LitKu - Buch des Monats Dezember 2023
Michael Hammerschmid: stopptanzstill. Wiener Tier Figuren Gedichte. Picus und Wien Museum 2023.
Die Wiedereröffnung des Wien Museums am Karlsplatz lenkt den Blick zuallererst auf die architektonisch faszinierende Verbindung von Alt und Neu: Der neue Betonblock scheint aus der Mitte des historischen Gebäudes herauszuwachsen und legt sich als schwebende Konstruktion über den Bau von Oswald Haerdtl.
Die Symbiose stellt eine transparente Fuge her, sodass die beiden Teile einander nicht zu berühren scheinen und dennoch miteinander verbunden sind. Dieses Konzept des Architektenteams Čertov und Winkler + Ruck spiegelt sich leitmotivisch in einem Gedichtband wider, der – an Kinder adressiert und damit natürlich ein All Ager – zur Wiedereröffnung des Wien Museums erschienen ist: Der Lyriker Michael Hammerschmid geht von Ausstellungsobjekten des Museums gleichermaßen wie Figuren und Skulpturen des Wiener Stadtbilds aus und stellt in Gedichtform eine Symbiose zwischen kunstgeschichtlichem Körper und Textkörper her.
Mittig gesetzt mutet den Gedichten ein schwebender Charakter an, wenn sie bildlich je Doppelseite gemeinsam mit jenem bild- oder skulpturhaften Wesen präsentiert werden, auf die der Text reagiert. Und damit eine spezifische Variante der Ekphrasis inszeniert.
„und meine lamellenborten horten die zeit
die in mir klingt wenn das kind in mir singt“
Es ist der in seiner Körperlichkeit üppige Wal aus Kupferblech vom Gasthaus „Zum Walfisch“ im Prater, der seinen Weg als Blickfang in die Eröffnungsausstellung gefunden hat, aus dessen Perspektive das lyrische Ich hier die Brücke über Seiten und Zeiten schlägt: Aus dem Jahr 1951 stammend, ist der Wal das einzige der Tiere, das mehr Platz für sich beansprucht als nur eine Doppelseite.
Denn ja, es sind allesamt Tierfiguren, von denen Michael Hammerschmid ausgeht – und damit einen Kontrapunkt zu seinem mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Gedichtband „wer als erster“ setzt. Dort war es der Versuch, Kinderlyrik (auch) jenseits des beliebten Tiergedichts zu erproben. Und nicht zuletzt Illustratorin María José de Telleria, die in ihren Illustrationen Michael Hammerschmids Sprach- in Tierbilder transformiert hat.
Nun sind es Tierfiguren unterschiedlichster Machart, die im Fokus der Text-Assoziationen stehen: Bronze-Figürchen, Mosaike, Wasserspeier, Brunnentiere, Graffitti – sie alle werden in ihrer Materialität mit sprachlichen Mitteln durchdrungen:
„wirf ihnen etwas zu
ein stöckchen aus buchstaben
ein hölzchen aus lauten
einen knochen aus sonnen-
gewärmten heruntergefallenen
sternsilben, wenn du mal welche
findest. dann lachen sie nämlich“
Ein chinesisches Monster aus Stein von der Westfassade des Stephansdoms ist es, das hier unter dem lyrischen Motto „es wird schon gelingen“ aus der Monstrosität befreit werden soll und damit auch den Charakter der Gedichte spiegelt. Sie allesamt verweigern das Liebliche, brechen Sprachrhythmen, irritieren in ihren Zeilenumbrüchen und offenbaren gleichzeitig in ihrer zauber-haften Begrifflichkeit die verborgenen Geheimnisse der Tierfiguren in all ihrer variantenreichen Beschaffenheit. Der Reim wird dabei zurückhaltend und dennoch effektvoll eingesetzt:
„doch jetzt!
ruhe bitte
um was geht
es da? die sieben
zerstieben nicht
fürs foto halten
sie: stopptanz-
still und das ist
für so quasselraben
zeitlich schon viel“
Das Keramikrelief aus der Amortgasse birgt Märchenanleihen, die wie an zahlreichen anderen Stellen des Bandes gleichermaßen wie andere kulturgeschichtliche Aspekte aufgegriffen werden. Und dennoch verweigern sich die Gedichte dem Sagen-haften; vielmehr referieren sie auf die Dynamik der Tierkörper, auf deren Oberflächen gleichermaßen wie die dahinter verborgenen Geheimnisse und Geschichten. Während im Anhang die Kunstgegenstände des Stadtalltags auch in ihrer tier-mythischen Bedeutung verortet werden, erforschen die Gedichte das Unerforschte:
„wohnst du hier?
die den anderen wesen
bist du schon mal
lustig gewesen?“
Es sind eingefangene Momente, in denen die Fantasie zur Fuge zwischen Kunstgegenstand und Sprachkunst wird – ganz so wie jenes Geschoß im neuen Museumsgebäude, das als Glasbau den Blick auf die Stadt freigeben wird. Und damit das Innen und das Außen miteinander verbindet – die Ausstellungsgegenstände und die Tier-Figurationen im öffentlichen Raum. Beide können erkundet werden. Beide sind in diesem Band mit viel Humor erkundet worden:
„es fliegt und fliegt
und fliegt schau hin
als knochen!
und hält
die fledermäuseohren
offen
ich find das so was von
besoffen“
Heidi Lexe
cs/cg

