LitKu - Buch des Monats August 2025
Teresa Präauer: Kochen im falschen Jahrhundert. Wallstein 2023.
Ein Kammerspiel in vier Akten. Eine geschlossene Gesellschaft mit Wiesenblumen am Designertisch. Ein Roman, der hungrig macht. Mit „Kochen im falschen Jahrhundert“ kreiert Teresa Präauer ein überwürztes und gleichzeitig wohlig füllendes literarisches Gericht, das sich durch Situationskomik ebenso auszeichnet, wie durch einen Blick, der auch tief vergrabene soziale Dynamik offenlegt.
Die Ausgangslage ist vertraut: ein junges Paar lädt auf Initiative der Gastgeberin hin Freund*innen zum Abendessen in kleiner Runde ein. Der Ausgang? Nun, das hängt davon ab, welcher Erzählstrang zu Ende gedacht werden soll. Denn Therese Präauer lässt die Ausgangslage gleich mehrfach anlaufen und entspinnt so gleich mehrere mögliche Szenarien, die alle früher oder später am gemeinsamen Tisch enden. Dazwischen schwebt das Ungewisse der kleinen Gesellschaft und der möglichen Kurven, Sackgassen und Kehrtwenden, die sich im Laufe des kulinarischen Miteinanders ergeben.
Das Figurenset bleibt gleich, variiert nur in seiner An- bzw. Abwesenheit. Die Gastgeberin als Fixstern der Erzählung, zwar schon vor längerer Zeit in die großzügige Wohnung übersiedelt und von der Idee angetrieben, im Kochbuchidyll auch Freund*innen zum gemütlich-köstlichen Abendessen ins Heim zu laden, übersieht die noch immer unausgeräumten Bananenkisten, die fehlenden Sitzmöglichkeiten und auch die schwindende Motivation, sobald die Einladung einmal ausgesprochen ist. Glänzen möchte sie, so wie die Hochglanzseiten der Weltkulinarik der gedachten Bilder, und zwischen Crackern und Salznüssen, leichtem Sommersalat und Quiche, zwischen Crémant und Schnapserl als versierte und charmante Moderatorin des Abends auftreten.
Dann aber hat das geladene Ehepaar schon gegessen, kommt der Schweizergast zu spät, raucht am Balkon und verliert die brennende Zigarette auf dem gebohnerten Parkett, woraufhin der Partner der Gastgeberin ausgerechnet das liebgewonnene dänische Geschirrtuch als Löschdecke missbraucht. Dann wird jeder Satz der Gastgeberin zwischen den Sätzen der anderen zu einer Schmeißfliege, ja, dreht sich jede Aussage wie ein kleiner Kosmos nur um die eigene Achse, ohne eigentlich wahrgenommen zu werden. Dann kommen die Gäste durch den Regen und man lässt die Schuhe an. Der stumme Fingerzeig der Gastgeberin auf die nassen Sohlen blieb verborgen (S. 99) und die Ehefrau stakste in ihren Stilettos, die das Potenzial besaßen, Parkettböden zu schädigen (S. 102), durch den bananenkistenverstellten Raum. Dann futtert der Partner die Cracker weg, bevor die Gäste denn überhaupt erst eingetroffen sind, und als es kommt, dreht sich beim Ehepaar alles nur um den erst zuvor bei den Großeltern abgeladenen Säugling.
Alles, während im Hintergrund ausgesuchter Jazz von der Zufallsauswahl des Algorithmus bestimmt wird; Schließlich soll auch die Hintergrundmusik intellektuell feingetuned sein.
Zwischendurch werden die Karten dann wieder neu gemischt und der Abend auf Null gestellt.
So etwa hätte der Abend beginnen können (S. 81), leitet ein neues Kapitel ein, nachdem zuvor der im Tiefkühler vergessene Crémant de Limoux explodiert war, zu Schaum gefroren, teils weiterhin in der Flasche, teils sich bereits aus der Flasche heraus ins Fach vergossen habend […] (S. 73 f.). Und schon sind Gastgeberin und Partner alleine, warten auf die verspäteten Gäste, die nicht und nicht an der Tür klingeln wollen, also Zeit genug lassend für ein kurzes Erinnern an die Möglichkeit eines erotischen Abenteuers, das in einer linkischen Verunfallung des Partners endet und dem schließlichen Eintreffen der Gäste, die illuminiert und gesättigt direkt aus einer Bar eintreffen. Dort hatten sie Amerikaner*innen kennengelernt, die später auch noch aufschlagen werden, nachdem die Ehefrau das Zusammenkommen gefällig gefiltert und mit reichlichen Tags versehen in Social Media teilt. Später trinkt man sich in die Versöhnung, wird von der Polizei aus dem Dussel geläutet und dämmert schließlich mit dem Morgen in den neuen Tag.
Weshalb der Roman zu einem Festmahl wird und nicht zu einer schnellen Junkfoodpartie lässt sich der Beobachtungsgabe der Autorin ebenso begründen wie in der Struktur der Narration, die sich in ewigen Schlingen durch das Mögliche legt. Nach dem Gastmahl ist zugleich davor. Dazwischen stehen die kulinarischen Erinnerungen einer Erzählfigur an ein gedachtes „Du“ und das Speisenrichten der Gastgeberin mit all seinen kleineren und größeren Abweichungen. Sie werkt zwischen Vinaigrette, für die sie Weißweinessig mit Olivenöl vermengt, Romana, Rucola und Eichblattsalat mischt, Kirschtomaten halbiert und roten Paprika mit Frühlingszwiebel würfelt. Sie
[…] gab scharfen Senf dazu und einen Teelöffel Honig, außerdem Salz und Pfeffer. Sie hackte frische Kräuter, Petersilie, Schnittlauch und Basilikum, und hob sie unter. Mit einer Flasche Crémant auf dem Küchentisch machte das Kochen ja beinahe wieder Spaß. (S. 114)
Die Kapitelüberschriften setzen sich aus den reduzierten Rezeptangaben für das Folgende zusammen, aus 4cl Rum, 4cl Sodawasser, 3 Teelöffel weißer Zucker, 1 Limette, Minzblätter, Eiswürfel (S. 24), aus 1 Leberkässemmel, 1 Qualitätszeitung von gestern (S. 160) oder schlichtweg zu viel Senf (S.143).
Versalzen wird die Story dabei nicht; sie bleibt ein köstlicher Gesellschaftsroman, ein unterhaltsamer Schinken, der nicht im Bauch liegt, ein, um bei weiterer aufgelegter Metaphorik zu bleiben, vollmundiger Qualitätssprudel, der jeden bitteren Nachgeschmack so lange zu kaschieren weiß, wie der Rausch andauert.
Iris Gassenbauer
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