LitKu - Buch des Monats Dezember 2024

Monika Helfer: Wie die Welt weiterging. Geschichten für jeden Tag. Hanser 2024.

Unser Buchtipp für den Dezember (und das folgende Jahr!), entstammt der Feder einer österreichischen Autorin, die nun schon öfters bewiesen hat, ebenfalls das Zeug dazu zu haben, in der Zukunft als echte Klassikerin behandelt zu werden. Echte Klassiker, so heißt es ja in der Lehrmeinung, sind zeitlos, haben auch über Jahrzehnte hinweg Relevanz und zeichnen sich durch einen besonderen Stil aus. All das vereint Monika Helfer, deren „Wie die Welt weiterging“ nicht nur mit einer Erzählung, sondern gleich einer ganzen Wagenladung voll Geschichten ins neue Jahr überleitet.  

Es ist ein ganz schön gewichtiges Buch, rund 760 Seiten und doch federleicht. „Nun, so ganz stimmt das nicht!“, rufen die aufmerksamsten Buchenthusiast*innen, bringt es doch fast ein Kilo auf die Buchwaage. Was die Form aber angeht, ist es kurz, knapp, wolkig. Zu diffus formuliert? Lassen Sie es mich anders probieren: „Geschichten für jeden Tag“ ist der Untertitel und das dürfen wir auch ernst nehmen: In 365 kurzen Erzählungen präsentiert uns Monika Helfer einen Geschichtenschatz, der in allen Facetten schimmert. Tragisches neben Komischem, Erhebendes neben Betrüblichem und das auf jeweils knappen 1,5 Seiten. Mehr benötigt die Vorarlbergerin nicht, um in den Lesenden das Gefühl zu erwecken, tief in ihre Worte abtauchen zu können. Das schafft die Schriftstellerin einerseits durch die Beschreibung der jeweiligen Kulissen, die schon mit den ersten Sätzen fassbar vor uns liegen. Das liegt aber auch an den Figuren, an Greisinnen, Bärenvätern und Schwestern, die die Autorin mit nur wenigen Strichen so lebendig skizziert, dass sie vor unseren Augen aus den Seiten treten.


Es sind Erzählungen der Kurzen Form, die mit direktem Einstieg oft abrupt abbrechen, als hätte man nur ein Gespräch nebenan im Zug mitgehört und müsste dann aussteigen. Aber auch, wenn die Enden unerzählt bleiben, lassen sie uns nicht frustriert und mit quälenden Fragezeichen zurück. Im Gegenteil; Monika Helfer lässt die Narration ausschwingen, ohne ein abschließendes Wort, eine Moral, einen Schlussakkord zu formulieren. Sie schenkt uns so Gedankenbilder und gepinselte Erinnerungen, die in unseren Köpfen weiterlaufen können. Und das jeden Tag.


Für Lesende mit System ist das Buch wunderbar, jeden Tag eine Geschichte. Dazu benötigt es aber auch Disziplin, denn es ist ein wenig wie mit Schokolade – nur nach einer aufzuhören, fällt schwer.

Für Lesende ohne System ist das Buch ebenfalls wunderbar, man kann wahllos hineinblättern, den Finger zwischen die Seiten stecken und eine Geschichte dem Zufallsprinzip überlassen.


Den Anfang der Geschichte Nr. 88 habe ich heute für Sie mitgebracht: Die Frau mit dem Glücksklee.


Sie war die Frau, die, wann immer sie auf einer Wiese stand und sich bückte, einen Glücksklee fand. Sie hatte weit über hundert in einer Zigarrenkiste ihres Mannes aufbewahrt. Man hätte meinen können, sie wäre überbeschenkt vom Glück, was aber nicht stimmte. Sie war eine frustrierte Frau. Sooft es sich anbot, schenkte sie Bekannten einen ihrer Glücksklees. Die hatten wohl Glück, zumindest der eine oder andere, Wunschkinder wurden geboren und Ehemänner gefunden.
[…]
S. 184.  


Wie die Geschichte nun weitergeht, können sie selbst herausfinden. Wir aber wünschen Ihnen ebenfalls im neuen Jahr, wann immer Sie auf einer Wiese stehen, einen Glücksklee zu finden – oder zumindest jemand um sich zu haben, der Ihnen im entscheidenden Moment ein vierblättriges Kleeblatt schenkt.

Iris Gassenbauer

cg/cg

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