LitKu - Buch des Monats März 2021
Meena Kandasamy: Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau. Aus d. Englischen v. Karen Gerwig. CulturBooks 2020.
Ich bin die Frau, die sich hinsetzt, um ihre Geschichte aufzuschreiben. Ich bin die Frau, die vorhat, Ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Ich bin die Frau, die ausgestellt wird, damit die Welt sie besichtigen kann. [...] Ich bin die Frau, die eine junge Autorin ist, mit den Taschen voller schwerer Steine [...]. Ich bin die Frau, die in ihrer Ehe geschlagen wurde. Ich bin dieselbe Frau, die aus ihrer Ehe ausgebrochen ist. [...] Ich bin die Frau, die sich nicht zum Schweigen bringen lässt [...]. Ich bin die Frau, die die Gesellschaft nicht bespucken oder steinigen kann, denn dieses Ich ist eine Sie, die nur aus Worten auf Papier besteht, und die Zeilen, die sie spricht, hören alle in ihrer eigenen Stimme.
In der finalen Sequenz ihres zweiten Romans setzt sich die indische Autorin Meena Kandasamy mit jener Erzählfigur auseinander, mit deren Stimme sie in den vorangegangenen 240 Seiten gesprochen hat: Es ist ein Ich, das seine Geschichte einer missbräuchlichen Ehe erzählt – eine junge Autorin, die diese Geschichte für uns Leser_innen aufschreibt. Aber ist dieses Ich auch Meena Kandasamy, wie der Untertitel auf den ersten Blick vielleicht zu suggerieren scheint?
Ungeachtet der Anspielung an James Joyce’ modernen Bildungsroman (die u. a. auf die literarische Verfremdung des Erlebten verweist) bejahten die ersten kritischen Stimmen zu dem auf Englisch als When I Hit You erschienenen Buch diese Frage ganz selbstverständlich und lobten die Verfasserin für ihr mutiges Sprechen darüber, was ihr persönlich widerfahren war. In der Tat ist Meena Kandasamys Text autobiografisch inspiriert, jedoch fiktionalisiert die junge Autorin darin ganz bewusst die in stilistisch variierenden Fragmenten dargelegten Geschehnisse. In einem >>> Gespräch mit der Journalistin Eliza Apperly beim internationalen literaturfestivial berlin erläutert die 1984 in der südindischen Stadt Chennai geborene Schriftstellerin, Übersetzerin und Aktivistin, wie das Schreiben über dieses Thema erst durch die fiktionale Audrucksform mögich wurde. Darüber hinaus betont sie, wie sie sich im Zuge der anfänglichen und überschwänglichen Rezeption ihres Romans dagegen wehren musste, auf ein Opfer reduziert zu werden, das häusliche Gewalt überlebt und nun eine autofiktionale Verarbeitung ihres Traumas – dieses könne, so Kandasamy, höchsten als Fußnote in ihrer Biografie bezeichnet werden – verfasst hat. In eine passive Opferrolle gedrängt zu werden, weigert sich auch die Ich-Erzählerin im Text, die sich gleich zu Beginn als Schauspielerin präsentiert, denn: Es ist einfacher, mir dieses Leben, in dem ich feststecke, als Film vorzustellen; es ist einfacher mich als Filmfigur zu denken.
Zentral in ihrem Erzählen über ihre Erfahrungen ist für das sprechende Ich, die Kontrolle über die eigene Geschichte, den eigenen Körper wiederzuerlangen. Denn nicht nur der Ehemann, sondern auch die Mutter und die Medien vernachlässigen die Rolle des Täters in ihren Narrativen einer Ehe, die „nicht funktioniert“ hat. Im Buch präsentiert sich die Erzählerin als Drehbuchautorin (Jetzt, wo die Handlung klar ist, wird es Zeit für einen Dialog), als Regisseurin (Und Schnitt! [...] Ich denke über Kamerawinkel nach) und als Kamerafrau zugleich und nimmt so eine distanzierte, entfremdete Beobachterrolle gegenüber dem Geschehen ein. Abspaltung als Überlebenstechnik – so beschreibt es Deepa D. in ihrer eindringlichen Rezension, die in der deutschsprachigen Übersetzung als Nachwort abgedruckt wurde.
Tatsächlich wird das namenlose Ich zunehmend ihrer Identität beraubt. Nachdem sich der links-intellektuelle Universitätsdozent, in den sich die gebildete Feministin verliebt hat, sich zunehmend als manipulativer, gewalttätiger Ehemann zu erkennen gibt, muss die junge Frau um ihr soziales, psychisches und schließlich auch physisches Überleben kämpfen. Es beginnt damit, dass er sie zwingt, ihren Facebook-Account zu deaktivieren. Dann löscht er eines Tages alle ihre Mails, Daten und Kontakte und beginnt, ihre PC- und Online-Zeiten strikt zu überwachen. Die um ihr Ansehen bangenden Eltern verharmlosen die Hilferufe ihrer Tochter und raten ihr, durchzuhalten und Toleranz zu zeigen. Selbst nachdem es zu körperlichen Übergriffen kommt, zeigt sich ihr Umfeld indifferent.
Die soziale und sprachliche Isolation (das im südindischen Mangaluru verbreitete Kannada versteht die Tamilsprechende nur in Bruchstücken) gepaart mit der ökonomischen Abhängigkeit (ihr Ehemann verunmöglicht auch ihre Arbeit als Autorin) zwingt die Erzählerin, ihren aufkeimenden Widerstand in die einzige ihr noch zur Verfügung stehende Ressource zu kanalisieren: das (heimliche) Schreiben. Ihre Texte – Briefe an fiktive Liebhaber, innere Monologe über ihre Gewalterfahrungen, poetische Versuchsanordnungen über ihr Ungehorsam sowie zynische Diagnosen ihrer Lage und der Rolle der (Ehe-)Frau in Indien – löscht sie sofort nach dem Abtippen wieder.
In ihrem dicht gewebten Text literarisiert Meena Kandasamy das Bewusstsein der Ich-Erzählerin und deren Erfahrungen der Erniedrigung und Misshandlung, ohne diese voyeuristisch zur Schau zu stellen. Angetrieben von der Frage Wie klarkommen mit und – vor allem – wie schreiben über tabuisierte (Ver)Gewalt(igung) in der Ehe? seziert sie komplexe gesellschaftliche Mechanismen und entwirft wortgewandte Bewältigungsstrategien, die letztlich auch zur (Selbst-)Befreiung der Protagonistin führen. Dabei schreibt sie gegen jene Ungläubigkeit an, die nicht verstehen will, wie eine emanzipierte, antizerbrechlich[e] Frau in eine solche Situation geraten kann. Ihre vielschichtigen, sorgfältig komponierten Textsequenzen, die jeweils von einem Zitat aus der Feder unterschiedlicher Autor_innen (darunter u. a. Elfriede Jelinek, Frida Kahlo, Margaret Atwood oder Sandra Cisneros) eingeleitet werden, fordern uns als Leser_innen stets aufs Neue zur kritischen Reflexion und zur genauen Auseinandersetzung mit dem Ge- und Beschriebenen heraus. Am Ende steht die Erkenntnis, dass das Ich nur sich selbst retten kann: durch das Sprechen (und Schreiben) darüber, was ihr widerfahren ist.
Ich bin die Frau, die versucht hat, sich vor dem Schmerz der ersten Person Singular abzuschirmen. [...] Ich bin die Frau, die den Platz der Frau einnimmt, die es leid ist, Teil dieser Geschichte, egal in welchem Erzählstrang, zu sein – Krimi oder Drama, persönlich oder fiktiv –, weil diese Frau so hart und so lange darum gekämpft hat, sich herauszuwinden – und jetzt, wenn sie gebeten wird, darüber zu sprechen, viel lieber eine Stellvertreterin schicken möchte. Diese Geschichten zu erzählen mag eine Katharsis sein, aber für sie ist es eine zweite, noch raffiniertere Strafe. Ich bin die Frau, die an ihrer Stelle übernimmt.
Claudia Sackl
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