammenhängenden Plot zusammengeführt, der mithilfe von Referenznahmen zu aktuellen Ereignissen in unserer Welt verdeutlicht, dass es auch im 21. Jahrhundert noch viele Orte und Umstände gibt, wo Menschenrechte noch immer bzw. wieder nicht umgesetzt werden. Auch wenn sich die Reihe Comic-Bibliothek des Wissens, in der das Buch Die Menschenrechte erschienen ist, eigentlich primär an Jugendliche richtet, kann diesem Comic eine altersübergreifende Empfehlung nicht abgesprochen werden, behandelt es doch ein Thema, das alle Menschen gleichermaßen betrifft. Und dies tut es auf eine Weise, die alle seine Leserinnen und Leser – ungeachtet ihres Alters – ernst nimmt: Die Menschenrechte wirft komplexe moralische Fragen auf, stößt zum Nachdenken ebenso wie zu Diskussionen an und zeigt auf, dass wir alle ständig darauf Acht geben müssen, dass in unserer Gesellschaft die Rechte und Würde aller Menschen geachtet werden.
Alexandra Hofer und Claudia Sackl
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