LitKu - Buch des Monats Dezember 2022
Precious Chiebonam Nnebedum: birthmarks. Gedichte
Aus d. Englischen v. Lisa-Marie Höber, Eva Lapan, Precious Chiebonam Nnebedum, Fabienne Schantl und Daniel Schweiger.
Innsbruck/Wien: Haymon 2022.
life begins with an empty page.
i stare at my blank page and wonder if i should write another story.
tell another tale.
//
das leben beginnt mit einer leeren seite.
ich starre auf meine leere seite und frage mich, ob ich noch eine geschichte schreiben soll.
eine weitere erzählung teilen.
Bisher war die in Nigeria und Österreich aufgewachsene Precious Chiebonam Nnebedum vor allem für ihre ausdrucksstarke, gesellschaftspolitisch engagierte Spoken-Word-Kunst bekannt – als Poetry-Slammerin wurde sie unter anderem zwei Mal zur österreichischen U20-Vizemeisterin gekürt. Nun hat die auch als Musikerin tätige Performerin, die bereits 2020 für eine Kurzgeschichte mit dem Titel »The Gospel Road« mit dem exil-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ihr erstes gedrucktes Buch veröffentlicht. Gedichte in zweierlei Sprachen werden einander darin – zunächst in Precious Nnebedums englischsprachiger Originalfassung und anschließend in deren individuell bzw. kollektiv, stets jedenfalls mit viel Feingefühl angefertigter Übersetzung ins Deutsche – gegenübergestellt. In der Spiegelung zwischen englisch- und deutschsprachigen Versen eröffnen sich dabei vielfältige Wortbedeutungen und kunstvolle Sprachbilder, die in »birthmarks« zusätzlich noch durch eine bildästhetische Dimension ergänzt werden (dazu weiter unten mehr).
Die – mit Ausnahme bedeutsamer Abweichungen – durchwegs in Kleinschreibung verfassten Gedichte laden dazu ein, im Echo der verschiedensprachigen Verse den Verflechtungen des künstlerisch zum Einsatz gebrachten Sprachmaterials nachzugehen – oder auch, je nach Vorliebe bzw. Vorwissen, nur einer der beiden ausgelegten Sprachspuren zu folgen. Inhaltlich setzt sich die Gedichtsammlung mit einer Vielfalt an grundlegenden Themen auseinander und stellt wichtige Fragen, die in uns allen in unterschiedlichen Tönen widerhallen: Woran und an wen glaube ich? Wie kann ich in unserer Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht auf der Unterdrückung und Benachteiligung vieler zum Vorteil einiger weniger aufgebaut ist, (über-)leben? Worin finde ich meinen Mut und meine Widerstandskraft? Gehört mein Leben wirklich »mir« und wessen ist es, dieses zu erzählen?
Das Geschichten-Erzählen erweist sich dabei als rekurrierendes Motiv, das sich in unterschiedlichen situativen, medialen und performativen Kontexten – sowohl in oraler als auch skripturaler Ausprägung – in die Gedichte einschreibt. Zu der aus biografischer Sicht ersten und für das lyrische Ich einer der wichtigsten Erzähler*innen wird dabei die Mutter, deren Geschichten eine fast magische Anziehungskraft zu haben scheinen:
my mother. could have every man on his knees with just a single smile.
and my mother loved to smile.
but on that day, she had a story to tell.
a tale by moonlight.
she said the word and we were all at her feet.
her 5 little rascals she would call us and draw a smile from the curve of our lips. 4 of them scattered on the warm rug in the chilled night. and one, the littlest one, naturally in her natural habitat. on her mother's laps, head on mooma's chest […] while she listened to a tale by moonlight.
//
meine mutter. konnte mit einem einzigen lächeln jeden mann vor sich auf die knie fallen lassen. und meine mutter liebte es zu lächeln.
aber an diesem tag hatte sie eine geschichte zu erzählen.
eine geschichte bei mondlicht.
sie sprach das wort und wir alle waren zur stelle.
ihre 5 kleinen racker, nannte sie uns und zog ein lächeln aus der biegung unserer lippen. 4 von ihnen verteilten sich auf dem warmen teppich in der kühlen nacht. und eine, die kleinste, natürlicherweise in ihrem natürlichen habitat. auf dem schoß ihrer mutter, den kopf auf mamas brust, […] während sie einer geschichte bei mondlicht zuhörte.
Die Bedeutung des erzählenden Wortes und – in dessen Erweiterung – der Literatur wird aber nicht nur in Szenen wie diesen hervorgehoben, sondern hallt auch in dem dichten Referenznetz populärkultureller ebenso wie biblischer und aus anderen mythologischen (Erzähl-)Traditionen gespeister Verweise wider.
saul williams (2001) said:
“let your children name themselves
and claim themselves”
so then
i must learn to read
//
saul williams (2001) sagte:
“lass deine kinder sich selbst einen namen geben
und sich selbst verantworten”
also dann
muss ich lernen zu lesen
Über seine poetische Verfasstheit hinaus besticht das Buch zudem durch seine durchdachte, wertige Gestaltung: durch sein großzügiges Layout, das viel (Weiß-)Raum lässt für die Entfaltung der Verszeilen und der (eigenen) Vorstellungskraft; durch die in regelmäßigen Abständen eingebundenen hellbraunen Seiten, deren kurze, stets titellose Gedichte gleich rhythmisierender Interludien, in denen sich das sprechende Ich immer wieder im inneren Zweigespräch fragend an sich selbst wendet, die Textsammlung strukturieren; und natürlich durch die beeindruckenden, farbintensiven Illustrationen von Nancey B. Price, die als Collagen aus unterschiedlichen floralen und figuralen Bildelementen das im Text Angesprochene auf vielgeschichtete Weise aufgreifen, Angedachtes mal feingliedrig, mal lautstark weiterspinnen und Angedeutetes vielstimmig widerhallen lassen.
In ihrer besonderen Ästhetik erinnern die Werke der afroamerikanischen Künstlerin durchaus an die für den von Evein Obulor herausgegebenen (und ebenfalls äußerst empfehlenswerten!) Essayband »Schwarz wird großgeschrieben« (2021) entworfenen Collagen von Sharonda Quainoo – und stellen »birthmarks« damit nicht zuletzt in eine zeitgenössische Publikationstradition Schwarzer literarischer Stimmen, die in einem Prozess zunehmender Verdichtung und Vervielfältigung immer mehr Raum in einem Literaturmarkt, der von alteingesessenen, benachteiligenden, sich um sein eigenes Zentrum drehenden Strukturen bestimmt wird, einnimmt und einfordert. Und das zurecht – und mit inspirierender (Wort-)Kunst und (Bild-)Kraft.
Betont wird in diesem Kontext häufig das Moment des ermächtigenden sich selbst ins Leben, in die Literatur (bzw. den Literaturkanon) und damit in die Geschichte Ein-Schreibens. Dieses wollen wir zum Anlass nehmen, um noch einmal auf das eingangs wiedergegebene Zitat aus »birthmarks« zu blicken, das den*die Autor*in als Geburtshelfer*in poetisiert, die beiden Elemente »Leben« und »Text« untrennbar ineinander verwebt und sich dabei auch mit der Frage auseinandersetzt, wo und wie (literarisches) Erzählen beginnt:
life begins with an empty page.
i stare at my blank page and wonder if i should write another story.
tell another tale.
//
das leben beginnt mit einer leeren seite.
ich starre auf meine leere seite und frage mich, ob ich noch eine geschichte schreiben soll.
eine weitere erzählung teilen.
»Wo beginnt Literatur?« – das haben wir uns in den vergangenen Wochen im Rahmen des ersten Moduls unseres aktuellen Fernkurs für Literatur immer wieder gefragt. Beginnt Literatur da, wo wir beginnen, unser Leben zu (be- bzw. er-)schreiben – sowohl im wortwörtlichen als auch im übertragenen Sinn? In unserem (alltäglichen) Sprechen über und Erzählen von unserem Leben? Bedeutet die Geburt eines (literarischen) Textes auch die Geburt eines neuen Lebens und vice versa?
In dem als »tabula rasa« betitelten Gedicht von Precious Chiebonam Nnebedum scheint der Prozess der kreativen, schöpferischen Versprachlichung eines Lebens tatsächlich beständig zwischen unterschiedlichen Auslegungen der möglichen Antworten auf diese Fragen zu changieren. Wie ein solches Menschenleben denn nun er-fass-bar und erzähl-bar gemacht werden kann, erkundet nicht nur Precious Nnebedum in ihren Gedichten auf vielfältige Weise – auch uns wird diese Frage im Laufe des uns bevorstehenden zweiten Fernkurs-Moduls »Wie erzählt man ein Leben?« noch länger beschäftigen.
Claudia Sackl
cs/cg

