LitKu -Buch des Monats Oktober 2023
Sabine Gruber: Am besten lebe ich ausgedacht. Journalgedichte. Haymon 2022.
Die aktuellen Lese-Tipps werden in Kooperation mit dem Österreichischen Bibliothekswerk in Salzburg, einem unserer Kooperationspartner im Fernkurs für Literatur lyrikLESEN (Oktober 2023 bis Juni 2024) präsentiert:
Die 1963 in Meran geborene Sabine Gruber lebt heute, nach einigen Jahren Unterrichtstätigkeit an der Venediger Universität, als freischaffende Schriftstellerin in Wien. Sie hat für ihr literarisches Schaffen, das Romane, Lyrik, Erzählungen, Theaterstücke und Essays umfasst, bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Für ihr neuestes Werk hat Gruber 44 »Journalgedichte« zusammengetragen, in denen ein lyrisches Ich über den Abschied, das Bewahren und das (Wieder-)Anfangen reflektiert und dabei auf reichlich gesammelte Erfahrungen und Verluste zurückblicken kann: Meine Lebensmänner / Sind alle tot, der Körper ist längst / Nicht mehr im Lot.
Implizit schwingen in den Texten Gedanken über die Endlichkeit des eigenen Daseins und Handelns mit – sie spiegeln sich sogar in Reflexionen über den Prozess des Schreibens und Verwerfens wider: Du aber / Bist im Zerknüllten, im Knitterland / Tot. Beeindruckend ist die Intensität, mit der das Ankämpfen gegen das Vergessen und die Vehemenz des Erinnerns an Orte, Gegenstände, Gerüche und Bilder geschildert wird. Diese Polarität resultiert in einem seltsamen Zweiklang aus dichterischer Traurigkeit und Zuversicht: Schreiben / Um zu lieben, wenn kein Sprechen mehr hilft. Der Titel »Am besten lebe ich ausgedacht« drückt damit zugleich Resignation und steten Neubeginn aus.
In merkwürdigem Kontrast zur Sensibilität der Sprache in den Texten steht ihre strenge Form: Jedes Gedicht umfasst exakt 20 Zeilen. Die zahlreichen Enjambements dürften daher eher der Einhaltung des durchgehenden Schemas als einer lyrischen Funktion geschuldet sein, wobei der Zweck dieser mechanischen Diszipliniertheit nur zu erahnen bleibt.
*bn* Simone Klein
cs/cg

