LitKu - Buch des Monats Juni 2022
Han Kang: Die Vegetarierin.
atb 2017.
Ich hatte einen Traum.
Yong-Hye ist ihrem Mann zufolge eine Frau, die vom Aussehen bis zum Charakter an Durchschnittlichkeit nicht zu übertreffen ist; und gerade deshalb genügt sie ihm in ihrer Rolle als Ehefrau. Er selbst möchte möglichst unaufgeregt seinem Bürojob nachgehen, zu Hause ein beschauliches und normkonformes Leben führen. Eines nachts aber findet er seine Frau wie in Trance vor dem Kühlschrank hockend, konzentriert dabei, alles gelagerte Fleisch daraus zu entfernen. Ein Traum habe sie dazu gebracht, wird sie von da an wiederholt sagen, ein beunruhigender Traum, der sie nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Sie verweigert ab dieser Nacht den Konsum und die Zubereitung jeglicher tierischer Produkte. Eine vermeintlich unbedeutende, weil ja auch persönliche Entscheidung, die aber zur Bruchstelle wird, entlang derer hierarchisch geprägte Gewaltverhält-
nisse offengelegt und in ihrer Brutalität greifbar werden – während Yong-Hye mit ihrem Wunsch, ihren menschlichen Körper zu überwinden und zum pflanzlichen Organismus zu werden, der Welt immer mehr zu entrücken scheint.
Schonungslos und doch mit einer beeindruckenden sprachlichen Schönheit erzählt die südkoreanische Autorin Han Kang die Geschichte ihrer Protagonistin aus drei Fremdperspektiven (Abschnitte, die in Südkorea zunächst als einzelne Kurztexte erschienen sind). Im ersten Teil, Die Vegetarierin, werden aus der Sicht ihres Ehemannes die Ereignisse von Yong-Hyes Entscheidung bis zu einem dramatischen familiären Zwischenfall aufgeschlüsselt, dem zum ersten Mal ein stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie folgt. Offenbar wird in diesem Abschnitt die zutiefst gewaltvolle, im Kern patriarchale Natur der Beziehungen, in denen sich die Figuren exemplarisch befinden; es ist gerade die permanente Bedrohung, die vom Zwischenmenschlichen ausgeht und die sich auch in der Unbarmherzigkeit anderen Kreaturen gegenüber ausdrückt, die Yong-Hye keine Ruhe lässt. Typografisch abgesetzte, kursivierte Textpassagen in diesem ersten Teil sind die einzigen sprachlichen Artikulationen der Protagonistin selbst, deren Kommunikationszusammenhang jedoch offen bleibt. Hier werden auch die brutalen Traumbilder, die sie heimsuchen, expliziert, die an ein Gefühl von Machtlosigkeit gebunden sind, das zum Akt des Verweigerns führt:
Was sich dort festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind dort eingeklemmt, da bin ich sicher. Blut und Fleisch werden verdaut, die Nährstoffe überall im Körper verteilt Aber die Seelen klammern sich hartnäckig in meinem Magen fest. Ich möchte einmal, ein einziges Mal einen großen Schrei ausstoßen können. Ich möchte in die Dunkelheit hinauslaufen, die sich jenseits der Fensterscheibe befindet. Würde das den Knoten auflösen können? Wäre das möglich?
Kunstfertig nutzt die Autorin die Möglichkeiten des mehrperspektivischen Erzählens, wenn sie die schmerzhafte Brutalität des ersten Teils im zweiten Part, Der Mongolenfleck, mit der Utopie einer gewaltlosen zwischenmenschlichen Vereinigung konterkariert. Hier wird, zwei Jahre nach den vorangegangenen Ereignissen, aus der Sicht von Yong-Hyes Schwager erzählt, einem Videokünstler in der Schaffenskrise. Als dieser erfährt, dass über Yong-Hye Gesäß noch immer ihr Mongolenfleck – eine Pigmentierung, die sich normalerweise nach der Kindheit verliert – sichtbar ist, tut sich ihm nach langer Zeit die Vision einer neuen künstlerischen Arbeit auf. Zwei Menschen, ihre Körper über und über mit floraler Ornamentik verziert, die sich lustvoll ineinander auflösen; ein Bild, das immer obsessiver wird, und von dem er glaubt, es nur mit seiner Schwägerin selbst umsetzen zu können. Die erotischen Annäherungen stehen dabei immer im beunruhigenden Spannungsfeld zwischen dem Begehren der Figuren und der Ungewissheit über die psychische Verfasstheit der Protagonistin. So müssen die Ereignisse im dritten Teil, Bäume in Flammen, schließlich in der Perspektive von Yong-Hyes Schwester kulminieren, die hilf- und ratlos zwischen den Scherben des in sich zusammenfallenden Familienkonstrukts zurückbleibt.
Han Kang versteht es trotz ihres behutsamen Umgangs mit den Figuren, zwischenmenschliche Beziehungen ungeschönt und brutal vor den Leser*innen zu sezieren. Und während die Protagonistin für die gewaltvollen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen sie sich befindet, zum unberechenbaren Störfaktor wird, schwingt im Aufbegehren – Wartet sie auf eine Antwort? Lehnt sie sich gegen etwas auf? – doch auch eine vorsichtige Hoffnung mit.
Sarah Auer
cs/cg

