LitKu - Buch des Monats Mai 2022

Drôle – Einfach komisch. TV-Serie von Fanny Herrero
Netflix 2022.
1 Staffel in 6 Episoden.

In ihrer seit März 2022 auf Netflix verfügbaren Serie erzählt die französische Regisseurin Fanny Herrero, die bisher vor allem für ihre Comedy-Serie Call my Agent! (seit 2015) bekannt war, von vier jungen Stand-Up-Comedians, die versuchen in der Pariser Comedy-Szene Fuß zu fassen. Da ist zum einen der talentierte Wortakrobat Nezir (Younès Boucif), der algerische Wurzeln hat und gemeinsam mit seinem erkrankten Vater in einer kleinen Wohnung in den Banlieues lebt, wo die beiden gerade so über die Runden kommen. Zum anderen ist da Bling (Jean Siuen), der Manager des titelgebenden Comedy-Clubs Le Drôle und Sohn vietnamesischer Eltern, der den Höhepunkt seiner Karriere bereits hinter sich hat und nun mit dem Bergab nach dem medienwirksamen Durchbruch zu kämpfen hat. Ein solcher ist gerade Aïssatou (Mariama Gueye) gelungen, die als junge Schwarze Comedian, Ehefrau und Mutter die Grenzen dessen auslotet, was auf der Bühne als sozial akzeptabel gilt. Zuletzt ist da noch Appoline (Elsa Guedj), die aufgrund des Wohlstandes ihrer Familie zwar eine Vielzahl an Privilegien genießt, ihre Zeit aber lieber heimlich im Drôle als an der Privatuniversität verbringt, um dort die Kunst des Stand-Up zu erlernen und erste eigene Schritte in der Szene zu tun. Von dem Berufswunsch ihrer Tochter, der so gar nicht in das Bild der perfekten, gehobenen Familie passt, hält die alleinerziehende, an Depressionen leidende Mutter jedoch wenig.  

In ihrer Auseinandersetzung mit Stand-Up-Comedy als Unterhaltungs- und Kunstform fragt die aus sechs Episoden (zu je ca. 45 Minuten) bestehende TV-Serie nicht nur nach den Funktionsweisen, Produktionsbedingungen und Machtverhältnissen der Comedy-Industrie, sondern eröffnet auch differenzierte Blicke hinter die Kulissen in das alltägliche Leben der fiktiven Humor-künstler*innen. Dass sich diese Realitäten sowohl mit Blick auf Geschlechterrollen, kulturelle Herkunft [1], sozialen Status und körperliche sowie psychische Gesundheit als äußerst divers erweisen, zeugt von jenem gesellschaftskritischen Anspruch der Serie, der auch ihrer Thematisierung von Komik und Humor innewohnt. Wie ein Witz (aus einem Alltagserlebnis, einer Begegnung, einer Diskriminierungserfahrung oder auch aus stereotypen Vorstellungen) entstehen kann, was wo (in welchem Kontext) wie (mit welchen Worten) und von wem erzählt werden kann und wo die (gesellschaftlichen sowie persönlichen) Grenzen der Komik liegen, wird in Drôle durchaus kritisch, immer aber mit Humor hinterfragt.

Die unterschiedlichen Erzählstränge verschränkt die Serie auf gelungene, eindringliche Weise. Sofort fühlt man mit den in unterschiedliche Beziehungsformen zueinander tretenden Charakteren, denen wir entlang deutscher Untertitel im französischen Originalton folgen. Dass dies trotz der fremdsprachigen Präsentation möglich ist, ist einerseits dem überzeugenden Cast zu verdanken, der sich – erfrischender Weise – weitgehend aus noch recht unbekannten, aber deshalb nicht weniger talentierten Schau-
spieler*innen zusammensetzt. Und auch reale Stand-Up-Comedians wie etwa Shirley Souagnon (siehe hierzu auch Fußnote [I]) treten vor bzw. hinter der Kamera auf den Plan.

Andererseits gehen einem*einer als Zuseher*in auch die feinfühlig erzählten Lebens- und Berufswege nahe. Selbst an ihren schlechtesten Tagen raffen sich die Künstler*innen auf, um auf die Bühne zu treten, und tun dort ihr Bestes, um dem Publikum ein Lachen zu entlocken. Die Standhaftigkeit der Figuren, die sich in ihrem Willen und ihren Überzeugungen trotz so einiger schwieriger Rückschläge nicht erschüttern lassen, wird nicht zuletzt in dem englischen Titel der TV-Serie deutlich: Anstatt den französischen Originaltitel zu übernehmen (der übrigens so viel wie „lustig“ oder „komisch“ bedeutet), entspinnt dieser ein doppeldeutiges Sprachspiel. Mit „Standing Up“ verweist er nicht nur auf die in der Serie behandelte Kunstszene, sondern eröffnet auch Assoziationen zu Wortbedeutungen wie aufstehen, sich (wieder) aufrichten, sich widersetzen, nicht aufgeben. Ganz in diesem Sinne verliert die Serie bei all den darin angesprochenen gesellschaftlichen Problemen auch nie ihren Humor. Herzlich gelacht wird dabei nicht nur auf, sondern auch vor der Leinwand bzw. dem Bildschirm.

 

Claudia Sackl

 

Fußnote [I]:

In seiner Rezension zu Drôle im Guardian weist der Journalist Brian Logan auf die ausgeprägte kulturelle Diversität der französischen Stand-Up-Szene (nicht zuletzt im Kontrast zu ihren englisch- oder auch deutschsprachigen Gegenübern) hin. Anhand eines Witzes der französisch-ivorischen Künstlerin und Humoristin Shirley Souagnon veranschaulicht er zudem die Verschränkung von Klasse, Hernkunft/Race und und einem in weiten Kreisen immer noch etablierten Verständnis von „Hochkultur“:

Do you know the difference between theatre and standup?
The colour.

Frei übersetzt:
Kennen Sie den Unterschied zwischen Theater und Stand-Up?
Die (Haut-)Farbe.

Der gesamte Artikel von Brian Logan ist >>> hier (auf Englisch) nachzulesen.

cs/cg

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