LitKu - Buch des Monats Februar 2021

Monika Helfer: Vati. Hanser 2021.

Nach ihrem erfolgreichen Roman „Die Bagage“ (2019) rollt Monika Helfer einmal mehr eine Familiengeschichte, ihre Familiengeschichte, auf. Was dabei der Realität entspricht und welche Aspekte erweitert oder abgeändert wurden, bleibt für die Lesenden aber offen. Im Zentrum steht nun aber nicht mehr die Familie ihrer Mutter; vielmehr möchte Monika Helfer mit ihrem neuen Text eine Lücke schließen, die sich durch „Die Bagage“ aufgetan hat und rückt daher das Leben ihres Vaters in den Fokus.

Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste. An dem eine andere Vergangenheit abzulesen wäre. Untertags und auch nachts denk ich an ihn, wie er da in seinem Lehnstuhl sitzt unter der Stehlampe, rundum die eigenen Kinder und fremde, zum Beispiel die vom Erdgeschoss. Ihr Ball rollt um seine Füße, unter den Stuhl, ihn schreckt es nicht. Er liest.

Im Krieg verliert der Vater ein Bein, das rechte, abgefroren. Nach seiner Rückkehr fristet er sein Leben wortkarg – so wie viele Männer dieser Generation. Nüchtern und unromantisch wird vom Kennenlernen mit der Mutter erzählt – in einem Lazarett: sie Krankenschwester, er Patient – und dem Beginn der Familie, in die Monika als das zweite Kind hineingeboren wurde.
Nach den dramatischen Erlebnissen im zweiten Weltkrieg flüchtet sich Vati nicht etwa in diese Familie, sondern in Bücher. Eine Leidenschaft, die ihn seit Kindestagen begleitet – zu der Zeit hat er begonnen, Klassiker in seine Hefte abzuschreiben. Denn:

Er wollte ein Buch nicht nur lesen, er wollte es besitzen. Er hat sich selten Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen, aus der Stadtbibliothek oder der Arbeiterkammerbibliothek oder der Landesbibliothek oder über die Fernleihe aus der Nationalbibliothek. Er hat diese öffentlichen Anstalten oft besucht, hat hier einen Band aus dem Regal genommen, dort einen, hat darin geblättert, hat gestrichelt, daran gerochen und ein bisschen gelesen, hat sich manchmal Autor und Titel notiert und das Buch dann gekauft.

Durch diese Buch-Affinität halten in die Lesebiographie ihres Vaters nicht nur Monika Helfers eigene Werke, sondern auch Klassiker wie „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ und andere Titel Einzug in den vorliegenden Text.
Ohne Kapiteleinteilung zeichnet Helfer das Leben eines Vaters von vier Kindern nach und blickt dabei auf ihre eigene Kindheit und Jugend zurück. In fast plauderhaften Ton, der nicht nur einmal an mündliche Erzählformen erinnert, werden familiäre Strukturen ebenso herausgearbeitet wie die Fragen, wer zu welchem Zeitpunkt das Sagen hatte, und was für die Familie das Paradies auf Erden darstellt: ein Kriegsopfer-Erholungsheim in den österreichischen Bergen; 1220 m über dem Meeresspiegel, das von Vati geleitet wird. Seine Bücherliebe nimmt dort nicht ab, ganz im Gegenteil. In dem Gebäude richtet er mit den Bücherspenden eines reichen Herren eine eigene Bibliothek ein.

Auch wenn der Vater nicht viel gesprochen hat, nicht über den Krieg und auch sonst nicht, gelingt es Monika Helfer, sein Leben zu portraitieren. Zusammengestückelt aus Erzählungen anderer Personen und ihren eigenen Erinnerungen. Erinnerungen an jene Zeit mit dem Vater in den Bergen und an jene Zeit ohne diesen, als er nach dem Tod der Mutter die Familie verlässt und die junge Monika mit ihren Schwestern in die beengte Wohnung ihrer Tante in der Südtiroler-Siedlung in Bregenz zieht.
Obwohl der titelgebende Vati ab diesem Zeitpunkt nahezu gänzlich von der Bildfläche verschwindet, ist er dennoch präsent, ja dominiert den Text. Durch die konsequente Ich-Perspektive aber nehmen die Lesenden diese Vaterfigur stets mit den Augen eines kleinen Mädchens und später jenen einer jungen Dame wahr. Auch wenn die Erzählung über weite Strecken recht nüchtern wirkt, wird die dahinterliegende Empfindlichkeit und Empfindsamkeit greifbar. So finden darin auch die Träume der Erzählerin ihren Raum:

Später, als die Welt und vor allem unser Leben ganz anders war, fragte er mich einmal, ich war achtzehn oder jünger, was ich mir vom Leben wünsche. Ich antwortete, und das nicht, um ihm einen Gefallen zu tun, sondern weil es die Wahrheit war: »Ich wünsche mir, dass irgendwann auf einem Buchrücken mein Name steht.«

Und dieser Wunsch hat sich erfüllt.

 

Alexandra Hofer

cg/cg

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