LitKu - Buch des Monats August 2024

Franziska Winkler (Hg.). handverlesen – Gebärdensprachpoesie in Lautsprache. hochroth 2023.

Lyrik ist Text. So viel ist klar. Und Lyrik, was ist das eigentlich? Ein Geflecht, das erst durch Text und Oralität so richtig entstehen kann, etwa, wenn ein Gedicht auch vorgetragen wird? Dass es auch andere Möglichkeiten der Artikulation von Lyrik gibt, beweist die Literaturinitiative handverlesen. Emanzipatorisch und mehrsprachig präsentiert die Initiative Gebärdensprachpoesie, die über konventionelle Textproduktion hinausreicht und den Blick für andere Arten des künstlerischen Ausdrucks öffnet. Auf der Webseite der Initiative heißt es:

Wir fordern ein neues Verständnis von Literatur, das nicht nur schriftliche, sondern auch visuelle, gebärdete Texte einschließt. Die hörende Literaturwelt braucht endlich gebärdensprachliche Poesie und Prosa, sowie eine stärkere Präsenz Tauber Künstler*innen auf Bühnen und in Büchern. 
(poesiehandverlesen.de)

Es ist eine barrierefreie Kunst, die gleichzeitig mit Barrieren spielt und dadurch ein divergentes Feld rund um Wort, Sprache und Ausdruck öffnet. Wie, fragen Sie sich nun vielleicht, kann diese Anthologie aussehen? Übersetzt in Lautsprache findet sich die Lyrik der Gebärdensprachenpoet*innen hier als Text, in die Form des Buches gepackt, wieder. Darüber hinaus bietet die Publikation aber mehr und spielt mit den Möglichkeiten der Multimedialität. Videos, die via Smartphone angewählt werden können, eine Webseite, die durch Augmented-Reality neue und parallele Welten öffnet und die schlicht abgedruckten Schwarzschrift-Texte lassen aus dem handtellergroßen Anthologie-Büchlein ein Zusammenspiel der Ausdrucksformen werden, die sich sehen (und hören und lesen) lassen kann. Wer die Publikation „nur“ als Papierprodukt vor sich hat, kann den Text in seiner Buchstabenform von der Seite ablesen; wer allerdings mit dem Smartphone die verknüpften Textfelder scannt, liest die Anthologie über den Bildschirm als überraschendes Mehr an Medialität. So öffnen sich auf den Papierseiten plötzlich Videos, die die Gebärdesprachenpoet*innen bei ihrer Performance zeigen; mit dem Umblättern öffnen sich neue Einblicke in das Werk anderer Künsterl*innen.
Die Anthologie bietet mit einem Vorwort der Herausgeberin Franziska Winkler und einem Essay der Professorin für Gebärdensprachdolmetschen und Gebärdensprachen an der Universität Hamburg Prof. Liona Paulus auch den theoretischen Rahmen, der die Lektüre bereichert und neue Sichtweisen befördert.

 

Iris Gassenbauer

cg/cg

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