LitKu - Buch des Monats April 2024
Ingeborg Bachmann I Die gestundete Zeit - Salzburger Bachmann Edition. Herausgegeben von Irene Fußl. Mit einem Vorwort von Hans Höller. Enthält Fotografien und Faksimiles. Suhrkamp 2023.
Die auf ca. 20 Bände angelegte Salzburger Bachmann Edition hat wieder Zuwachs bekommen. 2022 heimste die Neuausgabe von Bachmanns »Anrufung des Großen Bären« wegen ihres ausführlichen Kommentars viel Lob ein. Nach demselben Muster, aber womöglich noch kenntnisreicher und erhellender, dabei stets gut lesbar und ohne wissenschaftliches Brimborium, sind die Erläuterungen zum jetzt erschienenen ersten Lyrikband gestaltet.
Als kleine Sensation enthalten sie einen nicht abgeschickten, bislang weitgehend unbekannten Brief an den Dichter-Geliebten Paul Celan, der beweist, dass der Nachlass immer noch ungehobene Schätze birgt.
Mit Gedichten, die später in diesem Band abgedruckt wurden, trat die in Kärnten geborene und aufgewachsene Autorin 1952 erstmals vor der Gruppe 47 auf. Die überwiegend bundesdeutsch und männlich besetzte Schriftstellerrunde kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als eine zerbrechlich wirkende junge Österreicherin mit leiser und bald ersterbender Stimme lyrische Texte vortrug.
Da gab es rätselhafte poetische Bilder, viele davon im Zwiegespräch mit Celan entstanden, aber auch Verse mit einer klaren politischen Botschaft »Der Held bleibt den Kämpfen fern«, heißt es in »Alle Tage«, dem vielleicht meistzitierten Gedicht des Buchs, in dem Bachmann für »Tapferkeit vor dem Freund, für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung jeglichen Befehls« plädiert.
Ein »neuer Stern am deutschen Poetenhimmel« war aufgegangen, so der Kritiker Günter Blöcker. Bachmann wurde bald zur mythenumwobenen Primadonna der deutschsprachigen Literatur.
Wie sehr ihr Leben und Werk bis heute faszinieren, hat erst kürzlich der Film »Reise in die Wüste« von Margarethe von Trotta gezeigt.
*bn* Renate Langer
cs/cg

