LitKu - Buch des Monats November 2025

Mieko Kanai: Leichter Schwindel. Suhrkamp 2002.

Ganz normal. Ganz normal sind die Ansprüche der Enddreißigerin Natsumi, die mit ihren zwei Söhnen und ihrem Mann in Tokio lebt, in einer Wohnung mit dem großen Balkon nach Süden und Osten und der geräumigen Wohnküche (S. 7), einer Wohnküche von zwölf Tatami und mit einem kleinen Pool im Hof, wo die Kinder jetzt noch plantschen, bald aber, so mutmaßt Natsumi, den kleinen Pool verachten und ihre eigenen Zimmer fordern würden, eigene Zimmer von mindestens acht Tatami in einer Wohnung, in deren Detailtreue sich die Protagonistin Natsumi versteigt und uns Leser*innen schon mit dem ersten Kapitel wortüberflutet; der erste Satz endet erst auf Seite zehn. Ganz normal entrollt sich Natsumis Leben zwischen der routinierten Unaufgeregtheit des ewig Gleichen, den Kindern, dem Einkauf, der Wäsche, den Kindern, dem Sorgen, dem Austausch mit der Nebenmieterin, den Kindern, dem Mann und dem Sorgen und zwischen der kribbelnden Unruhe ob der starren Gegenwart.

Mieko Kanai: Leichter Schwindel. Suhrkamp 2002.

Ganz normal. Ganz normal sind die Ansprüche der Enddreißigerin Natsumi, die mit ihren zwei Söhnen und ihrem Mann in Tokio lebt, in einer Wohnung mit dem großen Balkon nach Süden und Osten und der geräumigen Wohnküche (S. 7), einer Wohnküche von zwölf Tatami und mit einem kleinen Pool im Hof, wo die Kinder jetzt noch plantschen, bald aber, so mutmaßt Natsumi, den kleinen Pool verachten und ihre eigenen Zimmer fordern würden, eigene Zimmer von mindestens acht Tatami in einer Wohnung, in deren Detailtreue sich die Protagonistin Natsumi versteigt und uns Leser*innen schon mit dem ersten Kapitel wortüberflutet; der erste Satz endet erst auf Seite zehn. Ganz normal entrollt sich Natsumis Leben zwischen der routinierten Unaufgeregtheit des ewig Gleichen,

den Kindern, dem Einkauf, der Wäsche, den Kindern, dem Sorgen, dem Austausch mit der Nebenmieterin, den Kindern, dem Mann und dem Sorgen und zwischen der kribbelnden Unruhe ob der starren Gegenwart. Natsumi verheddert sich in den Kleinstbestandteilen ihres Alltags, aufgebauschten Bevormundungen der Mutter und den Nebensächlichkeiten, für die andere Erzähler*innen keinen Blick hätten. Der Gang zum Supermarkt entrollt sich narrativ zur seitenlangen Aneinanderreihung der Produktkette und leitet die Belanglosigkeit der Repetition ein, die Natsumis Leben prägt. So weit geht es, dass sich die Einkaufslisten wöchentlich gleichen und

 

Natsumi, ohne sich zu erinnern, noch reichlich zu haben, die wieder gleichen Produkte kauft. Das nennt man wohl ein Déjà-vu. Das passiert, wenn du erwachsen und noch dazu Hausfrau bist. So ein Déjà-vu verursacht Übelkeit und Schwindel, sagte Natsumi zu Setchan, und weil es an diesem Tag geregnet hatte, ging sie erst gegen Abend einkaufen und beeilte sich so sehr, dass sie die zwölf Rollen Toilettenpapier im Sonderangebot an der Kasse vergaß und es erst zu Hause merkte. […] (S. 65)

 

Die Übelkeit der Wiederholung und der Schwindel, den sie auslöst, sind die Konstanten im Sein und Wirken der jungen Frau. Und auch auf formaler Ebene prägen Übelkeit und Schwindel das Erzählen; endlos sind die Sätze und detailverstiegen, nicht zum Schluss kommend und sich immer und immer wieder noch eine Tür öffnend, um erzählerisch in eine neue Richtung abzubiegen, bis wir Leser*innen schon lange nicht mehr wissen, wo es eigentlich begonnen hat, das Erzählen. Mieko Kanai, die den Roman aus schon veröffentlichten Episoden neu kuratierte, hält im Nachwort fest:


„Eine Frau, die über dreißig Jahre lebt, ohne dass es zu etwas Dramatischem wie einer Affäre oder dem Versuch, sich unabhängig zu machen oder selbst zu verwirklichen, kommt, während sie ab und zu grübelt, unter diesem oder jenem leidet, ergriffen ist und Entdeckungen macht, wird mit der Zeit diesen leichten Schwindel verspüren, nicht so herausragend, nicht so einschneidend, dass er bis in die Tiefen ihrer Existenz oder ihrer Seele vordringt, sondern ein Moment ist, in dem sie das Gefühl für sich selbst oder die eigenen Erinnerungen als etwas Frisches oder Neues, aber Unersetzliches empfindet. Dieses leichte Schwindelgefühl, das ich in meinem nicht sehr abwechslungsreichen Alltag selbst erlebe, hat mich, glaube ich, dazu angeregt, über diese Momente zu schreiben.“ (S. 174)

 

Solchermaßen durch die Gedankenwelt Natsumis geschleift, haben wir nur zwei Optionen: mit einem entschiedenen Stopp das Buch wieder zuzuklappen und die Übelkeit für uns selbst zu beenden. Oder aber sich dem leichten Schwindel der Protagonistin hinzugeben. Zweitere Option mag zwar anstrengend klingen, lohnt sich aber, sobald die eigene Ungeduld überwunden ist, mit einer lustvoll ausschweifenden und unaufdringlichen Sozialstudie des Japans der 1990er Jahre und dem Kleinstkosmos einer konstant Unterforderten.

 

Iris Gassenbauer

cg/ig

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