Buch des Monats Jänner 2024

Rudolf Bischof; Klaus Gasperi: Weil wir im Herzen barfuß sind. Ein Lesebuch zu Advent und Weihnachten. Tyrolia 2023.

Zum Jahresende hin werden die Tage kürzer. Nicht nur, was die Tageslichtstunden angeht, die bis zum 21. Dezember mehr und mehr zusammensieden, bis sie sich dann in einer gemütlichen Kehrtwende wieder auszudehnen beginnen. Das Endjahr scheint es eilig zu haben. Vor Weihnachten muss noch eine lange Liste an Aufgaben abgearbeitet werden. Bekannte müssen getroffen, Karten geschrieben, Rechnungen beglichen, Einkäufe getätigt, Wäsche gewaschen und wieder abgenommen werden.


Die Dringlichkeit der letzten Tage kulminiert dann in den oft nur dem Hörensagen nach stillen und besinnlichen Weihnachtstagen, die durch den logistischen Aufwand gestundet sind, sowohl die eine, als auch die andere Familie zu besuchen, das Rotkraut auf den Punkt zu garen und gleichzeitig den Panettone bei der Mitzi-Tante samt einem hektischen Kuss auf deren Wange abzuliefern, bevor der Sternspritzerabend Nostalgie wecken soll. Wer nach dem Stefanietag noch Kraft hat, schafft es aus dem Bett auf die Couch und macht es sich dort mit frisch geschenkter Lektüre und der halb geleerten Keksdose vom Nachbarn gemütlich. Weil aber bei vielen nach den Feiertagen die Batterien erst mal leer sind und sie geduldig wieder für ein letztes Aufbäumen geladen werden müssen, das für kulinarische Durchhaltigkeit beim Silvesterfondue, 12-minütiger Donauwalzertanzeinlage und dem folgetäglichen Mitklatschen beim live übertragenen Radetzkymarsch sorgt, bleibt zwischen den Jahren wenig Zeit für stilles und intensives Lesen.


Wir haben deswegen einen besonderen Lesetipp für Sie mit ins neue Jahr genommen und hoffen, dass nun die kalten Jännerstunden dafür geeignet sind, den berührenden, poetischen und spirituellen Texten nachzufühlen, die der Seelsorger Rudolf Bischof und der Theologe Klaus Gasperi zusammengestellt haben.


„Weil wir im Herzen barfuß sind“ zelebriert nicht nur die Weihnachtszeit und den Advent, auch wenn die Textsammlung, die nun nach über 20 Jahren zum ersten Mal als ästhetisch ansprechendes Hardcover bei Tyrolia aufgelegt wurde, dies im Titelzusatz nahelegt. Es sind die stillen Stunden und die Stunden des Besinnens und des Hoffens, die hier literarisch durchleuchtet werden und die – jede für sich – Raum fordern für das Einbringen eigener Gedanken.


Immer noch finden Menschen das Glück im Kleinen und Unvermuteten. […] Das ist der Grund, warum wir es wagen, in diesem Buch Geschichten und Texte anzubieten, die vorerst nichts mit Nostalgie und Romantik zu tun haben, die aber aufmuntern zu suchen zu finden, lassen uns die Herausgeber im Vorwort wissen (S.10), und reihen als erste Gedicht „Der Stern“ der Wiener Lyrikerin und Kinderbuchautorin Christine Busta.


Nachts erwachen und mit herrlichem Erschrecken
hell im Fenster einen Stern entdecken
und um ihn die sichre Angst verlassen,
wie Kolumbus nach dem Steuer fassen,
und gehorsam wie aus Morgenland die Weisen
durch die Wüste in die Armut reisen,
und im Stern des Engels Antlitz schauern:
wie ein Hirt zu Bethlehem vertrauen.

(S. 13)


Viele Sterne sind noch zu entdecken in diesem Lesebuch, das dazu einlädt, es nach jedem gelesenen Text zu schließen und zufällig an einer anderen Stelle zu öffnen. Denn in ihrer Verschiedenheit hängen sie doch eng zusammen, die Texte, die von Ernüchterung und Verfolgung, von Bedrängnis und Angst erzählen und dabei nicht auf die Hoffnung vergessen.


Du brauchst Gott
weder hier
noch dort
zu suchen.
Er ist nicht ferner
als vor der Tür des Herzens.  

(S. 69)


Diese Zeilen stammen von Meister Eckhart, der zwischen Augustinus und Eligius Leclerc ebenso im Lesebuch anzutreffen ist, wie Hilde Domin, Else Lasker-Schüler oder Selma Lagerlöf. Es sind die (gar nicht) stillen Stunden der Weihnachtstage, die im Lesebuch zwischen Licht und Finsternis changieren, die gleichzeitig bedrücken und ermuntern dazu, Hoffnung zu fassen. Ergänzt werden sie von Lyrik und Prosa, die artverwand in die Sammlung passt – hier darf voll und ganz auf Rudolf Bischofs und Klaus Gasperis bedächtigen Auswahlprozess vertraut werden. Die Neuauflage des Lesebuchs, das die letzten Jahre über auch in zweiter Auflage vergriffen war, füllt somit eine Lücke der wohltuenden Multiperspektivität und der Mehrstimmigkeit.
So lässt unser Lesetipp auch Worte des Sufismus erklingen, die ihre Aktualität über die Tage des Advents und der Weihnachten hinaus nicht verlieren und die hier abschließend zitiert werden solle:


Schreibe das Unrecht,
das man dir antut,
in den Sand,
doch schreibe das Gute,
das dir widerfährt,
auf marmorne Tafeln.
Lass alle Gefühle wie Groll
und den Wunsch nach Vergeltung fahren,
sie schwächen dich nur,
doch halte fest an Gefühlen
wie Dankbarkeit und Freude,
die dich stärken.

(S.171)

 


Iris Gassenbauer

cs/cg

  • © Literarische Kurse 2026