LitKu - Buch des Monats Sommer 2022
Isabella Feimer / Manfred Poor: American apocalypse. Gedichte & Fotografien.
Mit einem Nachwort v. Erwin Uhrmann.
Innsbruck/Wien: Limbus 2021.
die Welt eine Sanduhr
die Straße
die wir fahren
bleibt immer das entfernteste Ziel
du einer
der nicht in den Sonnenuntergang reitet
ich eine
die den Horizont verweigert
Richtungen sind immer Ansichtssachen
Zwischenstopp in der hoffnungslosen Perfektion
mit Namen landscape
kurzweilige Eskapismusfantasie in cinemascope
aus der Einöde
die uns verlebte Gesichte spiegeln
ansonsten spiegelt nicht etwas
im Nichts liegt Vertrautheit
sie löscht Geschichten aus
Billy the Kid Country,
New Mexico
Von 2016 bis 2018 reisten die Autorin Isabella Feimer und der Fotograf Manfred Poor durch Nordamerika. Drei Jahre später haben sie in einem gemeinsamen Bild-Text-Band unter dem Titel American apocalypse jene inneren und äußeren Begebenheiten versammelt, die sich unterwegs zwischen den Zeilen der Zeit verloren haben, die am Wegrand gefunden wurden – und mithilfe derer die beiden österreichischen Künstler*innen ihre Reiseroute, ihre Bewegungslinien und Zwischenstationen, poetisch-kreativ nachzeichnen. Gedichte & Fotografien heißt es im Untertitel – zwei Textsorten bzw. Medienformen, die in dem vorliegenden Buch auf künstlerisch-eindrucksvolle Weise miteinander in ein nuanciertes Wechselspiel gebracht werden.
Mal doppel-, mal einseitige Fotografien wechseln sich dabei nicht nur mit lyrischen Verszeilen ab, sondern legen sich an manchen Stellen auch übereinander. Text und Bild treten so in einen vielschichtigen Austausch – gemeinsam erzählen sie von jenen Orten, die Isabella Feimer und Manfred Poor besucht haben und aus dessen Eindrücken, Momentaufnahmen, Erinnerungen sie sich speisen. Gedichte und Fotografien fügen sich dabei zu einem vielstimmigen Kaleidoskop, das mit dem Begriff „Reisetagebuch“ nur unzulänglich beschrieben werden kann. Auf formaler Ebene tauchen Strukturen eines Tagebuchs aber durchaus immer wieder auf: In Schreibmaschinen-getippten Buchstaben wird dem Ende jedes Gedichts wird zwar nicht das Datum, dafür aber die Stadt und der Bundesstaat hinzugestellt. Wie in einem assoziierenden, dialogischen Nachhinein hinzugefügt sind den Texten darüber hinaus immer wieder handschriftliche (Vers-)Zeilen beigestellt, die die Gedichte weiterspinnen, neue Deutungsdimensionen eröffnen oder einen Kommentar auf die abgedruckten Fotografien formulieren. Nicht nur diese Textpassagen sind oftmals in englischer Sprache verfasst, auch in die Gedichte werden ab und an nicht-deutsche (zumeist englische, teilweise aber auch spanische) Versatzstücke eingeflochten.
ich lande die Untertasse in einem Schaufenster der Hauptstraße
glass breaks I’m sorry main street alien hell that’s me heatwave lähmt
den Tag lähmt auch mich und wieder mache ich eine Bruchlandung
diesmal in einem Schnellimbiss Im sorry that’s me Verlegenheits-
coffee-to-go an einer Tankstelle überzuckertes Unverständnis
Missverständnis so sorry klein bin ich grün bin ich blass und covered
in plastikähnlicher Haut Im sorry auch mein Herz ist Plastik das
zerdrückt und zerknittert ist steht auch still im Abendlicht the
traffic stops hell I’m sorry because of me im Motel wieder ich alleine
alienated me switched sich durch Kanäle und durch die Minibar hell
I’m drunk that’s me as well chocolate chip Krümel unter der Bettdecke
ich habe große algengrüne Augen die durch Wände sehen und hören
können lost and lonely in rundherum Adobeluft nichts zu machen it
doesn’t matter how hard I try mein spaceship ist stranded und trägt
mich the hell with it nicht davon
Auch experimentellere Texte wie diese elliptisch-prosaische Innere-Monolog-Passage, die auf jegliche Interpunktion verzichtet, finden sich in dem sorgfältig gestalteten Band, der nicht zuletzt durch seine haptische und grafische Aufmachung besticht: Mit dickem Papier und Lesebändchen ausgestattet setzt American apocalypse nicht nur den in Fotografie und Poesie erzählten Raum eindrucksvoll in Szene, sondern gestaltet auch den Erzählraum im Buch grafisch aus. Anstatt die Verszeilen auf leerem weißen Hintergrund abzudrucken, sind sie auf unterschiedlichen Hintergründen positioniert – mal auf grau oder beige meliertem, mal auf zerknittertem weißem Papier, auf dem hin und wieder auch morgendlicher Kaffee oder Zigarette ihre Spuren hinterlassen haben – und immer wieder auch direkt in den Fotos platziert.
Menschen treffen wir in diesen kaum einmal an. Weite Landschaften, hohe Glasbauten und zivilisatorische Überbleibsel – Hochburgen ebenso wie Ruinen und Gegenorte des Kapitalismus – sind es, die die Bildkompositionen bestimmen. Deindustrialisierung und (post-)apokalyptische Stimmung steigern sich ins Grotesk-Abstruse, wenn sich zwei Alienpuppen zum Kartenspielen an einem staubbedeckten Tisch treffen. Wenn Reste von in sich zusammengefallenen Häusern fragmentarisch fokussiert werden. Oder verblichene, urbane Street Art in ihrer ästhetisierten Gesellschaftskritik aufgegriffen und neu inszeniert wird. Die oft melancholischen Stimmungen, die in den Fotografien erzeugt werden, greifen auch die Texte immer wieder auf. Gemeinsam verstehen es die zwischen Stereotypen und deren Brechungen changierenden Narrative, die Paradoxien Amerikas kritisch, künstlerisch und zugleich auch humorvoll zu verhandeln. Das Verhältnis des (sprechenden, schreibenden oder sehenden) Ichs zu jenem Raum, in dem es sich befindet und bewegt, wird dabei auf differenzierte Weise ausgehandelt: mal ironisch gebrochen, mal sehnsüchtig imaginierend, dann politisch direkt.
Wie lässt sich ein Amerika erfahren, wenn nicht in der Bewegung? – fragt der Verleger Erwin Uhrmann in seinem Nachwort, in dem er die Gedichte und Bilder Isabella Feimers und Manfred Poors in Dialog mit der Beat-Generation und den Werken des italienischen Filmregisseurs und Dichters Pier Paolo Pasolini setzt. Aber bereits der Band selbst tritt mit verschiedenen Intertexten über das Reisen bzw. von Reisenden in Austausch, wenn die verschiedenen Kapitel von Zitaten von Schriftsteller*innen und Künstler*innen wie Jack Kerouac, Andy Warhol, Frida Kahlo oder Margaret Atwood eingeleitet werden und so vielstimmige Resonanzen zwischen den nachfolgenden visuellen und lyrischen Eindrücken erklingen lassen.
Claudia Sackl
cs/cg

