LitKu - Buch des Monats März 2025
Irmgard Kramer: Hilda. Meine Großmutter, der Nationalsozialismus und ich. Falterverlag 2023.
Irmgard Kramer erhält inmitten des Covid-Lockdowns einen Anruf vom Stadtmuseum Dornbirn, ob sie interessiert daran wäre, über die Menschen Dornbirns zu schreiben, die im Nationalsozialismus gequält, vertrieben, ermordet wurden; über diejenigen also, deren Namen auf den Gedenksteinen festgehalten wurden. Und während dieser Phase des coronösen Stillstandes nimmt Irmgard Kramer an:
Ich will wissen, wie es war im nationalsozialistischen Dornbirn, und freiwillig würde ich mich jetzt nicht mit diesem Thema befassen. Wer liest schon gern über all die Gräuel bis hin zur Ermordung behinderter Kinder? Ich habe Angst vor dem, was mir auf meiner Zeitreise begegnen wird. Wird mein liebgewonnenes Bild von meiner Heimatstadt zerstört werden? Wohl kaum.
In Dornbirn, so die Annahme der Autorin, die noch am Anfang ihrer Recherche steht, sei es doch nicht so schlimm gewesen. Lauter Dornbirn sei ja nicht Berlin gewesen. Oder Wien.
Mit dieser Hoffnung im Gepäck macht sich Irmgard Kramer nach Dornbirn auf, nur um bald an den eigenen Überzeugungen zu zweifeln. Hier tun sich nämlich plötzlich Abgründe auf, die nicht ins Bild der Erinnerung passen, die gewaltig am Erbe der Vergangenheit kratzen.
Irmgard Kramer aber holt tief Luft und taucht durch die dunkelbraune Geschichte, arbeitet sich an Personen, Erinnerungen und Ereignissen ab, die in dieser Form bis dahin nicht im kollektiven Gedächtnis verankert waren, forscht, dringt tiefer und stößt immer und immer wieder auf schmerzhafte Stacheln der Vergangenheit, die tief im Fleisch stecken bleiben.
Zum Sinnbild der Kluft zwischen persönlichem Erinnern, Verschweigen, Vergraben und neu Ausbuddeln wird aber nicht der Salzburger Nazi-Großvater Leopold und seiner Wagenladung an geistigem und materiellem Erbe, mit dem die Familie nach seinem Tod zu kämpfen hatte.
Sein Nachlass hat schon rein kubikmetermäßig ein beängstigendes Ausmaß. Seine Gemälde hängen in unseren Wohnungen. Sein Schmuck ziert unsere Finger. Mit seinen Nazi-Devotionalien aus kiloschweren Bronzestatuen samt Hakenkreuzen und allem Pipapo könnten wir im Darknet auf Neonazi-Foren ein Vermögen machen […] (S. 13)
Nein, es ist die Dornbirnerin Hilda, die schwerhörige und stille Großmutter der Autorin, in der das vielschichtige Erinnern und Zusammensetzen der Vergangenheit zusammenläuft. Denn Hilda, die brave Oma und deren Mann, der doch bestimmt unpolitische Möbelbauer, zeigen sich in der Recherche als vielschichtiger, als es die Autorin jemals erwartet hätte. Und mit der Erkenntnis, dass nicht die gedachten (oder gehofften?) Erinnerungen beständig bleiben, sondern ein Spektralfarbenbogen der Ambiguität aus der Familiengeschichte erwächst, folgt Irmgard Kramer den Spuren, die Hilda und die anderen Bewohner*innen Dornbirns in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges hinterlassen haben.
Was aus dem Spurenlesen wird, ist ein szenisches Hinein- und Hinausblenden in Leben und Erlebnisse, die Irmgard Kramer aus der Geschichte seziert und in sprachlicher Unmittelbarkeit eindrücklich wiederbelebt. So begegnen wir einer ganzen Reihe an Akteur*innen, die ihren Auftritt im Wiedererinnern haben: dem Gauleiter, dem Geldeintreiber, der Fürsorgeschwester und der einzigen jüdischen Familie; dem Deserteur und dem Heimwehrführer, dem Widerstand und denen, die Euthanasie und Zwangsabtreibungen ausgesetzt wurden.
Verbunden werden die Beleuchtungen der Vergangenheit durch den Weg, den die Autorin durch Dornbirn nimmt: vom Rathaus aus über den Marktplatz und die Marktstraße am Dornbirner Bundesgymnasium vorbei, über die Sägerbrücke zum Stadtspital. Und immer stehen die Menschen und ihre Unternehmungen eingebettet in historisches Faktenwissen im Mittelpunkt der Erzählung, die die Autorin aus ihrer aufmerksamen Recherche komponiert.
Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat Irmgard Kramers Rekonstruktion des Vergangenen und die darüber schwebende Motivation größte Aktualität. So hält die Autorin fest:
Nach dem Krieg schlugen wir den Deckel drauf und hofften, dass der faulige, brodelnde Sumpf von selbst abkühlen würde. Aber wie hoch ist die Halbwertszeit von Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Geht das von selbst weg? Oder muss man – einmal wenigstens – hinsehen?
Wie wäre es mir damals ergangen?
Wie hätte ich mich verhalten?
Wie hättest du dich verhalten?
(S. 14)
Hinsehen – einmal wenigstens – müssen wir alle. Irmgard Kramer hat das Hinsehen auf mehreren Ebenen durchgemacht und daraus eine Erinnerung geflochten, die lesenswert und kratzig ist, die ein unbequemes Gefühl in die Magengegend pflanzt und gleichzeitig den Blick für das eigene Erinnern neu poliert. Wie hätten wir uns verhalten? Die Frage bleibt über die Lektüre hinaus stecken und lässt uns Lesende mit dem Drang zurück, einmal mehr den Spektralfarbenbogen der Vergangenheit als solchen anzuerkennen und ihn nicht in rein braune, rosige oder schwarzweiße Töne zu färben.
Iris Gassenbauer
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