LitKu - Buch des Monats Mai 2024
Ruth Klüger: Gegenwind. Gedichte und Interpretationen. Wien: Zsolnay, 2018.
2014 hat Ruth Klüger, Shoa-Überlebende, Literwissenschaftlerin und große Wortkünstlerin schon einmal die Interpretationsbrille auf die Nase gesetzt und sich Gedichte zur Brust genommen. Damals waren es in dem Band „Zerreißproben. Kommentierte Gedichte“ noch die eigenen, autobiografischen Werke gewesen, die Klüger vor sich selbst und den Leser*innen auszubreiten und zu sezieren verstand. Das Konzept gelang und wenn jemand so tief in der Sprache und der ihren Feinheiten steckt, ist es nur verständlich, das bald wieder die Lust auf Interpretation entflammen würde. 2018 also folgte „Gegenwind. Gedichte und Interpretationen“ – diesmal aber mit Fremdgedichten. Zwölf deutsch- und neun englischsprachige Gedichte versammelt Ruth Klüger in dem (viel zu) schmalen Band und tritt im Wechsel zwischen Ursprungstext und Interpretation in einen feinen Dialog.
Vorweg haben wir Leser*innen gemütlich Zeit, das Poem zu lesen, hernach folgt Ruth Klügers Ausführungen, die weder belehrend noch ausufernd daherkommen und sich auch nicht mit Allmachtsgehabe das Gedicht unterwerfen wollen. Nein, Klügers Interpretationen sind ein jeweils zarter, wenn auch wohlüberlegter Nachsatz, der die Assoziationsfähigkeiten und das Breitenwissen der 2020 verstorbenen Literaturwissenschaftlerin offensichtlich machen. Gleichzeitig aber bleibt ihr Schreiben über das Dichten ein jeweils knapper (kaum mehr als drei Seiten pro Gedicht langer) Nachsatz mit Gedankenanstößen und kontextbewussten Kommentaren.
Gedichte, so die Autorin im Vorwort, wären eine spielerische Gattung von Sprachexperimenten, die zwischen realistischer Weltbeschreibung und wortloser Musik akrobatische Kunststücke aufführen […] Gedichte sagen etwas aus, aber sie sind zu kompakt, um das Ausgesagte auch noch zu erklären. Wir Leser*innen könnten nun also zwar den selben Text lesen, nicht aber dasselbe Gedicht, denn jede*r trage eine eigene Interpretation in sich. Manchmal ist man verblüfft, wie anders ein Gedicht, das man zu kennen und zu verstehen meinte, eine andere Leserin berührt, man widerspricht dem Kommentar oder nickt in Zustimmung oder fühlt sich bereichert um einen neuen Gedanken. (S. 5f)
Bereichert um gleich viele neue Gedanken lässt uns Gegenwind nach jedem Kapitel zurück. So tingelt Ruth Klüger leichtfüßig zwischen Adalbert von Chamissos „Das Schloß Boncourt“ an Georg Kreislers „Die Hexe“ vorbei, nimmt auch noch Durs Grünbeins „Die Wachtel“ mit oder versucht sich in den vorliegenden größtenteils eigenen Übersetzungen auch an englischsprachigen Gedichten von Emily Dickinsons "[A narrow fellow]" bis hin zu Anne Sextons "The Abortion".
Das Gedicht selbst bleibt Ruth Klüger, wie sie auch im Vorwort angibt, in seiner Verdichtung immer auch ein Rätsel oder ein Geheimnis. Der Unterschied zwischen diesen beiden verwandten Möglichkeiten ist der, dass ein Rätsel gelöst werden kann, während ein Geheimnis immer etwas Verborgenes zurückhält und uns im Unklaren belässt. Den Spalt, der sich zwischen diesen beiden Enden öffnen, zeigt sich in ihrer Interpretation des Aichinger Gedichts
Zeitlicher Rat
Zum ersten
mußt du glauben,
daß es Tag wird,
wenn die Sonne steigt.
Wenn du es aber nicht glaubst,
sage ja.
Zum zweiten
mußt du glauben
und mit allen deinen Kräften,
daß es Nacht wird,
wenn der Mond aufgeht.
Wenn du es aber nicht glaubst,
sage ja
oder nicke willfährig mit dem Kopf,
das nehmen sie auch.
(Ruth Klüger: Gegenwind, S. 47/ aus: Ilse Aichinger: Verschenkter Rat. Gedichte. Frankfurt: Fischer, 1978)
Ruth Klügers Interpretatorischer Ansatz bewegt sich auch hier vorsichtig zwischen der Möglichkeit des Rätsels oder des Geheimnisses, wenn sie schreibt:
Im Kontrast zu dem beunruhigenden Inhalt der Verse geht eine eigentümliche Ruhe vom Rhythmus und der Ausgewogenheit dieser Zeilen aus, also vom eigentlich Lyrischen. Das ist das Gleichgewicht vom „Zum ersten“ und „Zum zweiten“, die doch dasselbe bedeuten: Denn wer an den Tag glaubt, glaubt auch an die Nacht. Wer an das Leben glaubt, glaubt auch an den Tod. Und da ist der gesteigerte Stufengang – ob hinauf oder hinunter – in der wiederholten Ermutigung zum Glauben. Oder sind das nur die Beschwichtigungsversuche einer Lebenslüge? Man kann das Gedicht nämlich auch so lesen, dass der Unglaube siegt. Es beschwört einen vertrackten Zweifel in einer Schaukel von Glaube und dessen Ablehnung. Und der Zweifel ist ja leider nicht nur sprachlich mit der Verzweiflung verwand. (S. 48f.)
Das tiefe Verständnis, mit dem sich Ruth Klüger durch die Poesie bewegt, ist keines, das dominieren und bestimmen will. Es möchte vielmehr erkunden, Optionen aufzeigen und Möglichkeiten andenken; genau das macht „Gegenwind. Gedichte und Interpretationen“ zu einem so lesenswerten Beitrag im lyrischen Diskurs.
Iris Gassenbauer
cs/cg

