LitKu - Buch des Monats Februar 2025

Andrea Winkler: Mitten im Tag. Sonderzahl 2025.

Andererseits könnte man auch ein Gedicht aufsagen, und am Ende lachen, wie man noch nie gelacht hat. Es beginnt damit, was einer tun würde, wenn er sein Leben noch einmal leben könnte. Ich zum Beispiel würde dann niemals klüger sein wollen, als ich bin.
(S. 21)

Was täten wir, wenn wir das Leben (wissentlich) noch einmal leben würden? Hin und wieder Gras über das Gesicht wachsen und kleine Spalten zwischen den Halmen frei lassen? Einen alten Gedanken so beständig und geduldig wiederholen, bis er einem wirklich wird? Oder vielleicht Bilder betrachten, auf denen jemand auf seinen Fersen sitzt und anderen aus einem alten Buch vorliest?


In Andrea Winklers Erzählband „Mitten im Tag“ findet sich all dieses Tun, finden sich diese beinahe traumwandlerischen Unternehmungen zwischen dem Geschehen und dem Imaginieren und schlüpft das Vorstellbare in die Realität der Personen, die in den verschiedenen Erzählungen zu Wort kommen. Sanfte, feinsinnige und niemals störrische Erzähler*innen, die stets zwischen die Dinge blicken, an ihren Rändern entlang und dort über Wahrnehmungsgrenzen hinweg. Die Liminalität wird zur neuen Mitte und erlaubt ein unverstelltes Empfinden, das direkt aus den seidendünn gesponnenen Worten der Schriftstellerin entwächst. Dazu stimmt sich die Natur in aus Gräsern, Blattwerk und Windspielereien entstandenen Bildern ein, ebenso traum-haft wie fassbar.
Den Naturen aber fehlt das Enthobene, das sie in weniger bedachter Komposition zu einer Leinwand des Kitsches gemacht hätte; Nein, Andrea Winkler gelingt das sprachliche Kunststück, sie stets wieder zu verhaften und in Relation zu setzen mit der Wirklichkeit der Erzählenden.

Ich nickte und sah zu bewaldeten Hügeln hinauf, durch die sich schmale Pfade schlängelten. Einen davon fand ich am kommenden Morgen und folgte ihm; er führte an den Resten einer Steinmauer vorbei, an Brombeerhecken, trockenen Fichten und einer Frau, die ihren Enkelkindern erklärte, wie man Pilze unterscheidet. Sei, fragte sie, etwa ausgeschlossen, dass auch in Zukunft noch welche wüchsen? Beim Wort Zukunft war mir, als müsste ich augenblicklich etwa Wichtiges vollbringen, etwas, das mir ständig entfiel und das zu heben ich kaum vermochte, wenn ich auch fest entschlossen dazu blieb.
(S. 73)

Den Erzählungen werden „Mitten im Tag“ essayistische Beobachtungen angereiht, die in der Sprache des „Ich“ fortgeführt an die Fragen der vorherigen Protagonist*innen anzuknüpfen verstehen. Wo findet sich das Wunderbare in der Welt und wie sei die gegebene Zeit so zu verbringen, dass sie – ohne Produktionszwang und Zukunftshörigkeit – ergiebig erlebt werden kann?


Die Antworten deutet Andrea Winkler nur an, wir müssen sie schon selbst für uns finden. Ein Grundrezept dafür steckt sie uns aber in die Brusttasche, als Nebensatz auf ein halbes Notizblatt vermerkt: Es liege viel daran, den Gegenständen Raum zu geben, die von sich aus Stille brauchen (S. 133). Nicht jeder Frage muss stante pede die Antwort folgen, unzerkaut und womöglich übereilt herausgeschüttelt. Das Schweigen und die kurze Ratlosigkeit zwischen den Sätzen kann etwas Gutes ergeben, etwas, das uns Leser*innen in der Gegenwart der schnellen Konklusionen wohltuend entgegentritt. Nehmen wir uns also Zeit für „Mitten im Tag“ und für die Fragen, die Andrea Winkler geschickt adressiert, nehmen wir uns Zeit, in unserer eigenen Schrittlänge die Antworten im Außerhalb zu suchen, im Schweigen und in der kurzen Ratlosigkeit zwischen den Sätzen.

 


Iris Gassenbauer

cg/cg

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