LitKu - Buch des Monats Mai 2025

Ljuba Arnautović: Erste Töchter. Zsolnay 2024.

P. S.
Manchmal frage ich mich, wie wir geworden wären, wären wir zusammen geblieben. Und ob es einen Unterschied gemacht hätte, ob das in Wien oder in München gewesen wäre. Ich kann es mir einfach nicht ausmalen. Du bist einfach DU, und ich bin ich.
(S. 112)


Wien oder München – das ist nur eine Rochade-Option in Ljuba Arnautović autofiktionalem Roman „Erste Töchter“, der gleichzeitig auch den dritten Teil ihrer Wurzelaufarbeitung darstellt. Die Frage könnte nämlich auch heißen: Wien oder München oder Moskau. Oder: Mama oder Mutti oder Oma oder Dörte. Oder: Tischordnung oder RAF. Altbauwohnung oder WG-Zimmer. Tanzschule oder Klassenkampf. Russisch oder Deutsch. Schwestern oder Fremde.


Es ist eine Erzählung aus der Distanz, ein meditatives Dahineilen der Tatsachen, die Ljuba Arnautović ohne Pomp und Glorie geradezu auflistet. Da ist zu Beginn das Frühjahr 1934, als Karl und Slavko, beides noch Buben, über die tschechische Grenze geschleust werden, weil die Eltern politisch verfolgt sind. Eingemischt haben sich der Vater und die Mutter, angeschlossen haben sie sich dem „Republikanischen Schutzbund“, aber 1933 ist die Kommunistische Partei verboten worden und zu Jahresbeginn 1934 trifft es auch die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung. Die Kinder müssen also weg, auf die Krim und die Eltern sollen Karl erst wieder nach 22 Jahren in Wien begrüßen können. Das, was in gleich mehreren Romanen Platz gefunden hätte, wird hier in geschmälte Zeilen gepackt – ebenso, wie die weitere Geschichte, die Karl und seinen Werdegang zwischen Erziehungsheim und Selfmademan, Opportunist, Egomane und angeblichem Spion nachzeichnet. Karl, das ist außerdem der Vater der beiden Töchter, von Luna und Lara, wobei Luna, die erste Tochter, auch gleichzeitig in den autofiktionalen Fußspuren der Autorin wandelt. Schließlich ist es ihre Geschichte, die erzählt wird, und nicht die von Karl, den Ljuba Arnautović schon in Junischnee (2021) in all seiner menschlichen Monstrosität skizzierte. So lernen wir hier das Durcheinander der Nachkriegsjahre kennen, das das Aufwachsen der Schwestern zwischen den Stühlen bedingt, zwischen der Mama (der leiblichen) und der Mutti (der kurzfristigen Partnerin), zwischen Wien, wo die Frauen wohnen, und München, wo der erhoffte Aufstieg daheim ist und im Altbau mit Studentinenehefrau wartet, mit neuen Zwillingen, die wieder keine Buben sind, und Geschäftsmodellen, die Geld bringen.
Die Erzählperspektive ist, auch wenn es nahegelegen wäre, nicht in Ich-Position gehalten, sondern in einem distanzierten auktorialen Blick, der zwischen den Zeiten springt und mal hier die Zügel anzieht, während er dort zum Galopp treibt. So werden die Nachkriegsjahre locker entrollt und die Eckpunkte nur nebenbei markiert: das mehrmalige Abschieben der Mädchen ins Heim, das Aufteilen zwischen München und Wien, das Zusammenfinden und wieder Auseinandernehmen mühsam gewachsener Strukturen. Alles durchwirkt von stets pikant gewählten Manipulationen Karls, der sich trittssicher durch sein eigenes Schicksal laviert.


„Die Mutti will euch nicht mehr in Wien haben. Sie hat jetzt wahrscheinlich einen neuen Mann.“ Zu Erika sagt er: „Die Kinder möchten lieber hier bei mir bleiben. Mach es ihnen nicht unnötig schwer. Und schreib ihnen nicht. Wenn doch, werden sie deine Briefe nicht bekommen.“
(S. 47)

 

Irgendwann nimmt der Einfluss des Vaters ab und die Töchter erkennen, dass sie sich freisagen können von den verstreuten Elternteilen, den sehnenden Mutterfiguren in ihren überfordernden Lebenssituationen und den Strukturen, die ihnen wechselnde Behörden und politische Zeitalter auferlegen. Die Mädchen rütteln an ihren Verhaftungen, bis diese teilweise nachgeben oder noch mehr verhärten; ein Kräftemessen mit nur scheinbar vorgetrampelten Lebenswegen. Im Mittelpunkt des erzählerischen Rauschens bleibt aber ungetrübt das Entfremden und Annähern der Schwestern, das Zeitenübersetzende Abgleichen und Inverbindungsetzen, das bis zum Schluss nicht abreißen soll. Dazwischen geschieht das Leben der Jahre danach, der Jahre des Aufbaus und des Wirtschaftswunders, der 68er und des Kalten Kriegs, geschildert in der knappen Sprachschönheit, die Ljuba Arnautović hier perfektioniert hat:

 

Die Schlafwagenschaffner sind die Herbergseltern, sie verteilen Bettwäsche und Handtücher. Die Fahrgäste beziehen ihre Betten selbst, ohne Klassenunterschied. Aber natürlich gibt es den […] Die ersten Pass- und Zollformalitäten werden abgewickelt. Draußen ist jetzt die Slowakei, hier drinnen geht der Nestbau weiter. Der Zug hält oft, wechselt jedes Mal die Fahrtrichtung. Mitternacht ist längst vorbei, bis er einen ruhigen Puls findet auf seinem Weg durch die Tatra. Zwei Meter lang, zwei Meter breit, das wird Lunas Zuhause für die kommenden Stunden sein. Eine Nacht und einen Tag und noch eine Nacht wird sie hier essen und trinken, lesen, stricken, sich langweilen oder mit den Nachbarn Karten spielen. Hier wird sie sich waschen, die Zähne putzen und sich ein Nachthemd anziehen. Die Stunden im Schlaf dürfen ungezählt bleiben.  
(S. 134)

 

Ist es notwendig, Teil eins und zwei der Trilogie zu kennen, um „Erste Töchter“ verstehen und mit Genuss lesen zu können? Ganz und gar nicht. Der Roman steht für sich selbst, nimmt sanft an der Hand und zeigt auf die Dinge, ohne sie zu Ende zu erklären. Er ist nicht geschwätzig, nicht detailverliebt, nicht sensationsgierig oder pathetisch. Er erzählt, ohne nach Aufmerksamkeit zu haschen, und im besten Fall spenden wir diese freiwillig und mit großer Freude an einem dichten und zugleich so wunderbar luftigen Textgeflecht, wie es Ljuba Arnautović mit „Erste Töchter“ zu Papier brachte.

  

 
Iris Gassenbauer

cg/cg

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